Die erste Nacht ohne ihren Kaffee

Ich saß am Küchentisch in Münster, meine Frau Marlies stand am Herd und rührte in der Hafermilch. Draußen zog der erste kalte Nebel von der Werse her über die Fahrradständer, und irgendwo klapperte eine lose Regenrinne. Vierzig Jahre Ehe, und ich dachte immer, ich weiß, was gleich passiert.

„Werner, ich mache das jetzt“, sagte sie. Nicht laut. Sie drehte den Herd kleiner und legte den Holzlöffel neben den Topf, exakt parallel zur Kante der Ablage. „Im November fange ich mit dem Kurs an. Digitale Fotografie an der Volkshochschule. Und ich habe eine kleine Wohnung in der Innenstadt gemietet. Für mittwochs und donnerstags.“

Ich hatte gerade den letzten Schluck Sprudel getrunken und stellte das Glas auf den Tisch. Zu fest. Der Tisch wackelte, weil eines der Filzgleiter unter dem Bein fehlte — das Ding, das Marlies seit Wochen ersetzen wollte.

„Eine Wohnung“, wiederholte ich.

Marlies schenkte mir Kaffee nach. Sie benutzte immer noch die alte Porzellankanne mit dem feinen Sprung im Henkel, die wir einmal in einem Trödelladen in Warendorf mitgenommen hatten. Der Kaffee lief in meine Tasse, und ich hörte, dass sie leer wurde, aber ich sah nicht auf.

So fing es an. Nicht mit einem Streit, nicht mit einer Ankündigung beim Abendessen. Es fing mit einem Holzlöffel an, der neben einer Kochplatte lag, und mit einer gemieteten Wohnung, von der ich nichts wusste.

Dabei hatte ich Marlies für eine Frau gehalten, die keine Geheimnisse vor mir hat.

Ich bin Werner, dreiundsiebzig. Bis vor einem halben Jahr war ich Bauleiter im Tiefbau, Brücken und Zufahrtsstraßen, überall in Nordrhein-Westfalen. Marlies hat drei Kinder großgezogen und vier Umzüge organisiert, jedes Mal, wenn meine Firma mich woanders hinschickte. Sie hat nie eine feste Stelle gehabt. Sie hat den Haushalt gemacht, sich um meine Mutter gekümmert, als die mit dem Rücken im Pflegebett lag in Dülmen, und nebenbei für den Pfarrbasar genäht — Untersetzer, Einkaufsbeutel, Schutzengel aus Filz. Für die Kinder war sie einfach da. Für mich auch.

Und ich? Ich habe gearbeitet. Ich habe das Konto gefüllt und sonntags den Braten angeschnitten. Ich dachte, das ist die Abmachung. Einer baut Straßen, die andere baut das Leben drumherum. Dass Marlies einmal etwas anderes gewollt hatte, habe ich nie ernst genommen. Sie hatte ein Studium angefangen, Sozialpädagogik. Im ersten Jahr in Köln haben wir uns kennengelernt, ich war da schon im Außendienst, ständig mit dem Wagen zwischen Baustellen unterwegs. Als meine Firma mich nach Bielefeld versetzte, habe ich gesagt, komm mit, wir schaffen das. Und Marlies hat ihr Studium abgebrochen. Einfach so. Ich weiß noch, dass sie einen ganzen Abend lang ihre Bücher in Kartons gepackt hat. Als ich fragte, ob wir die nicht bei ihren Eltern lassen, hat sie den Karton zugeklebt und gesagt: „Nein, wozu? Ich brauche sie nicht mehr.“

Ich wusste, dass das nicht stimmte. Aber ich habe es geschluckt. Weil es leichter war.

Nach der Rente habe ich mich in einen Bergverein in den Baumbergen eingeschrieben, bin mit alten Kollegen nach Südtirol gefahren, habe die Wohnzimmerwand mit Bildern von Wanderhütten vollgehängt. Marlies saß oft auf dem Balkon und las die „Westfälischen Nachrichten“. Ich fragte, ob sie mitkommen will. Sie zuckte mit den Schultern: „Da musst du nur auf dich aufpassen.“ Ich hielt das für Zustimmung.

Dann kam der Abend, an dem unser Sohn Thorben mit seiner Familie zum Essen da war. Die Enkelkinder tobten durch den Flur, unsere Tochter Wiebke half in der Küche, der Schwiegersohn öffnete eine Flasche Sekt. Ich erzählte von meiner geplanten Bergtour im Allgäu, zwölf Tage, nur Männer, keine Kompromisse beim Tempo.

„Deine Mutter bleibt lieber hier“, sagte ich. „Sie ist ja ein Nestmensch.“

Marlies stellte die Salatschüssel ab. Es klirrte. Ich dachte zuerst, das sei der Sekt.

„Ich bin kein Nestmensch, Werner. Ich habe nur dreiundvierzig Jahre lang das Nest vom Rest der Familie in Ordnung gehalten. Das ist ein Unterschied.“

Thorben hörte auf zu kauen. Wiebke drehte sich vom Herd um. Die Enkelkinder rannten weiter, als wäre nichts.

Marlies wischte sich die Hände an der Schürze ab — sie trug sonst nie eine Schürze, aber an dem Abend hatte sie eine umgebunden, eine alte blaue von meiner Mutter. Dann legte sie das Besteck zusammen, Messer links, Gabel rechts, und sagte in die Stille hinein: „Ich wollte Sozialarbeiterin werden. Ich hätte in Köln meinen Abschluss machen können. Ich habe für den ersten Umzug deines Vaters alles hingeschmissen. Danach kam euer Bruder, dann der zweite Umzug, dann Oma. Ich habe in all den Jahren keinen einzigen Kurs zu Ende gebracht. Aber ich habe zwölf ehrenamtliche Jahre in der Kleiderkammer der Caritas hinter mir. Das zählt nur nicht, weil es keine Gehaltsabrechnung gibt.“

Meine Tochter setzte sich. „Mama, das hast du nie erzählt.“

Marlies zuckte die Schultern. „Ihr habt nie gefragt, wofür ich die alten Nähmaschinen auf dem Dachboden aufgehoben habe. Da oben liegen sechs Stück. Ich habe sie alle repariert, weil ich auf jeden von euch ein Geschenk nähen wollte, wenn ihr auszieht. Aber ihr seid so schnell ausgezogen, dass ich nie nachkam.“

Ich hörte mich sagen: „Niemand hat dich gezwungen, Marlies. Du hättest doch weiterstudieren können.“ Es klang schwach, auch in meinen eigenen Ohren.

Marlies lachte, aber es war ein kurzes, trockenes Geräusch, wie ein trockener Ast, der bricht. „Wer hätte sich um deine Mutter gekümmert, Werner? Die sieben Jahre in Dülmen, jeden zweiten Tag die Fahrt hin und zurück, Windeln wechseln, Arzttermine, Behördenpost. Sollte ich das deinem Gehalt überlassen? Deine Firma hat dich nicht freigestellt. Also blieb ich. Und ich habe es gern getan. Aber rede nicht, als wäre es nur deine Straße gewesen, die gebaut wurde.“

Ich schwieg. Nicht, weil ich nichts zu sagen hatte, sondern weil mir plötzlich auffiel, dass die Küchenuhr seit drei Tagen auf halb vier stand. Batterie leer. Marlies hatte sie nicht gewechselt. Ich hatte es nicht gemerkt.

In den Tagen danach vermied ich das Thema. Marlies nicht. Sie räumte den Dachboden aus, sortierte die Nähmaschinen, brachte zwei zum Sozialkaufhaus in Gievenbeck. Sie rief ihre Schwester Helga an, die in Osnabrück wohnt und als Fotografin halbprofessionell Vögel am Dümmer ablichtet. Sie unterhielten sich fast eine Stunde. Ich hörte Wörter wie „Bildkomposition“, „Blende“, „Nachbearbeitung“. Ich stand im Flur und tat so, als hätte ich einen Grund, dort zu sein: Ich suchte meinen alten Stadtplan von Paris.

Am Sonntag darauf legte Marlies mir einen Prospekt der Volkshochschule auf den Tisch. „Ich habe mich angemeldet, Werner. Der Kurs kostet achtundachtzig Euro für zwölf Abende. Das Geld nehme ich aus meinem eigenen kleinen Sparbuch.“

Ich starrte auf den Prospekt. Da war ein Foto von einer Frau mit Kamera vor einer Kletterrose. Ich sah auch das Kleingedruckte: Anmeldung bis 1. November. Das war in neun Tagen.

„Und die Wohnung?“, fragte ich.

„Gemietet, wie ich sagte. Zwei Zimmer, vierte Etage, Nähe Domplatz. Sechshundertzwanzig warm. Ich habe mit der Vermieterin gesprochen, eine nette alte Dame, die Enkel hat und nicht mehr so gut hört. Ich helfe ihr manchmal mit dem Einkauf. Dafür kann ich mittwochs und donnerstags bleiben. Von der Wohnung sind es zehn Minuten bis zur Volkshochschule.“

Ich wollte etwas sagen, aber mir fiel auf, dass mein rechter Schnürsenkel offen war. Ich bückte mich und band ihn zu. Der Kaffeekranz auf dem Tisch hatte schon einen braunen Ring hinterlassen, weil Marlies heute keine Untersetzer benutzt hatte. Sie benutzte nie Untersetzer, das war ich. Ich besaß welche aus geprägtem Leder, ein Geschenk von Thorben. Sie lagen unbenutzt in der Schublade unter dem Besteckkasten.

„Was ist mit dem Haus?“, fragte ich, als ich wieder hochkam. Ich hörte selbst, dass meine Stimme dünn klang.

„Was soll damit sein? Du bist ja groß genug, dir eine Woche lang Linsensuppe warm zu machen. Oder Pizza zu bestellen. Der Lieferdienst von der Wolbecker Straße bringt bis zweiundzwanzig Uhr. Ich habe dir eine Liste an den Kühlschrank gehängt.“

Sie hatte wirklich eine Liste geschrieben. Mit Füller. In ihrer alten Handschrift, die ich von Geburtstagsglückwünschen kannte: „Müllabfuhr Donnerstag, 6:40. Blumen auf dem Balkon gießen, aber nicht die Sukkulenten. Die Nachbarin Frau Ostermann hat einen Schlüssel, falls du dich aussperrst. Der Tierarzt heißt Dr. Brinker, aber wir haben kein Haustier mehr. Die Nummer vom Schornsteinfeger steht im Telefonbuch unter Buchstabe K.“

Ich riss die Liste nicht ab. Ich las sie zweimal. Und dann, zum ersten Mal seit Jahren, hatte ich einen seltsamen Druck im Magen, der nicht vom Sekt am Vorabend kam.

Marlies fuhr an einem Mittwoch. Ich stand am Fenster und sah, wie sie ihren alten dunkelblauen Opel Corsa belud: eine Reisetasche, einen Laptop, den ihr Helga geschenkt hatte, und den Fotoapparat, den sie sich von ihrem eigenen Geld gekauft hatte. Eine Panasonic, sagte sie, gebraucht, von einem Studenten, sechs Jahre alt, mit einem Objektiv, das allein dreihundert Euro gekostet hatte. „Dreihundertzehn“, korrigierte sie, als sie es mir zeigte. Sie war stolz auf den Preis.

Ich blieb allein. Es war still im Haus, aber nicht die Art Stille, die ich von meinen Bergtouren kannte. Diese hier summte: die Heizung, der Kühlschrank, ein Flugzeug über dem Dach. Und ich stand in der Küche und wusste auf einmal nicht, wo die Kaffeefilter sind. Marlies kaufte immer die ungebleichten, das wusste ich. Aber wo sie lagen? Ich riss alle Schubladen auf, fand alte Quittungen, Gummibänder, eine angebrochene Packung Vanillezucker. Die Filter waren im dritten Fach von unten, in einer Blechdose mit Pflaumenmuster drauf. Ich hatte die Dose seit Jahren gesehen, aber nie hineingeschaut.

Ich machte mir Kaffee. Er schmeckte nicht wie der von Marlies. Es lag nicht am Wasser.

Am Donnerstag rief Wiebke an. Sie fragte, ob ich zurechtkomme. Ich hörte im Hintergrund ihre Tochter, die „Opa!“ rief, ganz hoch und durchdringend. Ich sagte, alles gut, ich hätte Nudeln mit Pesto gemacht und danach eine Folge vom Münster-Tatort angeschaut. Sie lachte. „Papa, der läuft doch sonntags.“ Ich wusste, dass sie recht hatte. Ich hatte auf dem Sofa gesessen und auf den schwarzen Bildschirm geschaut, ohne den Fernseher einzuschalten. Da war mir die Sache mit dem Sender entfallen.

Am Samstag kam Thorben vorbei, um den Rasen zu mähen. Er fand mich im Carport, wo ich versuchte, das alte Fahrrad seiner Mutter zu reparieren. Der hintere Mantel war platt, und die Kette hing lose vom Zahnkranz. Ich hatte eine Fahrradpumpe in der Hand, aber kein Flickzeug.

„Mama würde das mit dem Schraubenschlüssel machen“, sagte Thorben.

Ich gab ihm den Schraubenschlüssel. Er machte sich an die Arbeit, bückte sich über den Gepäckträger, und ich sah den Haarwirbel an seinem Hinterkopf, der genau aussah wie der von Marlies, wenn sie sich über einen Nähkorb beugte. Ich ging ins Haus und holte zwei Bier. Als ich zurückkam, hielt Thorben mir ein altes Din-A5-Heft entgegen, das aus einer Satteltasche gerutscht war.

„Schau mal, Papa.“

Ich blätterte. Das Heft war voller handschriftlicher Notizen, sauber abgeheftet mit kleinen Klebezetteln. „Zehn Schritte, wie man ein Geburtstagsessen für zwölf Leute plant, ohne den Verstand zu verlieren“ stand auf der ersten Seite. Darunter Listen: Einkauf, Zeitplan, Sitzordnung. Eine Seite weiter: „Wie man einen Wasserhahn abdichtet, wenn das Baumarkt-YouTube-Video Spinat ist.“ Skizzen, Pfeile, eine Materialliste. Ganz hinten: „Dinge, die ich nach der Rente machen möchte, wenn ich endlich Zeit habe.“ Darunter: „Fotokurs. Ausstellung besuchen. Einmal allein verreisen. Helga besuchen, ohne ein Wochenende lang über Kinder zu reden.“

Ich reichte das Heft zurück. Meine Hände waren rau vom Reifen, und ich hatte plötzlich einen Kratzer am Daumen, von dem ich nicht wusste, woher. Er blutete kaum, aber ich spürte ihn.

„Das hat sie nie jemandem gezeigt“, sagte Thorben. Er sagte es so, als wäre das unsere Schuld.

Am Dienstag der zweiten Woche, einen Tag bevor Marlies zurückkommen sollte, hörte ich sie im Haus. Nicht wirklich. Ich hörte die Nachbarin im Treppenhaus, die mit ihrem Dackel sprach: „Komm, Günter, jetzt wird gegessen.“ Ich hörte eine Klingel von der Haustür, zweimal kurz, wie Marlies sie immer drückte. Aber als ich öffnete, stand nur der Paketbote da, mit einer Lieferung von einer Apotheke. Eine Salbe gegen Rückenschmerzen. Ich dachte, Marlies hätte sie bestellt. Aber der Name auf dem Karton war meiner.

Ich wusste nicht, wann ich das letzte Mal allein eine Wohnungstür aufgeschlossen hatte, während Marlies nicht zu Hause war. Es war ein Gefühl, als hätte ich etwas verloren, aber nicht den Schlüssel.

Als Marlies zurückkam, hörte ich das Auto, bevor ich es sah. Der Motor klang wie immer, ein bisschen zu hoch, ein Rasseln am Auspuff, das sie seit zwei Jahren ignorierte. Sie trug die Reisetasche über der Schulter und den Fotoapparat um den Hals. Sie sah müde aus, aber nicht unglücklich. Die Haare hatte sie anders, mit einem silbernen Clip über der Stirn. An den Füßen trug sie bequeme Schuhe, die ich nicht kannte.

Ich hatte ihr einen Kaffee gemacht. Die Tasse stand auf dem Tisch. Daneben lag der Prospekt der Volkshochschule, aufgeschlagen bei der Seite mit dem Foto der Kletterrose. Ich hatte versucht, die Kanne genauso zu füllen wie sie, aber der Kaffee war schon wieder kalt. Ich goss ihn weg und setzte frischen auf, während sie im Flur ihre Jacke aufhängte.

„Wie war es?“, fragte ich.

Sie setzte sich. „Anstrengend. Unsere Dozentin ist eine ehemalige Fotojournalistin. Sie hat uns gleich am ersten Abend die Kameraeinstellungen auseinandergenommen. Ich dachte, ich hätte eine gute Kamera, aber jetzt weiß ich, dass ich nur ein teures Spielzeug von einem Studenten gekauft habe. Aber sie hat mir gezeigt, wie man mit Gegenlicht umgeht. Der Trick ist, die Belichtung auf die hellste Stelle zu richten und dann ein kleines bisschen zurückzunehmen. Wie beim Leben, wenn man nicht alles auf einmal will.“

Ich schenkte ihr ein. Der Kaffee dampfte. Ich stellte die Tasse auf einen Untersetzer, eins von den Lederdingern, die ich aus der Schublade geholt hatte.

„Willst du was essen?“, fragte ich. „Ich war bei der Bäckerei Schrunz. Der Kürbiskernkuchen ist frisch. Der mit dem Baiser oben.“ Ich hörte, dass ich zu viel redete. Als müsste ich einen Raum füllen.

Marlies trank einen Schluck und zog die Augenbrauen hoch. „Der Kaffee ist gut.“

Dann legte sie einen Brief auf den Tisch. „Ich habe nachgedacht, Werner. Die Wohnung in der City ist nett, aber sie ist mir zu teuer. Sechshundertzwanzig für zehn Tage im Monat, das sind im Jahr fast siebentausendvierhundert Euro. Ich habe bei der Vermieterin nach einem Mietkauf gefragt, aber die alte Dame will nicht verkaufen. Ich habe ihr gesagt, ich nehme das Zimmer zur Untermiete nur noch für die Kurstage. Sie war einverstanden. Und ich habe mich für zwei Semester eingeschrieben. Das kostet nochmal achtundsiebzig Euro pro Semester. Die überweise ich von meinem Konto, auf das ich seit vier Jahren das Geld aus meinen Basaren einzahle. Es sind dreiundzwanzig Einzelbuchungen. Ich habe mir die Belege ausgedruckt. Da, in der blauen Mappe.“

Sie schob mir eine schmale Mappe zu. Ich klappte sie auf. Drinnen lagen Überweisungsbestätigungen, akkurat abgeheftet, jede mit Datum und Verwendungszweck. „Basar—Standgebühr—Erlös“ stand auf den meisten. Die Beträge waren klein: vierzehn Euro hier, sieben dort. Aber die Summe am Ende, in Marlies’ Handschrift mit roter Tinte: „1.204 Euro“. Sie hatte die Mappe beschriftet: „Mein eigener Weg“.

Ich habe lange auf diese Mappe geschaut. Ich habe nicht gezählt, ob es wirklich dreiundzwanzig Belege waren. Ich habe stattdessen an meinen Vater gedacht, der immer sagte, Arbeit sei das Einzige, was zählt. Und an meine Mutter, die nie widersprach, wenn er über „Männersachen“ sprach. Und an Marlies, die neben mir im Bus nach Hamm saß, als wir zu der letzten Baubesprechung meiner Karriere fuhren, und die eine Zeitschrift las, während ich meine Rede übte. Sie hatte dieselbe ruhige Art. Ich dachte, sie sei glücklich. Vielleicht war sie es auch. Aber jetzt sah ich die Mappe, und da war dieses Datum: 14. März. Meine erste Woche nach der Rente. Da hatte sie angefangen.

Ich wollte etwas Großes sagen, etwas, das wiedergutmacht, dass ich vierzig Jahre lang nicht nachgefragt habe. Stattdessen fragte ich: „Hast du Hunger?“

Marlies lachte. Diesmal klang es weicher, wie Regen auf ein Autodach, wenn man selber im Trockenen sitzt. „Ich habe Hunger wie ein Scheunendrescher, Werner. Und ich habe Lust auf Bratkartoffeln. Aber mit Zwiebeln, nicht mit Speck, und die Kartoffeln müssen von gestern sein, sonst werden sie matschig. Ich habe gestern in der Wohnung gekocht und extra ein paar übrig gelassen. Sie liegen in der blauen Dose im Auto. Holst du sie?“

Ich holte sie. Die Dose war noch kalt vom Kofferraum. Oben lag ein Zettel: „Für uns beide. Nicht aufessen, bevor ich da bin. M.“

Ich habe die Kartoffeln in der Pfanne gewendet, mit einem Pfannenwender, den ich vorher noch nie benutzt hatte, weil Marlies immer kochte. Er lag griffbereit in der Schublade, vorn, neben dem Schneebesen. Ich habe die Zwiebeln geschnitten, so dünn ich konnte, und mir dabei in den Zeigefinger geschnitten, aber nicht tief. Es hat nicht geblutet, nur ein feiner roter Strich. Ich habe weitergemacht.

Und als wir aßen, mitten im Herbst, mit dem Fenster einen Spalt offen, weil der Herd die Küche wärmte, da hat Marlies mir ein Foto gezeigt, das sie gemacht hatte: ein Graureiher am Aasee, der einen alten Putzlumpen aus dem Wasser zog. Man sah die Bewegung im schweren Flügel. Sie hatte den Moment erwischt, als der Lumpen tropfte.

„Die Belichtung ist nicht perfekt“, sagte Marlies, „aber der Lumpen ist ehrlich. Er war einfach da. Und der Reiher hat ihn gebraucht. Nicht als Essen. Nur so. Zum Bauen vom Nest.“

Ich habe das Foto lange angesehen. Es war unscharf an den Rändern, aber der Lumpen war gestochen scharf. Er sah aus wie einer von den alten Putzlappen, die Marlies immer aus ausrangierter Bettwäsche riss. Ich kannte diese Lappen. Sie lagen in einem Korb unter der Spüle, und ich hatte nie darüber nachgedacht, wer sie dort hinlegt.

Eine Woche später stand ich in der Küche und hörte, wie Marlies am Telefon mit Helga über die nächste Exkursion nach Borkum sprach. Es ging um Wattvögel im November, um Stativ und um ein Teleobjektiv, das sie sich leihen konnte. Ich machte mir einen Kaffee und diesmal legte ich die Filtertüte richtig in den Einsatz. Ich goss das Wasser langsam auf, nicht zu heiß, weil Marlies mir gesagt hatte, der Kaffee werde sonst bitter. Ich wartete, bis sie auflegte, und dann fragte ich: „Ist es in Ordnung, wenn ich mal mitkomme? Nicht zum Fotografieren. Nur so. Zum Hingehen. Ich mache dann die Brote.“

Marlies sah mich an. Draußen vor dem Küchenfenster fiel der erste Frost auf die Fahrradständer, und irgendwo bellte der Dackel von Frau Ostermann, weil der Paketbote wieder das Gartentor zu laut zuschlug.

„Ja“, sagte sie. „Aber du musst leise sein, wenn ich den Sanderling vor die Linse kriege. Der verzeiht kein Rascheln mit der Butterbrotdose.“

Ich nickte. Dann band ich meinen Schuh zu, der wieder aufgegangen war, und dachte an die Mappe mit den dreiundzwanzig Belegen. 1.204 Euro. Ich habe nie herausgefunden, ob der Betrag stimmt. Aber am nächsten Tag habe ich die Küchenuhr aufgezogen. Die Batterie hatte ich in den falschen Pol gedreht, deshalb hatte sie wochenlang stillgestanden. Als ich sie umdrehte, tickte sie sofort. Halb vier. Von da an lief sie wieder.

Ein halbes Jahr später fand ich in einer Schublade unter dem Telefon einen Umschlag mit meinem Namen. Darin war eine einzige Fotografie, schwarz-weiß, aufgenommen von Wiebke, als wir alle zusammen an meinem Geburtstag auf der Terrasse saßen. Marlies und ich, wir schauen nicht in die Kamera. Sie lacht, ich halte eine leere Tasse, die Untertasse klemmt schief zwischen meinen Fingern. Auf der Rückseite, in Marlies’ Handschrift: „Werner, 2. Juli. Er hat gefragt, ob er mitkommen darf. Er hat nicht gesagt, dass er nur zuschauen will. Er hat gesagt, er macht die Brote.“

Ich habe den Umschlag wieder zugeklebt, aber nicht, bevor mir auffiel, dass die Briefmarke nicht gestempelt war. Marlies wollte das Foto nie verschicken. Sie hat es für mich dort hingelegt, für einen Tag, an dem ich es brauche. Vielleicht war der Tag gekommen. Draußen fuhr die Straßenbahn die Wolbecker Straße hinunter, und am Fenster stand die Kaffeekanne mit dem Sprung im Henkel. Daneben lag ein Zettel: „Habe frische Brötchen geholt. Bin im Fotoclub. Kuss, M.“ Und unter der Tasse stand ein Untersetzer aus Leder. Benutzt.

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Uniad
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