Ich bin 79 Jahre alt und wohne allein in meinem Reihenhaus an der Uhlandstraße in Freiburg, gleich um die Ecke vom Münster. Und nein, Sie müssen mich nicht bemitleiden. Ich kenne diesen Blick, wenn ich erzähle, dass ich allein lebe. Sofort sehen die Leute eine arme, einsame Witwe, die den ganzen Tag am Fenster hockt und auf den Tod wartet. Aber das ist Quatsch. Ich habe mein Leben lang für andere gesorgt – jetzt sorge ich für mich. Und das ist das schönste Gefühl, das ich je hatte.
Achtunddreißig Jahre lang war ich Krankenschwester. Nachtschichten, Wochenenddienste, doppelte Schichten. Nebenbei habe ich drei Kinder großgezogen – fast allein, weil mein Mann Walter auf Montage war. Ich habe Schulbrote geschmiert, Fieber gemessen, bei den Matheaufgaben geholfen. Das Haus habe ich am Laufen gehalten. Freitag wurde gebadet, Samstag gewaschen, Sonntag die Hemden gebügelt. Jede einzelne Mark wurde zweimal umgedreht, bis sie quietschte.
Dann wurde Walter krank. Lungenkrebs. Ich habe ihn gepflegt, bis zum Schluss. Das ist jetzt fünf Jahre her. Seitdem wohne ich allein. Und ja, es ist ruhig im Haus. Aber diese Ruhe ist nicht leer. Sie ist voll von meiner eigenen Zeit. Ich muss niemanden mehr fragen, was er essen möchte. Ich muss keine Rücksicht mehr nehmen, wenn jemand Nachtdienst hat. Ich kann frühstücken, wann ich will – um halb elf, wenn mir danach ist. Ich kann im Garten sitzen, bis die Amseln zu singen aufhören. Ich kann lesen, ohne dass jemand den Fernseher lauter dreht.
Der Kater vom Nachbarn, ein roter Kater namens Findus, sitzt jeden Morgen auf meinem Gartenzaun und schaut mir beim Kaffee zu. Er blinzelt, ich blinzle zurück. Das reicht uns beiden.
Ich bin nicht abgeschnitten von der Welt. Die Postbotin, Frau Sommer, bringt mir jeden Morgen die Zeitung und fragt, ob ich etwas vom Markt brauche. Die Kassiererin im Edeka an der Ecke kennt meine Vorliebe für leicht grüne Bananen. Die Frauen aus dem Kirchenchor rufen jeden Dienstag an und fragen: „Marianne, hältst du dich noch aufrecht?“ Und dann lachen wir so laut, dass Findus empört vom Sofa springt.
Meine Kinder meinen es gut. Vor allem meine Tochter Claudia. Sie kommt jeden Sonntag, bringt einen Streuselkuchen vom Bäcker an der Ecke mit und legt mir einen neuen Prospekt auf den Tisch. Seniorenresidenz am Stadtpark. Betreutes Wohnen mit Rundum-Service. Tagespflege. Ich sage nichts. Ich nehme den Kuchen, stelle ihn in den Kühlschrank, und der Prospekt wandert in die Schublade unter der Kaffeemaschine. Die Schublade klemmt schon, weil sie so voll ist.
Letzte Woche hat Claudia wieder angefangen. „Mama, du bist jetzt 79. Was ist, wenn du stürzt? Was ist, wenn du nachts einen Herzinfarkt bekommst? Du kannst doch nicht allein bleiben.“ Sie hat mir einen Schlüsselbund hingelegt – den Schlüssel zu ihrer Wohnung in Berlin. Ich habe den Schlüssel genommen, ihn in meiner Hand gewogen und gesagt: „Danke, Claudia. Aber ich wohne hier. Und ich bleibe hier.“ Sie hat geseufzt und ist gegangen.
Gestern habe ich etwas gemacht. Ich habe den Schlüsseldienst angerufen. Der Mann war nett, ein junger Kerl mit einer Werkzeugkiste, die aussah wie ein Zauberkasten. „Was darf es sein?“, fragte er. „Ein neues Schloss für die Haustür“, sagte ich. „Und bitte nur zwei Schlüssel.“ Er hat nicht viel gefragt. Nach einer Stunde war das alte Schloss raus, das neue drin. Auf der Rechnung stand: 89 Euro. Ich habe bar bezahlt.
Heute ist Sonntag. Claudia kommt wie immer um Punkt elf. Ich höre, wie ihr Schlüssel im Schloss rattert. Dreht. Noch mal. Klopft. Klingelt. Ich gehe zur Tür, mache auf. Da steht sie, mit ihrem alten Schlüssel in der Hand. „Mama, was ist mit der Tür?“, fragt sie. Ich zeige ihr den neuen Schlüssel, der an einem Haken neben der Garderobe hängt. „Der bleibt bei mir. Du bist willkommen, aber du klingelst vorher. Ich bin keine Patientin, die man kontrollieren muss. Ich bin deine Mutter, und ich wohne hier. Allein. Und das ist gut so.“
Claudia sagt erst mal nichts. Dann steckt sie ihren alten Schlüssel in die Tasche. „Okay“, sagt sie. „Kann ich trotzdem reinkommen?“ Ich trete zur Seite. „Kaffee ist fertig. Und der Streuselkuchen ist noch warm.“
Wir gehen in die Küche. Claudia setzt sich an den Tisch, genau wie die letzten zwanzig Jahre. Ich schneide den Streuselkuchen an, der Dampf steigt auf, riecht nach Zimt und Butter. Findus springt aufs Fensterbrett und beobachtet uns durch die Scheibe. Claudia nimmt ihre Tasse, dreht sie einmal in den Händen und schaut zum Haken neben der Garderobe, wo der neue Schlüssel hängt und leise klimpert, wenn die Tür zugeht.
„Der Kuchen ist wirklich gut heute“, sagt sie schließlich.
„Ist er immer“, sage ich und schiebe ihr den Kaffee hin. „Nimm noch ein Stück.“
