Frau Brandt verliert ihr Lebenswerk an Tobias

Ich putze seit neun Jahren im Autohaus Reindl am Stadtrand von Regensburg, und man sieht als Putzfrau mehr, als die Leute glauben. Man hört durch die dünne Wand zum Büro, man sieht, wer wann kommt, wer die Kaffeetasse zittern lässt.

Frau Brandt war Mitinhaberin der Werkstatt, zusammen mit ihrem Schwiegersohn Tobias. Sie war siebenundsechzig, kam aber jeden Morgen um Viertel vor acht, bevor überhaupt die Rolltore hochgingen, und setzte sich an den kleinen Schreibtisch neben der Teeküche. Ich mochte sie, weil sie mir immer einen Kaffee mitbrachte, ohne dass ich fragen musste.

Der Ärger fing an, als ihre Tochter Melanie vor zwei Jahren starb – ein Aneurysma, ganz plötzlich, mit vierunddreißig. Danach blieb der Enkel, der kleine Finn, bei Tobias. Und Frau Brandt blieb Mitinhaberin einer Werkstatt, die eigentlich ihr Lebenswerk war: Sie hatte sie 1994 mit ihrem Mann aufgebaut, nachdem er bei der Wende seine Stelle in der Kohleindustrie verloren hatte.

Ich erinnere mich an den Tag im März, als der Notar kam. Ich wischte gerade den Flur zwischen Verkaufsraum und Büro, mein Schichtende war eigentlich schon vorbei, aber ich wollte noch die Fliesen fertig machen, weil am nächsten Tag Kundentermin war. Tobias hatte Frau Brandt gebeten, ein Papier zu unterschreiben – er sagte, es sei nur eine „Vollmacht für die Bank, wegen dem neuen Kredit für die Hebebühne". Sie hat es unterschrieben, ohne die zweite Seite zu lesen. Ich hab's gesehen, weil ich mit dem Wischmopp genau an der Tür stand und so tun musste, als würde ich die Fugen zwischen den Fliesen schrubben.

Drei Wochen später kam ein Brief von der IHK Regensburg. Ich hab ihn nicht gelesen, aber ich hab gesehen, wie Frau Brandt ihn öffnete am Schreibtisch, und wie ihre Hand auf einmal ganz still auf dem Papier lag, als würde sie es festhalten, damit es nicht wegfliegt. Tobias hatte sich als Alleininhaber ins Handelsregister eintragen lassen. Die Vollmacht war in Wahrheit eine Übertragung ihres Gesellschaftsanteils gewesen.

Sie hat an dem Tag nichts gesagt. Ich hab ihr einen Tee gemacht, Kamille, weil das ihr Lieblingstee war, und sie hat „danke" gesagt und mich angeschaut, aber irgendwie durch mich hindurch. Draußen fuhr gerade der Linienbus 6 vorbei, ich erinnere mich, weil der immer so laut bremst an der Haltestelle vor der Werkstatt, und Finn, der kleine Enkel, saß in der Ecke und malte mit Wachsmalstiften ein Auto auf einen alten Lieferschein.

Was ich in den nächsten Monaten mitbekommen hab: Tobias hat angefangen, ihr Aufgaben wegzunehmen. Erst durfte sie keine Rechnungen mehr schreiben, dann hieß es, die Buchhaltung mache jetzt eine Steuerberaterin aus Straubing, das sei „professioneller". Frau Brandt saß trotzdem jeden Tag da, mit ihrem Tee, und wartete auf irgendwas zu tun. Einmal hab ich gesehen, wie sie dem Finn beim Hausaufgabenmachen half, am selben Tisch, an dem sie früher die Lohnabrechnungen gemacht hat.

Im Mai bin ich in die Teeküche gegangen, um die Kaffeemaschine zu entkalken, und da stand Tobias mit dem Telefon am Ohr, er hat mit jemandem über einen möglichen Verkauf der Werkstatt gesprochen, an eine Kette aus München, für angeblich achthunderttausend Euro. Er hat gesagt: „Die Alte hat eh nichts mehr zu melden, das ist nur noch Formsache." Ich hab so getan, als würde ich die Filtertüten suchen.

Ich weiß nicht, ob Frau Brandt das mitbekommen hat. Aber irgendwann im Juni – ich weiß es noch, weil an dem Tag die Fußball-EM im Fernsehen im Kundenraum lief und keiner hingeschaut hat – kam eine Frau in die Werkstatt, die ich noch nie gesehen hatte. Elegant, mit einer Aktentasche aus echtem Leder, sie hat sich als Anwältin vorgestellt und nach Frau Brandt gefragt. Sie sind zusammen ins kleine Besprechungszimmer gegangen, die Tür war zu, ich konnte nichts hören, nur dass es fast eine Stunde gedauert hat.

Danach war Frau Brandt anders. Sie hat wieder angefangen, jeden Morgen um Viertel vor acht zu kommen, aber jetzt saß sie nicht mehr wartend da – sie hatte eine blaue Mappe dabei, die sie nirgendwo hinlegte, nur auf ihrem Schoß hielt.

Vier Wochen danach, an einem Donnerstag im Juli, bin ich morgens gekommen, um die Fenster im Kundenraum zu putzen, und die Anwältin war schon wieder da, diesmal mit einem Kollegen und mit einem Gerichtsvollzieher. Tobias kam aus der Werkstatthalle, noch mit Ölflecken an den Fingern, und wollte wissen, was das solle. Die Anwältin hat ihm ein Schreiben in die Hand gegeben. Ich hab mitbekommen, wie sie sagte, die notarielle Vollmacht sei durch ein Gutachten als sittenwidrig und wegen Ausnutzung einer besonderen Vertrauensstellung angefochten worden, und das Landgericht habe die Rückübertragung des Gesellschaftsanteils im Eilverfahren bestätigt – 50 Prozent zurück an Frau Brandt, rückwirkend, mit sofortiger Wirkung.

Frau Brandt stand daneben, in ihrem grauen Wollmantel, obwohl es Juli war und schon fünfundzwanzig Grad draußen. Sie hat gesagt, ganz ruhig: „Ich habe eine neue Prokuristin eingesetzt, ab morgen führt sie die Bücher, nicht mehr die Steuerberaterin aus Straubing." Tobias hat was gesagt von wegen „das kannst du nicht machen, ich hab hier alles aufgebaut die letzten zwei Jahre", und sie hat ihm nur die blaue Mappe hingehalten, damit er selbst nachliest, was drinsteht.

Das Wichtigste, was ich mitbekommen hab: In der Mappe war auch ein Testament, neu aufgesetzt beim Notar, in dem der Werkstattanteil im Todesfall direkt an den Enkel Finn geht, verwaltet von einem Treuhänder bis zu dessen Volljährigkeit – nicht mehr an Tobias. Sie hat das laut vorgelesen, direkt vor ihm, an der Rezeption, mit dem Gerichtsvollzieher als Zeugen.

Tobias ist rausgegangen, ohne noch was zu sagen, ist in seinen Passat gestiegen und weggefahren. Frau Brandt ist zu Finn gegangen, der auf der Bank im Kundenraum saß und die EM im Fernsehen anschaute, hat ihm über den Kopf gestrichen und gesagt, sie würden nachher zusammen Eis essen gehen, bei der Eisdiele am Dombergplatz.

Ich hab an dem Tag Feierabend gemacht wie immer um halb vier, und auf dem Weg zur Bushaltestelle hab ich noch gehört, wie die Anwältin am Telefon mit jemandem sprach, von wegen der Kaufinteressent aus München sei bereits informiert, dass der Verkauf storniert werde.

Ein halbes Jahr später, im Januar, kam ich zufällig an der Werkstatt vorbei, an einem freien Tag, weil ich in der Nähe beim Discounter war. Frau Brandt stand draußen und wusch mit dem Lehrling zusammen einen Kundenwagen. Sie hat mich erkannt und mir zugewunken. Ich hab später von der Kollegin an der Rezeption erfahren, dass Tobias mittlerweile in einer anderen Werkstatt in Landshut arbeitet, als angestellter Mechaniker, nicht mehr als Inhaber – und dass er der IHK gegenüber schriftlich zugegeben hatte, das Wort „Vollmacht" damals bewusst gewählt zu haben, weil er wusste, Frau Brandt würde die zweite Seite nicht mehr genau lesen.

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