Die Nachricht kam um Viertel nach acht, während Katharina noch mit nassen Händen am Spülbecken stand. „Meine Hälfte geht rechtmäßig an Mutter über. Ich hab's ihr heute Morgen schon gesagt, sie hat sich wahnsinnig gefreut." Bastian stand mitten in der Küche in der Rosenweg-Wohnung, die Brust rausgestreckt, als hätte er gerade den Nobelpreis bekommen.
Katharina legte den Spüllappen auf die Arbeitsplatte und drehte sich um.
„Welche Hälfte?"
Sie musterte ihn ein paar Sekunden, ob das ein schlechter Scherz sein sollte.
„Du meinst doch nicht die Wohnung in der Merzhauser Straße?"
„Unsere Wohnung", korrigierte Bastian sofort, zog sich einen Stuhl heran, setzte sich, schlug die Beine übereinander. „Wir haben da zusammen renoviert. Ich hab mich extra schlaugemacht, im Internet, auf Rechtsforen. Wenn ein Ehepartner während der Ehe Arbeit ins Eigentum steckt, wird das gemeinschaftlich. Also kann ich mit meiner Hälfte machen, was ich will."
Katharina wunderte diese Logik nicht mal mehr. Drei Jahre Ehe hatten gereicht, um zu lernen: Bastian legte jede Regel so aus, wie es ihm gerade passte. Besonders wenn es um fremdes Geld ging.
Die Zweizimmerwohnung in der Merzhauser Straße hatte sie fünf Jahre vor ihm gekauft. Zwei Jobs gleichzeitig, ein Kredit von den Eltern, jeden Cent umgedreht. Jahrelang wohnte dort ruhig ein Ehepaar zur Miete, bis die auszogen und sie merkte: Tapeten ab, Laminat durch, Bad marode. Ein günstiger Aufhübsch-Job, dachte sie, dann neu vermieten, Miete rauf.
„Bastian, hörst du dir eigentlich selbst zu?" Sie lehnte sich an den Türrahmen, verschränkte die Arme. „Die Wohnung gehört mir. Gekauft, bevor ich dich überhaupt kannte. Woher soll da deine Hälfte kommen?"
„Weil du von Gesetzen keine Ahnung hast!" Er sprang auf, fuchtelte mit den Armen. „Ich hab die Fußleisten geschraubt! Zwei Wochenenden Tapeten geklebt! Das Laminat verlegt, mir dabei fast den Rücken ruiniert, eine Woche kaum laufen können! Während du mit dem Staubwedel rumgelaufen bist, hab ich mich abgerackert. Das nennt man werterhöhende Investition!"
Katharina schüttelte den Kopf. Er glaubte wirklich, ein paar Tage mit Akkuschrauber und Tapetenkleister würden ihm ein Recht auf eine Eigentumswohnung geben.
„Packt Ingrid also schon die Kartons?", fragte sie und beobachtete sein Gesicht dabei genau.
„Natürlich!" Er strahlte, so vertieft in seine Rolle als guter Sohn, dass er den Spott in ihrer Stimme gar nicht hörte. „In ihrer alten Wohnung kann man nicht mehr leben. Zu eng, die Nachbarn stampfen nachts rum, die Leitungen sind hin. Bei uns ist alles frisch renoviert, sauber, Erdgeschoss mit hoher Decke. Ich geb ihr meine rechtmäßige Hälfte. Hab sie heut früh schon angerufen, sie hat vor Freude fast geweint."
„Da freut sie sich zu früh", sagte Katharina ruhig.
„Was soll der Ton?" Er kam einen Schritt näher, die Stirn in Falten. „Ich hab da so viel reingesteckt! Jedes Wochenende, Kleistergeruch in der Nase, Schwielen an den Händen. Hätte auch vorm Fernseher chillen können wie andere Männer, aber nein, ich hab mich für die Familie abgerackert!"
„Und wer hat die Materialien bezahlt?" Sie zog eine Augenbraue hoch. „Wer hat Laminat, Grundierung, Farbe, Steckdosen, Kleber und die Sanitärsachen gekauft? Wer hat im Baumarkt bei OBI eine ordentliche Summe von seiner Gehaltskarte gelassen? Wer hat die Möbelträger bezahlt, während du im Auto saßt und telefoniert hast?"
Bastian winkte ab, als wäre die Frage bedeutungslos.
„Egal! Geld ist nur Papier. Gearbeitet hab ich. Meine Hände haben das gemacht. Körperliche Arbeit kann man gar nicht in Zahlen fassen. Mama kommt heute Nachmittag. Gib mir die Schlüssel."
In der Tasche von Katharinas Jogginghose vibrierte kurz das Handy. Eine Nachricht vom Makler. Das Treffen mit den neuen Mietern war endgültig für den Abend angesetzt. Ein Ehepaar, bereit, noch am selben Tag einzuziehen, zwei Monatsmieten sofort im Voraus.
„Schlüssel kriegst du nicht", sagte sie knapp und tippte eine Antwort an den Makler.
„Doch, die kriege ich!" Er trat näher. „Ich hab entschieden, dass Mama hier wohnt. So dank ich ihr für alles, was sie für mich getan hat. Sie hat mich alleine großgezogen, sich immer alles vom Mund abgespart. Du kannst meine Mutter nicht obdachlos machen!"
„Sie ist nicht obdachlos. Ingrid hat eine eigene Dreizimmerwohnung." Katharina schaute weiter aufs Display, ohne den Kopf zu heben.
„Du hast überhaupt kein Herz. Denkst nur an die Mieteinnahmen. Mama braucht in ihrem Alter Ruhe und Komfort. Der Blutdruck macht ihr zu schaffen, und du willst schon wieder Fremde da einquartieren, die alles kaputt machen."
Er drehte sich um und verschwand ins Schlafzimmer. Eine Schranktür knallte, Tüten raschelten. Ein paar Minuten später stand er im Flur und zog die Jacke an.
„Ich fahr zu Mama, helf ihr beim Packen. Heut Abend sind wir in der Wohnung. Und mach vor der Familie ja keine Szene. Du wirst dich noch schämen." Er ging, knallte die Haustür zu.
Stille im Flur. Katharina heulte nicht, rief keine Freundin an, um sich über die Dreistigkeit ihres Mannes auszulassen. Jahrelang hatte sie Konflikte geglättet, seine Eskapaden ertragen, sich eingeredet, manche Dinge müsse man einfach überhören, der Familie zuliebe. Diesmal funktionierte der alte Mechanismus nicht mehr. Als wäre ein Schleier weggezogen worden, der ihr bisher die Sicht versperrt hatte.
Sie suchte im Handy eine Nummer und rief den Handwerker an, der mal die Elektrik repariert hatte, nachdem Bastian eigenhändig Steckdosen installieren wollte und dabei die Sicherung lahmgelegt hatte.
„Herr Brenner, guten Tag. Haben Sie heute noch zwei Stunden Zeit?"
„Kommt drauf an, um was es geht, Frau Voss."
„Die Schlösser an der Wohnungstür müssen sofort ausgetauscht werden."
„Bin in vierzig Minuten da."
Eine Stunde später stand Katharina schon in der Zweizimmerwohnung. Es roch nach frischer Farbe, Tapetenkleister, Putzmittel. Sie ging langsam durch den Raum und betrachtete die „werterhöhenden Investitionen", von denen Bastian so stolz erzählt hatte. Die Tapeten hatte er tatsächlich selbst geklebt — nur waren am nächsten Tag an mehreren Stellen die Nähte auseinandergegangen, und sie hatte mit einem dünnen Pinsel Kleister nachziehen müssen. Das Laminat lag schief, an der Heizung gab eine Diele beim Draufsteten spürbar nach. Die Fußleisten waren krumm angeschraubt, Spalten zur Wand, Schraubenköpfe schauten heraus.
Herr Brenner kam pünktlich.
„Schlüssel verloren?", fragte er gutmütig und stellte seinen Werkzeugkasten ab.
„Schlimmer. Verwandte haben sie gefunden", sagte Katharina trocken.
Während er das alte Schloss aufbohrte, wischte sie die kleine Küchenzeile ab. Mit jeder Minute wurde ihr leichter ums Herz. Die Entscheidung, zu der sie in den letzten Monaten gedanklich unterwegs war, fühlte sich plötzlich gar nicht mehr beängstigend an.
Gegen Abend klopfte es hartnäckig. Die Klingel hatte Herr Brenner noch nicht angeschlossen, aus der Wand ragten zwei dünne Drähte. Katharina öffnete.
Auf dem Treppenabsatz stand Ingrid, für den Umzug in einen bordeauxroten Mantel gekleidet, ein Seidentuch um den Hals. In der einen Hand eine karierte Reisetasche, aus der die Ecke einer bunten Decke lugte. Hinter ihr, schwer atmend, Bastian mit zwei Kartons im Arm.
„Ach, mein Junge, kaum geschafft!" Ingrid jammerte sofort los, schob sich ohne Aufforderung in den Flur, stellte die schwere Tasche auf den frisch geputzten Fußabtreter. „Die Umzugsfirmen heutzutage, dreist wie die sind, dreimal so teuer wie nötig. Ich hab erstmal nur das Nötigste mitgenommen: mein Lieblingsgeschirr, die Bettwäsche, die Nähmaschine. Der Rest kommt später, wenn ich mich hier eingelebt hab."
Sie versuchte, sich an der Tür vorbeizudrängen, doch Katharina stand fest im Türrahmen und versperrte den Weg.
„Guten Abend, Ingrid."
„Komm doch rein, Mama, hier zieht's", sagte Bastian von hinten und versuchte, die Kartons besser zu balancieren. „Gleich geht Katharina zur Seite, dann richten wir uns ein. Wasser aufsetzen, den Umzug feiern."
Ingrid lächelte herablassend, mit ihren grellrot geschminkten Lippen.
„Danke dir, Käthchen. Ehrlich, so großzügig hätte ich dich gar nicht eingeschätzt. Bastian hat erzählt, ihr hättet extra Tapeten nach meinem Geschmack ausgesucht. Pfirsichfarben, mein Favorit. Und helles Laminat, da sieht man den Staub kaum."
„Bastian hat euch was Falsches erzählt." Katharina wich keinen Zentimeter zurück. „Wir haben die billigsten neutralen Tapeten gekauft. Die Wohnung war für Mieter vorbereitet."
Das Lächeln verschwand allmählich aus Ingrids Gesicht. Sie sah ihren Sohn an, dann wieder die Schwiegertochter.
„Wie, für Mieter? Bastian hat gesagt, er gibt mir seine Hälfte der Wohnung. Wir haben doch schon alles besprochen…"
„Katharina, hör auf mit dem Theater!" Bastian ließ die Kartons scheppernd auf den Boden fallen. „Mach mich nicht zum Idioten vor meiner Mutter! Geh zur Seite, lass sie rein!"
„Hier kommt keiner von euch rein", sagte Katharina ruhig. Sie schrie nicht, rechtfertigte sich nicht. Stand einfach da und sah ihnen direkt in die Augen.
„Ich hab mir meinen Anteil hier mit eigenem Schweiß verdient!" Bastian lief rot an. „Jedes Wochenende hier verbracht! Aus der Bruchbude was Ordentliches gemacht!"
„Für deinen Beitrag reicht's höchstens für ein günstiges Essen im Restaurant", konterte sie. „Laminat verlegen wird schlecht bezahlt. Besonders, wenn es so schlecht verlegt ist. An der Heizung gibt die Diele nach, die Fußleisten sind krumm geschraubt. Ich kann dir gern sofort per Überweisung schicken, was so eine Arbeit wert ist, dann fühlst du dich nicht länger betrogen."
„Wie kannst du es wagen, mich mit irgendwem zu vergleichen?!" Er fuchtelte mit den Armen. „Ich bin dein Mann! Ich hab das alles für unsere Familie gemacht!"
„Ich vergleiche deine Fantasien mit der Realität. Du hast keinen Anteil an dieser Wohnung. Hattest du nie."
Ingrid schlug die Hände über dem Kopf zusammen. „Mein Gott, was für Zustände! Den eigenen Mann aus dem eigenen Zuhause verjagen! Er hat hier jedes Brettchen eigenhändig fertiggemacht! Das darf man nicht, Katharina. Alles Böse kommt zurück!"
„Es ist meine Wohnung, Ingrid", wiederholte die Schwiegertochter deutlich. „Ich hab sie gekauft, lange bevor ich Ihren Sohn kannte. Mit meinem eigenen Geld bezahlt. Die ganze Renovierung auch."
„Wir beweisen das Gegenteil!", kreischte Ingrid. „Wir finden Zeugen, die bestätigen, wie sich Bastian hier abgerackert hat! Die Nachbarn befragen wir! Er hat Zement geschleppt, Wände begradigt! Quittungen sammeln wir!"
„Welche Quittungen genau wollen Sie vorlegen?" Katharina lächelte spöttisch. „Alle Käufe liefen über meine Karte. Von der ersten Schraube bis zur letzten Dose Farbe. Wenn Sie sich an Anwälte wenden und irgendwas beweisen wollen — bitte, Ihr gutes Recht. Nur, während Sie über den Preis von zwei Rollen Tapete streiten, ziehen hier andere Leute ein. Morgen früh sind sie endgültig drin."
Bastian schluckte schwer. Seine Selbstsicherheit bröckelte, wich Ratlosigkeit.
„Was für Leute? Du kannst so was nicht allein entscheiden! Wir sind eine Familie, ein gemeinsames Leben!"
„Kann ich, weil ich die Eigentümerin bin. Und die Schlösser wurden vor einer Stunde ausgetauscht. Die alten Schlüssel kannst du wegwerfen."
Auf dem Treppenabsatz breitete sich schwere Stille aus. Von unten nur das Summen des alten Fahrstuhls, der sich langsam nach oben quälte.
„Also so ist das!", rief Bastian, als ihm klarwurde, dass er mit Druck nicht weiterkam. „Ein paar Quadratmeter für die Familie sind dir zu schade? Wegen jeder Kleinigkeit gehst du an die Decke? Dann behalt deine Mieter, vermiet die Bruchbude an wen du willst. Ich zieh jetzt sofort aus! Und erwart bloß nicht, dass ich später zurückkomm und um Verzeihung bettle!"
„Gute Reise", antwortete Katharina teilnahmslos.
„Käthe, überleg dir das gut!", mischte sich Ingrid ein, plötzlich vom Zorn zur Beschwichtigung übergehend. „Du zerstörst deine eigene Familie wegen ein paar Quadratmetern. Bastian geht für immer. Wer will dich dann noch, mit so einem schwierigen Charakter?"
„Soll er gehen. Ich will nicht länger die kostenlose Beigabe zu einem Mann sein, der fremdes Eigentum für seins hält. Ich brauch einen gleichberechtigten Partner, keinen Schmarotzer mit Ansprüchen."
Bastian schnappte hörbar nach Luft, griff die Kartons, zerdrückte dabei fast den aufgeweichten Karton in seinen Fingern.
„Komm, Mama! Wir lassen uns von dieser geizigen Krämerin nicht demütigen! So was sind wir uns nicht wert!"
Ingrid hob mühsam die karierte Tasche. Bevor sie ging, warf sie der Schwiegertochter noch einen bösen Blick zu und murmelte etwas von Herzlosigkeit, Undankbarkeit und unausweichlicher Vergeltung. Dann schleppte sie ihre Sachen zum Aufzug. Bastian folgte ihr, ohne sich noch einmal umzudrehen.
Katharina schloss die neue Metalltür und drehte den blank glänzenden Schlüssel im frischen Schloss. In der Wohnung roch es noch nach Farbe, aber jetzt mischte sich etwas anderes dazu — dieses Gefühl, endlich frei zu sein. Draußen fuhr die Straßenbahn Richtung Hauptbahnhof vorbei, irgendwo im Treppenhaus bellte kurz der Dackel der Nachbarn aus dem dritten Stock, und im Fernseher, den sie später an diesem Abend kurz anschaltete, lief noch die Tagesschau.
Vier Wochen später brachte die Wohnung ihr regelmäßig Mieteinnahmen. Die neuen Mieter, ein ruhiges Ehepaar, hielten alles sauber und überwiesen pünktlich. Bastian war bei Ingrid in ihrer Dreizimmerwohnung eingezogen. Mutter und Sohn stritten regelmäßig wegen der Enge, wegen dreckigem Geschirr, wegen herumliegender Sachen. Er schrieb Katharina weiter Nachrichten, forderte Ersatz für die geschraubten Fußleisten, das verlegte Laminat, die angeblich verlorenen gemeinsamen Jahre. Sie antwortete nicht, löschte die Nachrichten, ohne sie zu Ende zu lesen. Seine restlichen Sachen packte sie in drei große Taschen und gab sie über einen gemeinsamen Bekannten weiter. Danach kehrte endgültig Ruhe in ihrer Wohnung ein.
Ein Dreivierteljahr später rief der Makler noch einmal an, diesmal wegen einer ganz anderen Sache: Ein Nachbar aus dem Rosenweg hatte beim Verkauf seiner eigenen Wohnung erzählt, Bastian habe schon vor der Trennung bei einem Notar in der Bertoldstraße nach den Kosten für eine „nachträgliche Miteigentümerschaft" gefragt — offenbar hatte er die ganze Sache von Anfang an durchgeplant, lange bevor er Ingrid überhaupt anrief. Katharina erfuhr das beiläufig, bei einem Kaffee mit dem Makler, und zuckte nur mit den Schultern. Die Rechnung für den Notartermin, hieß es, hatte er nie bezahlt.
