Die Kerzen brannten noch, als Jonas den Zettel neben den Teller legte. Ein Busfahrplan, ausgedruckt, die Ecken schon vom Umblättern weich.
„Entweder zieht meine Mutter nächste Woche ins Atelier, oder wir gehen getrennte Wege. Ich entscheide mich nicht zwischen dir und ihr."
Mareike hielt die Kaffeekanne in der Hand. Ein Tropfen fiel auf die Tischdecke von Aldi, die sie extra für heute Abend gebügelt hatte, und zog einen dunklen Fleck ins Leinen. Auf dem Tisch: Franzbrötchen aus der Bäckerei am Elbufer, für die sie mit dem Rad zwanzig Minuten gefahren war. Rührei mit Speck, kalt geworden. Sein neununddreißigster Geburtstag. Draußen, drei Stockwerke tiefer, klapperte die Straßenbahn Richtung Barmbek vorbei, und irgendwo im Treppenhaus roch es nach dem Sonntagsbraten der Nachbarin, obwohl Donnerstag war.
Vor sechs Jahren hatte Jonas noch stolz Kollegen mitgebracht, um ihr zu zeigen: hier arbeitet Mareike, sie baut Möbel, schau dir das an. Das Zimmer, zweiundzwanzig Quadratmeter, nannte er „das Gästezimmer", obwohl seit Jahren kein Gast darin geschlafen hatte. Drinnen stand die Tischkreissäge, Regale mit Stoffmustern, ein breiter Zeichentisch unter dem Dachfenster. Sie arbeitete zu Hause, kochte, hielt die Wohnung sauber – für beide ging die Rechnung auf.
Ingrid, seine Mutter, kam selten, aber wenn, dann mit Blick für Staub, der nicht da war. „Kreatives Chaos ist ja schön und gut, aber eine Frau sollte trotzdem wissen, wie man einen Haushalt führt", sagte sie beim Tee, halblaut, genau laut genug. Fragte nach Enkeln. Mareike goss nach und schwieg.
Vor drei Wochen war Ingrids Reihenhaus in Bergedorf für einsturzgefährdet erklärt worden. Eine Ersatzwohnung wurde versprochen, der Termin verschob sich, verschob sich wieder. Sie rief jeden Abend an. Mareike hörte Fetzen: „Blutdruck", „allein", „nachts Angst". Einmal hatte sie vorgeschlagen: „Können wir ihr nicht eine kleine Wohnung mieten, wir übernehmen einen Teil?" Jonas hatte sie angesehen, als hätte sie etwas Falsches gesagt, und nichts erwidert.
Und jetzt stand er da, in Jogginghose, mit dem Zettel neben dem Rührei, als wäre alles längst beschlossen. „Jonas." Sie stellte die Kanne ab. „Das ist mein Atelier. Meine Maschine steht da, meine Stoffe, mein Zeichentisch. Da verdiene ich unser Geld mit."
„Arbeit ist Arbeit, aber meine Mutter geht vor." Er zuckte mit den Schultern. „Du brauchst den Raum nicht wirklich. Räum halt in unser Schlafzimmer um. Oder auf den Balkon."
„Auf den Balkon? Die Kreissäge?"
„Weiß nicht. Wird schon irgendwie gehen." Er biss in ein Franzbrötchen, ohne sie anzusehen. „Ich hab's ihr schon gesagt. Mach jetzt kein Drama draus. Das ist meine Mutter."
Etwas in ihr zog sich zusammen, fest, kalt. Kein Ärger. Etwas anderes. Niemand hatte sie gefragt. Die Entscheidung war gefallen, bevor sie überhaupt wusste, dass verhandelt wurde.
Am Abend saß sie auf dem Boden des Ateliers, die Knie an den Körper gezogen, und betrachtete die Entwürfe an der Wand. Ein Sessel für das Paar aus Winterhude. Ein Schrank für ein Kinderzimmer, die Kundin hatte ein Foto geschickt, die Tochter strahlte davor. Ihr fiel ein Satz ihrer Tante Renate ein, gestorben vor zwei Jahren, die ihr ganzes Leben mit einem, der über sie bestimmte, verbracht hatte: „Wenn du keine Grenze ziehst, solange es geht, wischen die Leute die Füße an dir ab. Merk dir das." Damals hatte Mareike nur genickt, hatte gedacht, Tante Renate übertreibt gern. Jetzt klang der Satz anders.
Am nächsten Tag brachte Jonas Umzugskartons. Stellte sie vor die Ateliertür. „Fang an, deine Sachen ins Schlafzimmer zu räumen. Mama kommt in vier Tagen."
Mareike saß am Zeichentisch, eine Skizze halb fertig. Sie hob den Kopf. „Ich räume das Atelier nicht."
„Was?"
„Ich sagte Nein."
Er trat einen Schritt näher, das Gesicht rot. „Ernsthaft? Das ist meine Mutter! Sie hat sonst niemanden! Und du machst hier ein Theater wegen irgendeinem Zimmer?"
„Ich mache kein Theater. Ich sage, ich gebe mein Atelier nicht her."
„Egoistin." Seine Stimme wurde hart. „Normale Frauen kümmern sich gern um ihre Schwiegermutter. Du denkst nur an dich."
Sie stand auf. Sie standen sich gegenüber, und sie merkte: keine Angst, keine Schuld. Nur eine Klarheit, fast körperlich, wie kalte Luft nach einem stickigen Raum.
„Entweder Mama zieht ein", er ballte die Fäuste, „oder wir trennen uns. Entscheide dich."
Eine Sekunde. Irgendwo im Bad tropfte der Hahn, den er seit Monaten nicht reparieren wollte.
„Dann trennen wir uns", sagte Mareike.
Er glaubte ihr nicht. Lachte, dann schrie er. Riss die Hälfte seiner Kleidung aus dem Schrank, stopfte sie in eine Reisetasche, warf die Tür zu, dass die Fenster im alten Altbau klirrten. Mareike blieb mitten im Atelier stehen. Die Kartons lagen noch am Eingang. Sie trug einen nach dem anderen auf den Balkon. Diese Nacht schlief sie nicht. Saß im Sessel, den sie vor vier Jahren selbst gebaut hatte, eine Wolldecke um die Schultern, und sah zu, wie in den gegenüberliegenden Häusern die Lichter nacheinander ausgingen. Die Tränen kamen von selbst – nicht aus Schmerz. Aus Erleichterung. Sie hatte diesen Moment fünf Jahre lang gefürchtet: allein zu bleiben, es nicht zu schaffen, alles zu verlieren, was sie aufgebaut hatte. Jetzt war er da. Und sie atmete noch. Ihr Herz schlug noch.
Am Morgen kam Franzi, ihre Freundin aus dem Studium, ohne anzuklopfen, mit dem Zweitschlüssel, den sie noch von der Katzenfütterung im Sommer hatte. Umarmte sie kurz, krempelte dann die Ärmel hoch. „Komm, wir räumen auf." Sie packten Jonas' restliche Sachen in Tüten, bezogen das Bett neu, wischten die Böden. Franzi hatte einen Strauß Chrysanthemen aus dem Blumenladen an der Ecke im Arm. „Stell die hin, wo du willst. Das ist jetzt deine Wohnung."
Mareike stellte die Blumen aufs Fensterbrett im Atelier. Öffnete das Zeichenprogramm auf dem Tablet, eine neue Datei. Ihre Hand zitterte nicht. Die Linien saßen. Sie zeichnete einen neuen Stuhl – leicht, mit hoher Lehne, für eine Terrasse, für Kaffee am Morgen, allein.
Eine Woche später rief Jonas an. Müde, versöhnlich. „Hör zu, ich bin ausgerastet, wir haben beide Mist geredet. Mama kann erstmal bei Tante Bärbel unterkommen. Ich hab nachgedacht." Mareike stand am Fenster, das Telefon am Ohr. Unten fegte der Hausmeister Laub zusammen. „Ich komm heute Abend vorbei, dann reden wir. Wenn du 'tut mir leid' sagst, ist alles wieder gut." „Ich brauche keinen Menschen, der Ultimaten stellt, statt eine Familie zu bauen", sagte sie leise. „Ich ändere meine Meinung nicht." „Was redest du da? Wir sind seit fünf Jahren zusammen! Wegen einem Streit machst du alles kaputt? Bist du noch bei Verstand?"
Sie hörte in seiner Stimme etwas, das ihr vorher nie aufgefallen war. Die Gewissheit, dass sie nachgeben würde. Dass sie sich einschüchtern lassen, schweigen, seine Bedingungen annehmen würde – wie immer.
„Mach's gut, Jonas." Sie legte auf. Blockierte die Nummer. Setzte sich an den Zeichentisch und arbeitete weiter.
Die Scheidungspapiere kamen im Januar von der Anwältin in der Mundsburg – Aktenzeichen, Unterschriftenfeld, achtzehn Monate Trennungsjahr, das man in Deutschland eben abwarten muss, bevor etwas endgültig wird. Mareike unterschrieb an genau der Stelle, die die Anwältin mit Bleistift markiert hatte, und schickte die Kopie noch am selben Tag per Einschreiben zurück. Die Aufteilung war einfach: Er behielt das Auto, sie behielt das Atelier und ihre Werkzeuge – auf dem Papier festgehalten, mit Wert und allem, damit später keiner sagen konnte, es sei anders gewesen.
Im April kam eine neue Tischkreissäge, schwer, mit digitaler Anzeige, made in Deutschland. Zwei Männer von der Spedition schoben eine halbe Stunde lang am Türrahmen herum. „Die passt nicht durch", brummte der eine, sich die Stirn abwischend. „Passt schon", sagte der andere. „Wir nehmen die Zarge raus."
Mareike stand daneben, einen Becher Kaffee in der Hand, und sah zu. Die Maschine stand genau dort, wo Jonas sechs Monate zuvor ein Klappbett für seine Mutter hatte aufstellen wollen.
Im Frühling kam ein Auftrag für eine Serie Möbel für ein Hotel an der Ostsee, Timmendorfer Strand. Lukas, ein Azubi aus der Tischlerei um die Ecke, kam jetzt fast täglich vorbei, schliff Tischbeine, lernte, Verbindungen ohne Schrauben zu setzen. „Frau Berger, wie schleife ich das hier?" fragte er, über die Zeichnung gebeugt. „Erst grobes Papier, dann fein. Immer mit der Faser, nicht quer."
Das Atelier roch nach frischen Spänen und Lack. Das Telefon klingelte im Minutentakt. Eines Nachmittags saß Franzi mit einer Tasse Tee da, scrollte durch ihr Handy und sagte beiläufig: „Übrigens, Jonas hat wieder geheiratet. Stand bei Instagram."
Mareike zuckte mit den Schultern. Die Nachricht berührte sie so wenig wie eine Wettervorhersage für eine Stadt, in der sie nie gewesen war. Am Fensterbrett standen die Chrysanthemen von Franzi, längst durch neue ersetzt, daneben ein Stapel Rechnungen, ordentlich sortiert, oben drauf der Vertrag mit dem Hotel, unterschrieben, abgeheftet. Sie stellte den Becher ab, griff nach dem Bleistift und zog die nächste Linie.
