Der Kater hat ein halbes Jahr lang gefaucht – bis Jochen krank wurde

Ich war dreiundzwanzig, als ich Linus aus dem Tierheim in Bremen-Vahr holte. Ein graubrauner Fellball mit viel zu großen Ohren. Achtzehn Monate später war daraus ein stattlicher Kater geworden, der gern den halben Kopfpolster einnahm und schnarchte wie ein kleiner alter Mann. Er kraulte keine Tapeten, ging brav aufs Katzenklo und begrüßte mich jeden Abend an der Wohnungstür wie ein Hund. Wenn Freundinnen kamen, sprang er auf den Schoß und räkelte sich hin, als wäre er das beste Stück der Einrichtung. Meine Mutter nannte ihn den «Herren aus gutem Hause».

Jochen begegnete ich auf einem Geburtstag in der Neustadt. Er stand am Küchenbalkon und träufelte Regenwasser von der Brüstung, während drinnen alle lachten und sich gegenseitig Sekt einschenkten. Ich ging zu ihm, weil mir die lauten Leute auf die Nerven gingen. Wir redeten über den ÖPNV, über Brennnesseltee und darüber, wie sehr er es hasst, wenn jemand «Schönes Gefühl» sagt, aber dabei gar kein Gefühl meint. Ich dachte erst, er wäre grantig. Dabei war er bloß trocken im Ton. Erst später merkte ich, dass er fast immer einen Scherz machte – nur eben mit völlig unbewegtem Gesicht.

Zwei Wochen später tranken wir bei mir Kaffee, weil wir auf dem Weg zu meiner Wohnung in Schwachhausen in einen Bremer Schauer gerieten. Linus kam sofort in den Flur, blieb aber auf halbem Weg stehen. Sein Rücken stieg an. Die Ohren klappten nach hinten, der Schwanz wurde doppelt so dick. Dann stieß er ein Fauchen aus, das durch den ganzen Flur zischte wie Dampf aus einem kaputten Heizkörper.

„Aha", sagte Jochen und blieb an der Garderobe stehen. „Der Herr hat eine Meinung."

„Der macht das sonst nie", sagte ich. „Der schmust mit jedem. Der hat mal mit dem Postboten geschmust."

Linus fauchte noch einmal, drehte sich um und verschwand unter der Küchenzeile. Aus der Lücke glommen zwei grüne Augen.

Jochen zog die Schuhe nicht aus. Er hockte sich auf halbe Distanz zur Küche und legte ein Stück Trockenfutter auf den Boden. Ich weiß noch, dass es nach Fisch roch.

„Komm, Chef. Friedensangebot."

Unter der Zeile rumpelte es. Dann schob sich eine graue Pfote hervor, schnellte vor und zog das Futter in die Dunkelheit. Jochen grinste.

„Na also. Er nimmt Bestechung an. Das ist schon mal was."

Doch dabei blieb es. Monatelang. Jochen kam, Linus fauchte, verschwand, und sobald sich die Wohnungstür hinter Jochen geschlossen hatte, sprang der Kater wieder auf meinen Schoß und schnurrte, als wäre nie etwas gewesen. Immer exakt dann, wenn ich das Jackett von Jochen vom Stuhl nehmen und aufhängen wollte, lag Linus darauf und sah mich an, als würde er verhandeln.

Ich versuchte alles. Futter, Spielzeug, Katzenminze aus dem Fressnapf in der Vahrer Straße. Jochen setzte sich einmal eine Dreiviertelstunde auf den Boden, las eine zerlesene Krimikassette aus der Stadtbibliothek und tat so, als gäbe es keinen Kater. Linus schlich hervor, beschnupperte seine Schuhspitze und hieb ihm dann mit ausgefahrener Kralle auf den Handrücken.

„Lass ihn", sagte Jochen und schüttelte die Hand aus. „Er hat eine klare Haltung."

Meine Freundin Nele, die in Findorff mit drei Katzen und einem Podenco lebt, sagte: „Der ist eifersüchtig. Du gehörst ihm, nicht dem Kerl." Meine Mutter sagte dasselbe, nur unfreundlicher: „Vielleicht riecht der Jochen nach jemandem, den Linus nicht will."

Ich wollte das nicht glauben. Jochen war kein Unmensch. Er spülte morgens die Tassen, auch meine. Er wechselte den Müllbeutel, ohne dass ich ihn darum bitten musste, und wusste nach dem dritten Besuch, dass ich den Kaffee mit einem Schuss Hafermilch trinke, nie vor zehn Uhr. Der Kater aber blieb unerbittlich.

Im November zog Jochen faktisch bei mir ein. Seine Zahnbürste stand neben meiner, seine Arbeitsschuhe standen im Flur, seine T-Shirts lagen im untersten Fach der Kommode. Linus verlegte sein Revier fortwährend. Wenn Jochen im Schlafzimmer war, hockte der Kater in der Küche. Wenn Jochen in die Küche kam, rutschte Linus rückwärts in den Flur und verharrte dort wie ein Wachposten. Sie bewegten sich durch dieselben Räume wie zwei Schachfiguren, die das gleiche Feld nicht betreten dürfen.

Dann fuhr Jochen im Dezember mit dem Rad zur Arbeit, obwohl draußen der erste Frost lag. Der Mantel war zu dünn, die Handschuhe lagen noch bei seiner Schwester in Delmenhorst. Am Abend stand er in der Küche, die Nase rot, und sagte: „Mich zwickt's im Hals." Um zwei Uhr nachts hatte er neununddreißig acht. Um sechs früh vierzig eins.

Ich legte ihm ein feuchtes Tuch in den Nacken und schrieb der Hausärztin eine Nachricht aufs Band. Um halb acht stand Frau Dr. Brenneke im Schlafzimmer, klopfte seinen Rücken ab, setzte ihm das Stethoskop auf die Brust und sagte, dass die Lunge noch frei sei, das könne sich aber ändern. Sie ließ ein Rezept da. Bevor sie ging, sah sie mich über den Brillenrand an: „Wenn er schlechter Luft bekommt, sofort 112."

Jochen flüsterte aus dem Bett: „Die Frau tut so, als läge ich im Sterben."

„Du siehst auch so aus."

Ich ging am dritten Tag zur Apotheke am Roland, weil der Fiebersaft leer war und ich vergessen hatte, frischen Tee zu kaufen. Es war kurz nach neun, der Himmel hing tief über der Weser. Vor mir stand eine Frau aus dem Nachbarhaus, kaufte Kamillentee und redete mit der Apothekerin über ihre Hüfte. Ich trat von einem Fuß auf den anderen. 34,80 Euro kostete der Einkauf am Ende, ich weiß es noch, weil ich dachte, dass Fieber inzwischen teurer ist als ein Essen in der Kantine.

Als ich die Wohnungstür aufschloss, hörte ich nichts. Keinen Fernseher. Keinen Wasserkocher. Nur das leise Klicken der Heizung. Ich stellte die Tüte im Flur ab, zog die Stiefel aus und ging auf Zehenspitzen ins Schlafzimmer.

Jochen lag auf dem Rücken. Das Deckenende hing über die Bettkante. Auf seiner Brust lag Linus. Der Kater hatte die Augen halb zu, die Pfoten unter den Körper gezogen, und der ganze graubraune Körper hob und senkte sich mit Jochens Atem. Bei jedem Einzug des Brustkorbs stieg der Kater leicht auf, bei jedem Auszug sank er ab. Dazu ein gleichmäßiges, tiefes Schnurren, das klang wie ein alter Kühlschrank.

Ich stand im Türrahmen und rührte mich nicht. Linus öffnete ein Auge, sah kurz zu mir herüber, drückte das Kinn an Jochens Brustbein und machte das Auge wieder zu.

Im Flur setzte ich mich auf den Hocker neben der Schuhablage. Da lag noch die Quittung von der Apotheke. Ich faltete sie viermal zusammen, faltete sie wieder auseinander. Dann hörte ich aus dem Schlafzimmer Jochens Stimme, rau und viel höher als sonst:

„Äh. Hallo? Da liegt wer auf mir."

Ich stand auf und blieb im Türrahmen stehen. „Nicht bewegen. Das ist der Besuch."

„Ich beweg mich ja nicht. Ich atme nicht mal richtig."

Linus räkelte sich. Er gähnte, streckte die Vorderpfoten aus, fuhr die Krallen aus und ein, und stieß dann die Nase gegen Jochens Kinn. Er legte sich wieder zurecht, mitten auf dem Brustbein.

Jochen sah zu mir herüber. Seine Augen glänzten, das kam nicht vom Fieber.

„Der ist warm", sagte er.

„Du hast noch achtunddreißig zwei."

„Nein. Hier auf der Brust." Er deutete mit dem Finger auf das Fell, ohne den Kater zu berühren. „Der wärmt von außen."

Ich zog mir den Stuhl ans Bett. Linus brummte noch eine Spur lauter.

Fünf Tage später rasierte sich Jochen zum ersten Mal wieder. Er stand im Badezimmer, der Rasierer summte, und als er in die Küche kam, roch er nach dem billigen Schaum aus der Drogerie, den er immer kauft. Er trank seinen Kaffee im Stehen, wie er es immer tat, wenn er sich wieder gesund fühlte. Linus saß neben seinen Füßen. Einfach so. Kein Fauchen, keine angelegten Ohren, kein hochgezogener Rücken. Er sah zu Jochen hinauf, blinzelte und legte den Kopf schief.

Jochen ließ die Hand sinken. Ganz vorsichtig, als würde er ein frisch verputztes Stück Wand nicht beschädigen wollen. Seine Fingerspitzen berührten das Fell zwischen den Ohren. Linus zog den Kopf nicht weg. Er schob die Stirn gegen Jochens Finger, drehte den Kopf zur Seite und bot ihm die Stelle hinter dem Ohr an. Jochen kraulte ihn. Der Kater kniff die Augen zusammen.

Ich stand am Herd, ein Ei zischte in der Pfanne, und ich wendete es nicht um. Es wurde an der Unterseite dunkel, aber ich rührte mich nicht. Linus hob den Schwanz, strich Jochen um das Bein und ließ ein kurzes, zufriedenes „mrrp" hören.

Von da an war es, als hätte jemand einen Schalter umgelegt. Zuerst schlief Linus am Fußende. Eine Woche später auf Jochens Bauch. Dann auf dem zweiten Kopfkissen, den Schwanz über Jochens Gesicht gelegt. Wenn Jochen abends von der Arbeit kam, lief der Kater zur Tür, den Schwanz steil nach oben, und forderte sofort sein Kraulen ein. Morgens saß er neben Jochens Tasse und starrte ihn an, bis Jochen ihm ein Stückchen von seinem Graubrot abgab.

„Du hast mir den Kater geklaut", sagte ich.

„Ich hab ihn belagert. Sechs Monate. Belagerung gewinnt man nicht durch Angriffe, sondern durch Geduld."

„Du warst krank, und er hat dich bemitleidet."

„Er hat mich anerkannt. Das ist ein Unterschied."

Vielleicht hatte Jochen recht. Ich habe oft darüber nachgedacht, was damals in den vierzig Minuten passiert ist, als ich in der Apotheke war. Linus hörte im Schlafzimmer einen Menschen, der sonst immer aufrecht herumlief, plötzlich flach lag. Sein Geruch hatte sich verändert, von Rasierschaum und Fahrradöl zu Schweiß und Medikament. Vielleicht dachte der Kater: Der ist jetzt unten, der kann mir nicht gefährlich werden. Und wer unten liegt und trotzdem den Platz in meiner Wohnung hält, der bleibt.

Nele sagte, Katzen legen sich auf kranke Stellen. Meine Mutter sagte, Tiere spüren, wenn jemand am Ende ist. Ich glaube, es war einfacher: Linus hatte monatelang nicht verstanden, warum dieser Mann immer wieder in unsere Wohnung kommt. Und in dem Moment, als Jochen nicht mehr kommen konnte, hat er kapiert, dass er schon da war.

Im Frühjahr ging ich zur Hausverwaltung. Ich brauchte keinem etwas davon erzählen. Ich füllte das Formular aus, legte meinen Personalausweis dazu, zahlte dreißig Euro Bearbeitungsgebühr. Die Frau am Empfang trug Rosenquarzohrringe und roch nach einem Parfum, das ich aus der Straßenbahn kannte. Sie druckte den neuen Mietvertrag aus. Zwei Namen im Feld „Mieter". Jochen Behrens, Steuerklasse eins, Heizungstechniker, geboren in Bremerhaven.

Ich legte den Vertrag auf den Küchentisch. Neben die Kaffeemaschine. Und stellte Linus' Wassernapf daneben, damit es nicht zu feierlich aussah.

Am Abend kam Jochen nach Hause. Er hängte die Jacke an den Haken, strich Linus über den Kopf und ging in die Küche, um sich Tee zu machen. Dann sah er den Vertrag. Er las die erste Seite, die zweite. Er drehte den Vertrag um, als ob auf der Rückseite eine Erklärung stünde.

„Was ist das?"

„Du wohnst hier jetzt offiziell. Mit Briefkasten und Kehrwoche."

Er sah mich an. Dann sah er den Kater an, der auf den Tisch sprang und sich mitten auf die Papiere setzte. Linus begann zu schnurren.

„Der genehmigt es", sagte ich.

Jochen füllte Wasser in den Wasserkocher. Er drückte den An-Knopf, und der Kocher begann zu rauschen. Er sagte nichts. Aber er nahm einen schwarzen Stift aus der Schublade, und unter die Unterschrift der Vermieterin setzte er seinen Namen. Danach legte er den Stift zurück, holte die Teebeutel aus dem Schrank und tat, als wisse er nicht, wie man eine Tasse richtig hinstellt.

Linus beobachtete jeden Schritt. Als der Tee fertig war, sprang er von den Papieren, strich um Jochens Beine und legte sich dann wieder auf den Vertrag. Auf das Feld mit den zwei Namen.

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