Ich arbeite seit sechs Jahren als Hausmeisterin im Haus Nummer vierzehn an der Lindenstraße in Leipzig, gleich hinterm Connewitzer Kreuz. Man sieht viel, wenn man den Müllraum sauber hält und die Klingelschilder pflegt. Manchmal weiß ich über die Leute mehr, als sie selbst über sich wissen.
An dem Abend im November, es war kurz vor Nikolaus, roch das ganze Treppenhaus nach Rotkohl von der Wohnung im dritten Stock, und ich wollte eigentlich nur noch den Fahrstuhl abschließen, weil die Technikerfirma am nächsten Tag kommen sollte. Da kam Frau Brandt herein, die Frau aus der elften Etage, mit einer Aktentasche und einem Blumenstrauß, den sie sich offenbar selbst gekauft hatte. Ihre Wangen waren rot von der Kälte, und sie summte etwas vor sich hin, während sie auf den Knopf drückte.
Ich kannte Katja Brandt seit sie eingezogen war, vor etwa vier Jahren. Immer freundlich, immer mit Wechselgeld für den Kaffeeautomaten im Foyer, nie eine, die sich beschwert, wenn die Heizung mal spinnt. Ihr Mann, Thorsten, ein hochgewachsener Mann mit Norddeutschem Akzent, grüßte mich seltener, meistens mit dem Handy am Ohr.
„Großer Tag heute?", fragte ich, weil ich es nicht lassen konnte.
„Riesig", sagte sie und lachte. „Bonus und eine Extrawoche Urlaub. Ich koch heute Grünkohl, seinen Lieblingsgericht."
Ich hab gedacht: Na, dann hat wenigstens einer in diesem Haus mal Grund zur Freude. Der Fahrstuhl fuhr hoch, ich hörte noch, wie sie oben die Tür aufschloss.
Was danach passierte, hab ich natürlich nicht direkt mitbekommen. Aber ich hab es zusammengesetzt, Stück für Stück, aus dem, was ich hörte und sah, weil ich fast jeden Tag im Haus war und weil Katja mir irgendwann, Wochen später, im Hausflur alles erzählt hat, während sie auf ein Taxi wartete.
Thorsten kam an dem Abend nach Hause, roch den Grünkohl, sah seine Frau glücklich in der Küche stehen — und wurde blass. Nicht vor Freude. Katja, die ihn aufheitern wollte, weil er so angespannt wirkte, hat ihm halb im Scherz gesagt, sie hätte gekündigt, jetzt könne sie sich ja endlich nur noch um den Haushalt kümmern, so wie er es sich immer gewünscht hatte. Er hat kurz gestockt, dann gesagt, das sei ja gut, dann müsse sie sich wenigstens nicht mehr so abrackern, und ist ins Bad verschwunden.
Katja hat mir später erzählt, dass sie in dem Moment schon gespürt hat: etwas stimmt nicht. Thorsten hatte ihr in den letzten zwei Jahren immer wieder vorgehalten, eine richtige Frau bliebe zu Hause, kümmere sich um Mann und Wohnung, während er das Geld ranschafft. Dabei verdiente Katja als Projektleiterin bei einer Software-Firma in der Innenstadt fast doppelt so viel wie er. Die Eigentumswohnung, in der die beiden wohnten, lief zwar auf beide Namen, aber den Kredit für seinen gebrauchten Audi hatte sie allein abbezahlt — knapp achtzehntausend Euro über drei Jahre.
Drei Tage vergingen, und Katja tat, als würde sie nach einem neuen Job suchen, ohne wirklich etwas zu tun. Sie genoss ihren Urlaub, ging spazieren am Cospudener See, kaufte sich einen Kaffee im Bio-Laden um die Ecke, dessen Besitzer immer seinen Dackel mit ins Geschäft brachte. Ich hab sie ein paarmal getroffen, mit leuchtenden Augen, ganz anders als sonst.
Am vierten Tag brachte Thorsten zwei Stellenanzeigen mit nach Hause und drängte sie, sich zu bewerben. Ich hab das mitbekommen, weil ich zufällig im Flur die Briefkästen leerte und die beiden aus der Wohnungstür kamen — er redete auf sie ein wie ein Vorgesetzter, nicht wie ein Ehemann. Katja bewarb sich, natürlich ohne echte Absicht, nur um zu sehen, wie weit er gehen würde. Er rief mehrmals am Tag an, um zu fragen, ob es schon eine Rückmeldung gäbe. Als angeblich eine Einladung zum Vorstellungsgespräch kam, fuhr er sie selbst hin — sie stieg aus, setzte sich zehn Minuten ins Café gegenüber, kam zurück und sagte, es habe nicht geklappt. Er fluchte den ganzen Heimweg.
Zu Hause, während er wieder zur Arbeit fuhr, öffnete Katja seinen Laptop. Der erste Suchverlauf, den sie sah: „Wie bringe ich meine Frau dazu, wieder arbeiten zu gehen." Sie hat mir erzählt, sie musste laut lachen, mitten in der leeren Wohnung. Danach fand sie Anzeigen für einen neuen 3er BMW, eine Rolex Submariner für über achttausend Euro, eine PlayStation 5 mit allem Zubehör.
Sie fing an, Dinge zusammenzuzählen, die ihr vorher nie aufgefallen waren. Der Bürostuhl von Thorsten, ergonomisch, italienisches Leder, teurer als ihre Waschmaschine. Seine Uhren. Die Handys, die er alle anderthalb Jahre wechselte. Wann er ihr zuletzt Blumen mitgebracht hatte — sie kam auf kein Datum. Geschenke wählte sie meistens selbst aus und bezahlte sie dann mit ihrer eigenen Karte.
Am Tag danach machte sie die Probe. Sie bat ihn, ihrer Mutter etwas Geld zu leihen, die knapp bei Kasse war. Ich stand zufällig im Erdgeschoss am Briefkasten, als die beiden die Treppe runterkamen, und hab gehört, wie er sagte, er ernähre schon genug Leute, ob er jetzt auch noch ihre Mutter durchfüttern solle. Katja hat ihm geantwortet, der Kühlschrank sei so gut wie leer, ob das seine Vorstellung von Versorgen sei. Er meinte, kein Geld mehr zu haben, er hätte sich die Konsole bestellt und müsse sie am Nachmittag abholen.
Sie fragte, wovon sie dann leben sollten. Er sagte, es reiche schon irgendwie bis zum nächsten Gehalt, und dass sie sowieso abnehmen solle, sie bekäme schon einen kleinen Bauch. Katja hat mir gesagt, in dem Moment sei ihr klar geworden, dass der Mann, der da vor ihr stand, nichts mehr mit dem zu tun hatte, den sie geheiratet hatte.
Dann fragte er noch, ob endlich Mieter für ihre alte Wohnung im Leipziger Westen gefunden seien — die Wohnung, die Katja von ihrer Großmutter geerbt hatte und die auf sie allein eingetragen war. Sie solle doch endlich eine Anzeige schalten, sie habe ja jetzt genug Zeit dafür.
Da hat sie gesagt, sie werde gar nichts mehr zu Hause sitzen, sie packe ihre Sachen und ziehe zurück in genau diese Wohnung.
Ich war an dem Nachmittag zufällig im Haus, weil ein Rohr im Keller tropfte, und hab die beiden vor dem Fahrstuhl reden hören — die Tür stand einen Spalt offen, so laut waren sie. Er hat gefragt, wovon sie denn leben wolle, wenn sie ohnehin nirgends genommen werde. Sie hat ihn gefragt, ob ihn das wirklich interessiere. Er hat gesagt, sie seien schließlich verheiratet. Und sie hat geantwortet, ja, verheiratet, nur dass er sich daran reichlich spät erinnere — und dass er ihr jetzt die Autoschlüssel geben solle, der Wagen laufe auf ihren Namen, den Kredit habe sie allein bezahlt, das ließe sich leicht beweisen.
Er hat geschrien, sie habe sich bei ihm eingenistet und werfe ihm jetzt was vor, wenn sie einen Geldbeutel gesucht habe, hätte sie sich lieber einen reichen alten Mann suchen sollen.
Katja hat nur gelacht. Sie hat gesagt, sie habe sich bei niemandem eingenistet, das sei nur eine kleine Auszeit gewesen, am Montag gehe sie wieder arbeiten. Und dass es ihn ohnehin nichts mehr angehe.
Ich hab dann mein Werkzeug genommen und bin runter in den Keller gegangen, weil das nicht meine Sache war. Aber am Abend, ich weiß es noch genau, weil an dem Tag der Wetterbericht Frost angekündigt hatte, stand ich unten am Klingelbrett und sah, wie Katja mit einer großen Reisetasche und einem Aktenordner unterm Arm aus dem Fahrstuhl kam. In dem Ordner, das hat sie mir später gezeigt, waren die Kreditunterlagen für den Audi, der Grundbuchauszug ihrer geerbten Wohnung und die Kontoauszüge der letzten drei Jahre, alle ordentlich sortiert.
Sie ist zu ihrem Anwalt gefahren, noch am selben Abend, hat mir eine Nachbarin später erzählt, die im Café gegenüber der Kanzlei am Barfußgäßchen kellnert. Innerhalb von zwei Wochen war der Kredit für den Audi auf Thorstens Namen umgeschrieben — Katja hatte ihn vorzeitig aus der Mithaftung genommen, weil sie ohnehin allein gezahlt hatte, und ließ sich die restlichen sechstausend Euro, die noch offen waren, von ihm allein weiterzahlen. Die geerbte Wohnung kündigte sie den bisherigen Mietinteressenten, die er organisiert hatte, und vermietete sie stattdessen selbst an eine junge Krankenschwester, die im Klinikum arbeitete — die erste Monatsmiete ging auf ihr eigenes Konto, elfhundert Euro, pünktlich am Ersten.
Ich hab Thorsten seitdem zweimal im Haus gesehen. Einmal stand er unten vor dem Klingelbrett und drückte lange auf den Knopf der elften Etage, aber da wohnte schon längst niemand mehr, der ihm aufmachte — Katja hatte ihren Namen vom Schild entfernen lassen und war bei ihrer Mutter in Markkleeberg untergekommen, bis ihre eigene Wohnung frei wurde. Das zweite Mal kam er mit einem Umzugswagen und zwei Kumpels, um seine restlichen Sachen aus der gemeinsamen Wohnung zu holen — den teuren Bürostuhl hab ich selbst noch die Treppe runtertragen sehen, vorsichtig, als wäre er aus Glas.
Katja hab ich seitdem nur noch einmal getroffen, im Frühling, an der Haltestelle vom Cospudener See. Sie kam gerade vom See, mit nassen Haaren, sagte, sie sei schwimmen gewesen, das Wasser sei noch kalt, aber sie mache das jetzt öfter. Ich hab sie nicht gefragt, wie es ihr geht. Man sieht das an manchen Leuten einfach.
