# Was von mir bleibt, wenn niemand mehr fragt

Ich heiße Bernd Wachtel, ich bin dreiundfünfzig, und ich erzähle das hier nicht, weil ich stolz darauf bin. Meine Tochter Nele hat mit neunzehn ein Kind bekommen, und ich habe in dieser Nacht die Tür zugehalten. Meine Frau Karin stand hinter mir im Flur unserer Doppelhaushälfte in Bottrop und hat nichts gesagt, aber sie hat auch nicht die Hand ausgestreckt, um mich wegzuziehen. Das muss man wissen, bevor man mich verurteilt: Wir haben nicht geschrien, wir haben nicht getobt. Wir haben einfach nicht aufgemacht.

Nele war unser Pflegekind gewesen, seit sie acht war, adoptiert mit zwölf. Ihre leibliche Mutter hatte sie mit einem Zettel im Kinderwagen vor einer Kirche in Gelsenkirchen zurückgelassen, mit einer Kette und einem kleinen Anhänger als einzigem Erbe. Wir haben sie großgezogen wie unsere eigene, Klavierunterricht, Ballettschuhe, die Karin an drei Abenden pro Woche mit dem Auto zur Musikschule gefahren hat. Ich habe bei jedem Schulfest freigenommen, auch wenn mein Chef bei der Stadtwerke-Werkstatt jedes Mal die Augenbrauen hochgezogen hat. Ich sage das nicht, um mich reinzuwaschen. Ich sage es, weil man sonst nicht versteht, warum es so wehgetan hat, als sie schwanger wurde und der Vater des Kindes am selben Abend verschwand, an dem sie es uns erzählte.

Karin hatte Angst. Nicht um Nele — um uns. Sie sagte, ein Kind mit neunzehn, ohne Ausbildung, ohne Vater, das zieht sie runter, das zieht uns alle runter, wir sind zu alt für noch mal von vorne. Ich war feige und habe zugestimmt. Ich verlangte, dass Nele das Kind zur Adoption freigibt, so wie es ihre eigene Mutter mit ihr gemacht hatte, nur dass ich es mir damals nicht so genannt habe. Ich habe gesagt: „Wir helfen dir, aber nicht mit einem Baby im Haus." Sie ist gegangen, mit einer Tasche und den Entlassungspapieren aus der Klinik in Essen, und ich habe die Tür zugehalten, während sie klingelte.

Vier Monate lang haben wir nichts gehört. Karin hat jede Woche bei der Klinik angerufen, bei zwei Frauenhäusern in der Region, einmal sogar bei der Polizei — aber als der Beamte fragte, warum eine volljährige Frau mit ihrem eigenen Kind nicht in die Wohnung ihrer Eltern zurückkehren dürfe, wurde die Sache unangenehm für uns, und wir sind wortlos wieder rausgegangen. Ich habe abends in der Garage an meinem alten Opel Kadett herumgeschraubt, obwohl an dem Wagen längst nichts mehr kaputt war. Ich musste nur meine Hände beschäftigen, sonst hätte ich angefangen zu denken.

Im März fuhren wir zum Wochenendeinkauf zu einem Real-Markt am Stadtrand, Karin wollte Saatgut für den kleinen Schrebergarten, den sie von ihrer Tante geerbt hatte, vierhundert Quadratmeter mit einer Laube, kaum größer als ein Gartenschuppen. Auf dem Parkplatz, zwischen den Einkaufswagen-Reihen, kam uns Nele entgegen. Ein Baby in einer Trage vor der Brust, neben ihr ein grauhaariger Mann, der einen Einkaufswagen voller Windeln schob.

„Nele." Karin blieb wie angewurzelt stehen. „Wo warst du? Wir haben gesucht."

„Nicht gründlich genug, Mama. Ihr wusstet, in welcher Klinik ich entbunden habe."

Der Mann neben ihr stellte sich vor: Manfred Osterkamp, sechsundsechzig, Witwer, früher Elektromeister bei RWE, mittlerweile Rentner mit Nebenjob als Hausmeister in einem Mehrfamilienhaus in Essen-Rüttenscheid. Er erzählte, kurz und ohne Umschweife, wie es dazu gekommen war. Sein Sohn Samuel war Jahre zuvor mit dem Motorrad tödlich verunglückt, kurz bevor er seine schwangere Freundin heiraten wollte. Diese Freundin war nach dem Unfall spurlos verschwunden, die Familie ihrerseits hatte jeden Kontakt abgebrochen. Manfred hatte danach nicht aufgehört zu suchen: Er hatte über Jahre in Essener und Gelsenkirchener Kirchengemeinden nachgefragt, weil er wusste, dass die junge Frau sehr gläubig gewesen war und im Zweifel dort Hilfe suchen würde. Als er Nele an jener Fußgängerampel beinahe angefahren hätte, drei Tage nachdem sie aus der Klinik entlassen worden war, erkannte er nicht sofort etwas — aber er hörte, wie sie den Namen der Kirche in Gelsenkirchen nannte, vor der ihre Mutter sie zurückgelassen hatte, und die Ampel-Episode wurde zu mehr als einem Zufall.

Er nahm sie mit, ließ sich Zeit, stellte vorsichtige Fragen. Erst Wochen später zeigte Nele ihm die Kette. Er erkannte den Anhänger sofort wieder: eine schmale Gravur am Rand, ein Muster aus ineinander verschlungenen Blättern, das er selbst mit dem Goldschmied in Essen entworfen hatte, als Geschenk für die werdende Mutter. Er hatte den Verschluss damals extra so bauen lassen, dass man ihn nur kannte, wenn man wusste, wo man drücken musste. Er zeigte Nele, wie es ging. Darin lag eine Haarlocke seines Sohnes.

Manfred Osterkamp war Neles leiblicher Großvater. Und mein kleiner Enkel, den sie Sam genannt hatte — ohne zu wissen, dass das der Rufname von Manfreds verstorbenem Sohn Samuel gewesen war — war sein Urenkel. Nach der Mutter selbst hatte Manfred nie wieder eine Spur gefunden; ob sie noch lebte, wusste er nicht, und Nele sprach seither nicht mehr über sie. Es blieb bei der Kette, der Kirche, dem Zettel im Kinderwagen — mehr an Erbe gab es nicht.

Ich stand da mit dem Einkaufswagen und wusste nicht, wohin mit meinen Händen. Karin fragte, ob Nele nicht doch zurückkommen wolle, wenigstens zu Besuch. Nele sah mich an, nicht Karin.

„Papa Bernd — nein, sagen wir einfach: Papa. Ich erinnere mich an jedes Schulfest, an das Kostüm, das Mama nachts genäht hat. Das bleibt bei mir, egal was passiert. Aber ich erinnere mich auch, wie ihr die Tür nicht aufgemacht habt. Beides ist wahr."

Ich sagte, ich sei ein Feigling gewesen, dass ich Karin die Schuld nicht zuschieben will, dass ich mitgemacht habe, weil ich zu schwach war, mich gegen die eigene Frau zu stellen. Ich sagte, ich wolle nicht mehr Papa Bernd sein, ich wolle wieder einfach Papa sein, wenn sie es je zulässt. Manfred stand daneben und sagte kein Wort der Versöhnung. Er sagte nur: „Man nimmt kein Tier ins Haus, um dessen Junge dann auf die Straße zu setzen. Entweder man übernimmt Verantwortung, oder man lässt es bleiben. Die Hand geb ich Ihnen nicht — Nele soll selbst entscheiden."

Sie fuhren mit seinem alten Passat davon, Karin und ich blieben zwischen den Einkaufswagen stehen, das Netz mit den Kartoffeln in meiner Hand plötzlich unerträglich schwer.

Zwei Monate später rief sie an, an einem Dienstagabend, während im Fernsehen die Tagesschau lief und ich den Ton leiser stellte, kaum dass ihr Name auf dem Display erschien. „Papa. Ich hab dich vermisst. Wollen wir uns irgendwo treffen?"

Wir trafen uns in einem Café in Essen-Werden, an einem Sonntag im Mai. Sam saß im Hochstuhl und warf einen Löffel auf den Boden, dreimal hintereinander, und jedes Mal bückte sich Manfred, der mitgekommen war, ohne ein Wort der Klage. Karin brachte ein Kuscheltier mit, einen kleinen Dachs, den sie extra in der Essener Innenstadt gekauft hatte. Nele nahm es, bedankte sich, aber packte es nicht sofort in die Wickeltasche — sie legte es erst mal neben sich auf den Stuhl, wie etwas, das noch geprüft werden musste.

Ich sage nicht, dass an diesem Nachmittag alles gut wurde. Ich sage, dass Nele uns ihre Kontonummer nicht gab, als wir anboten, für den Kinderwagen mitzuzahlen. Sie sagte, Manfred habe das schon geregelt, mit seiner Pension, die reiche, und außerdem — das sagte sie mit einem Lächeln, das keine Bitterkeit mehr hatte, aber auch keine Nachsicht — sei es ihr wichtig, dass wir verstehen: Hilfe, die man erst anbietet, wenn das Kind schon ein halbes Jahr alt und versorgt ist, kommt zu spät, um noch etwas zu beweisen. Sie ließ uns kommen. Aber sie ließ uns nicht mehr bestimmen.

Ein Jahr später, im Sommer, saß ich in Manfreds Küche in Rüttenscheid, weil Nele mich eingeladen hatte, Sams ersten Geburtstag mitzufeiern. Auf dem Küchentisch lag eine Mappe, blau, mit Aufschrift „Vormundschaft/Sorgerecht" — Manfred hatte, wie sich herausstellte, bereits im ersten Monat einen Antrag beim Essener Familiengericht gestellt, um als zusätzlicher Ansprechpartner im Sorgerecht eingetragen zu werden, für den Fall, dass Nele einmal krank würde oder etwas passierte. Er zeigte mir den Bescheid, ruhig, wie man eine Rechnung zeigt, die schon bezahlt ist, klappte die Mappe wieder zu und reichte mir wortlos einen Teller mit Kuchen, den ich zum Gartentisch tragen sollte. Draußen jagte der Nachbarshund über den Rasen, und Sam kreischte vor Lachen, so laut, dass Karin vom Grill herüberrief, er solle die Kuchengabeln nicht auch noch nach dem Hund werfen.

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