Die Stimme ihres Vaters hallte durch das enge Treppenhaus des alten Mietshauses. Doch Anna blieb nicht stehen. Sie zog ihre abgetragene Jacke über, wickelte sich den Schal um den Hals und öffnete entschlossen die Wohnungstür.
Die kalte Luft im Hausflur fühlte sich freier an als alles, was sie in den letzten sechsundzwanzig Jahren in dieser Wohnung eingeatmet hatte.
Sie schloss die Tür hinter sich.
Diesmal wusste sie, dass sie nicht mehr zurückkommen würde.
Als Anna geboren wurde, freute sich niemand wirklich über ihre Ankunft.
Ihre Eltern, Thomas und Sabine, hatten andere Träume. Sie wollten reisen, Karriere machen, die Welt sehen und ihr Leben genießen. Ein Kind passte nicht in diesen Plan.
Sabine sagte später oft, dass die Schwangerschaft alles zerstört habe.
Nur weil Thomas’ Mutter darauf bestand, dass das Kind geboren werden müsse, kam Anna überhaupt zur Welt.
Doch Liebe bekam sie nie.
Schon als kleines Mädchen hörte sie immer dieselben Sätze.
„Wegen dir konnten wir uns keinen Urlaub leisten.“
„Ohne dich hätten wir längst ein größeres Haus.“
„Du hast uns die besten Jahre genommen.“
Anna verstand lange nicht, warum ihre Eltern ständig wütend auf sie waren.
Sie lernte fleißig.
Half im Haushalt.
Verlangte kaum neue Kleidung.
Doch egal, was sie tat – es war nie genug.
Mit elf Jahren kam sie weinend aus der Schule.
Einige Mädchen hatten sich über ihre alten Schuhe lustig gemacht.
„Mama…“
Sabine seufzte genervt.
„Was denn jetzt schon wieder?“
„Sie lachen über mich.“
„Dann hör eben nicht hin.“
„Das macht mich traurig…“
„Ich habe nach der Arbeit keine Lust auf so einen Kinderkram.“
Anna ging schweigend in ihr Zimmer.
Von diesem Tag an erzählte sie zu Hause nichts mehr.
Keine Sorgen.
Keine Ängste.
Keine Tränen.
Sie lernte früh, alles allein auszuhalten.
In der Oberstufe hatte sie nur noch ein Ziel.
Fortgehen.
Sie lernte bis spät in die Nacht, bekam ein Stipendium und einen Studienplatz in München.
Als sie ihren Eltern davon erzählte, hoffte sie wenigstens auf ein „Herzlichen Glückwunsch“.
Stattdessen sagte ihr Vater:
„Na endlich. Dann kostest du uns wenigstens nichts mehr.“
Ihre Mutter nickte zustimmend.
„Erwarte bloß keine finanzielle Unterstützung.“
Anna packte zwei Koffer.
Niemand brachte sie zum Bahnhof.
Niemand umarmte sie zum Abschied.
Die ersten Jahre waren hart.
Tagsüber studierte sie.
Abends arbeitete sie in einem Café.
Manchmal reichte das Geld nur für Nudeln und Brot.
Ihre Eltern riefen nie an.
Sie fragten nie, ob es ihr gut ging.
Mit der Zeit hörte Anna auf zu warten.
Dann lernte sie Lukas kennen.
Er war freundlich, aufmerksam und geduldig.
Wenn sie krank war, kochte er Suppe.
Wenn sie erschöpft war, nahm er ihr die Hausarbeit ab.
Wenn sie traurig war, hörte er einfach zu.
Anna konnte zunächst kaum glauben, dass ein Mensch sich kümmern konnte, ohne dafür etwas zu verlangen.
Nach zwei Jahren machte Lukas ihr einen Heiratsantrag.
Sie heirateten im kleinen Kreis.
Freunde waren da.
Seine Familie ebenfalls.
Nur zwei Plätze blieben leer.
Die ihrer Eltern.
Sie erschienen nicht.
Nicht einmal eine Glückwunschkarte schickten sie.
Anna lächelte den ganzen Abend.
Erst nachts brach sie in Tränen aus.
Lukas hielt sie einfach fest.
Mehr brauchte sie in diesem Moment nicht.
Eine Woche später klingelte ihr Telefon.
„Komm heute Abend vorbei“, sagte ihre Mutter.
„Wir müssen reden.“
Anna hoffte einen Augenblick lang, ihre Eltern wollten sich entschuldigen.
Als sie die Küche betrat, war ihr sofort klar, dass sie sich geirrt hatte.
Thomas räusperte sich.
„Du bist jetzt verheiratet.“
„Zeit, deine Pflicht als Tochter zu erfüllen.“
Anna runzelte die Stirn.
„Wie meint ihr das?“
„Unser Garten macht zu viel Arbeit.“
„Du kommst künftig jedes zweite Wochenende.“
„Und beim Einkaufen bringst du Lebensmittel für uns mit.“
„Falls du keine Zeit hast, kannst du uns monatlich Geld überweisen.“
Anna starrte ihre Eltern fassungslos an.
Nicht eine Entschuldigung.
Nicht eine Frage danach, wie es ihr ging.
Nur Forderungen.
Fortsetzung …
