Ich stand bei Frau Sommer im Laden am Hauptfriedhof, einen Strauß gelber Chrysanthemen über dem Arm, und fummelte mit der freien Hand das Kleingeld aus der Jackentasche. Draußen roch es nach nassem Laub, der Oktober hatte die alten Linden am Eingang gelb gefärbt, und irgendwo bellte der Dackel von Herrn Zimmermann, der jeden Morgen um dieselbe Zeit am Zaun entlanglief.
„Und der zweite?“ Frau Sommer sah mich über ihre Brille an. „Der weiße.“
Ich dachte, ich hätte sie falsch verstanden. „Welcher weiße?“
Sie zuckte zusammen, als hätte sie zu viel gesagt. Ihre Finger strichen über das Packpapier auf dem Tresen. „Ihr Mann hat immer zwei genommen. Einen bunten für die Eltern, und einen weißen. Jeden Sonntag, wie ein Uhrwerk. Seit mindestens zwölf Jahren. Vielleicht länger.“ Sie räusperte sich. „Ich dachte, Sie wissen das.“
Ich legte das Geld auf den Tresen, ließ die Chrysanthemen liegen und ging raus. Die Tür fiel hinter mir zu, das Glöckchen bimmelte noch eine Weile nach.
Thomas war im März gestorben. Herzinfarkt, in seiner Schreinerei in der Wiehre, während er eine Eichenplatte hobelte. Er wurde dreiundsechzig, ich sechzig. Dreiunddreißig Jahre Ehe. Auf der Beerdigung stand ich zwischen unseren Söhnen, Jonas und Philipp, und der Pastor sagte: „Ein treuer Ehemann, ein liebevoller Vater.“ Ich nickte damals. Ich dachte, ich wüsste alles über diesen Mann: dass er den Tee mit einem halben Löffel Zucker trank, dass er keinen Kümmel mochte, dass er nachts mit den Zähnen knirschte, dass er jeden Sonntag zum Friedhof fuhr. „Ich fahre nur ein bisschen raus, frische Luft schnappen“, sagte er und zog seine Jacke an. Manchmal war er in einer Stunde zurück, manchmal in zwei. Ruhig, als ob die Luft wirklich half.
Seine Eltern lagen auf dem Hauptfriedhof, ein paar Reihen vom Eingang entfernt. Mutter Helga starb 1997, Vater Walter vier Jahre danach. Thomas fuhr danach jede Woche hin. Ich habe ihn nie begleitet. Er wollte allein sein, dachte ich. Das respektierte ich. Ich dachte, ich verstehe.
Nach seinem Tod fing ich an, selbst hinzufahren. Nicht jeden Sonntag – ohne Auto nahm ich den Bus, die Linie 11, der kostete zwei Euro vierzig, ich musste zweimal umsteigen. Ich zündete eine Kerze an, rückte die Blumen zurecht, sagte ihm ein paar Worte in Gedanken. Dann ging ich ein paar Schritte weiter zum Grab seiner Eltern, denn es lag im selben Abschnitt, nur ein paar Meter entfernt.
Frau Sommer kannte Thomas seit Jahren. Sie führte den kleinen Laden am Tor, eine zierliche Frau mit geblümter Schürze und einem Gesicht, das streng wirkte, aber warm war. „Ihr Mann war Stammkunde“, sagte sie, als ich das erste Mal nach seinem Tod kam. „Jeden Sonntag, pünktlich um kurz nach neun.“
Ich nickte. Natürlich wusste ich das.
Aber gestern sagte sie mir von dem zweiten Strauß. Und plötzlich zerbrach alles, was dreiunddreißig Jahre lang einfach und selbstverständig gewesen war, wie ein altes Glas auf dem frostigen Asphalt.
Ich fuhr nach Hause, bekam die Haustür kaum auf, weil meine Hände zitterten. Ich setzte mich an den Küchentisch, auf dem noch sein Becher stand, der mit dem Sprung im Henkel. Ich rief Jonas an, den ruhigeren Sohn. Philipp hätte sofort losgelegt.
„Mama, Papa ist zu Oma und Opa gefahren, das war normal“, sagte Jonas in dem Ton, den man für jemanden benutzt, der übertreibt. „Vielleicht war der zweite Strauß für ein Nachbargrab. Du weißt, wie er war. Er half allen.“
„Zwölf Jahre, Jonas. Jede Woche.“
Knistern in der Leitung. Dann ein Seufzer. „Dann fahr hin. Schau, ob da ein Grab mit weißen Blumen ist.“
Ich fuhr am nächsten Morgen. Es war früh, der Friedhof lag still, nur die Vögel in den Bäumen machten Lärm. Ich ging die Reihen entlang. Das Grab der Schwiegereltern war ordentlich, Granit, mit vertrockneten Blumen, die ich selbst vor zwei Wochen hingestellt hatte. Ich sah nach links, nach rechts. Nichts Besonderes.
Dann sah ich es. Drei Reihen weiter, etwas abseits, unter einem großen Ahorn. Ein kleiner, heller Grabstein. Keine frischen Blumen – Thomas war seit fünf Monaten tot – aber da lag ein ausgebleichter weißer Grablichterrest, und auf der Erde klebten vertrocknete weiße Blütenblätter, als hätte sie seit dem Herbst keiner weggekehrt.
Ich las den Namen. Eine Frau. Gestorben vor vierzehn Jahren, mit achtunddreißig. Der Name sagte mir nichts. Ich hatte ihn nie gehört. Thomas hatte ihn nie ausgesprochen – zumindest nicht vor mir.
Ich setzte mich auf die Bank gegenüber und blieb fast eine Stunde. Ich dachte an die Sonntagmorgen, wenn Thomas ein frisches Hemd anzog – immer frisch, sogar wenn er „nur zum Friedhof“ fuhr. Wie er leiser zurückkam als sonst, und ich dachte, er hinge der Trauer um seine Eltern nach. Einmal sah ich Tränen in seinen Augen, ich fragte, was los sei. Er sagte: „Nichts, Anke. Ich vermisse nur die Alten.“
Ich hätte anfangen können zu suchen. Ich hätte sein altes Handy durchsehen können, das in der Schublade unter den Stromrechnungen lag. Ich hätte seine Kollegen aus der Schreinerei fragen können. Ich hätte zum Standesamt fahren können.
Aber was hätte ich gefunden? Und wollte ich es finden?
Abends rief ich Jonas an. Ich erzählte von dem Grab. Wieder dieses Knistern. Dann: „Mama, Papa ist tot. Was auch immer das war – es ist vorbei. Vielleicht war es eine Bekannte. Vielleicht jemand, dem er geholfen hat. Du musst nicht alles wissen.“
„Zwölf Jahre, Jonas. Zwölf Jahre weiße Sträuße.“
Philipp, als er es erfuhr, reagierte anders. Er wollte sofort hinfahren, die Daten abschreiben, im Internet suchen. „Wir haben ein Recht zu wissen“, sagte er in seinem kategorischen Ton. Ich bat ihn, es nicht zu tun. Noch nicht.
Heute ist Sonntag. Der erste Sonntag, seit ich es weiß. Ich stehe vor dem Laden von Frau Sommer und sehe die weißen Rosen im Eimer neben der Tür. In der Hand halte ich einen Strauß gelber Chrysanthemen. Für Thomas.
Frau Sommer schaut mich von hinter dem Tresen an. Sie sagt nichts. Sie wartet.
Ich greife nach den weißen Rosen, dann ziehe ich die Hand zurück. Dann greife ich wieder. Und ich weiß nicht – ich weiß wirklich nicht – ob ich sie auf das fremde Grab legen will, um meinen Mann zu verstehen. Oder um ihn ein zweites Mal zu verlieren.
Ich stehe da und kann mich nicht rühren. Weil ich dreiunddreißig Jahre lang dachte, ich kenne diesen Mann. Und jetzt weiß ich nur, dass er jeden Sonntag zwei Sträuße kaufte. Und dass einer weiß war.
Doch dann tue ich etwas, das ich nicht geplant hatte.
Ich kaufe die weißen Rosen. Nicht weil ich mich entschieden habe, etwas zu verstehen. Sondern weil meine Beine anfangen zu gehen, bevor mein Kopf nein sagen kann. Frau Sommer wickelt sie ein, ohne ein Wort. Ich bezahle mit einem Zwanziger, sie gibt mir acht Euro fünfzig zurück. Ich nehme beide Sträuße und gehe durch das Tor.
Der Weg zum Grab der Schwiegereltern ist mir vertraut. Ich lege die gelben Chrysanthemen auf den Granit, zünde die Kerze an, bleibe einen Moment. Dann gehe ich weiter, drei Reihen nach links, bis zu dem kleinen hellen Stein unter dem Ahorn. Ich lege die weißen Rosen dorthin. Die Dornen pieksen durch das Papier in meine Handfläche. Ich richte das Schleierkraut zurecht.
Und dann hole ich mein Handy hervor, öffne die Bank-App und überweise den Erlös aus dem Verkauf von Thomas’ altem VW Passat – dreitausendfünfhundert Euro – an die Friedhofsverwaltung. Im Verwendungszweck tippe ich: „Grabpflege für Marianne Berger, Hauptfriedhof, Feld 14, Reihe 7, Grab 3, für die nächsten fünfzehn Jahre.“ Ich drücke auf Senden.
Dann rufe ich Philipp an. Er meldet sich nach dem zweiten Klingeln.
„Ich hab den Wagen verkauft“, sage ich. „Für dreitausendfünfhundert. Das Geld liegt jetzt bei der Friedhofsverwaltung. Die pflegen das Grab die nächsten fünfzehn Jahre.“
„Mama – was? Welchen Wagen? Wessen Grab?“
„Das von Marianne Berger. Das Grab, das dein Vater vierzehn Jahre lang mit weißen Rosen bestückt hat. Jetzt kümmern sie sich darum.“
Am anderen Ende ist es still. Ich höre ihn atmen. Dann: „Bist du sicher?“
„Nein“, sage ich. „Aber es ist getan. Und jetzt fahre ich nach Hause. Die Linie 11 kommt in sieben Minuten.“
Ich lege auf, stecke das Handy in die Tasche. Der Dackel von Herrn Zimmermann bellt in der Ferne. Ich gehe den Weg entlang, vorbei an den gelben Linden, hinaus auf die Straße, wo die Laterne vor der Haltestelle immer noch flackert – die kaputte, die keiner repariert.
Ich steige in den Bus, setze mich ans Fenster und sehe zu, wie der Friedhof hinter mir kleiner wird.
