Der Pirog, der alles veränderte

Es riecht nach Lavendelweichspüler im Treppenhaus der Fuggerstraße 14 in Augsburg, wenn Rosemarie Brenner ihre Wäscheleine im Hinterhof abhängt. Dienstags läuft bei ihr im Radio immer der Lokalsender mit den Verkehrsmeldungen zur A8, und sie hört kaum hin, während sie die Handtücher zusammenlegt.

„Helfen ist gut, aber ohne Übertreibung", sagte Rosemarie zu ihren Nachbarinnen, wenn die mal wieder jammerten, dass ihnen die Kinder auf der Tasche lägen und gar nicht mehr ausziehen wollten. Rosemarie war zweiundsechzig, seit vierzig Jahren verheiratet mit Manfred, und sie hielt sich für eine kluge Frau. Nicht kalt, aber vernünftig.

„Selber schuld", schnaubte sie dann. „Erst die Einkaufstasche getragen, dann die Rente geteilt, und jetzt wunderst du dich, warum der Junge mit vierzig noch auf deiner Couch liegt und keine Arbeit sucht." Ihre Nachbarin Erika bekam das öfter zu hören, wegen ihres Sohnes Jörg, der angeblich „gerade zwischen zwei Jobs" war – seit elf Monaten schon. Und Helga, die ihre Enkelin erst einmal die Woche hütete, dann drei Tage am Stück, und sich am Ende wunderte, warum sie nicht mal mehr allein zum Kardiologen kam.

Rosemarie selbst hatte, wie sie fand, alles richtig gemacht. Ihr Sohn Tobias lebte in Hamburg, verdiente gut als Ingenieur bei einer Werft, und wenn er anrief und Geld anbot, wehrte sie ab: „Brauchen wir nicht, Junge, uns fehlt nichts." Insgeheim war sie stolz wie eine Königin. Und ihre Tochter Sabine, zweiunddreißig, Krankenschwester im Uniklinikum, wohnte drei Straßen weiter und kümmerte sich um alles – Blutdruck, Vitamine, Arzttermine, die sie ohne Wartezeit organisierte, weil sie eben wusste, wen man fragen musste.

„Wenn die Kinder was Gutes getan haben, gab's eine Belohnung. Wenn nicht, ein ernstes Gespräch – ohne Geschrei, aber mit klarer Ansage", erklärte Rosemarie gern. „Kinder müssen den Preis ihrer Taten kennen. Sonst gewöhnen sie sich dran, dass man ihnen alles verzeiht."

Darum fand sie es auch nur folgerichtig, dass sie sich bei Stefan Hoffmann bedankte, dem Nachbarn von unten, der ihr eines Samstags die schwere Tasche vom Wochenmarkt am Elisabethplatz nach oben trug. Sie buk Piroggen mit Kraut und Ei und drückte ihm einen Teller in die Hand. „Nehmen Sie, wir schaffen das eh nicht allein."

Stefan bedankte sich, brachte den sauberen Teller am nächsten Tag zurück und sagte: „Wenn Sie mal wieder backen – ich bin jetzt Fan. Schmeckt wie bei meiner Mutter. Ich schulde Ihnen was."

Rosemarie lächelte geschmeichelt. Manfred aß ihre Piroggen wortlos, brummte höchstens „geht klar". Sabine lehnte Gebäck grundsätzlich ab, wegen der Kalorien. Und dann kam diese ehrliche Freude von einem Fremden. Eine Woche später, als sie Gulasch gekocht hatte und Manfred nur meinte „lieber wieder Nudeln", klopfte sie beleidigt bei Stefan.

Von da an kam er häufiger. Half die Einkäufe hochtragen, reparierte den tropfenden Wasserhahn, brachte manchmal Brot mit oder eine Packung Earl Grey. Er war neununddreißig, arbeitete als Rettungssanitäter beim BRK, hatte Zwölf-Stunden-Schichten, lebte allein, keine Laster, immer gepflegt. „Der könnte glatt unser Sohn sein", sagte Rosemarie zu Manfred, der nur brummte, aber nicht widersprach.

Sabine, wenn sie nach der Schicht vorbeischaute, spottete: „Mama, ihr adoptiert den Nachbarn noch." Rosemarie winkte ab. Aber dann bemerkte sie, wie Stefan öfter bis spät blieb, wie er ihr eines Tages riet: „Sabine, bringen Sie Ihre Mutter mal zum EKG. Und der Blutdruck sollte morgens gemessen werden." Sabine verzog das Gesicht: „Ist er jetzt unser Hausarzt? Warum erfahre ich das von ihm und nicht von euch?"

Es gab diesen Abend, an dem Sabine ihre Eltern besuchte und Stefan mit ihrer Mutter am Herd stehen sah, als würde er hier wohnen, als würde er über neue Fenster für die Wohnung mitentscheiden. „Wie ein Familienmitglied", murmelte sie beim Reinkommen. Stefan drehte sich um, fragte nach ihrer Arbeit, wollte ihre Meinung zu Kunststoff- oder Holzrahmen wissen. Sie antwortete kühl, aber innerlich kochte es: Ein Fremder, der sich benimmt, als gehöre er dazu – und die Eltern schauen ihn an, als wäre er ihr eigenes Kind.

Anfangs hielt Sabine Distanz. Kurze Antworten, betonte Sätze wie: „Nicht nötig, Stefan, meine Eltern haben alles, was sie brauchen." Er nahm es nicht übel, drängte sich nicht auf. Blieb er zum Abendessen, wenn Sabine kam, setzte er sich etwas abseits, half beim Abräumen, ging als Erster.

Eines Abends fand sie eine Tupperdose auf dem Küchentisch. „Für Stefan, er hat morgen Frühschicht", erklärte Rosemarie. Sabine wollte scharf antworten – hat er keine Hände, kocht ihr jetzt für ihn –, seufzte nur. „Mama, schon du selbst nicht schonst." „Mir macht das nichts aus. Er ist so allein, immer im Einsatz. Und du – auch nie Zeit für dich, kein Privatleben." Sabine schwieg, aß, was vor ihr stand.

Als sie später aus dem Haus trat, parkte Stefan gerade seinen Kombi am Straßenrand. „Guten Abend. Ich fahr Sie heim, ist schon dunkel." Sie protestierte nicht wirklich, ging neben ihm her. Schweigend. Dabei hatte sie ihm eigentlich sagen wollen, dass er sich langsam bei ihren Eltern einnistete wie ein zweiter Sohn. Es kam nicht dazu. Er brachte sie bis zur Wohnungstür, wünschte ihr eine gute Nacht. Sie sagte nur „Danke" und verschob das Gespräch – erstmal wollte sie mit der Mutter reden.

Die Nachbarinnen tuschelten unterdessen auf der Bank vorm Haus. „Habt ihr gesehen? Der Stefan ist bei den Brenners quasi Sohn. Oder vielleicht doch nicht Sohn – die Tochter ist ja noch ledig, zweiunddreißig schon." – „Vielleicht brät die Rosemarie ihm Frikadellen, damit er sich revanchiert…" Als Sabine das mitbekam, wurde ihr die Einkaufstasche in der Hand plötzlich schwerer. Sie ging weiter, ohne zu antworten, aber es saß tiefer, als sie erwartet hatte.

Und doch – Stefan drängte sich nicht in ihr Leben, aber seine Anwesenheit war überall in der Wohnung ihrer Eltern spürbar. Als Rosemarie ihr eines Abends im Flur erzählte: „Stefan hat Abendessen gemacht, wollte bleiben, musste aber zum Dienst, es gab wohl einen Einsatz" – da zog sich etwas in Sabines Brust zusammen. Sie verstand selbst nicht gleich, warum sie es bedauerte, dass er heute nicht da sein würde.

Ein paar Tage später sah sie ihn endlich wieder, spät abends, sein Wagen vor dem Haus. Er stieg aus, müde, streckte sich. Sabine blieb wie zufällig stehen. „Zurück?", fragte sie, schärfer als beabsichtigt. „Zurück", nickte er. „Vierundzwanzig Stunden ohne Schlaf, aber ich leb noch."

Sie hielt es nicht mehr aus. „Warum machst du das alles? Meinen Eltern helfen, Essen dalassen, mich abholen. Warum?"

Er suchte einen Moment nach Worten. „Weil ich es will", sagte er schlicht. „Ich bin auf dem Land aufgewachsen, im Allgäu. Da hat man sich gegenseitig geholfen, ganz selbstverständlich. Ich mach einfach, was ich für richtig halte." Er schwieg, dann fügte er hinzu: „Mir war lange nicht mehr so ruhig zumute wie bei euch. Seit meine Mutter gestorben ist."

Sie erfuhr an diesem Abend, dass seine Mutter vor zwei Jahren gestorben war. Wie er danach die Stille in seiner Wohnung nicht ertragen hatte. Wie er zum ersten Mal seit langem wieder Wärme gespürt hatte – bei Rosemarie, bei Manfred. Und jetzt bei ihr.

Von oben, hinter dem Küchenfenster, beobachtete Rosemarie die beiden. Manfred erzählte gerade, wie er den Nachbarinnen heute Kontra gegeben hatte wegen ihres Getratsches. „Haben gesagt, wir hätten den Stefan aufgepäppelt. Hab denen ordentlich was gesagt." – „Na, vielleicht war das Aufpäppeln gar nicht umsonst", antwortete Rosemarie, obwohl sie das eigentlich anders gemeint hatte. Sie sah, wie Stefan etwas sagte und Sabine plötzlich hell auflachte. Manfred unterbrach seinen Monolog: „Lang nicht mehr gehört, dass unsere Sabine so lacht."

Rosemarie sagte nichts dazu. Aber sie dachte dasselbe.

Drei Monate später saß Sabine an ihrem freien Sonntag am Küchentisch ihrer Eltern und legte eine dünne blaue Mappe vor sich hin – die Übertragungsurkunde für das kleine Reihenhaus in der Fuggerstraße, das Manfred vor Jahren auf seinen Namen hatte laufen lassen, „damit es einfacher ist mit der Erbschaftssteuer". Rosemarie hatte nie danach gefragt, wie das Haus eigentlich zwischen den Kindern aufgeteilt werden sollte. Jetzt saß Tobias aus Hamburg mit am Tisch, zum ersten Mal seit anderthalb Jahren wieder zu Besuch, und erklärte beiläufig, er würde die Doppelhaushälfte „ohnehin behalten wollen, für später, als Kapitalanlage". Sabine, die drei Jahre lang jeden Blutdrucktermin, jede Rezeptabholung, jede Nacht am Krankenbett übernommen hatte, ohne dass jemand fragte, was das kostete, schob die Mappe über den Tisch.

„Ich hab mit einem Notar gesprochen", sagte sie. „Papa, du überschreibst mir und Tobias je die Hälfte, oder ich ziehe mich komplett zurück – von der Pflege, von den Arztterminen, von allem. Dann übernimmt eben eine Pflegekraft, dreitausendzweihundert Euro im Monat, das kann ich euch ausrechnen." Sie legte einen Kostenvoranschlag der Diakoniestation daneben, den sie sich extra hatte geben lassen. Zwei Seiten, Stempel, Unterschrift.

Tobias wurde blass. Rosemarie schwieg, die Hände um ihre Kaffeetasse gelegt, deren Inhalt längst kalt war. Stefan, der am Herd stand und eigentlich nur Kartoffeln schälen wollte, legte das Messer weg und sagte gar nichts – er hatte in diesem Haus gelernt, wann man sich raushielt.

Manfred unterschrieb noch am selben Nachmittag. Nicht aus Angst, sondern weil er, zum ersten Mal seit Jahren, verstand, dass seine Tochter recht hatte. Tobias fuhr am nächsten Morgen zurück nach Hamburg, ohne sich zu verabschieden, rief aber zwei Wochen später an und fragte, ob er zu Weihnachten kommen dürfe. Rosemarie sagte ja. Und als Stefan ihr am Abend die frisch gewaschene Suppenkelle zurückbrachte, die sie ihm geliehen hatte, fragte sie ihn beiläufig, ob er zu Weihnachten auch käme.

„Wenn Sabine nichts dagegen hat", sagte er.

Sabine hatte nichts dagegen.

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