Ich stehe in meiner Küche in Freiburg, in der Hand einen dicken Umschlag vom Reisebüro. Draußen rumpelt die Straßenbahnlinie 5 vorbei, und auf dem Fensterbrett sitzt der Kater von nebenan, ein rotes Biest, das jeden Morgen um sieben hier auftaucht. Die Geranie auf dem Balkon hat schon wieder braune Blätter, aber ich gieße sie später. Der Umschlag ist schwer, als läge mein halbes Leben darin.
Mit neunzehn habe ich in einer alten Zeitschrift ein Foto von Florenz gesehen: der Dom, die roten Dächer, der Fluss. Ich habe die Seite herausgetrennt und in eine Blechdose gelegt, in der ich Knöpfe und Nähgarn aufbewahre. Die Dose steht noch heute im Schlafzimmerschrank, hinter den Wollsocken. Über fünfzig Jahre hat sie dort gelegen.
Ich habe Walter kennengelernt, als ich vierundzwanzig war. Wir haben in der Wiehre eine kleine Wohnung gekauft, dann kamen Kerstin und Markus. Urlaub haben wir immer in der Lüneburger Heide gemacht oder bei den Großeltern. Walter sagte jedes Mal: „Später, Ursel, später fahren wir nach Italien.“ Später musste das Auto repariert werden, die Kinder brauchten neue Schuhe, die Waschmaschine ging kaputt. Ich habe in der Stadtbibliothek gearbeitet, er in einer Druckerei. Jede Mark hatte ihren Platz.
Dann kamen die Enkelkinder. Kerstin hat geheiratet, Markus auch. Ich habe jahrelang die Enkel gehütet, montags und donnerstags, in den Ferien fast jeden Tag. Ich habe nie Nein gesagt. Nicht weil jemand mich gezwungen hätte, sondern weil immer etwas dringender war als meine eigenen Wünsche. Mit siebzig ist Walter gestorben, ganz plötzlich, an einem Mittwoch. Danach bin ich ein halbes Jahr kaum aus dem Viertel hinausgekommen. Die Kinder haben täglich angerufen und gesagt: „Mama, du musst raus, meld dich im Verein an, mach was.“ Aber wenn ich erzählt habe, dass ich einen Italienischkurs an der Volkshochschule belegen will, haben sie nur gemurmelt: „Wozu denn das?“
Vor drei Monaten hat Hildegard aus dem Kurs einen Flyer mitgebracht: eine organisierte Reise nach Italien, neun Tage, Bus, einfache Hotels, deutschsprachige Reiseleitung. Florenz, Rom, Venedig. Der Preis stand ganz unten: 2.700 Euro. Ich habe die Summe zweimal gelesen. Dann habe ich meine Kontoauszüge geholt und nachgerechnet. Ich hatte genug. Ich habe beim Reisebüro in der Salzstraße angerufen und einen Platz reserviert. Den Umschlag mit der Bestätigung habe ich in die Keksdose gelegt, zu der alten Zeitschriftenseite. Drei Wochen lang habe ich niemandem etwas gesagt.
Letzten Sonntag habe ich die Kinder zum Kaffee eingeladen. Ich habe Apfelkuchen gebacken, den mit dem vielen Zimt. Kerstin kam mit den Kindern, Markus allein, seine Frau hatte Dienst. Als ich die Reise erwähnt habe, hat Kerstin ihre Tasse so heftig abgestellt, dass der Kaffee auf die Untertasse geschwappt ist. „Und wer passt auf die Kinder auf? Ich habe doch den Fortbildungskurs in den Herbstferien!“ Markus hat sein Brötchen beiseitegelegt. „Mama, das ist doch rausgeschmissenes Geld. In deinem Alter solltest du an deine Gesundheit denken, nicht an irgendwelche Reisen.“
Ich habe tief Luft geholt. „Ich habe einen Reiseleiter dabei, ich habe eine Auslandskrankenversicherung, und mein Hausarzt hat keine Einwände.“ Kerstin hat die Augenbrauen zusammengezogen. „Du sprichst kein Wort Italienisch.“ Da habe ich meinen Sprachführer aus der Handtasche gezogen, den ich seit acht Wochen jeden Abend durcharbeite. „Doch. Ich kann fragen, wo die Toilette ist, und ich kann mir ein Eis bestellen.“ Das hat sie kurz sprachlos gemacht.
Markus hat weitergeredet, als hätte er mich nicht gehört. „Wir müssen im Frühjahr die Heizung erneuern lassen. Ich dachte, wir könnten das zusammen stemmen.“ Davon hatte er nie zuvor gesprochen. Ich wusste nicht, dass er auf mein Geld gerechnet hat. „Ich habe nie gesagt, dass ich die Heizung bezahle“, habe ich geantwortet. „Und selbst wenn ich das Geld nicht für die Reise ausgeben würde, heißt das nicht, dass es automatisch für eure Heizung da ist.“ Da hat Markus seinen Kaffee stehen lassen und ist aufgestanden. „Du hast dich verändert, Mama.“
In den Tagen danach kamen WhatsApp-Nachrichten: ein Artikel über Taschendiebe in Rom, ein Video von einem Busunfall in der Toskana, eine Sprachnachricht von Kerstin, in der sie sagte, die Kinder würden mich vermissen. Ich habe nachts wach gelegen und die Bestätigung aus der Keksdose geholt. Das Foto von Florenz war vergilbt, an den Rändern eingerissen. Ich habe auf das Datum der Reise geschaut: noch sechzehn Tage. Ich habe zum Telefon gegriffen, um zu stornieren. Aber dann hat mich die Katze angesehen, die auf der Fensterbank saß, und ich habe stattdessen Hildegard angerufen. „Ich will nicht stornieren“, habe ich gesagt. „Dann fahr“, hat sie geantwortet, „und schick mir ein Foto vom Dom.“
Die Reise war anstrengend. In Rom bin ich nach drei Stunden auf einer Bank eingeschlafen, in Pisa habe ich meinen Lieblingsschal im Bus liegen lassen, und in einem Hotel in Montecatini hat mir das Abendessen den Magen verdorben. Es war kein Traum aus dem Prospekt. Aber in Florenz bin ich um fünf Uhr morgens aufgestanden, als noch kein Tourist unterwegs war. Ich habe auf der Ponte Vecchio gestanden, der Arno war grau, und die Stadt hat nach nassem Stein gerochen. Ich habe ein Foto gemacht. Später habe ich mir auf der Piazza della Signoria ein Eis mit Pistazie gekauft und es einfach so gegessen, ohne auf jemanden zu warten. Aus Venedig habe ich meinen Enkeln ein Bild geschickt: ich auf dem Markusplatz, mit Sonnenbrille und einem albernen Hut. Kerstin hat erst nach drei Tagen geantwortet. „Du siehst glücklich aus.“ Ich habe die Nachricht siebenmal gelesen.
Am Freitagabend bin ich mit dem Bus am Hauptbahnhof in Freiburg angekommen. Es hat geregnet, wie immer in Freiburg, wenn man den Regenschirm vergessen hat. Kerstin und Markus standen auf dem Bahnsteig, Markus mit verschränkten Armen. Ich habe ihnen Geschenke gegeben: für Kerstin eine Lederhandtasche aus Florenz, für Markus eine Flasche Limoncello, für die Enkel venezianische Masken. Sie haben sich bedankt, aber die Gespräche blieben zäh.
Dann habe ich in meiner Handtasche den Umschlag gefunden, den ich am Morgen vor der Abreise mitgenommen hatte. Ich habe ihn auf den kleinen Tisch im Bahnhofscafé gelegt. „Bevor ich gefahren bin, war ich bei der Bank“, habe ich gesagt. „Ich habe ein neues Konto eingerichtet. Ein Reisekonto.“ Ich habe den Kontoauszug herausgezogen und auf den Tisch gelegt. „Ich habe 9.500 Euro überwiesen. Das ist das Geld, das ich für euch zurückgelegt hatte, für den Fall, dass mal etwas passiert.“ Markus hat nach dem Zettel gegriffen, dann hat er ihn wieder hingelegt. „Mama, was soll das?“ Meine Hände haben auf dem Tisch gelegen, ganz ruhig. „Das ist mein Geld. Ich habe beschlossen, es für mich zu verwenden. Ich werde weiter für euch da sein, wenn wirklich ein Notfall ist. Aber ich lasse mich nicht mehr verplanen.“ Kerstin hat zu mir herübergeschaut, und ich habe gesehen, dass ihre Lippen schmal wurden. Aber sie hat nichts gesagt. Nur Markus hat seinen Kaffee umgerührt, bis der Löffel klirrte.
Ich bin nach Hause gegangen, die Treppe hoch, an der flackernden Lampe im zweiten Stock vorbei. Der Kater saß schon vor meiner Tür. In der Wohnung habe ich die Keksdose aus dem Schrank geholt und das alte Foto von Florenz an den Kühlschrank gehängt, mit einem Magneten vom Freiburger Münster. Dann habe ich die Geranie gegossen.
Ein halbes Jahr später habe ich Walters alte Unterlagen für die Steuer durchgesehen. In seiner Bibel, die er nie aufgeschlagen hat, lag ein Umschlag. Darauf stand in seiner Handschrift: „Für Ursel, wenn sie endlich nach Italien fährt.“ In dem Umschlag steckten Geldscheine, ordentlich gebündelt, und ein kleiner Zettel. Nur ein Satz: „Ich hätte es dir früher sagen sollen.“ Ich habe das Geld zu dem anderen auf das Reisekonto gelegt. Der Kater saß auf dem Fensterbrett und sah mir zu.
