Saskia hörte den Wind von der Trave her, als sie die Tür zur Wohnung aufschloss. Der Schlüssel steckte ein wenig. Der Flur roch nach Äpfeln und alten Zeitungen. Drei Wochen hatte sie den Geruch nicht mehr ertragen können. Jetzt stand sie zum ersten Mal ohne Grund in der Tür.
Annegret war tot.
Der Anruf aus dem Krankenhaus war vor vier Tagen gekommen. Eine Schwester mit rheinischem Akzent sagte, die Patientin sei in der Nacht friedlich eingeschlafen. Saskia hatte den Hörer auf die Kommode gelegt und weiter die Milch für den Kaffee aufgeschäumt. Nicht weil es sie nicht traf. Das war das Schlimme. Es traf sie erst am Nachmittag, als sie im Bad die Zahnbürste ihrer Mutter in der Schublade fand, die sie beim letzten Besuch vergessen hatte.
Sie zog die Schuhe aus und stellte sie neben die Tür. In der Küche lief der Kühlschrank so laut wie immer. Auf dem Tisch lag ein halber Zwieback auf einem Teller. Daneben die Fernsehzeitung, aufgeschlagen bei der Seite mit dem Nachmittagsprogramm. Mittwoch, fünfzehn Uhr, Krimi aus dem Schwarzwald. Annegret hatte einen dicken Strich darunter gemacht. Sie war also bereit gewesen, sich den Film anzuschauen. Dann war etwas passiert. Der Stift lag noch da.
Saskia ging nicht ins Wohnzimmer. Sie ging ins Schlafzimmer, weil dort das Telefon stand. Vielleicht war der letzte Anruf der Mutter noch gespeichert. Vielleicht war es noch einmal das alte Lied: *Kommt ihr am Sonntag? Der Junge kann bei mir schlafen.* Sie wusste selbst nicht, warum sie das sehen wollte.
Unter dem Bett stand eine Box aus grauem Karton. Auf dem Deckel stand mit Filzstift: *Für Saskia*. Sauber geschrieben. Vielleicht mehrmals nachgezogen. Saskia setzte sich auf den Boden, zog die Box heraus und hob den Deckel ab. Obenauf lag eine Bankmappe. Darunter ein Stapel Papiere, als wäre alles für einen Termin vorbereitet.
Sie blätterte. Ein Kaufvertrag. Der Verkauf der kleinen Parzelle am Selenter See. Unterschrieben im März. Annegret hatte die immer ihre *Luftschloss-Ecke* genannt. Dort stand ein winziger Holzschuppen, den Saskias Vater 1994 gebaut hatte, mit einer Bank davor und Blick auf das Wasser. Viele Sommer lang hatte Annegret von der Bank aus telefonisch Karten fürs Theater bestellt, damit sie nicht allein ins Stadttheater musste.
Der Kaufpreis betrug zweiundsechzigtausend Euro. Und darunter, in der Mappe: Daueraufträge. Monatlich vierhundert Euro auf Saskias Konto. Laufzeit: drei Jahre. Angefangen im April. Da hatte Annegret längst kein Geld mehr von der Rente übrig gehabt.
Saskia hielt die Mappe mit beiden Händen. Nicht lesen, dachte sie. Nicht jetzt. Aber ihre Finger machten weiter. Ganz unten lag ein gefalteter Zettel. Annegret schrieb auf liniertem Papier, die Schrift zittrig, als hätte das Auto auf der Fahrt vom See gewackelt.
*Ich weiß, du bist müde. Du musst nicht anrufen. Ich habe die Parzelle verkauft. Das Geld ist für deinen Kredit. Du sollst nicht mit dem Golf am Haus stehen und nachts rechnen. Ich habe immer gesagt, die Liebe ist der einzige Kredit, der jede Nacht offen hat. Verzeih mir, dass ich dir das nicht gesagt habe. Verzeih mir, dass ich zu viel gefragt habe. Ich wollte dich nicht einengen. Ich wollte nur nicht, dass du allein bist, wenn der Regen kommt. Deine Mutter*
Saskia las den Zettel dreimal. Sie las ihn, bis die Worte *Verzeih* und *Regen* keinen Sinn mehr ergaben. Dann faltete sie ihn zusammen und steckte ihn in die Tasche ihrer Jacke.
Im Flur klappte die Wohnungstür.
Ihr Bruder Ole stand im Rahmen. Er trug dieselbe Jacke wie beim Begräbnis. Sie war noch immer nicht gebügelt.
„Du bist schon da?“, sagte er. „Hast du die Papiere?“
Saskia wies mit dem Kinn auf die Box.
„Ich will nur das Grundstück“, sagte Ole. „Mama hat mir die Parzelle versprochen. Im Sommer, am Telefon. Da hat sie es mir fest versprochen.“
„Die ist verkauft“, sagte Saskia. „Im März.“
Ole kam zwei Schritte näher. „Quatsch. Die würde nie verkaufen. Da stehen die Aschenbecher von Papa noch auf der Bank. Das ist unser Grundstück.“
„Mama hat unterschrieben. Für meinen Kredit. Ich hab’s nicht gewusst.“
Ole zog die Bankmappe aus der Box. Er blätterte. Seine Hände waren ruhig, nur der Daumen bewegte sich. Er war Buchhalter bei einer Versicherung in Bad Segeberg. Saskia wusste, was er jetzt tat: Er rechnete.
„Das sind zweiundsechzigtausend“, sagte Ole. „Ohne Zinsen. Ohne Mitteilung. Ohne dass einer von uns gefragt wird?“
„Sie hat gedacht, ich bin müde.“
„Du? Müde? Du arbeitest halbtags in der Apotheke. Ich fahre jeden Morgen um sechs los. Ich habe die Pflegestufe beantragt, als sie im letzten Herbst nicht mehr laufen konnte. Ich habe den Pflegedienst organisiert. Ich habe ihre Wäsche gemacht, wenn du sonntags keine Zeit hattest. Und sie verkauft unser Grundstück an dich?“
Saskia stand auf. Der Karton stand zwischen ihnen auf dem Teppich.
„Ich habe nichts gefragt“, sagte sie. „Sie hat es getan. Und sie hat mir jeden Monat vierhundert Euro geschickt. Glaubst du, ich wollte das? Glaubst du, ich habe auf dem Konto gesehen, dass sie für mich den Golf abbezahlt? Ich habe es nicht gesehen. Ich habe die Kontoauszüge seit dem Umzug nicht mehr geöffnet. Du weißt, wie das ist. Man will nicht hinsehen.“
Ole legte die Mappe zurück. „Dann sieh wenigstens jetzt hin. Und dann sag mir, wie viel davon dir gehört und wie viel dem Nachlass.“
„Es gibt keinen Nachlass“, sagte Saskia. „Nur diese Wohnung. Und die hat sie mir überschrieben. Vor zwei Jahren. Das hat sie mir gesagt, als ich das letzte Mal hier war. Ich dachte, sie redet Unsinn. Aber die Übertragung liegt beim Notar. Sie hatte Angst, dass Ole die Miete nicht zahlen kann, weil er die Pflege bezahlt. Oder so ähnlich. Sie hat immer Angst gehabt.“
Oles Gesicht bewegte sich kaum. Er sah auf die Box. Dann sah er Saskia an. „Du wusstest es also.“
„Ich wollte es nicht wissen“, sagte Saskia. „Das war mein Fehler. Aber ich wusste es nicht. So wenig wie du.“
Ole ging zur Tür. Er blieb auf der Schwelle stehen. „Dann klär das mit dem Notar. Ich will nichts von dir. Nur die Bank auf dem Grundstück. Die hat Papa gebaut. Die kann ich abholen, oder?“
„Die Bank ist verkauft“, sagte Saskia. „Mit dem Grundstück. Ich weiß nicht, wo sie jetzt steht.“
„Dann besorg mir die Adresse. Ich will sie wenigstens sehen.“
Saskia nickte, obwohl sie wusste, dass das falsch war. Ole ging. Seine Schritte auf der Treppe waren noch lange zu hören, weil das Treppenhaus hallte und der Wind draußen die Haustür nicht zufallen lassen wollte.
Am nächsten Morgen fuhr Saskia zur Bank. Sie hatte den Karton unter den Arm geklemmt, weil die Mappe zu dick für die Handtasche war. In der Filiale saß ein junger Mann mit Seitenscheitel, der zweimal „Mein Beileid“ sagte, bevor er den Computer aufklappte.
Saskia legte die Mappe auf den Tisch. „Meine Mutter hat einen Dauerauftrag auf mein Konto eingerichtet. Vierhundert Euro. Ich möchte, dass er beendet wird. Und ich möchte den Gesamtbetrag zurückbuchen lassen. Alles, was sie überwiesen hat. Wohin, sage ich Ihnen gleich.“
Der Mann schaute auf den Bildschirm. „Der Dauerauftrag wurde mit dem Tod der Kontoinhaberin automatisch gestoppt. Aber die Überweisungen lassen sich nicht einfach zurückholen. Das Geld ist auf Ihrem Konto.“
„Ich weiß“, sagte Saskia. „Ich möchte es auf ein anderes Konto überweisen. Ein Frauenhaus in der Stadt. Das in der Altstadt. Ich rufe gleich an und lasse mir die Bankverbindung geben. Wenn Sie warten, erledige ich das sofort.“
Sie telefonierte zehn Minuten. Die Frau am anderen Ende sagte erst, sie sei zuständig, dann lange nichts, dann: „Das ist ungewöhnlich. Aber warum nicht heute.“ Saskia gab die Nummer durch. Der Bankangestellte tippte. Siebenundzwanzig Überweisungen zu je vierhundert Euro. Die letzte war zwei Tage vor Annegrets Einlieferung ins Krankenhaus abgegangen. Der Betrag stand auf dem Bildschirm: 10.800 Euro.
„Dazu kommen noch 14.780 Euro aus dem Schließfach“, sagte Saskia.
Der Bankangestellte sah sie an. „Das Schließfach eröffnet nur die Kontoinhaberin oder ein Bevollmächtigter. Haben Sie eine Vollmacht?“
„Nein“, sagte Saskia. „Aber im Karton war ein Schlüssel. Und im Schlüssel steckt eine Nummer. Ich dachte, das reicht. Das ist das Schließfach meiner Mutter. Ich kann Ihnen den Tod nachweisen. Der Schlüssel ist bei mir.“
Der Bankangestellte legte den Stift hin. „Ich darf das nicht ohne weiteres öffnen. Aber ich kann mit der Filialleitung sprechen. Mit Sterbeurkunde und Schlüssel geht es, wenn keine andere Person erbberechtigt ist. Wir prüfen das.“
Saskia holte die Sterbeurkunde aus der Mappe. Sie hatte sie am Morgen vom Standesamt geholt, weil sie dachte, man müsse Papiere immer dabei haben. Der Bankangestellte verschwand nach hinten. Durch die Glaswand konnte man sehen, wie er mit einer Frau im hellen Kostüm redete. Die Frau kam heraus.
„Frau Behrens? Ich bin Frau Kern. Sie dürfen das Schließfach unter Aufsicht öffnen. Haben Sie den Schlüssel?“
Dann standen sie im Tresorraum. Frau Kern hielt einen Plastikschlüssel für die Gegenöffnung. Saskia drehte den kleinen Schlüssel im Fach. Es roch nach Papier und Metallöl. In dem Fach lag ein Stapel Scheine, gebündelt mit einem Haargummi. Dazu ein Zettel, zusammengefaltet wie der erste. Diesmal stand in Kinderschrift:
*Für deine Zukunft. Kauf dir etwas Schönes, wenn ich nicht mehr da bin. Aber nicht den ganzen Kram, den man nach dem Sterben kauft. Fahr lieber mit dem Jungen an den See, an den großen. Die Ostsee reicht. Deine Mutter*
Saskia steckte den Zettel in die Jackentasche zu dem anderen. Das Geld ließ sie von Frau Kern zählen. 14.780 Euro. Sie bat darum, es am selben Tag dem Frauenhaus zu überweisen. Frau Kern sattelte nicht lange. „Dann haben wir gleich die richtige Verwendung“, sagte sie.
Am Abend stand Ole vor Saskias Wohnungstür. Sie hörte seine Stimme durch den Flur, noch bevor sie öffnete. Er rief, sie solle die Papiere herausrücken. Er wolle wissen, was sie bei der Bank gemacht habe. Er habe mit der Sparkasse telefoniert. Das Geld sei weg. Warum.
Saskia machte die Tür nicht auf. Sie ging ins Wohnzimmer, wo der Junge auf dem Sofa saß und ein Video schaute. Der Ton war laut. Sie zog die Gardine zu. Oles Rufe klangen dumpf unter der Musik aus dem Handy.
„Wer ist das?“, fragte der Junge.
„Onkel Ole“, sagte Saskia. „Er ist müde.“
„Soll ich aufmachen?“
„Nein. Er geht gleich wieder.“
Sie setzte sich neben den Jungen. Nach ein paar Minuten waren die Schritte auf der Treppe zu hören. Dann nur noch der Regen.
Zwei Wochen später saß Saskia im Büro der Notarin. Auf dem Tisch lag die Übertragungsurkunde der Wohnung. Annegret hatte sie unterschrieben, als der Pflegedienst draußen vor der Tür gewartet hatte. Die Notarin war dieselbe, die damals die Unterschrift beglaubigt hatte. Sie schob Saskia ein Formular hin.
„Sie möchten die Wohnung auf Frau Wegener übertragen? Die Nachbarin?“
„Sie hat meine Mutter morgens gewaschen, wenn ich nicht kam. Sie hat mir nie Vorwürfe gemacht. Als die Mutter im Krankenhaus lag, hat Frau Wegener die Blumen gegossen und dem Paketboten aufgemacht. Die Wohnung gehört ihr. Sie hat dafür gearbeitet, nur nicht in Papieren.“
Die Notarin druckte den Entwurf. „Es entstehen Gebühren. Und Frau Wegener muss zustimmen. Wissen Sie das?“
„Ich habe mit ihr gesprochen. Am Montag kommt sie vorbei. Sie schläft seit Jahren schlecht, weil sie Angst hat, dass man sie im Alter nicht lässt, wo sie ist. Jetzt lässt man sie. Das ist besser als Blumen gießen.“
Saskia unterschrieb, wo man es ihr zeigte. Sie schrieb mit dem Kugelschreiber der Notarin, den sie hinterher mitgehen ließ, weil sie den eigenen vergessen hatte. Der Deckel blieb auf dem Tisch liegen.
***
Ein halbes Jahr später fand Saskia im Briefkasten einen Umschlag ohne Absender. Er war in der oberen Ecke ein wenig eingerissen, als wäre er beim Einstecken hängen geblieben. Darin lag ein gefalteter Kontoauszug. Die Bank hatte 2.300 Euro aus einem privaten Verkauf an Frau Wegener überwiesen. Die Überweisung war mit dem Betreff *Anteil aus dem Porzellan* versehen. Frau Wegener hatte das Meißner Service der Mutter an eine Sammlerin in Hamburg verkauft und die Hälfte an Saskia geschickt. In den Verwendungszweck hatte sie eine Frage geschrieben: *Brauchst du den Teller mit dem Sprung?* Saskia legte den Auszug in die Box zurück. Sie nahm den Teller mit dem Sprung, als sie am Sonntag darauf bei Frau Wegener vorbeikam, und stellte ihn in den Schrank neben die Gläser. Er passte nicht zu den anderen, aber das sah niemand, weil der Schrank tief war und der Teller ganz hinten stand.
