Einmal stand Matthias vor der Tür meiner kleinen Mietwohnung in der Freiburger Wiehre, einen Umzugskarton in den Händen. Ein Altbau mit stuckverzierten Decken und quietschendem Parkett — nach der Scheidung war das alles, was ich mir leisten konnte. Er trug ein Hemd, das ich nie gesehen hatte, und eine neue Uhr am Handgelenk. Das Modell kannte ich aus der Werbung. Dreitausendachthundert Euro.
„Hier“, sagte er und stellte den Karton auf die Fußmatte. „Sabine hat den Kleiderschrank ausgemistet. Deine alten Strickjacken, irgendwelche Notizbücher, das Fotoalbum von unserem Gardasee-Urlaub. Dachte, du willst das vielleicht noch haben.“
Der Gardasee-Urlaub. Da hatte er zum ersten Mal sein Handy mit aufs Klo genommen, und ich hatte so getan, als würde ich es nicht merken.
Ich nahm den Karton wortlos, stellte ihn neben die Tür und sah ihm hinterher, wie er die Treppe hinunterging. Ein neuer Gang. Breiter. Selbstbewusster. Als würde er auf einem Laufsteg balancieren, den nur er sehen konnte.
Wir hatten uns im zweiten Semester kennengelernt. Ich studierte Innenarchitektur in Darmstadt, er Maschinenbau. Drei Jahre später standen wir auf dem Standesamt. Keine große Feier, nur engste Freunde und ein paar Verwandte. Seine Mutter fand mich nie gut genug — „ein Mädchen, das Wände streicht, als ob das ein richtiger Beruf wäre“ —, aber ich dachte, das ginge vorbei.
Es ging nicht vorbei. Es ging damit los, dass Jana, seine neue Kollegin, plötzlich Fotos von unserem Schrebergarten postete. Unserem. Mit meinem Lavendel im Hintergrund und den Terrakottatöpfen, die ich im Herbst selbst bepflanzt hatte. Ich erkannte den Riss im Tisch, den Matthias nie reparieren wollte.
Ich veranstaltete keine Szene. Ich weinte nicht in sein Kopfkissen, rief nicht seine Mutter an, schmiss keine Teller an die Wand. Ich packte zwei Koffer, ließ die Wohnung hinter mir und zog aus. Es war seine, er hatte sie vor der Ehe gekauft. Sollte er sie behalten.
Ein halbes Jahr später saß ich auf dem Geburtstag meiner Freundin Isabelle in einem überfüllten Restaurant in der Wiehre. Draußen Nieselregen und zehn Grad, obwohl es Mitte Juli war. Der Tisch war zu lang für den schmalen Raum, die Stühle stießen aneinander, und irgendwer hatte den falschen Wein bestellt.
Sabine saß mir gegenüber. Sie schenkte mir nach und lächelte.
„Und? Triffst du dich mal wieder mit jemandem? Du kannst doch nicht ewig allein in dieser Wohnung sitzen.“
Sabine und ich kannten uns seit dem Studium. Sie war die Erste gewesen, die nach der Trennung mit einer Flasche Weißburgunder und einer Packung Pflaumenkuchen vor meiner Tür gestanden hatte. Sie hatte mir zugehört, als ich nachts am Telefon versuchte, irgendeinen Sinn in dem ganzen Schlamassel zu finden.
„Vielleicht“, sagte ich. „Mal sehen. Im Moment ist die Arbeit einfach wichtiger. Ich hab den Auftrag für das Café in der Salzstraße bekommen. Der Besitzer will ein komplett neues Konzept mit Sitznischen aus alten Weinkisten. Guter Kaffee, übrigens. Solltest du mal probieren.“
Ich lächelte und nahm einen Schluck Wein.
Es war eine Lüge. Nicht der Auftrag — der Auftrag war echt. Aber dass mir das Privatleben egal war, stimmte nicht. Ich hatte nur keine Lust, Sabine zu erzählen, wie die vergangenen Nächte gewesen waren: Ich lag wach, starrte an die Stuckdecke, und fragte mich, ob ich zu viel verlangt hatte. Ob ich einfach zu schwierig war. Ob das, was Matthias gesagt hatte, vielleicht stimmte.
Ihr Telefon summte zweimal hintereinander. Sie legte es mit dem Display nach unten neben den Teller.
Dann stand Matthias auf. Er musste sich an drei Stühlen vorbeidrücken, ehe er an mein Ende des Tisches kam. Er beugte sich zu mir herunter und raunte — leise, aber nicht leise genug:
„Na, noch keinen Neuen? Irgendwann verdorrste hier noch ganz ohne Mann. Wenn du willst, stell ich dir Janas Bruder vor. Der ist auch geschieden. Kennt sich also aus mit so beschädigter Ware wie dir. Wäre vielleicht was. Ihm wärst du gut genug.“
Es war dieses „ihm wärst du gut genug“, das hängen blieb. Nicht: Du verdienst jemanden. Sondern: Für den da reicht’s noch.
Er tätschelte mir die Schulter, als wäre ich ein Möbelstück, das man probehalber auf Festigkeit klopft, und ging zurück zu seinem Platz. Jana kaute derweil an einem Stück Brot. Sie hatte nichts gehört. Vielleicht wollte sie auch nichts hören.
Eine Woche später rief mich Isabelles jüngere Schwester Nele an. Wir kannten uns nur flüchtig, sie war eher eine Randfigur in unserem Freundeskreis. Sie klang unsicher, als sie nach drei Sätzen endlich das sagte, weshalb sie anrief:
„Ich war letzte Woche im Café in der Salzstraße — übrigens wirklich guter Kaffee — und ich hab Sabine gesehen. Sie saß am Fenster und telefonierte. Ich schwör’s dir, Laura: Sie hat fast wortwörtlich das erzählt, was du mir neulich von eurem Abend geschrieben hast. Dass Matthias dich ‚beschädigte Ware‘ genannt hat. Dass du danach im Auto saßt und eine Viertelstunde nicht fahren konntest. Sie hat gelacht. Und dann hat sie gesagt: ‚Ach komm, der armen Laura geht’s doch prima.‘ Als ob ihr das Ganze Spaß machen würde. Sie hat sich nicht nach dir angehört, Laura. Sie klang, als würde sie Bericht erstatten. Könnte natürlich Zufall sein…“
Ich saß an meinem Zeichentisch, auf dem ein Plan für eine Einbauküche ausgebreitet war, und suchte sehr lange nach dem richtigen Stift, ehe ich antwortete: „Danke, Nele. Das war kein Zufall. Aber das kläre ich selbst.“
Dann legte ich auf und schrieb eine Nachricht an Sabine:
„Hey, ich wollte dich nur schnell was fragen: Hast du Erfahrung mit einem Anwalt für Familienrecht? Ich hab da so ein Thema, das ich nicht am Telefon besprechen will. Es geht um Matthias und die Wohnung. Ich glaube, ich hab noch Ansprüche, von denen ich nichts wusste. Sag’s bitte niemandem, okay? Ist noch nicht spruchreif.“
Es gab keine Ansprüche. Die Wohnung war sein Eigentum vor der Ehe, und ich wollte sie nicht. Aber es war ein perfekter Köder: konkret genug, um wichtig zu klingen, und vage genug, um ihn neugierig zu machen.
Am nächsten Morgen um Viertel nach acht vibrierte mein Handy.
„Na, willste mich verklagen?“
Der Text kam mit einem Zwinkersmiley.
Ich schob das Telefon zur Seite, stand auf und kochte mir einen Espresso. Von oben hörte ich das Surren einer Stichsäge. Henrik. Er wohnte im Dachgeschoss und hatte eine kleine Schreinerei. Jede zweite Nacht hörte ich ihn hämmern, und an den Morgen danach roch es auf dem Treppenabsatz nach frischem Leim und Zedernholz. Einmal hatte er mir eine neue Fußleiste vorbeigebracht, als er sah, dass die alte beim Einzug gebrochen war. Hingestellt, gelächelt, wieder gegangen.
Sabine also. Sie fütterte Matthias mit jedem Wort, das ich ihr sagte. Ein ganzes Jahr lang. Jeder Anruf, bei dem ich heulend auf meiner Couch saß und mich fragte, ob ich jemals wieder jemandem vertrauen könnte. Jede Schwäche. Jede schlaflose Nacht. Alles landete direkt bei ihm. Er hatte einen Haken gebraucht, an dem er mich aufhängen konnte, und Sabine war der Haken, den er sich ausgesucht hatte.
Zwei Monate später: Gartenparty bei Henning und Silke. Ein verwunschener Hof in der Vauban, mit schiefen Apfelbäumen und selbstgebauter Feuerstelle. Siebzehn Leute, fast alle aus der alten Clique. Matthias und Jana waren da, Sabine natürlich auch, in einem neuen Sommerkleid mit Mohnblütenmuster und mit Schuhen, die aussahen, als hätten sie siebenhundert Euro gekostet. Wir grillten Tofu-Würstchen und Halloumi, tranken zu viel Rosé, und über uns zogen die ersten dicken, grauen Gewitterwolken auf. Die Luft war schwer und still, so still, dass man den Grill summen hörte und das Klirren der Gläser.
Ich saß neben Nele, die nervös an ihrem Serviettenring drehte. Sie wusste, was geplant war. Niemand sonst.
Matthias stocherte in seinem Salat herum und redete über sein neues E-Bike. Dreitausend Kilometer Akkugarantie. Er betonte das Wort „Nachhaltigkeit“ viermal. Beim fünften Mal holte Sabine ihr Handy raus, las etwas, tippte lächelnd und legte es neben ihren Teller. Mit dem Display nach oben.
Zwanzig Sekunden später surrten vier Handys gleichzeitig.
Unser alter Gruppenchat. Nur Sabine, Isabelle, Nele und ich. Er war monatelang inaktiv gewesen.
„Und? Sitzt sie allein da? Pass auf, dass keiner mit ihr redet. Ich will sichergehen, dass sie wirklich niemanden hat. Das ist wichtig.“
„Keine Sorge, Schatz. Sie ist ganz allein. Und sie wirkt, als hätte sie aufgegeben. Deine Pflänzchen welken so langsam vor sich hin.“
Sabine hatte die Nachrichten in den falschen Chat gesetzt. Den, in dem alle außer Matthias sie lesen konnten.
Isabelle starrte auf ihr Display und runzelte die Stirn. Henning, der direkt neben ihr saß, las mit und runzelte ebenfalls. Sabine, die gerade noch gelächelt hatte, griff nach ihrem Glas und warf einen Blick auf den Bildschirm. Dann gefror ihr die Hand.
Ich stand auf. Nicht langsam. Nicht dramatisch. Einfach so, wie man aufsteht, wenn man etwas erledigen muss, worauf man zwei Monate gewartet hat.
„Ich glaube, das hier erklärt sich von selbst. Ein Jahr lang hat Sabine alles, was ich ihr gesagt habe, an Matthias weitergeleitet. Sie hat ihm Bericht erstattet wie eine Praktikantin dem Chef. Und wofür? Damit Matthias sicher sein kann, dass ich niemanden finde. Dass ich allein bleibe. Dass ich kein neues Leben anfange, in dem er nicht mehr vorkommt. Wisst ihr, was das Verrückteste daran ist? Ich bin damals gegangen. Ich habe keinen Streit angefangen, keine Ansprüche gestellt, keine Rache gesucht. Ich habe ihn einfach in Ruhe gelassen. Aber er kam nicht damit klar, dass ich ihn nicht brauche. Also musste er sicherstellen, dass ich es weiterhin schwer habe.“
Niemand sagte etwas. Henning sah aus dem Augenwinkel zu Matthias rüber, der wie angewurzelt dastand, mit einer Grillzange in der Hand und völlig ausdruckslosem Gesicht. Er war blass unter seiner Bräune, und dieser Spalt zwischen seinen Augenbrauen, den ich von seinen Wutanfällen kannte, war wieder da. Kein Muskel bewegte sich in seinem Kiefer.
Sabine legte die Hände auf den Tisch, stand aber nicht auf. „Laura, ich schwör’s dir, das war anders gedacht. Es ging doch nur darum, dass er sich Sorgen gemacht hat. Er wollte doch nur, dass es dir gut geht.“
Ihre Stimme war dünn geworden. Sie zog an ihrem Haar, wickelte eine Strähne um den Finger, immer wieder, als würde sie einen losen Faden aus einem Stoff ziehen, der gerade riss.
„Indem er mich auf jeder Feier lächerlich macht? Indem er mich als ‚beschädigte Ware‘ bezeichnet? Indem er mich mit irgendeinem geschiedenen Typen verkuppeln will wie ein altes Regal, das man noch zu verschenken hat? So sehen seine Sorgen aus?“
Sabine öffnete den Mund und schloss ihn wieder. Was willst du sagen?, dachte ich. Dass er dir eingeredet hat, es sei für mich? Dass du ihm geglaubt hast, weil es bequemer war?
Ich nahm meine Jacke vom Stuhl.
„Ich entschuldige mich bei Silke und Henning, dass das hier auf eurer Party passiert. So wollte ich das nicht. Aber es war klar, dass irgendwann die Bombe platzt. Besser hier, wo alle es sehen, als in irgendeinem Flur, wo keiner Notiz davon nimmt. Und was euch beide angeht — Matthias, Sabine —: Ihr seid euch offenbar einig. Dann seid es ohne mich. Viel Erfolg beim nächsten Projekt.“
Ich drehte mich um und ging quer über den Rasen auf das kleine Holztor zu. Keiner rief hinter mir her. Der Regen fing gerade an, kaum mehr als ein feiner Dunst, der die Apfelblätter zum Glänzen brachte.
Hinter mir hörte ich ein kurzes, scharfes Keuchen. Jana hatte auf ihr Handy gesehen. Sabine musste ihr das Chatfenster gezeigt oder es jemand weitergeleitet haben. Dann die Stimme von Jana: „Du hast ein ganzes Jahr lang deiner Ex nachspioniert und mir gesagt, das sei alles vergessen? Was stimmt nicht mit dir?“
Keine Antwort von Matthias. Nur das Klappern der Grillzange, die er fallen ließ. Dann ein Stuhl, der über die Terrasse scharrte. Dann Schritte. Weglaufende Schritte auf Steinplatten. Seine oder ihre, das konnte ich nicht mehr unterscheiden.
Acht Minuten später saß ich im Auto, ließ den Motor an und atmete einmal tief durch. Meine Hände auf dem Lenkrad waren ruhig. Es war vorbei.
Ein paar Monate später brachte mir Henrik eine neue Arbeitsplatte für den Zeichentisch. Akazie, mit zwei unsichtbaren Schubladen. Er hatte sich drei Abende lang hingesetzt, um sie passgenau für die winzige Nische unter der Dachschräge zu fertigen.
„Weil deine andere schon so verzogen war“, sagte er und stellte sie mitten im Raum ab. „Wenn du mal Hilfe brauchst, ich bin oben.“
Dann ging er wieder. Durch das offene Fenster hörte ich, wie er im Treppenhaus leise vor sich hin pfiff.
Am Abend holte ich den Umzugskarton aus der Ecke, in die ich ihn damals, nach Matthias’ Besuch, geschoben hatte. Ich hatte ihn nie ausgepackt. Die Notizbücher, die Strickjacken, das verdammte Gardasee-Album. Zwischen zwei verblassten Polaroids klemmte ein Zettel: eine Quittung über vierhundertachtzig D-Mark, vom März 1996, aus einer Töpferei in der Toskana. Ich erinnerte mich an den Tag. Matthias hatte die Vase zerschlagen, die ich dort gekauft hatte, und sie mir heimlich ersetzt. Ein Ausrutscher mit der Aktentasche, hatte er gesagt. Die Vase stand nie wieder in unserer Wohnung. Er hatte sie in einem Schrank versteckt und vergessen.
Ich nahm die Quittung, faltete sie einmal in der Mitte und legte sie auf den neuen Zeichentisch. Daneben stellte ich eine kleine Figur, die Nele mir vor einer Woche geschenkt hatte. Keine Ahnung, was es war. Ein Fabelwesen aus Ton mit lächerlich großen Ohren. Sie hatte es auf einem Flohmarkt in der Wiehre gefunden und sagte, es habe mich angesehen, als würde es mich kennen.
Dann schloss ich das Fenster. Von oben hörte ich die ersten Takte eines Songs, den ich nicht kannte. Irgendetwas mit Gitarre und einem unerwartet schnellen Bass.
Ich stellte mich in die Mitte des Zimmers, machte die Augen zu und bewegte mich. Einfach so. Ohne Grund, außer dem einen: Weil es sich richtig anfühlte.
Ein halbes Jahr später fand ich heraus, dass Matthias die Zahlungen für eine Ausbildungsversicherung weiterlaufen ließ, die meine Patentante vor zwanzig Jahren für mich abgeschlossen hatte und von der ich nichts wusste. Der Vertrag war auf meinen Namen ausgestellt, aber die Police lief über sein altes Postbank-Konto — eines, das wir nie zusammengelegt hatten. Monat für Monat gingen da einundsiebzig Euro ab, auch noch als ich längst ausgezogen war. Ich schrieb der Versicherung eine Mail mit meiner neuen Kontoverbindung und ließ die Police umschreiben. Zwei Tage später rief Matthias an. Ich sah seinen Namen auf dem Display, trank meinen Espresso aus und ließ es klingeln. Bis es aufhörte.
