Das Halsband

Als der Notar die Blätter zusammenschob und sagte, das war's, ist meine Tante Roswita aufgesprungen wie von der Tarantel gestochen. Keiner hatte etwas bekommen. Kein Cent, kein Ring, kein Quadratmeter vom Haus in Lüneburg, in dem meine Großmutter Erika einundvierzig Jahre gelebt hatte. Ich saß da mit meiner Kaffeetasse aus der Notariatsküche und habe die Zahlen auf dem Testament noch dreimal durchgezählt, weil ich dachte, ich lese falsch. Stand da nicht.

Ich heiße Frida, bin achtunddreißig, arbeite als Physiotherapeutin in Uelzen, und in den letzten vier Jahren bin ich fast jeden zweiten Tag nach der Arbeit zu meiner Oma gefahren. Vierzig Minuten Landstraße, immer die gleiche Ausfahrt bei dem Schild mit dem angefahrenen Rehkopf drauf, das die Gemeinde nie ausgetauscht hat. Ich habe ihr die Kompressionsstrümpfe angezogen, ihre Insulinspritzen kontrolliert, mit ihr Rommé gespielt, bei dem sie schamlos geschummelt hat und es auch noch zugegeben hat, wenn ich sie erwischte. Und jetzt: nichts. Nicht mal die alte Nähmaschine, die ich mir mal gewünscht hatte.

Im Wohnzimmer ging es zu wie auf dem Wochenmarkt kurz vor Ladenschluss. Mein Cousin Torben stritt sich mit seiner Mutter um die Anrichte aus Nussbaumholz, jemand hatte schon die Meißner Tassen in einen Umzugskarton gepackt, bevor überhaupt geklärt war, wem die gehören sollten. Ich hab's nicht mehr ausgehalten und bin raus auf die Terrasse.

Da saß Wanda. Omas Hovawart-Hündin, mittlerweile zwölf Jahre alt, das Fell um die Schnauze schon grau. Sie saß neben dem leeren Schaukelstuhl, genau da, wo Oma immer ihren Nachmittagskaffee getrunken hatte, und rührte sich nicht. Als hätte sie noch nicht kapiert – oder als hätte sie es als einzige wirklich kapiert. Ich hab mich neben sie auf die Fliesen gesetzt, die Kälte durch die Jeans gespürt, und in dem Moment kam es bei mir an, wirklich an: Oma war weg. Nicht im Krankenhaus, nicht kurz beim Arzt. Weg.

Weil von der Erbmasse für mich ohnehin nichts übrig war, hab ich zu meinem Onkel Gerhard gesagt, dann nehme ich wenigstens die Hündin. Keiner hat widersprochen. Ich glaube, keiner wollte sich um ein zwölfjähriges Tier mit Hüftproblemen kümmern, das monatlich für Futter und Tierarzt schon mal seine fünfzig, sechzig Euro kostet.

Am Abend, bei mir zuhause in Uelzen, in der Küche mit dem tropfenden Wasserhahn, den ich seit einem Jahr reparieren will, kniete ich mich vor Wanda, um ihr das Halsband abzunehmen. Fürs Bad, dachte ich mir, sie sollte den Trauertag nicht auch noch mit dreckigem Fell verbringen. Das Leder war brüchig, dunkelbraun, mit einer kleinen Messingschnalle, die Oma bestimmt seit Jahren nicht poliert hatte. Und dann fiel mir auf: Auf der Innenseite war eine Naht, die nicht zu den anderen passte. Sauberer. Neuer. Ich hab mit dem Fingernagel drangezogen, und das Leder gab nach – ein schmales Fach, kaum breiter als mein kleiner Finger.

Darin steckte ein zusammengefalteter Zettel, in Klarsichtfolie eingeschweißt, damit die Feuchtigkeit nicht reinkommt. Omas Handschrift, die krakelige mit dem Zittern in den letzten zwei Jahren, aber trotzdem eindeutig ihre. Und eine Schlüsselnummer. Und ein Name: Sparkasse Uelzen-Lüchow, Filiale Bahnhofstraße, Schließfach 114.

Ich hab die halbe Nacht nicht geschlafen. Am nächsten Morgen, kurz nach Neun, stand ich vor der Sparkasse, noch bevor die Rolläden ganz oben waren. Die Angestellte, eine Frau um die fünfzig mit einer Lesebrille an der Kette, hat sich meinen Ausweis und Omas Sterbeurkunde angeschaut, dann lange auf dem Bildschirm rumgesucht. Schließlich sagte sie, das Fach sei tatsächlich seit sechs Jahren auf meinen Namen als Zugriffsberechtigte hinterlegt. Sechs Jahre. Da hatte ich mit Oma noch nicht mal jede Woche telefoniert.

In dem Schließfach lag ein Umschlag mit meinem Namen drauf, in derselben zittrigen Schrift. Und ein zweites, handschriftliches Testament, notariell beglaubigt, datiert auf vierzehn Monate vor ihrem Tod – also nach dem Testament, das gestern verlesen worden war. Darin stand: das Sparbuch mit einhundertzwölftausend Euro, angespart über Jahrzehnte aus ihrer Rente als Krankenschwester und aus dem Verkauf eines Ackergrundstücks bei Bevensen, sollte allein an mich gehen. Mit einer Zeile dazu, die ich seitdem auswendig kann: Frida war die Einzige, die kam, ohne dass ich fragen musste. Das Übrige soll unter den anderen aufgeteilt werden, wie sie es untereinander regeln – Wanda gehört zu Frida, das war schon immer so, ich hab's ihr nur nie gesagt.

Ich hab in der Schalterhalle gesessen, den Brief auf den Knien, und die Bankangestellte hat mir wortlos ein Glas Wasser hingestellt und sich dann diskret hinter ihren Schalter zurückgezogen. Draußen fuhr die Buslinie 500 vorbei, quietschend wie immer an der Kreuzung Bahnhofstraße Ecke Lindenstraße.

Zwei Wochen später saßen wir wieder alle beim selben Notar, diesmal wegen des zweiten, jüngeren Testaments. Torben wurde blass, Roswita fing an zu schreien, dass ich das Ding gefälscht hätte, dass eine sterbende alte Frau sowas nicht mehr selbst aufgesetzt haben könne. Der Notar hat ruhig auf die eigene notarielle Beglaubigung von vor vierzehn Monaten verwiesen, auf Omas eigene, damals noch feste Unterschrift, auf zwei Zeugen aus dem Seniorenzentrum, die das Dokument mit unterschrieben hatten. Roswita ist mit hochrotem Kopf rausgestürmt und hat seitdem meine Anrufe nicht mehr angenommen.

Ich hab das Geld nicht angerührt, außer für zwei Dinge. Ich habe Wandas Hüfte operieren lassen, viertausenddreihundert Euro bei der Tierklinik in Celle, weil der alte Hovawart sonst kaum noch die Treppe zu meiner Wohnung hochgekommen wäre. Und ich habe einen Dauerauftrag eingerichtet, monatlich achtzig Euro, an das Seniorenzentrum, in dem Oma ihre letzten Wochen verbracht hat, zweckgebunden für die Anschaffung von Gesellschaftsspielen für die Bewohner, die dort niemand mehr besucht.

Wanda liegt jetzt neben mir auf dem Küchenboden, während ich das schreibe, die Hüfte längst verheilt, das Fell um die Schnauze noch grauer als vor einem Jahr. Ab und zu hebt sie den Kopf, wenn draußen ein Auto bremst, so wie sie es früher bei Omas Wagen gemacht hat. Dann legt sie ihn wieder hin. Das alte Halsband liegt in einer Schublade bei mir, das schmale Fach immer noch offen, leer jetzt. Ich hab's nicht übers Herz gebracht, es wegzuwerfen.

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Uniad
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