Der Park lag halb leer unter einem Himmel, der aussah wie nasses Zeitungspapier. Viktor Arndt war auf dem Rückweg von einem Auftrag, einer Kunstlogistik in der Innenstadt, und hatte den Umweg durchs Clara-Zetkin-Park genommen, weil ihm die Karl-Liebknecht-Straße noch in den Ohren hing. Er war achtundfünfzig, trug einen dunklen Mantel, der an den Schultern spannte, und hatte seit elf Jahren nicht mehr geraucht, obwohl er genau in solchen Momenten einen Zug davon gebrauchen konnte. Neben ihm fuhr die Linie 14 vorbei, halb leer, die Scheiben beschlagen.
Am Rand des Weges stand ein Kind. Ein Mädchen, vielleicht zehn, in einer zu großen roten Jacke, neben einem alten Fahrrad, dessen blaue Farbe an mehreren Stellen abblätterte. Auf dem Sattel klemmte ein Stück Pappe, mit schwarzem Filzstift beschrieben: FAHRRAD ZU VERKAUFEN. HILFE.
Viktor blieb nicht gleich stehen. Er verlangsamte seinen Schritt, tat so, als schaue er auf sein Telefon. Das Mädchen sah zu ihm herüber. Ihre Augen waren hellgrau und lagen tief in einem schmalen Gesicht. Sie war dünn, die Handgelenke ragten aus den Ärmeln. Ein Schuh hatte ein Loch an der Seite, durch das man einen grauen Socken sehen konnte. Neben dem Weg, vielleicht dreißig Meter entfernt, stand ein geschlossener Kiosk mit grünem Dach. Davor warteten vier Männer in schwarzen Jacken. Sie rauchten nicht, telefonierten nicht, tranken keinen Kaffee. Sie standen einfach da, als ob ein unsichtbares Seil sie hielt.
Viktor kannte diese Art von Warten. Er hatte zwanzig Jahre lang für Leute gearbeitet, deren Gefahr in sauberen Schuhen ankam. Er wusste, wie man sie erkennt. Das Mädchen trat einen Schritt auf den Weg. „Entschuldigung“, sagte sie. Ihre Stimme klang geübt, fast spröde. „Möchten Sie mein Fahrrad kaufen?“
Viktor blieb stehen. Der kalte Wind fuhr durch die kahlen Äste. Von der Straße her war das ferne Rauschen des Verkehrs zu hören, dazu das Quietschen einer Straßenbahn in der Kurve. „Warum verkaufst du es?“
„Meine Mutter braucht Geld. Für Essen.“ Sie sagte es wie auswendig gelernt, nicht falsch, aber ohne Zögern. Sie schaute kurz zu den Männern am Kiosk, dann wieder zu ihm. „Zehn Euro reichen.“
„Zehn Euro für ein Fahrrad? Das ist zu wenig.“
„Das reicht.“ Ihre Finger umklammerten den Lenker, die Knöchel weiß. Viktor sah zu dem Fahrrad. Es war alt, der Sattel eingerissen, die Kette rostig. Unter dem Sattel war ein schmales weißes Stoffband zu erkennen, mit Klebeband am Metallrahmen befestigt. Beinahe versteckt, aber wer genau hinsah, sah es.
Das Mädchen bemerkte, dass er es gesehen hatte. Ihr Gesicht veränderte sich. Einen Moment lang wirkte sie nicht mehr wie ein Kind. „Bitte“, sagte sie, „kaufen Sie es, bevor die fragen, was da drunter klebt. Ich stand hier schon zwei Stunden. Niemand wollte anhalten, und ich wusste nicht, wohin sonst mit dem Ding. Meine Mutter kann sich nicht mehr melden.“
Viktor fragte nicht sofort weiter. Er zog einen Fünfzig-Euro-Schein aus der Manteltasche, faltete ihn klein und drückte ihn dem Mädchen in die Hand. Ihre Finger zitterten. „Wie heißt du?“
„Leni.“
„Leni, wo ist deine Mutter?“
Ihre Lippen bewegten sich, als ob das Wort nicht über die Zunge käme. „Im Krankenhaus.“ Sie schluckte. „Die Männer glauben, sie hat es.“
„Was hat sie?“
Leni sah wieder zu den Männern. Einer von ihnen hatte sich in Bewegung gesetzt. „Den Beweis über meinen Vater.“
Viktor verstand nicht sofort. Er schob das Fahrrad näher zu sich, legte eine Hand auf den Lenker. „Was ist mit deinem Vater passiert?“
„Er hat für den Alten gearbeitet. Als Fahrer. Dann hat er etwas gehört. Etwas aufgenommen.“ Ihre Stimme brach. „Er ist nicht nach Hause gekommen.“
Jetzt kam der Mann in der schwarzen Jacke. Er war groß, hatte ein glatt rasiertes Gesicht und Augen, die aussahen, als hätten sie nie geweint. „Guten Tag“, sagte er. Seine Stimme war freundlich, aber Viktor hörte das Metall darunter. „Alles in Ordnung hier?“
„Ja“, sagte Viktor. „Ich habe gerade ein Fahrrad gekauft.“
Der Mann sah zu Leni, dann zum Fahrrad. „Wir wollten der Kleinen auch helfen.“ Er trat näher. „Aber ich glaube, da gibt es ein Missverständnis. Das Fahrrad gehört nicht ihr.“
„Ach nein?“ Viktor zog das Fahrrad ein Stück weiter zu sich. „Wem dann?“
„Der Familie“, sagte der Mann. „Es bleibt in der Familie.“
Leni wich zurück, bis ihr Rücken fast gegen die Lehne einer Parkbank stieß. Die anderen drei Männer kamen jetzt auch näher, jeder Schritt gemessen, als hätten sie Zeit. Viktor sah, wie einer von ihnen die Hand in die Jackentasche schob.
Er presste dreimal die Seitentaste seines Telefons, das in der Manteltasche steckte. Ein stiller Notruf. Er kannte die Funktion noch aus seiner aktiven Zeit. Das Telefon wählte, ohne dass er es herausholte.
„Leni“, sagte Viktor, ohne den Mann aus den Augen zu lassen. „Setz dich auf die Bank.“
Sie zögerte.
„Jetzt.“
Leni gehorchte. Sie ging rückwärts, die Augen weit offen, und setzte sich auf die Holzlatten. Der Mann in Schwarz streckte die Hand nach dem Lenker aus. Viktor fing sein Handgelenk ab. Für einen Atemzug rührte sich keiner. Das Metall des Fahrrads war kalt unter Viktors Fingern.
„Wenn du das noch einmal anfasst, wirst du es bereuen“, sagte Viktor leise.
Der Mann versuchte, sich zu befreien. „Du hast keine Ahnung, was du hier gerade unterbrichst.“
„Du auch nicht.“
In diesem Moment klingelte das Telefon des Mannes. Er sah auf das Display, zögerte, nahm ab. „Ja, Herr Aurich.“ Er hörte zu, sein Blick blieb auf Viktor gerichtet. „Wir haben sie gefunden. Das Fahrrad auch.“ Eine Pause. Sein Kiefer spannte sich. „Verstanden. Wir warten auf Sie.“ Er steckte das Telefon weg, sah zu den anderen drei Männern und hob eine Hand, die sie zurückhielt, wie eine Schranke. „Er will es selbst erledigen. Niemand rührt das Fahrrad an, bis er da ist.“
Viktor begriff sofort, was das bedeutete: eine Gnadenfrist, keine Rettung. Er nutzte sie. Mit der freien Hand tastete er unter den Sattel, bekam das Stoffband zu fassen und zog. Das kleine Paket, in Plastik gewickelt und mit drei Streifen Klebeband fixiert, löste sich vom Rahmen. Er ließ es in seine Manteltasche gleiten.
Der Mann in Schwarz sah es zu spät. „Gib mir das Paket.“
„Welches Paket?“ Viktor spreizte die Hände vor sich, die Handflächen offen. „Ich habe hier nur ein Fahrrad gekauft.“
Der Mann machte einen Schritt auf ihn zu. Dann drang eine Stimme aus Viktors Manteltasche, leise und gedämpft: „Notrufzentrale. Bitte nennen Sie Ihren Standort.“
Viktor hob die Stimme. „Clara-Zetkin-Park. Vier Männer bedrohen ein Kind.“
Der Mann in Schwarz stürzte auf ihn zu. Viktor schob das Fahrrad mit beiden Händen nach vorn, sodass die rostigen Speichen dem Mann vor die Schienbeine stießen. Der Mann stolperte. Viktor packte Lenis Arm und rannte mit ihr den Weg hinunter.
Der Park lag vor ihnen, die Wege mit nassem Laub bedeckt. Lenis Turnschuhe rutschten. Viktor zog sie am Oberarm weiter, hörte hinter ihnen die Männer über den Kies trampeln. Er sah sich nicht um, aber er spürte, wie sie näher kamen. Das Mädchen keuchte. „Es tut mir leid“, presste sie hervor. „Ich wusste nicht, wen ich sonst fragen soll.“
„Du hast alles richtig gemacht“, sagte Viktor.
Sie erreichten eine Kurve, und dann hörte Viktor Reifen auf Kies, ein Motor, der zu schnell für einen Parkweg war. Ein schwarzes Fahrzeug rollte hinter den Bäumen hervor, auf dem befestigten Servicestreifen, der eigentlich Rettungsfahrzeugen vorbehalten war. Es hatte keine Markierungen. Die vier Männer, die ihnen gefolgt waren, blieben stehen, als hätte jemand einen Hebel umgelegt.
„Nein“, sagte Leni. Ihre Hand krallte sich in Viktors Ärmel. „Das ist er.“
Viktor sah auf. Die hintere Tür des Fahrzeugs ging auf. Ein Mann stieg aus, in einem dunkelblauen Mantel, mit silbernem Haar und einem Spazierstock in der Hand. Er sah aus wie ein pensionierter Richter oder wie ein Großvater aus einer Werbung für Zahnpasta. Aber Viktor kannte das Gesicht. Jeder in Leipzig kannte es. Herbert Aurich. Vorsitzender einer Stiftung, die Spielplätze und Suppenküchen finanzierte. Ein Mann, der auf Fotos mit dem Oberbürgermeister lachte.
Aurich sah zu Leni, dann zu Viktor. Sein Gesicht zeigte ein sanftes Bedauern. „Ach, Leni“, sagte er. „Du hast uns ganz schön in Schwierigkeiten gebracht.“
Leni drängte sich hinter Viktor, so dicht, dass er ihren Atem im Rücken spürte.
Aurich sah auf Viktors Manteltasche. „Was du da hast, gehört mir.“
Viktor zog das Paket aus der Tasche, nahm es in die Hand. Ein kleines schwarzes Speichermedium, ein gefaltetes Foto, ein silberner Schlüssel. Er sah Aurich direkt ins Gesicht. „Wem gehört es wirklich?“
Aurich lachte nicht. „Sei vernünftig. Du hast keine Vorstellung, in was du da hineingetreten bist.“
„Dann erklär es mir.“
Es war der falsche Zug. Aurich machte eine kaum wahrnehmbare Handbewegung, und die vier Männer setzten sich gleichzeitig in Bewegung. Viktor zog Leni hinter die nächste Bank. Das Mädchen weinte leise, die Hände vor den Mund gepresst. Viktor zählte die Schritte. Die Männer kamen im Halbkreis. Sie wollten sie einkesseln.
Dann, von der Straße hinter dem Zaun, heulten echte Polizeisirenen. Diesmal von der Hauptstraße, nicht aus dem Park. Mehrere Fahrzeuge. Die Männer blieben stehen. Aurichs Gesicht verlor für einen Moment die Maske. Er schaute zur Straße, dann zu Viktor. „Du hast also doch mehr getan, als ein Fahrrad zu kaufen.“
Viktor hob das Paket hoch. „Ich habe nur einen Notruf abgesetzt.“ Er zog sein Telefon hervor, das Display zeigte die laufende Verbindung zur Notrufzentrale. „Die Zentrale hat mitgehört. Alles. Auch deinen Namen, Herbert.“
Aurichs Mund wurde schmal. Er winkte den Männern. Sie zogen sich zu dem schwarzen Fahrzeug zurück. Einer von ihnen sah Viktor an, als wollte er sich jedes Detail merken. Dann stiegen sie ein, das Fahrzeug wendete auf dem Rasen und fuhr über den Servicestreifen davon, bevor die Streifenwagen den Park erreichten.
Leni zitterte am ganzen Körper. Viktor hockte sich zu ihr. „Es ist gut. Die echte Polizei ist da.“
Sie sah ihn an, die Augen rot geweint. „Die finden meine Mutter.“
„Wir finden sie zuerst.“ Viktor drückte das Paket in Lenis Hand. „Das hier bleibt bei dir, bis wir klären, was es ist.“
Die Polizei kam durch den Park gerannt. Zwei Beamte mit gezogenen Waffen, dann ein dritter, der Viktor und Leni erblickte. Viktor hob die Hände. „Ich bin der Anrufer. Das Mädchen ist nicht verletzt.“
Der Beamte atmete schwer. „Was ist hier passiert?“
Viktor erzählte es in kurzen Sätzen. Der Beamte notierte, funkte, sprach in sein Funkgerät. Als Viktor das Fahrzeug erwähnte, das unbefugt über den Servicestreifen gefahren war, hielt der Beamte inne. „Das nehmen wir extra auf. Unbefugtes Befahren eines gesperrten Weges, das ist schon mal was Handfestes gegen ihn, auch wenn der Rest schwerer wird.“ Viktor nickte, sagte aber nichts. Er wusste, dass ein Bußgeld Aurich nicht schrecken würde. Es war nur ein Stein im Schuh, kein Hindernis.
In den folgenden Stunden gab es Vernehmungen im Präsidium, eine Suchmeldung für Lenis Mutter, eine erste Sichtung des Speichermediums durch die Kripo. Der zuständige Kommissar, ein Mann namens Brendel, hörte sich Viktors Bericht an und schüttelte den Kopf. „Herbert Aurich sitzt im Kuratorium von drei Stiftungen und kennt jeden Dezernenten in dieser Stadt persönlich. Wenn wir das nicht wasserdicht machen, ist er in vierundzwanzig Stunden wieder frei, und dann sind Sie und das Mädchen die Einzigen, die er noch kennt.“
Viktor verstand die Warnung. Er fuhr nicht nach Hause. Er blieb im Krankenhaus, vor dem Zimmer, in dem Lenis Mutter noch immer unter Beobachtung lag, unfähig auszusagen. Er saß auf einem Plastikstuhl im Flur, das Paket in einem Umschlag auf den Knien, und wartete darauf, dass jemand ihm sagte, was als Nächstes zu tun sei.
Am Morgen kam die Nachricht, die er befürchtet hatte. Aurich war nach der ersten Befragung wieder entlassen worden. Kein hinreichender Tatverdacht, hieß es, nur der Vorwurf des unbefugten Befahrens eines gesperrten Weges, gegen Kaution. Kommissar Brendel rief Viktor an. „Das Speichermedium ist beschädigt. Wasser im Gehäuse, wahrscheinlich vom Transport im Regen. Unsere Techniker versuchen, etwas zu retten, aber ich mache Ihnen keine Hoffnung.“
Viktor stand am Fenster des Krankenhausflurs und sah hinunter auf den Parkplatz. Ein silberner Wagen bog gerade ein, ohne Eile, wie jemand, der weiß, dass er Zeit hat. Er erkannte den Fahrer nicht, aber er kannte das Muster.
Am selben Nachmittag erwachte Lenis Mutter. Sie hieß Marlene Berger, und ihre erste Frage war nach ihrer Tochter. Viktor durfte kurz zu ihr, mit einer Kripobeamtin im Zimmer. Marlene war blass, mit einem Verband um den Kopf, aber ihre Stimme war klar. Als Viktor von dem Speichermedium erzählte, das nun defekt in einem Labor lag, schüttelte sie kaum merklich den Kopf.
„Das war nicht das Einzige“, sagte sie leise. „Mein Mann hat nie nur einer Sache vertraut. Er hatte Angst, genau das würde passieren.“ Sie sah zu Viktor, dann zur Beamtin, unsicher, wem sie trauen konnte. „Es gibt ein Schließfach. Am Hauptbahnhof. Ich habe den Schlüssel nie gesehen, aber er hat einmal die Nummer gesagt, als er dachte, ich schlafe. Zweihundertvierzehn.“
Die Beamtin wollte sofort einen offiziellen Antrag stellen, aber Marlene hielt sie am Arm fest. „Wenn das über die Dienststelle läuft, weiß es in zwei Stunden die halbe Stadt. Er hat Leute überall.“ Sie sah Viktor an. „Sie haben meiner Tochter geglaubt, als niemand sonst es getan hat. Gehen Sie mit ihr hin. Ohne Uniform.“
Es war riskant, und Viktor wusste es. Aber er nickte.
Am Abend holte er Leni bei der Pflegefamilie ab, bei der sie vorübergehend untergebracht war, mit schriftlicher Erlaubnis der Jugendamtsmitarbeiterin, die misstrauisch blieb, aber nachgab, als die Kripobeamtin für ihn bürgte. Sie fuhren gemeinsam zum Hauptbahnhof, in der Dämmerung, durch Straßen, auf denen Viktor jeden parkenden Wagen zweimal ansah. In der unteren Ebene, zwischen den Reihen der Schließfächer, blieb Leni stehen. „Ich habe Angst“, sagte sie.
„Ich auch“, sagte Viktor. „Wir machen es trotzdem.“
Ohne Schlüssel ließ sich das Fach nicht öffnen. Viktor rief die Nummer der Bahnhofsverwaltung an, die ihn an einen Schlüsseldienst verwies, der bei Verlust und polizeilichem Nachweis öffnen konnte. Es dauerte eine weitere Stunde, bis ein Techniker mit einem Spezialwerkzeug kam, während Viktor und Leni auf einer Bank saßen und jeden Menschen musterten, der vorbeiging. Ein Mann in dunkler Jacke blieb einmal stehen, um sein Telefon zu prüfen, und Viktors Puls schlug schneller, bis der Mann weiterging.
Als das Fach endlich aufsprang, lag darin ein Schuhkarton. Notizbuch, USB-Stick, eine Fotografie von Leni und ihrem Vater vor dem Fahrrad. Auf der Rückseite stand in krakeliger Schrift: „Für den Fall, dass ich nicht mehr bin. Alles ist auf dem Stick. Geh damit zu einem Anwalt, den niemand mit der Stiftung in Verbindung bringt.“
Viktor faltete das Notizbuch nicht auf, nicht dort, im Bahnhof, unter den Kameras, deren Besitzer er nicht kannte. Er steckte alles in seine Innentasche.
Am nächsten Morgen suchte er nicht die erstbeste Kanzlei, sondern rief einen ehemaligen Kollegen aus dem Personenschutz an, der inzwischen für eine Kanzlei arbeitete, die sich auf Fälle gegen Amtsträger spezialisiert hatte. Die Anwältin, eine Frau namens Sabine Trost, hörte sich alles an, bevor sie den Stick überhaupt ansah. „Wenn da wirklich etwas drauf ist, das Aurich belastet, dann ist die größte Gefahr nicht der Inhalt. Es ist, dass er davon erfährt, bevor wir eine Kopie in Sicherheit haben.“
Sie ließ den Stick von einem IT-Forensiker in einem fensterlosen Raum ohne Netzwerkverbindung auslesen. Es dauerte den ganzen Vormittag. Zwischendurch kam die Nachricht, dass jemand versucht hatte, in Marlenes Krankenzimmer zu gelangen, unter dem Vorwand, Blumen zu liefern. Der Sicherheitsdienst hatte den Mann abgewiesen, aber niemand hatte seinen Namen notiert.
Am Nachmittag saß Trost mit grauem Gesicht vor dem Bildschirm. Die Dateien zeigten Gesprächsmitschnitte, in denen Aurichs Stimme mehrfach zu hören war, dazu Kontoauszüge von Stiftungskonten, die auf Briefkastenfirmen in Luxemburg verwiesen, und eine Tonaufnahme, in der jemand über „das Problem mit dem Fahrer“ sprach, das „endgültig gelöst“ werden müsse. „Das ist mehr, als ich erwartet habe“, sagte Trost. „Aber es reicht noch nicht für einen Haftbefehl. Wir brauchen etwas, das ihn direkt mit der Tat verbindet, nicht nur mit dem Motiv.“
Sie beantragten trotzdem eine Anzeige wegen Veruntreuung, um Zeit zu gewinnen und eine Ermittlungsakte zu eröffnen, unter der die weiteren Beweise gesichert werden konnten. Aurich, gewarnt durch seine Kontakte, ließ noch am selben Abend über seinen eigenen Anwalt verlauten, er werde jede Verleumdung juristisch verfolgen. Die Stiftung veröffentlichte eine Presseerklärung, in der von einer „konzertierten Kampagne verletzter ehemaliger Mitarbeiter“ die Rede war.
Es folgten zwei Wochen, in denen nichts zu passieren schien. Marlene wurde aus dem Krankenhaus entlassen, unter Personenschutz, in eine Wohnung außerhalb der Stadt gebracht. Leni durfte bei ihr bleiben. Viktor besuchte sie, wann immer er konnte, aber er spürte, wie die Aufmerksamkeit der Ermittler nachließ, während Aurichs Kanzlei jeden Antrag der Kripo mit Gegenanträgen verzögerte. Kommissar Brendel gestand ihm am Telefon: „Der Staatsanwalt zögert. Er will keinen Fall gegen einen Mann eröffnen, der halb Leipzig finanziert, ohne felsenfeste Beweise.“
Der Durchbruch kam nicht durch die Ermittler, sondern durch einen Fehler Aurichs selbst. Er hatte, wie sich herausstellte, dem ehemaligen Mitarbeiter, der die Männer im Park telefonisch gewarnt hatte, eine Abfindung versprochen, um ihn zum Schweigen zu bringen. Der Mann, ein früherer Buchhalter der Stiftung namens Krauße, meldete sich bei Trost, nachdem die Zahlung ausgeblieben war. Er hatte Angst, wollte aber auspacken, unter der Bedingung, dass ihm Straffreiheit zugesichert würde.
Krauße bestätigte, was die Aufnahmen nur andeuteten: Aurich hatte den Tod von Lenis Vater angeordnet, nachdem dieser gedroht hatte, die Unterschlagungen öffentlich zu machen. Krauße hatte den Anruf im Park getätigt, weil er gehofft hatte, das Mädchen und das belastende Material rechtzeitig aus dem Verkehr zu ziehen, bevor Aurich selbst eingriff und die Sache noch gewaltsamer werden ließ. Seine Aussage war der fehlende Baustein.
Mit Krauße als Zeugen und den Aufnahmen als Beweismaterial beantragte die Staatsanwaltschaft endlich einen Haftbefehl. Aber Aurich war gewarnt. Sein Anwalt hatte offenbar von den Ermittlungen innerhalb der Behörde erfahren, und Aurich bereitete sich auf eine Flucht vor, das ergab sich später aus dem gebuchten Flug nach Zypern, den er nie antrat.
Die Polizei entschied sich, ihn bei einer öffentlichen Gelegenheit festzunehmen, um jede Vorwarnung zu vermeiden: bei der Übergabe eines Spendenschecks über fünfundzwanzigtausend Euro an ein Kinderhaus, drei Wochen nach dem Vorfall im Park. Viktor stand mit Trost am Rand der Menge, als die Zivilbeamten zwischen die Kameras traten. Aurich hatte den Scheck noch in der Hand, als die Handschellen sich schlossen. Sein Gesicht, für einen Moment, verlor jede Kontrolle, bevor er es wieder unter die vertraute sanfte Freundlichkeit zwang, zu spät für die Fotografen, die längst abgedrückt hatten.
Leni und ihre Mutter bekamen weiterhin Personenschutz, bis der Prozess begann. Krauße sagte gegen Kaution und unter Zeugenschutz aus. Das Fahrrad stand in ihrem neuen Hof, hinter dem Haus, in dem sie jetzt wohnten, das Klebeband unter dem Sattel längst entfernt. Viktor besuchte sie, wann immer er konnte. Er brachte ihnen Brot vom Bäcker und half Leni bei den Hausaufgaben. Er hatte nicht versucht, die Vergangenheit zu reparieren. Er hatte nur getan, was er konnte.
Ein halbes Jahr später, während des Prozesses, fand man bei der gerichtlich angeordneten Durchsuchung von Aurichs früherer Villa einen kleinen Koffer, versteckt im Keller hinter einer doppelten Wand. Darin lagen ein Reisepass auf einen falschen Namen, fünfzehntausend Euro in bar und ein gefaltetes Foto von Leni, aufgenommen zwei Wochen vor dem Tod ihres Vaters. Auf der Rückseite stand in Aurichs Handschrift: „Der Fehler meines Lebens.“ Die Staatsanwaltschaft legte es dem Gericht als weiteres Beweisstück vor, als Beleg dafür, dass Aurich das Kind längst im Blick gehabt hatte, lange bevor sie an jenem Nachmittag im Park stand.
Viktor erfuhr davon aus der Zeitung, während er im Gerichtssaal auf den nächsten Verhandlungstag wartete. Er saß in seinem Sessel am Fenster seiner Wohnung, die Zeitung auf dem Schoß, und schaute auf die Straße hinunter. Draußen fuhr ein kleines Mädchen auf einem blauen Fahrrad vorbei. Es klingelte. Viktor trank seinen Tee aus. Er war kalt geworden.
