Am Montag, dem 19. Juli, rann der Regen schon beim Aufstehen in dünnen Fäden an der Fensterscheibe herunter. Im Radio sagte die Stimme von MDR Sachsen, Tief „Yvonne“ bringe Dauerregen, bis Mittwoch werde das nichts. Ich hörte zu, während Lukas seine Cornflakes in die Schüssel schüttete und Emma nach ihrem Handy suchte. Ingrid hätte dazu gesagt: Wenn es an diesem Tag reinregnet, kriegst du den Sommer nicht mehr trocken. Sie hatte für jede Unbequemlichkeit eine Regel. Nur für das, was sie mir nach Thomas' Tod antat, fehlte ihr eine.
Thomas war vor zwei Jahren gestorben, im April. Pankreaskarzinom. Dreiundvierzig. Das Haus in Lindenau, die kleine Stadtvilla mit den abblätternden Fensterläden, war unser Einziges. Lukas war zwölf gewesen, Emma fünfzehn. Ich hatte die Raten weiterbezahlt, 1.480 Euro im Monat, jeden Ersten, pünktlich. Vierzehn Jahre lang. 220.000 Euro waren abbezahlt. Nachts putzte ich in der Bäckerei am Markt, nachmittags in einer Firma in der Schkeuditzer Allee. Emma lernte allein für die Prüfungen, Lukas wuchs vor dem Fernseher auf. Und Ingrid? Ingrid wartete.
Zwei Wochen nach der Testamentseröffnung war sie aufgetaucht, mit einem Kuvert von ihrer Anwältin. Sie behauptete, Thomas habe ihr vor der ersten Chemotherapie gesagt, das Haus solle an sie zurückfallen, weil sie ihm 2003 siebzehntausend Euro für die Anzahlung geliehen habe. Die Geschichte stimmte zur Hälfte. Das Geld hatte sie uns gegeben, ja. Aber Thomas hatte damals einen Vertrag aufgesetzt, dass es als Teil ihres Erbes gilt. Unterschrieben hatte den Vertrag nur ich. Thomas hatte es immer vor sich hergeschoben.
Jetzt verlangte Ingrid eine Entscheidung. Ihre Anwältin, Dr. Breuer aus der Innenstadt, schrieb, bis zum 19. Juli erwarte man eine verbindliche Antwort: entweder das Haus verkaufen und die Hälfte des Erlöses an Ingrid überweisen – die Maklerin hatte es auf 410.000 Euro geschätzt – oder die 17.000 plus Zinsen zurückzahlen. Ich hatte bis zum Abend Zeit.
Dann fand ich die Kiste.
Ich suchte die alte Werkzeugkiste im Keller, weil Emmas Fahrradkette rausgesprungen war. Unter dem Regal mit den Einmachgläsern stand eine Bananenkiste, die ich seit dem Umzug nie angefasst hatte. Thomas' Schrift auf einem braunen Aktenordner: „Mama – Verzicht“. Ich setzte mich auf den kalten Estrich. Der Regen trommelte gegen das Kellerfenster, und ich zog die Blätter heraus. Die notarielle Urkunde vom 3. Mai 2009. Ingrid Bergmann, geborene Keller, erklärte darin verbindlich, sie verzichte unwiderruflich auf sämtliche Rechte an dem Grundstück Am Kanal 14 in Leipzig, zugunsten ihres Sohnes Thomas Riedel und seiner Familie. Darunter ihre Unterschrift, beglaubigt von Notar Dr. Hellmann. Kein Widerrufsvorbehalt, keine Bedingung.
Ich saß lange da unten. Der Keller roch nach feuchtem Putz und altem Apfelsaft aus einem geplatzten Tetrapack. Ich las die Urkunde dreimal. Dann stand ich auf, duschte noch einmal, zog die gute Bluse an und fuhr mit der Straßenbahn in die Stadt.
Notariat Klemm & Partner, Grimmaische Straße. Die Sekretärin bot mir Wasser an. Ich schüttelte. Ich legte die Urkunde auf den Tisch vor Notar Bock. Er blätterte, tippte etwas in seinen Laptop. Dann sagte er: „Das ist eindeutig. Wir reichen es heute ein.“ Er wollte meine Kontonummer für die Gerichtskosten. 480 Euro. Der Beschluss könne bis September vorliegen. Ich schrieb die Nummer auf einen Notizzettel, den ich aus dem Portemonnaie zog. Draußen klatschte der Regen gegen die Fensterfront.
Auf dem Rückweg stieg ich am Wilhelm-Leuschner-Platz aus. Ich ging in den Baumarkt, kaufte einen neuen Schließzylinder. 18,99 Euro, Marke Abus. Der Mann an der Kasse fragte, ob ich eine Tüte brauche. Ich sagte nein. Den alten Haustürschlüssel trug ich in der Manteltasche. Er klirrte gegen das Kleingeld, als ich die Treppe zu unserer Wohnung hinaufging.
Zuhause schraubte ich das alte Schloss ab. Der Schraubenzieher rutschte zweimal ab, einmal schlug ich mir auf den Daumen. Emma rief aus dem Wohnzimmer: „Mama, alles okay?“ Ich rief zurück, sie solle schon mal zum Fußball. Lukas war noch bei seinem Freund. Um 17:02 klingelte es.
Durch den Türspion sah ich Ingrid. Ihr grauer Trenchcoat war an den Schultern dunkel vom Regen. Die Haare klebten ihr an der Stirn. Ich machte auf.
Sie trat ein, ohne sich die Schuhe abzustreifen. Im Treppenhaus roch es nach nassem Verputz, weil der Regen unter die Haustür gekrochen war. In der Küche stellte sie ihre Handtasche auf den Tisch, neben meinen Becher mit kalt gewordenem Pfefferminztee. Ihre Stimme klang wie ein Schloss, das klemmt: „Also. Ich will jetzt die Antwort.“
Ich zog den Ordner aus der Schublade und legte die Kopie vor sie. „Lies“, sagte ich. Nicht laut, nicht leise. So, wie man einen Kontoauszug erklärt.
Sie nahm das Blatt. Ihre Hände waren trocken, die Knöchel weiß. Sie überflog die Zeilen, drehte das Blatt um, als stünde auf der Rückseite etwas anderes. Dann legte sie es zurück.
„Das gilt nicht. Ich war krank damals. Ich wusste nicht, was ich unterschreibe.“
„Notar Dr. Hellmann hat es beurkundet. Du hattest zwei Wochen Bedenkzeit, steht im Protokoll.“
Sie rückte den Stuhl näher. „Ich habe Thomas das Geld gegeben, als er nichts hatte. Und du willst mich jetzt aus dem Haus meines Sohnes werfen?“
Ich schüttelte. „Ich werfe dich nicht raus. Ich bleibe nur. Und das Haus steht ab heute auf meinem Namen. Ich war heute beim Notar.“
Sie holte Luft. Ein Geräusch, als hätte jemand die Luft aus einem Ballon gelassen. Dann griff sie nach ihrer Handtasche, zog den alten Schlüsselbund heraus und wedelte damit vor meinem Gesicht.
„Dann will ich meinen Haustürschlüssel behalten! Für immer!“
Ich stand auf. Ging zur Tür, schob den Riegel vor, wieder zurück. Dann drehte ich mich um und legte den alten Schlüssel neben die Urkunde auf den Tisch.
„Der passt nicht mehr. Ich habe heute das Schloss gewechselt. 18,99 Euro bei Obi.“
Ingrid hob den Schlüssel auf, wog ihn in der Hand. Ihr Kinn zitterte. Sie steckte ihn ins Schloss, drehte. Nichts. Sie riss an der Klinke. Die Tür blieb zu, weil ich den Riegel vorgeschoben hatte. Von mir aus konnte sie den Schlüssel behalten. Aber sie bekam nichts mehr.
„Was hast du vor?“, fragte sie. Ihre Stimme war dünn.
„Ich zahle weiter die Raten. Wie die letzten vierzehn Jahre. 220.000 Euro habe ich schon abbezahlt. Das Haus gehört mir und den Kindern. Du bekommst keinen Cent. Und wenn du klagen willst – ich habe die Urkunde. Die ist wasserdicht, auch wenn es heute regnet.“
Ingrid warf den Schlüssel auf den Tisch, als wäre er heiß. Sie griff nach ihrer Handtasche, stolperte in den Flur. „Das wirst du bereuen“, sagte sie, ohne sich umzudrehen. Dann lief sie die Stufen hinunter. Draußen klatschte Regen auf den Asphalt. Die Haustür fiel ins Schloss.
Ich setzte mich wieder an den Tisch. Der Tee war kalt.
Der Regen hörte erst am Donnerstag auf, genau wie im Radio gesagt.
Ein halbes Jahr später, im Januar, räumte ich die Garage aus. Hinter der Werkbank klemmte ein dunkelblauer Taschenkalender. Ingrids Handschrift. Auf der Seite vom 19. Juli stand in Kugelschreiber: „10:00 Uhr, Anwalt, Verzicht anfechten.“ Darunter, verwischt, als hätte ein Regentropfen die Tinte getroffen: „11:00 M., Antwort.“ Ich drehte den Kalender in der Hand. Dann legte ich ihn zu den alten Kabeln in die Kiste und schloss die Garage ab.
