Ich verkaufe seit elf Jahren Blumen in meinem Laden an der Karl-Marx-Straße, gleich neben der Bäckerei, aus der immer dieser Geruch nach Mohnbrötchen auf die Straße zieht. Man lernt in diesem Beruf mehr über Menschen als in mancher Therapiestunde, das kann ich Ihnen sagen. Die Kunden kommen mit einem Anlass, aber sie gehen mit ihrer ganzen Geschichte wieder raus, ob sie wollen oder nicht.
Frau Bertram kannte ich seit drei Jahren. Sie kam meistens dienstags, kurz bevor ich schloss, so gegen halb sieben. Anfangs kaufte sie große Sträuße — Ranunkeln, wenn sie welche wollte, oder diese teuren Pfingstrosen, die ich nur im Mai bekomme. Sie sagte immer, ihr Mann Jonas mag es, wenn die Wohnung nach etwas Lebendigem riecht. Ich hab nie gefragt, warum er sich selbst keine kauft. Das geht mich nichts an, dachte ich damals.
Mit der Zeit wurden die Sträuße kleiner. Erst nur noch fünf Stiele Tulpen, dann irgendwann bloß ein Bund Gerbera für vier neunzig, weil sie, wie sie sagte, "diese Woche knapp bei Kasse ist". Ich wunderte mich, denn sie arbeitet doch als Steuerberaterin, das hatte sie mal erwähnt, als sie mir bei der Anmeldung für mein eigenes kleines Gewerbe half. Aber man fragt nicht. Man wickelt das Papier um die Stiele und wünscht einen schönen Abend.
Was mir auffiel: Sie kaufte nie mehr für sich selbst. Immer nur für ihn, für den Flur, für den Esstisch, damit die Wohnung "einladend" wirkt, wenn er Kollegen mitbringt. Einmal, es war kurz vor Weihnachten, der Laden roch nach Zimt, weil ich die Duftkerzen ausgepackt hatte, fragte ich sie beiläufig, ob sie sich nicht mal ein kleines Sträußchen für ihr eigenes Büro gönnen wolle. Sie lachte kurz, fast erschrocken über die Frage, und sagte, dafür sei jetzt gerade keine Zeit, Jonas brauche sie zu Hause.
Ich hab damals nichts weiter gesagt. Man verkauft Blumen, keine Ratschläge, das hab ich mir früh angewöhnt.
Im Februar, an einem Dienstag mit Nieselregen, kam sie nicht zur gewohnten Zeit. Erst gegen acht, als ich schon die Kasse zählte. Sie hatte keine Jacke an, nur einen dünnen Pullover, und die Haare klebten ihr nass an der Stirn. Sie fragte, ob ich noch offen hätte. Ich sagte ja, natürlich, auch wenn ich eigentlich schon zumachen wollte.
Sie stand lange vor dem Kühlregal mit den Schnittblumen und rührte sich nicht. Ich fing an, die Eimer mit den Sonnenblumen umzuräumen, nur um etwas zu tun, weil die Stille im Laden anfing, unangenehm zu werden. Dann sagte sie, ohne sich umzudrehen: "Geben Sie mir die weißen Rosen. Für mich. Nur für mich, heute, zum ersten Mal."
Ich hab sie eingepackt, zwölf Stück, das teuerste Bund im Laden, und wollte ihr den üblichen Rabatt geben, den ich Stammkunden mache. Sie lehnte ab. Zahlte den vollen Preis, sechsundzwanzig Euro fünfzig, mit der Karte, und steckte den Kassenbon sorgfältig in ihre Handtasche, als wäre er wichtig.
Beim Rausgehen blieb sie an der Tür stehen. Die Glocke über der Tür hatte schon geklingelt, aber sie kam noch mal zurück, nur einen Schritt.
"Wissen Sie", sagte sie, "ich hab drei Jahre lang für seine Wohnung Blumen gekauft. Nie für meine eigene. Ich hab gedacht, wenn ich lange genug warte und genug gebe, wird er irgendwann merken, dass ich auch was brauche." Sie hielt die Rosen fest an sich gedrückt. "Heute Morgen hat er gesagt, ich soll aufhören, ihn mit meinen Erwartungen zu nerven. Und da hab ich in der Mittagspause gekündigt — nicht die Arbeit, die Wohnung, die wir zusammen gemietet haben. Ich zieh Ende März aus."
Ich weiß nicht, was ich darauf hätte sagen sollen. Ich hab nur genickt und ihr die Tür aufgehalten, weil die Klingel schon wieder anschlug und der Wind reinkam.
Zwei Wochen später sah ich sie wieder, samstags diesmal, mit einer Freundin. Sie kaufte eine Orchidee, dunkelviolett, für sich, "für den neuen Schreibtisch in der neuen Wohnung", wie sie erklärte, ohne dass ich gefragt hatte. Sie wirkte anders, aufrechter irgendwie, obwohl ich das eigentlich nicht beurteilen kann nach zwei, drei Begegnungen im Jahr.
Vor ein paar Wochen, im Juli, kam sie noch einmal vorbei, um eine Vase abzuholen, die sie bei mir bestellt hatte. Da erzählte sie mir beiläufig, während ich das Wechselgeld zählte, dass Jonas sich bei ihr gemeldet hätte, Monate nach der Trennung, mit der Bitte, ob sie nicht die Kaution für die alte Wohnung noch mit ihm teilen könne, weil er allein die zwölfhundert Euro nicht aufbringen könne. Sie hatte abgelehnt. Nicht laut, nicht mit einem großen Streit am Telefon, einfach mit einer kurzen Nachricht, dass sie das Konto, über das früher beide Mieten liefen, bereits vor zwei Monaten aufgelöst habe und ihre Hälfte längst zurückbekommen habe, seine solle er sich woanders holen.
Ich hab ihr die Vase eingepackt, in braunes Papier, so wie sie es mag, und sie ist gegangen, ohne sich noch mal umzudrehen.
