Ich hatte gerade den Kaffee aufgesetzt, als ich durch die Wand Marens Stimme hörte, laut und atemlos: „Ja, bring sie her, heute noch!“ Ich stellte die Tasse ab und lauschte. Das war an einem Freitag, kurz vor vier. Auf dem Treppenabsatz roch es nach Spülmittel und nassem Laub, die typische Mischung unseres Mietshauses in der Röntgenstraße in Hannover, kurz bevor die Straßenbahn 6 unten vorbeiratterte.
Eine Stunde später quietschte die Haustür. Ich spähte durch den Spion. Maren, die junge Frau aus 2B, kämpfte sich mit einer riesigen Schäferhündin die Treppenstufen hinauf. Der Hund hatte einen Bauch wie ein aufgespannter Regenschirm, und seine Zitzen schleiften fast über die Stufen. Marens Gesicht war hochrot, sie hielt die Leine mit beiden Händen und zerrte das Tier sachte weiter. Ich zog meinen Morgenmantel enger, als könnte ich so die Schwangerschaft von hier aus abstützen.
Zwei Tage blieb sie praktisch unsichtbar. Nur der Fernseher lief bis tief in die Nacht, mal eine Doku über irgendwelche Kreuzottern, mal die Werbung von Fressnapf. Am Samstagmorgen klopfte ich, mit einem Teller Mohnschnecken. Maren öffnete die Tür einen Spaltbreit. Hinter ihr, auf einem Berg alter Decken im Flur, lag die Hündin und atmete schwer.
„Frieda“, sagte Maren und strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. „Vier Jahre alt, und keiner will sie mehr. Die Familie hat die Wohnung verloren, und für eine trächtige Hündin war kein Platz.“ Ihre Hände zitterten, als sie den Teller entgegennahm. Ich schob ihr die Schnecken hin. „Wenn du was brauchst, ich bin nebenan. Ich hab schon mal mit Oskar, meinem Kater, eine Geburt überstanden.“ Das war geflunkert, aber sie zog kurz die Mundwinkel hoch, und das zählte.
In der Nacht riss mich ein Geräusch aus dem Schlaf, das ich nicht gleich einordnen konnte: ein hohes, dünnes Quieken, dann ein zweites. Es war halb drei. Ich zog meinen Flurbademantel an, klopfte leise an Marens Tür. Nichts. Dann ein unterdrücktes Schluchzen. Ich drückte die Klinke – die Tür war nicht verschlossen.
Im Wohnzimmer brannte nur die Stehlampe. Maren kniete auf dem Boden, das Haar wirr, das Nachthemd voll mit Flecken. In einer umgedrehten Wäschewanne lag Frieda, die Hündin, und leckte unaufhörlich an einem winzigen, nassen Etwas, das kaum größer war als meine Kaffeetasse. Ein Welpe. Dann ein zweiter. Ich sah Maren zählen, ihre Lippen formten stumm mit. Ich hockte mich neben sie, ohne zu fragen, und reichte ihr ein altes Handtuch vom Stapel, den sie bereitgelegt hatte. Der dritte Welpe kam quer, Frieda jaulte kurz auf, und Maren half mit zitternden Fingern, ohne zu zögern.
Es wurden sieben. Fünf Rüden und zwei Hündinnen. Maren zählte immer wieder, wie eine, die einem nicht traut. Sie weinte, ganz still, während sie Friedas Hals kraulte und mit gedämpfter Stimme sagte: „Du hast alles geschafft, du verrückte, wunderbare Flohbürste.“
Ich hätte niemals gedacht, dass mich ein Wurf Welpen aus der Fassung bringen könnte. Aber diese sieben kleinen Geschöpfe, die blind und quengelnd übereinanderkrabbelten, während Frieda sie mit einer Engelsgeduld immer wieder zurückschubste, packten mich völlig. Einer der Kleinen, ein schwarzer Rüpel mit weißem Fleck auf der Stirn, schrie jedes Mal, wenn er nur zwei Zentimeter von der Mutter entfernt war, als wäre die Welt untergegangen. Frieda stupste ihn dann mit der Nase zurück ins warme Gedränge, die Augen fest geschlossen.
In den nächsten Wochen wurde Marens Wohnung zu einer Mischung aus Welpenstation und Krabbelgruppe. Ich ging jeden Tag hinüber, brachte mal eine Packung Welpenmilch vom Kiosk an der Ecke mit, mal die Rechnung für den Spätdienst der Tierärztin. Die Welpen nahmen zu, öffneten die Augen, tappten tapsig über das Laminat. Maren dokumentierte jeden Fortschritt auf ihrem Handy, und wenn sie sich unbeobachtet fühlte, nahm sie manchmal einen Welpen vorsichtig ans Ohr und schloss die Augen, als prüfe sie seinen Herzschlag nur für sich.
Nach acht Wochen stand der erste Tierarztbesuch an. Impfung, Chip, Papiere. Marens rostiger Opel sprang nicht an, also nahmen wir ein Taxi, ich bestand darauf, die Fahrt zu bezahlen. Am Tresen der Praxis in der List zog Maren einen abgegriffenen Umschlag aus der Tasche und legte Schein für Schein auf die Theke – Hunderteurobeträge. Dreihundertfünfzig Euro für die Grundimmunisierung aller Welpen und Friedas Durchchecken. Die Helferin wollte die Summe in den Computer tippen, aber Maren schob ihr die Scheine hin, und dann griff sie nach dem Kugelschreiber. Auf dem Formular stand: Eigentümerin des Muttertieres: Maren Kowalski. Sie unterschrieb, und ihre Hand zitterte kein bisschen. Ich sah, wie sie den Stift ablegte und die Impfpässe entgegennahm, sieben blassrosa Heftchen und ein gelbes für Frieda. Das war ihr Schritt. Kein Wort über das Geld, kein Seufzer.
Am Abend brachte ich ihr einen Auflauf vorbei, und wir setzten uns auf ihren Balkon, während die Welpen im Karton schliefen. Ein Nachbarsjunge kickte unten im Hof einen Ball, irgendwo klirrte eine Pfandflasche gegen den Container. Maren sagte nichts, sie tätschelte nur Friedas Kopf und zog die Jacke enger. Dann grinste sie plötzlich: „Fünf Rüden, zwei Weibchen. Rate mal, wer den weißen Fleck hat und immer noch schreit.“ Ich lachte, und das war genug.
Vorige Woche, ein halbes Jahr später, lief ich am Trödelladen in der Podbielskistraße vorbei. Im Schaufenster, zwischen altem Messing und verstaubtem Silber, lag eine Brosche. Eine kleine Eule aus Gold mit Saphiraugen. Ich erkannte sie sofort: Maren hatte sie zu jedem Familienfest getragen, es war das letzte Erbstück ihrer Großmutter. Ein Preisschild war nicht zu sehen, aber ich wusste, dass sie dafür nie mehr als ein Wochenende an Welpenfutter bekommen würde. Ich stand eine Weile davor, dann ging ich hinein und fragte. Der Händler zuckte mit den Schultern: „Vor einem halben Jahr, ja. Eine junge Frau, sie hat genau die Summe verlangt, die ich ihr geben konnte. Dreihundertfünfzig Euro.“
Ich habe die Brosche nicht gekauft. Als ich aus dem Laden trat, kamen mir Maren und Frieda entgegen, an der Leine dazwischen tapste der letzte verbliebene Welpe, der schwarze Rüpel mit dem weißen Fleck, inzwischen fast so groß wie seine Mutter. Er blieb vor dem Schaufenster stehen, die Nase gegen das Glas gedrückt, genau dort, wo die Eulenbrosche lag. Maren zog leicht an der Leine. „Komm, Fleck, das ist nichts für uns.“ Dann gingen sie weiter, die drei, vorbei an der Bäckerei, hinein in den Nachmittag.
