Der Trick mit den Gabeln

Ich fand sie an einem Dienstagabend Ende Februar, als ich frische Bettwäsche beziehen wollte, weil Jonas sich beim Abendessen mit Kakao bekleckert hatte. Sechsunzwanzig Gabeln unter der Matratze meines fünfjährigen Sohnes, fein säuberlich nebeneinander aufgereiht wie Zinnsoldaten. Draußen fuhr die Straßenbahn Richtung Hauptbahnhof vorbei, das vertraute Quietschen in der Kurve vor unserem Mietshaus in Leipzig-Connewitz, und ich stand da mit dem Spannbetttuch in der Hand und zählte Besteck.

Zwei Wochen vorher war mir aufgefallen, dass die Gabelschale in der Küchenschublade auffallend leer war. Zuerst dachte ich, ich hätte beim letzten Umzug ein Paket verloren oder irgendwas sei kaputtgegangen und ich hätte es nicht bemerkt. Aber Tag für Tag wurden es weniger. Ich durchsuchte den Geschirrspüler, den Mülleimer, sogar den Blumenkübel auf dem Balkon, wo Jonas gern seine Matchbox-Autos vergrub. Nichts. Irgendwann bestellte ich einfach ein neues Set bei einem Discounter online nach, sechzehn Teile für vierzehn Euro neunzig, und dachte mir nichts weiter dabei.

Wenn ich Jonas darauf ansprach, passierte etwas, das mir keine Ruhe ließ. Er lachte nicht, wie er sonst lachte, wenn er etwas angestellt hatte. Er leugnete nicht. Er presste die Lippen zusammen, schüttelte den Kopf und sah mich an, als hätte ich ihn nach etwas Verbotenem gefragt, das er unter keinen Umständen aussprechen durfte. Mein Mann Tobias war zu der Zeit selten zu Hause. Er arbeitete bei einer Spedition am Stadtrand, Frühschicht, Zwölf-Stunden-Tage, kam abends müde heim, brachte Jonas ins Bett und saß danach meist nur noch stumm vor dem Fernseher, eine Flasche Radeberger in der Hand. Ich redete mir ein, dass er damit nichts zu tun haben konnte. Wofür sollte ein erwachsener Mann Gabeln brauchen, die er heimlich verschwinden ließ?

Am Ende der zweiten Woche stritt ich mich ernsthaft mit einem Fünfjährigen über Besteck und kam mir dabei selbst lächerlich vor. Der Nachbarshund, ein alter Dackel namens Bruno, bellte jeden Abend um sieben, wenn Herr Krautwurst ihn Gassi führte, und ich hatte angefangen, diese Bellerei als eine Art Uhr zu benutzen, um zu wissen, wie spät es war, weil ich sonst völlig den Überblick verlor.

Dann kam das Wochenende, an dem Tobias zu einer Schulung nach Erfurt fuhr. Ich brachte Jonas allein ins Bett, setzte mich auf die Bettkante, und beim Zudecken fiel mir auf, dass die Matratze auf einer Seite ungewöhnlich hoch lag. Nicht einfach nur eine verrutschte Auflage. Etwas darunter drückte gegen den Bezug, eine harte, unebene Fläche. Mein Puls schlug mir bis in den Hals. Ich weckte Jonas vorsichtig, der schon halb weggedämmert war, bat ihn kurz aufzustehen, und hob die Matratze an.

Da lagen sie. Alle. In Reihen sortiert, manche noch mit Essensresten, andere blitzblank, als hätte er sie extra gereinigt.

„Warum hast du die hier versteckt?", fragte ich und hörte selbst, wie meine Stimme zitterte. „Warum hast du mir nichts gesagt? Du schläfst seit Wochen auf Gabeln."

Seine Unterlippe fing an zu beben. „Bitte nimm sie mir nicht weg."

Ich hielt inne. „Was?"

„Ich brauch die."

„Wofür, Jonas?"

„Für mich und Papa."

Mir wurde kalt. „Papa weiß davon?"

Er nickte, langsam, als wäre jede Bewegung eine Art Geständnis. „Wir brauchen die. Papa hat gesagt, ich darf es niemandem sagen. Auch dir nicht. Es ist Papas Geheimnis."

Ich deckte ihn zu, verließ das Zimmer und rief Tobias an, das Handy noch in der Hand zitternd. Er ging erst nach dem vierten Klingeln ran.

„Kannst du mir erklären, warum unter Jonas' Matratze zwei Dutzend Gabeln liegen?"

Stille am anderen Ende. Nur Atmen. Dann, nach einer Pause, die mir wie eine Ewigkeit vorkam, ein tiefer Seufzer.

„Ich wollte es dir sagen, Miriam. Ich hab nur nicht gewusst, wie."

Er erzählte es mir in Bruchstücken, immer wieder unterbrochen von diesem Seufzen. Vor drei Monaten hatte ihm sein Arzt beim Betriebscheck gesagt, seine Leberwerte seien im Keller, er müsse dringend abnehmen und mit dem Trinken aufhören, sonst würde es böse enden. Statt es mir zu sagen, hatte er sich geschämt. Er hatte angefangen, heimlich beim Yoga-Studio in der Karl-Liebknecht-Straße Kurse zu nehmen, um Bewegung reinzubringen, ohne dass ich Fragen stellte, und er hatte mit Jonas ein albernes kleines Ritual erfunden: jeden Abend, wenn Miriam schlief, „übten" Vater und Sohn heimlich mit Gabeln, wie man langsamer isst, kleinere Bissen nimmt, öfter kaut, weil ihm ein Kollege erzählt hatte, dass zu schnelles Essen einer der Gründe für sein Übergewicht war. Sie hatten die Gabeln nach oben geschmuggelt, damit ich es nicht merkte, ein Spiel zwischen den beiden, mit dem Versprechen an Jonas, es niemandem zu verraten, weil Tobias Angst hatte, ich würde ihn für schwach halten, wenn ich wüsste, wie schlecht es um ihn stand.

„Du hast unseren Sohn zu deinem Komplizen gemacht, statt mit mir zu reden", sagte ich, und meine Stimme war ruhiger, als ich erwartet hatte. „Er hat geglaubt, er müsste ein Geheimnis vor seiner eigenen Mutter hüten."

Er kam am Sonntagabend zurück, mit dem Koffer noch in der Hand, und wir setzten uns an den Küchentisch, auf dem die Rechnung des neuen Bestecksets noch lag, vierzehn Euro neunzig, ein lächerlicher Beleg für zwei Wochen Angst. Ich sagte ihm, dass ich seine Krankheit nicht als Schwäche sehe, aber dass ich es nicht hinnehme, aus der Fürsorge für ihn ausgeschlossen zu werden, während unser Kind mit dem Gewicht eines Familiengeheimnisses ins Bett geht. Am nächsten Morgen rief ich selbst in seiner Hausarztpraxis an, ließ mir einen gemeinsamen Termin geben und schrieb mir seine Blutwerte, die Medikamentenliste und den Ernährungsplan des Arztes in ein Heft, das seither offen auf dem Küchenregal liegt, für uns alle einsehbar, kein Geheimnis mehr, das unter irgendeiner Matratze verschwinden muss.

Ein Dreivierteljahr später, im Winter, half ich Jonas beim Ausräumen seines alten Bettkastens, weil wir ein größeres Bett kauften. Ganz hinten, in einer Zigarrenkiste, die Tobias' Vater gehört hatte, fand ich einen Zettel in Tobias' Handschrift: eine Liste mit Häkchen, ein Abendessen pro Woche ohne Bier, durchgestrichen und wieder neu begonnen, seit dem Sommer ohne einen einzigen Ausrutscher. Ich habe ihn nicht darauf angesprochen. Ich habe die Kiste einfach zurück ins Regal gestellt, neben das Heft mit den Blutwerten, wo beides jetzt zusammen steht.

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