Der Saal im Landgasthof „Zum Herkules“ riecht nach Bratensoße und Kerzenwachs. Jürgen steht am Kopfende der langen Tafel, das Mikrofon in der Hand. Neben ihm der halb leere Teller mit der Gans. Ich sitze ihm direkt gegenüber und habe gerade die Serviette auseinandergefaltet. Ein dünnes Papier mit eingeprägtem Muster. Jürgen räuspert sich in das silberne Gitter und sagt: „Ich hätte gern mal wieder jemand Jüngeres um mich herum.“
Er lacht, als hätte er einen guten Witz gemacht. Dann beugt er sich noch einmal zum Mikrofon: „Jünger und lebendiger. Nicht jeden Freitag diese … Damenrunde.“ Er macht eine Handbewegung in Richtung Tür.
An der Tür stehen meine Frauen. Zehn an der Zahl, in weißen Blusen, die Hände vor dem Bauch gefaltet. Hannelore, die Älteste mit ihren einundachtzig Jahren, setzt sich auf den nächsten Stuhl, als hätte ihr jemand die Beine weggezogen. Ursula drückt ihre Handtasche an den Bauch, als wolle sie etwas festhalten, das gerade zerbricht.
In meinem Kopf wird es still. Nicht schlagartig. Eher so, als hätte jemand ein Radio im Nebenraum abgeschaltet, dessen Brummen man erst bemerkt, wenn es weg ist. Ich lege die Serviette gefaltet neben den Teller. Mit der Ruhe, die ich mir für die hohen Töne antrainiert habe, stehe ich auf, umrunde den Tisch und gehe zu meinen Frauen.
„Kommt, wir gehen“, sage ich leise genug, dass nur die erste Reihe es hört. Hannelore hebt ihre Tasche auf. Ursula steht auf. Die anderen folgen.
Im Flur riecht es nach Bohnerwachs und nassem Mantel. Die Garderobenfrau, ein schmales Mädchen mit roten Haaren, hält mir die Garderobenmarken hin, ohne ein Wort. Ich helfe meinen Frauen in die Mäntel. Draußen fällt ein feiner Regen, der nach Asphalt schmeckt. Ich bestelle zwei Taxis. Eins für vier, eins für sechs. Als die Wagen vorfahren, halte ich die Türen auf. Hannelore legt mir kurz die Hand auf den Arm. „Claudia, wir verstehen das.“ Genau dieser Satz ist das Schlimmste.
Als ich in den Saal zurückkomme, wird gerade der Fisch aufgetragen. Jürgen sitzt an seinem Platz und schneidet mit breitem Grinsen sein Stück Zander. Er sieht mich an, als wäre nichts gewesen. Ich setze mich ans andere Ende des Tisches, neben Tobias. Der greift unter dem Tischtuch nach meiner Hand.
„Mama, ich rede mit ihm“, murmelt er.
„Tu das nicht. Iss deinen Fisch.“
Lena schenkt mir Wasser ein, ohne ein Wort. Das liebe ich an ihr.
Später fahren Jürgen und ich im Taxi nach Hause. Der Regen läuft an den Scheiben herunter, die Straßenlaternen spiegeln sich in den Pfützen auf der Wilhelmshöher Allee. Jürgen lehnt den Kopf an die Stütze, die Augen halb zu. „Claudia, was ist los? Warum sitzt du so weit weg?“
„Wir reden am Montag“, sage ich. „Lass mich einfach heimkommen.“
Er grunzt, legt seine schwere Hand auf mein Knie. Ich schiebe sie nicht weg. Ich sehe aus dem Fenster.
Am Montagmorgen stehe ich angezogen in der Küche. Jürgen kommt im Bademantel herein.
„Claudia, was ist?“
„Ich gehe.“
„Wegen Freitag? Das war ein Witz.“
„Ich weiß. Genau deshalb gehe ich.“
Er redet zwanzig Minuten. Ich höre zu, trinke meinen kalten Tee und gehe dann zu Ingrid, meiner Konzertpianistin. Drei Tage später hole ich meine Sachen: Kleider, Dokumente, zwei Fotoalben und die blaue Keramiktasse mit der Aufschrift „Beste Mama der Welt“. Den Fernseher, die Töpfe, den Wasserkocher lasse ich da.
Die Scheidung läuft ruhig. Wir verkaufen die Eigentumswohnung in der Kasseler Innenstadt. Er kauft sich etwas im Stadtteil Harleshausen, ich miete eine kleine Wohnung in der Südstadt, mit Blick auf die Fulda. Wenn die Straßenbahnlinie 5 vorbeifährt, wackeln die Gläser im Schrank. Ich gewöhne mich daran. Als ich meine Mutter in Göttingen anrufe, um es ihr zu sagen, schweigt sie kurz und seufzt dann: „Claudia, ich habe lange darauf gewartet.“
Ein Jahr später. Mai. Der Duft von Flieder zieht durch die offenen Fenster des Gemeindehauses der Kreuzkirche. Wir proben im kleinen Saal, die hohen Fenster gehen auf die Karlsaue hinaus. Ich sehe draußen einen Mann stehen. Jürgen. In Jeans und blauem Hemd, eine Mappe unterm Arm.
Ich gehe zu ihm hinaus.
„Claudia …“, beginnt er.
„Wir haben Probe“, sage ich, ohne die Stimme zu heben. „Wenn du wegen des Sanierungsauftrags hier bist, die Verwaltung ist am Ende des Flurs.“
Er mustert mich, als suche er irgendetwas in meinem Gesicht. Dann senkt er den Kopf und geht. Ich kehre in den Saal zurück, wo Hannelore ihre Silberbrosche zurechtrückt und Ursula Wasser trinkt. „Von vorn, Mädels“, sage ich und hebe die Hand. Wir beginnen noch einmal von Anfang.
Eine Woche später liegt ein Umschlag in meinem Briefkasten. Zwei Karten für das Staatstheater, ohne Absender. Ich weiß, von wem er ist. Ich stecke ihn in die Schublade neben der roten Thermoskanne, die ich nie benutze. Dann rufe ich bei der Bank an und mache einen Termin.
Ich nehme einen Kredit über 28.000 Euro auf. Für die Sanierung des Probenraums. Neuer Boden, Akustikpaneele, neue Heizung. Ich unterschreibe den Vertrag mit der Firma „Bauwerk Klose“ aus Baunatal. Als ich den Damen beim nächsten Treffen den Vertrag zeige, sagt Hannelore nur: „Es wird Zeit, dass hier mal was gemacht wird.“ Ursula nickt, dann korrigiert sie sich und klopft mit den Knöcheln auf den Tisch, als wolle sie bestätigen, dass die Entscheidung sitzt. Die anderen murmeln Zustimmung.
Zwei Wochen später, wir sind mitten im zweiten Satz von Brahms’ „Nänie“, fliegt die Tür auf. Jürgen steht da. Das Gesicht rot, in der Faust ein zerknülltes Blatt Papier.
„Du hast mir den Auftrag weggenommen!“, brüllt er.
Ich lege den Taktstock ab. Meine Hände sind ruhig. „Ich habe ihn mir genommen. Das ist ein Unterschied.“
Er kommt ein paar Schritte in den Raum. Die Damen sitzen wie versteinert. Hannelore erhebt sich und tritt neben mich. Ursula ebenso. Ich greife nach der Mappe auf dem Klavier, ziehe den unterschriebenen Vertrag heraus und halte ihn ihm hin.
„Hier. Die Firma Klose übernimmt die Sanierung. 28.000 Euro. Ich habe das Geld von der Bank geholt. Du bist hier nicht mehr zuständig.“
Er schaut auf das Papier. Sein Mund bewegt sich, aber es kommt kein Ton. Dann macht er einen Schritt rückwärts, als hätte ihm jemand gegen die Brust gestoßen. Er dreht sich um, geht hinaus. Die Tür fällt hinter ihm ins Schloss.
Erst da merke ich, dass ich den Atem angehalten habe. Ich atme einmal tief durch, hebe den Taktstock und sage: „Noch einmal von vorn.“
Die Damen setzen sich. Wir singen.
Ein Jahr später räume ich den Keller aus. Zwischen alten Steuerunterlagen und einer Kiste mit Fotos finde ich eine Quittung. Sie ist von der Bank, datiert drei Monate nach der Scheidung. Jürgen hat 4.000 Euro auf das Konto des Chors überwiesen, um die Beiträge der Damen zu bezahlen, die in finanzielle Not geraten waren. Eine Überweisung, die er nie erwähnt hat. Ich lege die Quittung zurück in die Kiste und schließe den Deckel. Draußen fällt der erste Schnee des Jahres.
