# Cordhosen aus dem Intershop

Diese Hose kam an einem Mittwoch in unsere Wohnung. Mutter kam von der Arbeit mit einem Paket, eingewickelt in graues Packpapier. Sie legte es auf den Küchentisch, neben den emaillierten Wasserkessel mit der Tülle, die vom Anschlagen gegen den Wasserhahn eine Kerbe hatte. Sie sagte nichts. So machte sie es immer, wenn sie etwas mitbrachte, auf das man monatelang gewartet hatte.

Ich wickelte das Papier ab. Bordeauxrote Cordhose aus dem Intershop. Oben weit, nach unten schmaler geschnitten, mit Metallnieten an den Taschen. Sie roch nach dem Laden, in dem man ab fünf Uhr morgens Schlange stand. Ich fasste den Stoff an. Er war fester, als ich erwartet hatte, aber das machte nichts. Es war die schönste Hose, die ich in meinem ganzen elfjährigen Leben gesehen hatte.

„Für achtzig Mark“, sagte Mutter und zog den Mantel aus. „Von Tante Halina. Unter dem Ladentisch.“

Ich fragte nicht, woher Tante Halina achtzig Mark hatte. 1983 stellte man solche Fragen nicht.

Ich probierte sie am Samstag an. Ich kam aus dem Zimmer wie ein Mannequin, das ich einmal im Fernsehen gesehen hatte, in einer Sendung aus Paris. Mutter unterbrach das Kartoffelschälen. Mit dem Messer in der einen Hand und der Kartoffel in der anderen betrachtete sie mich länger als sonst.

„Nicht so krumm stehen“, sagte sie schließlich.

Ich drehte mich zum Spiegel im Flur um. Die Diele knarrte. In diesem Spiegel sah man nur die obere Körperhälfte, also musste ich mich auf die Zehenspitzen stellen, um die Beine zu sehen. Sie sahen aus wie aus einem Westkatalog. Ich stieg von den Zehenspitzen herunter. Die Diele knarrte ein zweites Mal, als wollte sie es bestätigen.

Vater war damals auf Montage in Rostock. Er baute etwas im Hafen zusammen, irgendeine Anlage für den Containerumschlag. Er war schon fünf Wochen weg. Er schrieb Briefe auf grauem Packpapier, weil ihm das Briefpapier ausgegangen war. In jeden Brief zeichnete er eine Möwe. Mutter sagte, das mache er, weil er Sehnsucht habe.

Am Freitag sollten wir ihn besuchen fliegen, ab Schönefeld. Zum ersten Mal in meinem Leben mit dem Flugzeug. Mutter hatte die Tickets über einen Bekannten aus dem Kombinat besorgt. Wir sollten ganze zwei Wochen in Rostock verbringen. Ich, Mutter und die bordeauxrote Cordhose.

Eine Woche vor der Abreise konnte ich nicht schlafen. Nachts stand ich auf, ging in den Flur, öffnete den Kleiderschrank, der wie eine alte Straßenbahn quietschte. Die Hose hing auf einem Holzbügel. Ich fasste sie im Dunkeln an. Prüfte, ob sich im Laufe des Tages eine Niete gelockert hatte. Rex, der Hund der Nachbarn von unten, bellte dann im Treppenhaus. Mutter seufzte im Schlaf hinter der Wand.

Zum Flughafen fuhren wir mit dem Bus der Linie 175. Ich erinnere mich an die Nummer, weil Mutter sie seit gestern wie eine Beschwörungsformel wiederholte. Im Bus roch es nach Tabak und nassen Mänteln. Jemand trat mir auf den Fuß. Ich sagte nichts, denn in so einer Hose konnte man sich schließlich nicht ärgern.

Der Flughafen Schönefeld war grau und laut. Über Lautsprecher wurden Namen aufgerufen. Frauen mit Kopftüchern saßen auf ihren Koffern. Männer rauchten an den Türen. Alles roch nach Automatenkaffee und Bohnerwachs.

Ich ging durch die Abflughalle mit einem Schritt, den ich eine ganze Woche vor dem Spiegel geübt hatte. Mutter trug die Reisetasche, in der Käsestullen und eine Thermoskanne Tee lagen. Ich erinnere mich, dass der Riemen ihrer Tasche gerissen und mit einer Schnur zusammengebunden war. Sie sagte, sie werde eine neue kaufen, aber erst nach der Rückkehr.

„Du läufst wie ein Reiher auf Stelzen“, sagte Mutter, ohne sich umzudrehen.

Ich antwortete nicht. In so einer Hose diskutiert man mit niemandem.

Dann kam die Stufe. Eine einzige Stufe am Eingang zur Abflughalle. Mutter bemerkte sie und sagte „pass auf“. Ich bemerkte sie auch. Aber mein Schuh rutschte ab. Ich erinnere mich an meine Finger am Rand der Stufe. Ich erinnere mich, dass ich dachte: nur nicht die Hose.

Ich schlug mit dem Knie auf den Beton. Ich hörte ein Geräusch, als würde jemand eine Zeitung zerreißen. Der Schmerz kam erst nach einem Moment, und mit ihm etwas Schlimmeres.

Am rechten Knie klaffte ein Loch von der Größe einer Handfläche. Der Stoff war entlang der Naht aufgerissen, aus der Wunde sickerte Blut. Ich blickte zu Mutter hoch. Sie stand mit der Tasche über mir, und ihr Gesicht sah aus, als hätte sie etwas gesehen, das kein Schneider mehr reparieren würde.

Aber das war keine gewöhnliche Mutter. Das war Christel, die aus nichts ein Mittagessen für vier Personen zaubern konnte, die ein Bügeleisen und ein Radio reparieren konnte, die letztes Jahr allein die Fliesen im Bad verlegt hatte, weil Vater auf Montage war. Die die halbe „Loreley“ auswendig kannte und Lieder vom Widerstand vor sich hin summte, obwohl sie damals noch gar nicht geboren war.

Sie zog mich zu einer Bank am Fenster, neben den Getränkeautomaten. Der Automat funktionierte nicht. Jemand hatte einen Milchkarton hineingesteckt.

„Zieh sie aus“, sagte sie.

Ich sah mich um.

„Zieh sie aus, sag ich. Wer soll dich hier schon anschauen.“

Ich zog die Hose aus, faltete sie zusammen und reichte sie Mutter. Ich saß auf der kalten Bank in der Strumpfhose, durch die der Verband durchschimmerte, denn Mutter hatte mir das Knie schon mit einem Taschentuch abgewischt, das mit Kölnischwasser getränkt war. Es brannte mehr als das Loch im Cord.

Mutter öffnete die Tasche. Sie holte eine Bonbondose heraus, und daraus eine Nadel, einen Fingerhut und Garnrollen. Drei Farben. Schwarz, weiß, grün. Bordeauxrot war nicht dabei.

Sie begann zu nähen. Der schwarze Faden zog sich in den bordeauxroten Stoff wie ein fremder Stich. Ich sah zu, wie ihre Finger arbeiteten, schnell, als hätten sie es schon immer getan. Der Fingerhut klopfte gegen die Nadel. Tock-tock-tock. Das war das einzige Geräusch, das zu mir durchdrang. Draußen am Fenster brüllte ein Flugzeug beim Start, aber ich hörte nur dieses Klopfen.

„Es gab mal einen Jungen“, sagte Mutter, ohne mit dem Nähen aufzuhören. „In meiner Schule. Er hatte eine Nylonjacke. Die erste in der Stadt. Alle waren neidisch auf ihn.“

Ich sah sie an. Tock-tock-tock.

„Er blieb mit ihr an einem Nagel im Zaun hängen. Riss den ganzen Ärmel auf. Er dachte auch, das sei das Ende der Welt. Weißt du, was er tat?“

Ich wusste es nicht.

„Er lehnte den Ellbogen an einen Baumstamm und sagte, das sei ein Andenken. Er trug die Jacke mit dem Loch den ganzen Winter. Und alle dachten, das sei so eine Mode aus dem Westen.“

Sie hielt einen Moment inne. Zog den Faden fest. Tock-tock-tock.

„Nur er wusste, dass es keine Mode war. Aber niemand fragte ihn danach.“

Sie war fertig. Drehte die Hose auf links. Der Stich war gleichmäßig, aber sichtbar. Die schwarze Naht auf dem bordeauxroten Knie sah aus wie eine fremde, krumm gesetzte Unterschrift.

„Zieh sie an“, sagte sie.

Ich stand auf. Der Verschluss war kalt. Der Stoff roch jetzt nach Kölnischwasser und dem abgestandenen Geruch des Flughafens. Ich zog die Hose an und prüfte das Knie im Fensterglas. In der Spiegelung sah die schwarze Naht aus wie eine Spinne, die sich auf den Stoff gesetzt hatte.

„So kann man rausgehen“, entschied Mutter. „Sieht aus wie ein Aufnäher.“

Es sah nicht so aus. Aber Mutter stand schon auf, hatte die Tasche schon über die Schulter geworfen, ging schon Richtung Abfertigung. Und ich lief hinter ihr her, setzte die Füße so, dass ich an keine Bodenplatte, an keine Stufe, an keinen Nagel stieß, den es gar nicht gab.

An der Kontrolle sah sie mich an und schloss mir den Mantelkragen. Sie hatte kalte Finger. An ihrem Handgelenk hing der Fingerhut.

Im Flugzeug saß ich am Fenster. Draußen hinter der Scheibe standen Männer mit Winkerkellen. Mutter holte aus der Handtasche ein Stück Brot mit Zucker, in Pergamentpapier gewickelt. Sie reichte es mir. Ich aß nicht. Stattdessen steckte ich die Hand in die Hosentasche.

Am Boden der Tasche lag ein schwarzer Faden. Ein Stück, das Mutter verloren haben musste, als sie die Hose auf der Bank zusammenfaltete. Ich holte ihn heraus. Er war lang, vielleicht eine Handlänge. Ich wickelte ihn zu einem Knäuel und steckte ihn zurück in die Tasche.

Das Flugzeug setzte sich in Bewegung. Es zitterte am ganzen Leib, wie der alte Fahrstuhl in unserem Wohnblock. Mutter schloss die Augen. Ich blickte auf das Fenster, auf die Startbahn, darauf, wie die Betonplatten zu einer einzigen grauen Linie verschwammen.

Ich hielt das Fadenknäuel in der Tasche. Ich spürte es durch den Stoff. Es war hart, wie ein Kirschkern, den man als Kind in der Backe trug, um zu prüfen, wie lange man es aushielt, ihn nicht zu schlucken.

Aus Rostock schrieb ich Vater einen kurzen Brief, weil Mutter mich für die Tickets danken lassen wollte. Am Ende schrieb ich hinzu: „Die Hose hat die Reise überstanden.“ Vom Loch erwähnte ich nichts. Vater schrieb zurück: „Das ist gut. Möwe.“

Ich trug diese Hose noch zwei weitere Jahre. Dann wurde sie zu kurz. Mutter gab sie zur Altkleidersammlung in der Schule. Als sie sie in den Sack steckte, fiel das Knäuel aus schwarzem Faden aus der Tasche. Es rollte über den Boden.

Ich hob es auf. Mutter stand mit dem Sack in der Hand da.

„Lass gut sein“, sagte ich.

Sie nickte und verknotete den Sack. Das Knäuel bewahrte ich in der Bonbondose auf, dort, wo Mutter die Nadeln aufbewahrte. Es liegt dort bis heute.

Und im Kleiderschrank riecht es manchmal nach Cord, auch wenn dort nichts mehr hängt.

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Uniad
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