Die Falle im Ginster

Ich bin kein Tierretter oder so was. Ich bin Physiotherapeutin in einer Kleinstadt bei Lüneburg, Mitte dreißig, fahre einen verbeulten Skoda und laufe am liebsten die alte Panzerstraße raus bis ans Moor. Da kommt kein Mensch hin, nur Kiefern, Sand und im Spätsommer diese lila blühende Heide, die nach Honig riecht.

An dem Tag war ich mit meinem Hund Juri unterwegs, einem Terriermischling mit zu kurzen Beinen und zu viel Meinung. Er blieb plötzlich stehen, die Nase am Boden, und fing an zu graben wie besessen. Ich dachte, er hätte eine Maus aufgespürt, und wollte ihn schon weiterziehen. Dann sah ich es.

Keine Maus. Eine Schlange.

Ringsum trockener Ginster, die Zweige so hart und spitz wie Stacheldraht. Und mittendrin eine Ringelnatter, gut einen Meter lang, olivgrau mit diesen typischen gelben Flecken hinterm Kopf. Sie war in den Dornen verkeilt. Der Körper hatte sich zweimal um einen dicken Ast geschlungen, und bei jedem Befreiungsversuch gruben sich die Dornen nur noch tiefer ins Fleisch. Ich konnte die Stellen sehen, wo die Schuppen aufgerissen waren.

Juri kläffte hysterisch. Ich nahm ihn an die Leine und band ihn an einen Baum, weiter weg.

Mein erster Gedanke war das, was einem in jedem Erste-Hilfe-Kurs für Idioten eingetrichtert wird: Bei Wildtieren Finger weg. Vor allem bei Schlangen. Ringelnattern sind nicht giftig, aber sie beißen, und die Bisse entzünden sich gern, und überhaupt – wer garantiert mir, dass es wirklich eine Ringelnatter ist und keine Kreuzotter? Ich blieb stehen, die Hände in den Jackentaschen vergraben, und sah zu, wie das Tier sich quälte.

Es hörte einfach nicht auf. Zappeln, erstarren, zappeln. Die schwarze Zunge schoss raus und wieder rein, raus und rein. Die Augen waren auf mich gerichtet, dieser merkwürdig starre Blick, bei dem man nie weiß, ob er einen wirklich sieht. Ich bilde mir nicht ein, dass das Tier um Hilfe flehte. Aber irgendwas in seinem Kampf war so vollkommen aussichtslos, dass mein Magen sich zusammenzog.

Im Rucksack hatte ich das, was ich immer dabeihabe: eine Flasche Wasser, ein belegtes Brot, ein Taschenmesser und ein Paar dünne Gartenhandschuhe – die hatte ich am Vortag im Baumarkt gekauft, weil ich zuhause die Rosen schneiden wollte. Zufall hin oder her. Ich zog die Handschuhe über.

Als ich näher trat, zischte die Schlange. Kein aggressives Fauchen, eher ein langes, gepresstes Ausatmen. Sie versuchte noch einmal, sich loszureißen, und der Dorn riss eine frische Wunde in die Haut. Ein Tropfen Blut quoll hervor, dick und dunkel.

Ich kniete mich hin. Der Sand war an dieser Stelle kühl, obwohl die Sonne brannte. Mit der linken Hand packte ich den Ginsterzweig, der den Körper am stärksten einklemmte, und bog ihn vorsichtig zur Seite. Mit der rechten schob ich zwei Finger unter den Schlangenbauch – kalt, straff, völlig unerwartet trocken. Die Muskeln darunter zitterten vor Erschöpfung.

Schritt für Schritt. Zweig für Zweig. Die Schlange bewegte sich nicht mehr. Sie wartete. Ich zog einen verhakten Dorn nach dem anderen aus den Schuppen, und jedes Mal, wenn etwas nachgab, spürte ich, wie der Körper sich einen Millimeter entspannte.

Es dauerte vielleicht fünf Minuten. Kam mir vor wie zwanzig.

Der letzte Dorn löste sich mit einem leisen Knacken, und die Schlange glitt einfach heraus, in einem einzigen fließenden Zug. Sie blieb direkt neben meinem Knie liegen, völlig reglos. Meine Schultern sackten nach unten, mein Rückgrat fühlte sich an, als wäre es aus Draht.

Dann geschah das, womit ich nicht gerechnet hatte.

Die Schlange hob den Kopf. Und schoss vorwärts.

Nicht auf mich – an mir vorbei. Direkt in den Ginsterbusch hinein, in dem sie gefangen gewesen war. Ich stolperte rückwärts, landete unsanft auf dem Hintern, die Handschuhe rutschten mir von den schweißnassen Händen.

Unter dem Ginster lag, halb im Sand verborgen, ein unförmiger Haufen aus Moos, trockenem Gras und kleinen Federresten. Ein Nest. Und darin, kaum fingerlang, zusammengerollt zu perfekten kleinen Kringeln: fünf oder sechs junge Schlangen. Die Alte schob den Kopf ins Nest, und eine der Kleinen wickelte sich sofort um ihren Hals. Dann noch eine. Und noch eine.

Sie war nicht geflohen. Sie hatte die ganze Zeit versucht, zu ihren Jungen zurückzukommen.

Ich saß da, mitten im Naturschutzgebiet, irgendwo zwischen Lüneburg und nirgendwo, mein Hund jaulte im Hintergrund, und ich hatte Sand in den Haaren und feuchte Erde am Hosenboden. Und ich konnte nicht aufhören zu gucken. Die Schlange blieb auf dem Nest liegen, die Jungen krochen über sie hinweg, und sie zuckte nicht einmal. Kein Zischen, keine Flucht. Nur dieses vollkommene Stillhalten.

Wissen Sie, was wirklich seltsam war? Ich hatte das Gefühl, als hätte sie sich bedankt. Nicht so, wie Menschen danken – mit Worten. Sondern einfach, indem sie mich nicht gebissen hat. Sie hatte jede Gelegenheit dazu. Sekundenlang war ihr Kopf direkt vor meiner ungeschützten Hand. Aber sie tat es nicht.

Vielleicht interpretiere ich da zu viel hinein. Gut möglich. Aber als ich aufstand und Juri losband – er schoss sofort auf den Busch zu, ich riss ihn gerade noch zurück –, zitterten mir die Knie noch auf dem ganzen Rückweg zur Panzerstraße. Ich schaute kein einziges Mal zurück.

Am nächsten Tag fuhr ich wieder raus. Nicht aus Vernunft, sondern weil ich nicht anders konnte. Das Nest war weg. Keine Spur von den Schlangen. Nur die zerdrückten Ginsterzweige lagen noch da.

Als ich drei Wochen später meine Praxis aufmachte – ich arbeite in einem kleinen Ärztehaus in der Innenstadt, dritte Etage, Blick auf den Park –, lag ein Brief im Kasten. Handgeschrieben, Absender eine Adresse, die ich nicht kannte. Der Brief war von einer alten Patientin, die ich zwei Jahre lang behandelt hatte, nachdem sie einen Schlaganfall erlitten hatte. Sie schrieb, dass sie seit sechs Monaten wieder laufen könne. Ohne Stock. Und dass sie das erste Mal seit Jahren mit ihrem Mann im Urlaub gewesen sei, in Dänemark, an der Nordsee. Sie schrieb: Ich weiß, Sie sagen immer, das sei nur Ihr Job. Aber für mich waren es Ihre Hände, die mich wieder auf die Beine gebracht haben. Danke.

Ich stand da, in meinem weißen Kittel, der Brief zitterte in meiner Hand. Und plötzlich sah ich die Schlange wieder vor mir. Den Kopf über dem Nest. Die winzigen Körper, die sich um ihren Hals wickelten.

Ich habe den Brief nicht in die Patientenakte gelegt. Ich habe ihn eingerahmt und in die Küche gehängt, neben die Tür, durch die ich jeden Morgen rausgehe.

Bei der nächsten Wanderung habe ich den Ginsterbusch gesucht. Nur einmal. Ich fand ihn nicht mehr.

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Uniad
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