Die Werkstatt, die meinem Sohn nie gehörte

Es roch nach Bohnerwachs, als Renate Brummel am Dienstagnachmittag die Kanzlei betrat, und irgendwo im Hinterzimmer lief ein Radio, viel zu leise, um die Nachrichten zu verstehen. Sie war fünfundsechzig, trug den grünen Wollmantel, den sie sich zu ihrem letzten Geburtstag selbst geschenkt hatte, und in der Handtasche lag ein brauner Umschlag, den sie seit drei Wochen mit sich herumtrug wie eine Zeitbombe, die noch niemand entschärft hatte.

Notar Feldmann kannte sie. Er hatte schon das Testament ihres Mannes beglaubigt, damals, vor elf Jahren, als Werner noch lebte und die Autowerkstatt in Krefeld jeden Morgen um sieben Uhr aufschloss. „Setzen Sie sich, Frau Brummel", sagte er, und sie tat es, den Umschlag fest auf dem Schoß.

Die Werkstatt war alles, was von Werner geblieben war. Drei Hebebühnen, ein Kompressor, der immer ein bisschen zu laut lief, und ein Schild über der Tür — BRUMMEL KFZ-SERVICE — das sie eigenhändig hatte neu lackieren lassen, als die Farbe nach der ersten Wintersaison abblätterte. Sohn Torben, dreiunddreißig, hatte den Betrieb vor vier Jahren übernommen, offiziell als Geschäftsführer, während Renate im Hintergrund die Buchhaltung machte und jeden Monat still zusah, wie die Zahlen besser wurden.

Und dann, vor drei Wochen, hatte sie beim Aufräumen des Aktenschranks im Büro einen Handelsregisterauszug gefunden. Nicht Torbens Namen stand dort als alleiniger Inhaber. Sondern der von Jasmin, seiner Frau seit zwei Jahren — eine Frau, die Renate erst zur Hochzeit richtig kennengelernt hatte, die aus Duisburg kam und dort, wie es hieß, schon einmal ein Nagelstudio in die Insolvenz gefahren hatte.

„Sie hat sich als Miteigentümerin eintragen lassen", sagte Renate zu Feldmann, und ihre Stimme blieb ruhig, viel ruhiger, als es ihr im Bauch war. „Fünfzig Prozent. Ohne dass ich davon wusste. Ohne dass Torben mir ein Wort gesagt hat."

Der Notar blätterte durch die Kopien, die sie mitgebracht hatte. „Und die Werkstatt gehört formal Ihnen?"

„Bis heute steht sie auf meinen Namen im Grundbuch. Das Gebäude. Werner hat es mir vererbt, nicht Torben. Er durfte es nur führen." Sie schluckte. „Ich habe geglaubt, das reicht als Vertrauen."

Was Renate nicht sofort erzählte, weil es ihr selbst noch zu frisch war: Vor zehn Tagen hatte sie im Supermarkt an der Ecke Jasmin getroffen, zufällig, zwischen Tiefkühlregal und Kasse sechs. Jasmin hatte sie kaum gegrüßt, dafür beiläufig erwähnt, dass „wir sicher bald mal über eine Erweiterung nachdenken, vielleicht Richtung Krefeld-Uerdingen, da ist Platz für eine zweite Filiale." Wir. Als gehöre ihr längst mehr, als je vereinbart worden war. Renate hatte an der Kasse ihre Butter vergessen zu bezahlen und war zweimal zurückgegangen, bevor sie es merkte.

Zu Hause, in der Küche mit den gelben Fliesen, die Werner in den Neunzigern selbst verlegt hatte, rief sie ihren Sohn an. Torben kam noch am selben Abend, roch nach Motoröl und Zigaretten, die er eigentlich aufgegeben hatte, und setzte sich an den Tisch, ohne die Jacke auszuziehen.

„Mama, das ist doch nur Papierkram. Jasmin wollte, dass wir absichern, falls mir was passiert."

„Und mir sagt man das nicht? Ich bin die Eigentümerin des Grundstücks, Torben. Nicht ihr."

Er rieb sich das Gesicht. „Es ändert doch nichts. Ich führe die Werkstatt, ich mache die Arbeit—"

„Und sie besitzt die Hälfte von etwas, das ihr nie gehört hat."

Es fiel kein lautes Wort. Kein Geschirr flog gegen die Wand, wie es in den Filmen manchmal passiert. Nur eine Stille, die sich zwischen ihnen ausbreitete wie kalter Kaffee, den keiner mehr trinken wollte. Draußen bellte der Schäferhund der Nachbarn, wie jeden Abend um diese Zeit, ein Geräusch, das Renate seit fünfzehn Jahren kannte und das ihr an diesem Abend zum ersten Mal wie ein Countdown vorkam.

„Ich brauche zwei Wochen, um darüber nachzudenken", hatte sie schließlich gesagt. Torben war gegangen, ohne den Tee anzurühren, den sie ihm eingeschenkt hatte.

Jetzt, in der Kanzlei, legte sie Feldmann den Umschlag vor. Darin: der Grundbuchauszug, eine Kopie des Nutzungsvertrags, den Werner und sie vor Jahren mit Torben aufgesetzt hatten — befristet, das stand klar drin, „bis auf Widerruf durch die Eigentümerin" — und ein Blatt Papier, auf dem sie in ihrer eigenen, etwas zittrigen Schrift notiert hatte, was sie wollte.

„Ich möchte den Nutzungsvertrag widerrufen", sagte sie. „Mit sofortiger Wirkung. Das Gebäude bleibt mein Eigentum, das war es immer. Und ich möchte, dass Sie mir helfen, es neu zu vermieten. An jemanden, der es tatsächlich führen will — ohne dass jemand sich heimlich die Hälfte einträgt."

Feldmann sah sie über den Rand seiner Brille an. „Das bedeutet, Ihr Sohn verliert den Betrieb."

„Mein Sohn verliert nichts, was ihm je gehört hat. Er kann die Werkstatt weiterführen — als Mieter, mit einem Vertrag, den ich unterschreibe, nicht seine Frau. Zwölfhundert Euro Kaltmiete im Monat, marktüblich, das habe ich mir sagen lassen. Wenn er das will, reden wir. Wenn nicht, vermiete ich an die Firma Özkan aus Uerdingen, die hat letzten Monat schon angefragt."

Drei Tage später stand Torben vor der Werkstatt, als der Schlosser kam, um die Schließanlage umzustellen — nicht weil Renate ihn aussperren wollte, sondern weil im alten Vertrag stand, dass bei Widerruf binnen 72 Stunden die Schlüssel neu geregelt werden. Jasmin war dabei, in einem cremefarbenen Mantel, der nicht zur Kälte des Novembermorgens passte, und rief etwas von „das könnt ihr nicht machen, das ist Enteignung", während der Handwerker in aller Ruhe die alte Sicherheitstür aufschraubte.

Renate stand mit dem Grundbuchauszug in der einen Hand und ihrem Handy in der anderen, auf dem noch die Kontoübersicht offen war — die zwölf Jahre, in denen sie Nebenkosten, Versicherung und Grundsteuer für dieses Gebäude aus ihrer eigenen Witwenrente mitfinanziert hatte, weil die Werkstatt in den ersten Jahren kaum etwas abwarf. „Es ist keine Enteignung, Jasmin. Es ist mein Eigentum. Ich habe es bezahlt, ich zahle die Steuern dafür, und niemand hat mich gefragt, bevor mein Name durch deinen ersetzt wurde." Sie sagte es ruhig, ohne Triumph in der Stimme, so wie man eine Rechnung vorliest.

Torben sagte nichts. Er stand da, die Hände in den Jackentaschen, und sah zu, wie der neue Schlüsselbund in Renates Handtasche verschwand.

Zwei Monate später — es war kurz vor Weihnachten, die Fußgängerzone in Krefeld roch nach gebrannten Mandeln, und Renate hatte gerade den Tannenbaum vom Markt am Ostwall geholt — rief Torben an. Er hatte einen neuen Mietvertrag unterschrieben, ohne Jasmins Namen, für die Werkstatt, zu den zwölfhundert Euro, die Renate genannt hatte. Jasmin war im Januar ausgezogen, aus der gemeinsamen Wohnung in Fischeln; was genau vorgefallen war, wusste Renate nicht sicher, nur dass eine Nachbarin ihr erzählte, es habe Streit gegeben um Geld, das angeblich für „die Erweiterung nach Uerdingen" schon verplant gewesen war, obwohl es diese Erweiterung nie gegeben hatte. Renate stellte keine Fragen. Sie hängte die Lichterkette auf, die Werner jedes Jahr im Dezember am Fenster befestigt hatte, und schaltete sie zum ersten Mal seit seinem Tod wieder selbst ein.

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