Es war ihr letzter Abend in dem Studio, in dem sie sieben Jahre lang jeden Werktag um Punkt 18:47 vor der grünen Wand gestanden hatte. Johanna Kerber, 34, das Gesicht, das den Leipzigern sagte, ob sie am nächsten Morgen den Schirm einstecken sollten. Draußen fiel der erste Schnee des Jahres auf den Augustusplatz, und in der Redaktion roch es nach dem billigen Filterkaffee aus der Maschine, die schon seit der Fußball-WM 2006 dort stand.
Sie hatte die hohen Schuhe an, in denen sie immer ein paar Zentimeter größer wirkte, und den dunkelblauen Blazer, den die Requisite für sie reserviert hatte. Der junge Redakteur mit dem Nasenring drückte ihr den letzten Wetterbericht in die Hand.
„Du bist heute komisch“, sagte er.
„Ich bin nicht komisch. Ich bin fertig.“
Der Countdown lief. Die rote Lampe über der Kamera ging an. Und Johanna las nicht die Temperaturen vor.
„Meine Damen und Herren, ich stehe seit sieben Jahren hier und erzähle Ihnen, wann es regnet. Was Sie nicht wissen: Ich habe eine Ausbildung zur Konditorin. Und ich hasse Marzipan. Und Prognosen.“
Sie zog den Blazer aus. Darunter trug sie ein schwarzes Top mit Pailletten.
„Ab morgen stehe ich nicht mehr hier. Sondern auf einer Bühne in der Karli. Ich mache jetzt Stand-up-Comedy. Ich wollte es nur einmal vor Publikum sagen, das gar nicht lacht, wenn ich über Hochdruckgebiete rede.“
Der Tontechniker verschluckte sich an seinem Kaffee. Irgendwo fiel ein Ordner um. Die Regie brüllte in ihren Ohrstöpsel, aber Johanna zog sich den Knopf aus dem Ohr und warf ihn auf den Tisch mit den Wassergläsern.
Achtundvierzig Stunden später saß sie in der Wohnung ihrer Mutter in Gohlis, und auf dem Küchentisch lag ein Brief vom MDR. Vertragsverletzung, Schadenersatzforderung, Frist: 14 Tage. Summe: 18.500 Euro. Ihre Mutter, eine Frau mit Dauerwelle und dem festen Glauben an die Rentenformel, schob ihr einen Teller Kartoffelsuppe hin.
„Du hast einen festen Job weggeworfen“, sagte sie. „Für was? Für einen Witz?“
„Für vier Minuten ohne Lügen.“
„Vier Minuten. Die dich jetzt 18.500 kosten. Hast du die?“
Johanna schob die Suppe von sich weg. Sie hatte auf dem Konto 4.300 Euro, und der Rest ihres Lebens steckte in einem alten Ford Fiesta, der bei Minusgraden nicht ansprang, und in der Einzimmerwohnung in Reudnitz, deren Wände so dünn waren, dass sie jeden Abend den Fernseher des Nachbarn mithören konnte.
Der Anruf kam am nächsten Vormittag. Nicht vom Sender. Von ihrem Bruder. Er war Anwalt, Fachrichtung Medienrecht, und er hatte die Aufzeichnung gesehen.
„Johanna.“
„Marcel. Ich weiß. Ich soll mich entschuldigen, nicht?“
„Nein. Du sollst deine Kündigung zurückziehen. Die verklagen dich nicht, wenn du sagst, es war ein Zusammenbruch. Du gehst zum Betriebsarzt, lässt dir was attestieren, und in drei Monaten bist du wieder da. Als ob nichts gewesen wäre.“
„Ich bin nicht zusammengebrochen, Marcel. Ich bin aufgewacht.“
Am Telefon war nur das Rauschen der Freisprechanlage in seinem Auto. Dann ein Seufzen.
„Dad hätte gesagt, du bist verrückt.“
„Dad hat sein Leben lang Reifen gewechselt und ist mit 59 am Herzinfarkt gestorben. Ich will nicht warten, bis ich auch umfalle.“
Der erste Auftritt war in einem Kellerraum in der Karl-Liebknecht-Straße, in dem es nach kaltem Rauch und Sauerkraut roch. Vierzig Leute, vier wacklige Stehtische, eine Bühne, die eigentlich eine Getränkekiste mit einer Sperrholzplatte war. Der Mann davor, ein Mittvierziger mit Käppi, stellte sie vor als „die Frau, die dem Wetter den Stinkefinger gezeigt hat“.
Johanna stellte sich ans Mikrofon. Die Hände zitterten. Aber sie hielt sich nicht am Mikro fest, sondern griff in die Tasche und holte ein kleines Stück Marzipan heraus.
„Ich habe das heute in der Bäckerei gekauft“, sagte sie. „Für 80 Cent. Und ich werde es jetzt nicht essen. Ich werde es nur ansehen. Weil ich weiß, dass ich es hassen darf. Das ist der Unterschied zwischen uns: Ihr wisst, was ihr mögt. Ich habe sieben Jahre gebraucht, um zu wissen, was ich nicht mehr will.“
Einer lachte. Ein anderer rief: „Der Witz war besser!“
„War kein Witz“, sagte Johanna. „Das ist mein Ernst. Und der ist leider nicht so lustig wie ein Tief über dem Baltikum.“
An dem Abend kamen 60 Euro in den Hut. Sie legte sie in eine leere Kaffeekanne neben ihr Bett. Jeden Abend nach den Auftritten kam etwas dazu. 30, manchmal 80 Euro. Nach sechs Wochen konnte sie die erste Rate der Schadenersatzforderung anweisen.
Dann kam der Abend, an dem ihre Mutter im Publikum saß. Ganz hinten, im Wintermantel, den Kragen hochgeschlagen. Johanna sah sie erst, als sie schon auf der Bühne stand.
„Meine Mutter ist heute da“, sagte sie ins Mikrofon. „Sie findet, ich habe einen Fehler gemacht. Sie hat die Unterlagen für die Rente auf meinem Küchentisch gesehen und gesagt: Da, das passiert mit Frauen, die meinen, sie wären was Besseres.“ Ein kurzes Stocken. „Mama, ich bin nicht was Besseres. Ich bin nur was anderes.“
Die Mutter rührte sich nicht. Aber sie blieb bis zum Schluss.
Nach dem Auftritt fing Johanna sie an der Garderobe ab, einem engen Abstellraum mit defekter Neonröhre und einem Sessel voller Katzenhaare.
„Du hättest nicht kommen müssen.“
„Ich wollte sehen, ob du's ernst meinst.“ Die Mutter fingerte an dem Knopf ihres Mantels. „Der Mann am Nebentisch hat gelacht. Der ganze Tisch hat gelacht. Auch über die Stelle mit mir.“
„Das ist der Job, Mama. Witze über die Leute, die man liebt, sind die einzigen, die niemand wegnimmt.“
„Und wenn es vorbei ist? Wenn die Leute aufhören zu lachen?“
„Dann stehe ich trotzdem da. Das habe ich gelernt. Stehen und sprechen. Nur der Text ist ehrlicher.“
Die Mutter zog den Mantel aus. Darunter trug sie ein helles Tuch, das Johanna noch nie an ihr gesehen hatte. „Dein Vater“, sagte sie, „hat auch mal was anderes gewollt. Eine Tankstelle in Schweden. Er hatte sogar einen Prospekt. Lag die ganzen Jahre im Nachttisch.“
„Ich weiß. Ich hab ihn als Kind gefunden. Da war ein Foto von einem roten Haus an einem See. Und auf der Rückseite hatte er mit Kuli geschrieben: ‚Vielleicht, wenn die Kinder groß sind.‘“
„Er ist nie hingefahren.“
„Nein. Und ich will nicht, dass irgendwann jemand in meinem Nachttisch einen Prospekt findet und denkt: Vielleicht hätte sie es gekonnt.“
Der Anwalt des Senders schickte schließlich einen Vergleich. 12.000 Euro, Ratenzahlung, keine Klage. Johanna unterschrieb an einem Dienstagmorgen in einem Konferenzraum voller Aktenordner, während draußen der Schnee vom Augustusplatz zu grauem Matsch wurde. Sie reichte die Papiere über den Tisch.
„Sie haben Glück“, sagte der Anwalt. „Der Sender will kein Aufsehen. Eine Wetterfee, die ausrastet, wäre in den sozialen Medien ein zweischneidiges Schwert.“
„Ich bin nicht ausgerastet. Ich bin ruhig gegangen. Das ist der Unterschied.“
Sie legte die unterschriebene Vereinbarung in eine Mappe. Dieselbe Mappe, in der sie sieben Jahre lang ihre Steuererklärung gesammelt hatte. Jetzt lag darin nur dieses eine Blatt.
Marcel kam am Abend in ihre Wohnung. Nicht als Anwalt, sagte er, nur als Bruder. Er hatte zwei Döner dabei, einer mit scharf, und er redete zehn Minuten über sein neues Fahrrad, bevor er zum Punkt kam.
„Ich hab dich beim ersten Mal gegen die Wand gefahren“, sagte Johanna.
„Was?“
„Du wolltest mich überreden, nicht vorzutreten. Aber du warst der Erste, der mich vom Boden aufgesammelt hat, als ich mit zwölf von der Schaukel gefallen bin. Du kannst nicht anders. Du warnst. Aber du kommst auch immer zur Stelle.“
Marcel biss in den Döner. „Du schuldest denen 12.000. Wie willst du das bezahlen mit deinen Hut-Auftritten?“
Johanna nahm einen Schluck aus der Cola-Dose. „Ich habe die Auftritte. Und ich habe einen Vertrag für einen Podcast. Und ich habe beschlossen, die Wohnung zu kündigen. Ich ziehe ins Studio über dem Theater in der Eisenbahnstraße. Es riecht da nach Ölfarbe, und die Dusche ist im Flur, aber die Miete ist 240 Euro warm. Damit spare ich im Monat fast 500. In zwei Jahren bin ich durch.“
„Und dann?“
„Dann stehe ich auf einer Bühne. Und wenn es schiefgeht, habe ich wenigstens nicht für 18.500 gelernt, still zu sein.“
Zwei Jahre. Es wurde ein Jahr und neun Monate. Johanna rechnete jede Rate gegen die Auftritte auf: 60 Euro aus dem Hut, 150 für ein Firmenevent in Dresden, 320 für die Aufzeichnung eines Samstagabend-Formats im MDR-Fernsehen, das sie als Gast buchte. Der Sender, der ihr gekündigt hatte, bezahlte sie jetzt für zwanzig Minuten über das Wetter in ihrer Kindheit in Grünau. Sie verdiente daran mehr als an einem ganzen Monat Wetterkarten.
Die letzte Rate überwies sie an einem Freitagnachmittag. Sie saß am Küchentisch in der Wohnung über dem Theater, auf dem Laptop der alte, zerkratzte Bildschirm, und vor ihr lag das Löschformular für das Ratenkonto. Sie tippte die IBAN ab, prüfte die Summe. 12.000. Komma null null. Absenden.
Dann stand sie auf, nahm die Mappe mit der unterschriebenen Vereinbarung und legte sie in den Papiercontainer im Hof. Der Deckel schlug zu. Es klang wie ein Schlüssel, der ins Schloss fällt.
Sie ging zurück in ihre Wohnung, setzte sich an den Tisch und trank einen Schluck Wasser aus dem Glas, in dem noch ein Teebeutel vom Morgen klebte. Dann rief sie ihre Mutter an.
„Ich bin raus“, sagte sie.
„Was heißt das?“
„Ich schulde niemandem mehr was. Nicht dem Sender. Nicht der Bank. Nicht mal dem Finanzamt für dieses Quartal. Ich habe genau 380 Euro auf dem Konto und keinen einzigen offenen Vertrag mit einer Zahlungsfrist.“
Die Mutter schwieg. Dann, leise: „Dein Vater hätte bei dem Podcast gelacht.“
Johanna legte den Kopf an die kalte Wand. Draußen hupte eine Straßenbahn in der Kurve. Sie dachte an das Foto mit dem roten Haus in Schweden, das sie mit zwölf gefunden hatte, und an die Handschrift ihres Vaters: Vielleicht, wenn die Kinder groß sind.
„Ich lache nicht mehr über Prognosen“, sagte Johanna. „Ich mache meine eigenen.“
Am Abend hatte sie einen Auftritt. Diesmal nicht im Keller, sondern im Festsaal eines Bürgerhauses in Connewitz, das für die Comedy-Reihe der Stadt gemietet war. Siebenundachtzig Leute. Draußen vor der Tür stand ein Mann mit roter Nase und einem Bündel Flyer für eine Jonglage-Show am nächsten Wochenende.
Johanna trat ans Mikrofon. Sie trug ein schwarzes Kleid, keine Pailletten, und sie hielt keine Marzipankugel in der Hand. Stattdessen legte sie ein kleines Foto auf den Hocker neben sich. Das rote Haus am See, von hinten beschrieben.
„Mein Vater wollte nach Schweden“, sagte sie. „Er ist nie gefahren. Aber ich habe ihm das Foto mitgenommen. Auf meine Bühne. Damit wenigstens einer von uns irgendwo angekommen ist.“
Sie atmete tief durch. Dann machte sie den Mund auf und sprach. Nicht über das Wetter. Über das Leben. Und der Saal lachte.
Als sie abging, zählte sie nicht den Hut. Sie zählte nichts mehr. Zum ersten Mal seit sieben Jahren wusste sie nicht, wie viel Uhr es war, und es war ihr egal. Das war der eigentliche Anfang.
