Klaus Hartmann wachte um sechs Uhr auf. Immer. Ohne Wecker – sein Körper wusste es von selbst. Frühstück um sieben. Morgenspaziergang um acht – exakt vierzig Minuten, dieselbe Runde durch den Jenischpark. Dann die Zeitung, Mittagessen, Mittagsruhe. Alles nach der Uhr.
Nach dem Tod seiner Frau vor drei Jahren war dieser Rhythmus noch strenger geworden. Nicht aus Trauer, oder nicht nur. Er hatte etwas begriffen: Solange der Plan existierte, existierte auch er. Die Ordnung hielt die Form aufrecht, wo sonst nichts mehr hielt.
An einem Mittwoch im Juli stand seine Enkelin Mila vor der Tür. Sonnenbraun, laut, mit Rucksack und einer großen Transportbox. Aus der Box kam ein Schnaufen.
„Opa“, sagte sie, noch bevor sie richtig eingetreten war. „Das ist Mozart. Er ist ganz lieb, wirklich.“
Klaus blickte auf die Box. Dann auf Mila.
„Was ist das?“
„Ein Dackel. Na ja, ein Hund. Noch ein Welpe.“
„Ich sehe, dass es kein Elefant ist. Wozu?“
„Opa, ich muss nächste Woche für ein Semester nach Schweden, und der Praktikumsplatz war so kurzfristig, und der eigentlich versprochene Hundesitter ist abgesprungen, und ich hab sofort an dich gedacht, weil du doch jetzt so schön ruhig wohnst mit dem Park direkt vor der Tür und überhaupt, er ist wirklich stubenrein, und…“
„Auf den Balkon“, sagte Klaus. „Der Hund wohnt auf dem Balkon. Keine Diskussion.“
Mila öffnete den Mund. Sie schien etwas abzuwägen. Dann, fast zu schnell: „Einverstanden. Vorläufig auf dem Balkon. Vorläufig.“
Auf dieses eine Wort achtete niemand. Ein Fehler.
Mozart entpuppte sich als langer, brauner Hund mit einem Gesichtsausdruck, als wüsste er bereits alles über jeden. Er inspizierte den Flur langsam und gründlich, wechselte dann ins Wohnzimmer, beschnupperte den Teppich, das Sofa, die Ecke neben der Heizung. Klaus folgte ihm, beobachtend. Mozart blieb mitten im Wohnzimmer stehen. Sah ihn an – ohne Furcht, fast neugierig. Und setzte sich.
„Auf den Balkon“, wiederholte Klaus mit fester Stimme.
Keine Bewegung.
„Ich sagte: Balkon.“
Mozart gähnte. Ausgiebig, genüsslich.
Klaus machte einen Schritt auf ihn zu. Der Hund wich nicht zurück – er stand einfach ruhig auf und legte sich unter das Sofa.
Klaus stand mitten in seinem eigenen Wohnzimmer und starrte auf das Sofa. Vierzig Jahre lang hatte er Menschen geführt. In der Werft, in der Gewerkschaft, im Stadtteilverein. Es hatte immer funktioniert.
Am nächsten Morgen stellte er einen Napf auf den Balkon. Mozart beschnupperte ihn, nahm einen Bissen, ließ ihn wieder fallen. Er setzte sich auf die kalten Fliesen und sah durch die Glasscheibe ins Wohnzimmer, wo Klaus frühstückte. Einfach nur sitzen und schauen. Klaus las Zeitung und ignorierte ihn.
Nach zwei Stunden gab er auf. Er öffnete die Tür. „Komm rein. Aber benimm dich.“
Mozart trottete herein, als hätte er nie daran gezweifelt, und legte sich auf den Teppich neben den Heizkörper. Klaus beobachtete ihn. Das Tier schloss die Augen. Die Vorderpfoten zuckten kurz, als träumte es.
Mit der Zeit hörte Mozart auf, ihn zu stören. Er wurde einfach Teil des Raums. Und er sah ihn an. Immer. Er legte sich neben ihn und beobachtete – aufmerksam, den Kopf leicht schräg, als würde er zuhören.
Eines Tages las Klaus von der Erhöhung der Kitagebühren und sagte laut, ohne nachzudenken: „Eine Schande ist das.“
Mozart bellte. Einmal. Kurz.
Klaus blickte über die Zeitung hinweg.
„Findest du auch?“
Der Hund sah ihn an.
„Allerdings“, sagte Klaus. „Eine Schande, jawohl.“
Es war ihr erstes Gespräch.
Eine Woche später ging er in den Tierladen in der Ottenser Hauptstraße. Nahm das günstigste Futter – dasselbe, das Mila dagelassen hatte. Legte es in den Korb. Schaute dann auf das Regal daneben. Da war ein anderes Futter. Teurer. Auf der Packung stand: *Für aktive kleine Hunde, mit Lammfleisch.* Er nahm es in die Hand. Stellte es zurück. Nahm es wieder. *Er ist ja wirklich aktiv. Rennt den ganzen Tag durch die Wohnung.* Er kaufte das teurere Futter.
Zuhause füllte er den Napf. Mozart kam näher, schnupperte und begann sofort zu fressen – ohne das übliche skeptische Zögern. Klaus sah ihm zu und spürte etwas Merkwürdiges. Kein Stolz. Keine Freude. Etwas Einfacheres – einfach das gute Gefühl, dass er fraß.
Am Mittwoch im Park hielt ihn Frau Schubert an, die Nachbarin aus dem dritten Stock. Achtzig Jahre alt, immer mit ihrem Gehstock und immer gesprächig.
„Herr Hartmann! Schon mit einem Hund?“
„Von der Enkelin“, sagte Klaus in seinem gewohnten Tonfall.
„Ein schönes Tier. Ein Dackel?“
„Ein Dackel.“
„Mein Herbert, Gott hab ihn selig, hat Dackel über alles geliebt“, sagte Frau Schubert und setzte sich auf die Bank. „Hat immer gesagt, die sind klug. Manchmal klüger als Menschen.“
Klaus schwieg. Sah zu Mozart – der hatte etwas Spannendes unter einem Rhododendronbusch entdeckt und bearbeitete es mit fachmännischer Systematik.
„Bleibt er bei Ihnen?“, fragte Frau Schubert.
„Nein. Die Enkelin holt ihn am Freitag ab.“
„Sie werden ihn bestimmt vermissen.“
„Ich vermisse nichts“, sagte Klaus. „Dann herrscht wieder Ordnung zuhause.“
Er sagte es mit Nachdruck. Aber irgendetwas an diesen Worten stimmte nicht. Er spürte es.
Mozart kam zu ihm gerannt, stieß seine Schnauze gegen seinen Schuh. Die Hand ging mechanisch nach unten – er kraulte ihn hinterm Ohr. Das Tier schloss halb die Augen.
*Ordnung. Ruhe. Ein sauberer Teppich. Vierzig Minuten Laufrunde, eine Strecke. Alles wie früher.*
Plötzlich stellte er sich dieses *wie früher* sehr deutlich vor. Die Wohnung morgens um sieben – still, reglos. Frühstück allein. Die Zeitung, mit der er nicht mehr sprechen konnte. Ein Nachmittag ohne Grund, in den Park zu gehen. Drei Jahre hatte er so gelebt. Und es war Ordnung. Aber jetzt erinnerte dieses Bild nicht mehr an Ordnung. Es erinnerte an Leere.
Am Donnerstagabend packte Mila ihren Rucksack. Mozart saß daneben, verfolgte die Vorbereitungen mit deutlicher Unruhe. Klaus stand in der Tür und sah zu.
„Lass das Tier hier“, sagte er. „Ich kümmere mich drum.“
Stille.
Mila lächelte langsam. So wie man lächelt, wenn etwas wieder an seinen Platz rückt.
„Ist gut, Opa. Ich lass ihn hier.“
Mozart bellte. Einmal. Kurz. Wie ein Punkt am Ende eines Satzes.
Mila fuhr am Freitagmorgen. Klaus trug ihren Koffer selbst zum alten Volvo 940 und ließ nicht zu, dass sie ihn anfasste. Sie umarmte ihn am Gartentor – fest.
„Ruf an“, sagte sie.
„Ruf du an. Ich mach das nicht so gern mit dem Telefonieren, du weißt doch.“
„Opa. Ruf an. Bitte.“
Das Auto fuhr los. Er stand einen Moment da. Dann ging er die Treppe hoch. In der Wohnung wartete Mozart im Flur. Klaus zog seine Schuhe aus. Hängte die Jacke an den Haken.
„So“, sagte er. „Jetzt sind wir zwei.“
Mozart bellte.
„Also dann. Einverstanden.“
Die Ordnung blieb. Aufstehen um sechs, Frühstück um sieben. Spaziergänge dreimal am Tag – auch das wurde Ordnung, nur eine neue. Die Zeitung in der Ecke auf dem Boden – selbstverständlich.
Morgens beim Frühstück las er jetzt laut vor. Internationale Lage, Lokalnachrichten, manchmal das Wetter. Mozart saß daneben und hörte zu – ernsthaft, den Kopf ein wenig nach rechts geneigt.
Abends kletterte Mozart auf seine Füße. Er machte das Licht aus. Das Tier atmete gleichmäßig. Klaus lag da und lauschte. Einer Stille. Aber keiner Leere. Das war ein großer Unterschied.
Am Samstagmorgen regnete es. Klaus stand am Fenster, sah auf den leeren Park. Mozart schlief auf dem Teppich, eingerollt, warm, atmend. Der Kaffee duftete.
Er dachte an nichts Bestimmtes. Aber da war dieses Gefühl – das gleiche wie damals, beim Futterkauf. Das gute Gefühl, einfach, dass etwas da war und fraß und atmete.
Er ging zum Telefon. Wählte Milas Nummer, ohne lange nachzudenken. Sie meldete sich nach dem zweiten Klingeln.
„Opa!“
„Der Hund hat heute Morgen die Post durch den Flur gejagt. Der Briefträger hat geschrien. Ich musste mich entschuldigen.“
Mila lachte. „Das ist mein Mozart. Ich komme im Dezember wieder, dann hol ich ihn ab. Aber nur, wenn du ihn dann noch hergeben willst.“
Klaus schwieg einen Moment. Sah zu dem schlafenden Hund.
„Das überlegen wir uns dann“, sagte er. „Jetzt geh ich erstmal mit ihm raus. Er muss sein Geschäft machen, und ich brauch frische Luft, sonst red ich noch den ganzen Tag mit einem Hund und niemand antwortet mir.“
„Opa?“
„Ja?“
„Es freut mich so. Wirklich.“
Er legte auf. Mozart hob kurz den Kopf, als wollte er fragen, was los sei. Dann ließ er ihn wieder sinken und seufzte tief.
Klaus stand noch eine Weile am Fenster und beobachtete den Regen. Dann holte er die Leine.
„Komm, Mozart. Geschäft. Danach gibt's ein Frühstücksei. Ein weiches. Für jeden eins.“
