Ein Euro für meine Neffen

Im November fuhr ich mit der Linie 7 durch Leipzig. Die Bahn roch nach nassem Laub und nach dem billigen Deo eines Teenagers mir gegenüber. Ich war im siebten Monat, und mein Bauch passte nicht mehr unter die Winterjacke. An der Haltestelle Waldplatz stieg eine alte Frau mit einem Einkaufstrolley ein. Niemand rührte sich. Ich stand auf, stützte mich am Haltegriff ab und machte ihr mit der Hand ein Zeichen. Sie setzte sich, ohne zu fragen.

Die ganze Fahrt über sah sie mich unverwandt an. Nicht feindselig. Eher, als würde sie versuchen, sich an etwas zu erinnern. Dann sprach sie mich an. „Sie erwarten ein Kind. Wie schön. Wie heißt der Vater?“ Ich sagte, er heiße Daniel, er sei Lehrer. Sie nickte und fragte weiter, fast beiläufig, ob ich Verwandte hätte, die sich auf das Baby freuten. Ich erzählte ihr von meinen Neffen, Lukas und Felix, achtzehn Jahre alt, die bei mir aufgewachsen waren, nachdem meine Schwester gestorben war. Die Frau wiederholte die Namen leise, als würde sie sie sich einprägen. An der Haltestelle Sportforum Süd stand sie auf, drückte mir kurz den Unterarm und schob mir etwas in die Tasche meiner Jacke. Ich bemerkte es erst zu Hause, als ich die Jacke auszog.

In der Tasche steckte ein kleines Medaillon an einer dünnen Kette. Alt, aus Messing, mit einer eingravierten Lilie. Ich drehte es in den Fingern, fand einen kleinen Haken, die Kapsel sprang auf. Darin lag eine Mikro-SD-Karte.

Ich steckte sie in meinen Laptop. Eine einzige Audiodatei: „Für dich“.

Ich setzte Kopfhörer auf. Zwei Stimmen, aufgenommen mit einem einfachen Diktiergerät, das Rauschen eines Parks im Hintergrund, Vogelgezwitscher, ein Hund, der irgendwo bellte. Dann die Stimmen selbst. Lukas und Felix. Ich erkannte sie sofort.

„Bist du bereit, die Papiere zu fälschen?“ Das war Lukas.

„Klar. Die alte Katrin liegt nach der Geburt flach. Wir sagen einfach, sie hätte uns die Wohnung versprochen. Unterschrift kriegen wir in zwei Tagen hin.“

„Und wenn ihr Kerl sich einmischt?“

„Daniel ist Lehrer, der hat kein Geld für Anwälte. Lächerlich.“

„Und das Baby? Vielleicht will sie die Wohnung dem Kind hinterlassen.“

„Deshalb warten wir nicht. Sobald sie im Krankenhaus ist, reichen wir die Schenkung ein. Selber schuld, wenn sie sich immer als Heilige aufgespielt hat.“

Ich hörte die Datei dreimal. Dann zog ich die Kopfhörer aus den Ohren. Draußen war es dunkel, nur die Straßenlaterne warf einen Streifen Licht auf den Tisch. Ich legte das Medaillon vor mir ab und setzte mich aufs Sofa.

Achtzehn Jahre. Ich war einundzwanzig, als meine Schwester auf der A4 bei Dresden verunglückte. Ihre Zwillinge waren drei Monate alt. Ich stand in der Pathologie, mit einem schreienden Bündel in jedem Arm, und hatte keine Ahnung, was ich tun sollte. Man bot mir an, die Jungen ins Heim zu geben. Ich sagte Nein. Ich brach die Ausbildung zur Krankenschwester ab, nahm eine Stelle in der Nachtpflege im Uni-Klinikum an, mietete eine Wohnung in Plagwitz. Mein damaliger Verlobter, Thomas, stellte mich vor die Wahl. Er würde keine fremden Kinder großziehen. Ich wählte die Jungen. Er ging. Ich habe ihn nie wiedergesehen.

Dreizehn Jahre lang zahlte ich die Hypothek ab. Jeden Cent, der nicht für Essen und Strom draufging, legte ich auf ein Konto mit dem Label „Für die Jungs“. Sechs Jahre lang kaufte ich mir keine neuen Schuhe. Als Lukas mit vierzehn beim Klauen in einem Supermarkt erwischt wurde, zahlte ich die Strafe: vierhundert Euro. Aus dem Konto. Sie umarmten mich und sagten „Danke, Tante Katrin“.

Vor fünf Jahren gehörte die Wohnung endlich mir. Ich hatte den letzten Kredit abbezahlt. Ich sagte den Jungen: „Das ist euer Zuhause. Ich lebe ja nicht ewig.“ Sie sagten Ja. Oder taten zumindest so.

Jetzt saßen sie also irgendwo und planten, mich zu enteignen.

Ich rief am nächsten Morgen bei meiner Bank an und ließ das Konto „Für die Jungs“ sperren. Achtzehntausendvierhundert Euro. Dann rief ich eine ehemalige Kommilitonin an, die inzwischen als Anwältin arbeitete. Sie hörte sich die Aufnahme an und sagte:

„Vor Gericht reicht das nicht als Beweis. Aber für einen Notar genügt es, um misstrauisch zu werden. Wir machen ein Testament. Deine Wohnung und alle Konten gehen an dein ungeborenes Kind. Die Neffen bekommen je einen Euro. Das ist rechtssicher.“

Ich zögerte keine Sekunde. Am selben Nachmittag saß ich bei einem Notar in der Innenstadt. Die Gebühr betrug einhundertachtzig Euro. Ich unterschrieb. Schwarz auf weiß: „Meinen Neffen Lukas und Felix … je einen Euro.“ Alles andere – an mein ungeborenes Kind. Ich verließ das Büro mit einer dicken Mappe unter dem Arm. Es nieselte. Ich zog den Reißverschluss meiner Jacke so weit es ging nach oben. Über dem Bauch blieb ein Spalt offen.

Drei Tage später standen sie vor meiner Tür. Ich saß in der Küche, trank Kamillentee. Lukas knallte seinen Rucksack auf den Boden.

„Was hast du getan? Was soll der Scheiß mit einem Euro? Das ist unsere Wohnung! Du hast sie uns versprochen!“

Ich nahm einen Schluck Tee. Felix stand bleich an der Tür.

„Woher hast du diese Aufnahme?“ fragte er.

„Eine alte Frau in der Straßenbahn hat mir ein Medaillon in die Tasche gesteckt, mit einer Speicherkarte darin. Ihr habt im Park geredet, direkt neben ihrer Bank. Sie hat jedes Wort gehört und mit ihrem Diktiergerät aufgenommen, weil ihr meinen Namen genannt habt und den von Daniel. Ich dachte zuerst, es wäre Unsinn. Dann hörte ich, wie ihr plant, mich ins Krankenhaus zu schicken und meine Unterschrift zu fälschen. Wie viel wolltet ihr für meine Wohnung kriegen?“

Lukas lachte auf. „Das ist nicht deine Wohnung. Du hast sie für uns gekauft.“

„Ich habe sie mit meinem Geld gekauft. Ich habe dreizehn Jahre lang die Raten gezahlt. Und ich habe euch nie erlaubt, sie zu verkaufen, solange ich lebe.“ Ich stand auf, ging zum Küchentisch und holte die Mappe aus dem Schrank. „Morgen fahre ich zur Bank und überweise das gesamte Geld vom Konto ‚Für die Jungs‘ an einen Verein für Waisenkinder. Ihr bekommt keinen Cent. Die Wohnung geht an meine Tochter. Und ihr erbt je einen Euro. Das ist alles, was ihr wert seid.“

Lukas trat einen Schritt vor. „Das kannst du nicht machen.“

„Schon gemacht. Das Testament liegt beim Notar. Hier ist eine Kopie.“ Ich warf die Mappe auf den Tisch. „Ihr könnt dagegen klagen. Ihr habt das Recht dazu. Ich habe die Aufnahme.“

Felix griff nach der Mappe, riss sie auf, überflog die Seite. Sein Mund wurde schmal.

„Das ist unfair“, murmelte er.

„Unfair war, zwei Wölfe großzuziehen, die mich mit einem Neugeborenen auf die Straße setzen wollen.“ Ich deutete zur Tür. „Und jetzt geht. Beide.“

Sie standen noch einen Moment, dann nahm Lukas seinen Rucksack und ging. Felix folgte ihm. Die Tür fiel ins Schloss.

Ich setzte mich wieder an den Tisch. Neben der Tasse lag das Medaillon. Ich nahm es in die Hand, wog es. Ich wusste nicht einmal, wie die alte Frau hieß.

Einen Monat später brachte ich ein gesundes Mädchen zur Welt. Wir nannten sie Leoni. Daniel nahm Elternzeit, schob den Kinderwagen durch den Clara-Zetkin-Park. Meine Wohnung – die, um die dieser ganze Kampf gegangen war – vermietete ich an eine junge Familie. Die Miete zahlte ich auf Leonis Konto ein.

Eineinhalb Jahre später sah ich in der Leipziger Volkszeitung eine seltsame Anzeige: „Gesucht wird die Frau, die im November vorletzten Jahres in der Linie 7 einer älteren Dame mit Einkaufstrolley ihren Sitzplatz überließ. Bitte melden unter …“ Ich rief an. Eine Frau meldete sich. Die Tochter. Ihre Mutter war vor einem Monat an einem Schlaganfall gestorben. Im Krankenhaus habe sie immer wieder von der „jungen Frau aus der Bahn“ gesprochen. Beim Ausräumen fand die Tochter in der Geldbörse der Mutter einen Zettel:

„Das Medaillon gehörte meiner Schwester, die vor vielen Jahren bei einem Autounfall starb. Ich trug es all die Jahre bei mir. Als die junge Frau in der Bahn mir ihren Platz gab und mir von ihren Neffen Lukas und Felix erzählte, wollte ich sie nur ein Stück begleiten. Am nächsten Tag saß ich im Park auf meiner Bank, und zwei junge Männer setzten sich hinter mir hin, ohne mich zu bemerken. Sie sprachen von einer schwangeren Frau namens Katrin und ihrem Mann Daniel, davon, wie sie ihr die Wohnung wegnehmen wollten, sobald sie im Krankenhaus läge. Da wusste ich, es waren dieselben Namen, die die junge Frau mir genannt hatte. Ich nahm mein altes Diktiergerät aus der Tasche, das ich immer bei mir trage, seit ich schwerhörig geworden bin und mir Sätze für später aufzeichne, und ließ es einfach laufen. Ich wusste nicht, ob ich richtig handelte. Aber ich dachte an meine eigene Schwester und daran, dass niemand sie gewarnt hatte, bevor es zu spät war. Finde die junge Frau. Gib ihr das Medaillon und die Karte zurück. Sag ihr, sie soll auf ihr Kind aufpassen und den Neffen nie wieder trauen, die so über sie gesprochen haben.“

Ich stand am Fenster, das Telefon am Ohr. Draußen fiel Schnee. Leoni schlief im Kinderzimmer. Daniel schnitt in der Küche Zwiebeln.

„Ich habe das Medaillon noch“, sagte ich. „Ich bringe es vorbei.“

Ich legte auf. Auf der Fensterbank lag das kleine Messingstück mit der Lilie. Ich strich mit dem Daumen über die Gravur, dachte an eine fremde alte Frau, die zufällig auf der richtigen Bank gesessen hatte, im richtigen Moment, mit einem Diktiergerät in der Tasche, das sie eigentlich nur für sich selbst mitgenommen hatte.

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