Der Name in der Kirchenbank

Es war die Visitenkarte, die alles veränderte.

Ich hatte sie in der Innentasche seines alten Sakkos gefunden, drei Tage nachdem ich in der Messe den Namen gehört hatte. *Dr. Harald Reimann, Facharzt für Psychotherapie, Praxis in der Kantstraße*. Auf der Rückseite, mit seinem Kugelschreiber: *Mittwoch, 15:30*.

Thomas war bei einem Psychologen gewesen. Mein Thomas, der immer sagte, ein Mann beißt die Zähne zusammen, Tränen sind etwas fürs Kino. Mittwochnachmittag, wenn ich dachte, er repariert noch den Boiler im Mietshaus von Tante Gerda oder tauscht im Keller die Dichtung vom Wasserhahn, saß er in Charlottenburg und sprach mit einem Fremden über sich.

Ich legte die Karte auf den Küchentisch, neben die andere, die nun schon eine Woche dort lag: ein herausgerissener Zettel aus einem Notizblock, beschrieben mit einer mir unbekannten, zierlichen Schrift. *Thomas, du ahnst nicht, was das für mich bedeutet. Danke. S.*

Zwei Papierschnipsel. Zusammen mochten sie eine Geschichte ergeben, die ich nicht kannte. Oder eine, die ich nicht hatte kennen wollen.

Die Messe. Die erste Jahrfeier seines Todes. Karsamstag, die St.-Marien-Kirche in Spandau roch nach Weihrauch und nassem Putz, draußen blühten die Kirschbäume, ein paar Blüten klebten am Fenster. Ich saß in der zweiten Reihe, Anna auf der linken Seite, Lisa rechts, die Enkel hinter uns. Pater Georg las die Intentionen. Zuerst meine: *Für den verstorbenen Thomas Weber, in Liebe und Trauer, von seiner Frau Marianne*.

Dann die nächste.

*Für den verstorbenen Thomas Weber, in tiefer Dankbarkeit, von Sabine Richter*.

Sabine Richter. Den Namen hatte ich noch nie gehört. In unserer Gemeinde gab es keine Sabine Richter. Ich kannte jede Frau in der Pfarrei, zumindest vom Sehen, und keine trug diesen Namen.

*In tiefer Dankbarkeit*.

Das hallte nach, während der Priester die Messe fortsetzte, während wir aufstanden und niederknieten, während Anna mir ihre Hand auf den Arm legte, als müsse sie mich stützen. Ich hörte die Worte nicht mehr. Nur diesen Namen.

Nach der Messe ging ich in die Sakristei. Pater Georg war mein Alter, Mitte sechzig, er hatte Thomas die letzte Ölung gegeben, deshalb sprach ich ruhig. Er erinnerte sich an die Frau, die die Intention bestellt hatte. Sie war nicht aus der Gemeinde. "Um die fünfzig, dunkles Haar mit grauen Strähnen. Ein burgunderfarbenes Tuch. Verweinte Augen." Mehr wusste er nicht. Sie hatte bar bezahlt, eine Woche zuvor.

Zu Hause setzte ich Wasser auf. Der Wasserkocher summte, ich starrte aus dem Fenster auf den Hof, wo Thomas vor sieben Jahren die alte Platane gestutzt hatte, damit sie der Hauswand nicht schadete. Er war immer so gewesen: helfen, anpacken, nie ein Wort darüber verlieren. Wenn eine Nachbarin eine neue Lampe brauchte, war er da. Wenn der alte Herr Krüger aus dem dritten Stock den Siphon nicht freibekam, ging Thomas mit dem Rohrreiniger runter. Er nahm nie Geld. *"Lass mal, dafür sind wir doch da."*

Das war mein Bild von ihm. Mein Bild von einem Mann, mit dem ich achtunddreißig Jahre verheiratet gewesen war.

Jetzt, mit dem Wasserkocher in der Hand, fragte ich mich, ob dieses Bild jemals vollständig gewesen war.

Ich begann zu suchen. Nicht sofort, nicht systematisch. Zuerst wie eine, die etwas sucht, was sie nicht finden will.

Seine alte Jacke roch noch nach seinem Rasierwasser, ganz schwach, fast ein Jahr nach seinem Tod. Die Visitenkarte steckte in der Innentasche, zusammen mit einem zerknitterten Parkschein vom Februar des Vorjahres. Er muss sie über Monate mit sich herumgetragen haben. Ich kannte die Adresse in der Kantstraße, nah am Savignyplatz, ich war früher oft dort einkaufen gewesen. Und jetzt stand sie vor mir wie ein Beweisstück.

Die andere Spur fand ich im Werkzeugkeller, in einer kleinen Metallkiste, in der Thomas die Spezialdichtungen für die alten Wasserhähne aufbewahrte. Zwischen verrosteten Schraubenschlüsseln und einem halbleeren Fläschchen Silikonspray lag der Zettel, mehrfach gefaltet, die Kanten ausgefranst, als hätte ihn jemand oft in der Hand gehalten. Ich faltete ihn auseinander. *Du ahnst nicht, was das für mich bedeutet. Danke. S.*

Das schöne, gleichmäßige "S" stach mir ins Auge. Nicht die Schrift meiner Töchter, nicht die meiner Schwester, nicht die einer der Frauen aus der Nachbarschaft. Völlig fremd.

Ich setzte mich auf den wackeligen Hocker, den Thomas immer benutzt hatte, wenn er an der Werkbank stand. Der Keller roch nach feuchten Kartons und Maschinenöl. Oben im Haus lief der Fernseher von Herrn Krüger, man hörte die gedämpfte Stimme eines Nachrichtensprechers.

Was bedeutete man, wenn man an einen verheirateten Mann schrieb: *Du ahnst nicht, was das für mich bedeutet*? Vielleicht hatte er nur geholfen, wie immer. Ein tropfender Wasserhahn, eine defekte Heizung. Vielleicht war sie eine einsame Frau, die nie im Leben Hilfe erfahren hatte, und er hatte nicht mehr getan, als einen Boiler zu entlüften. Vielleicht war es so banal, und ich baute mir eine Geschichte zusammen, die nicht existierte.

Aber dann versuchte ich, mir vorzustellen, wie diese Frau in der Sakristei stand, ein burgunderfarbenes Tuch um die Schultern, verweinte Augen, und dem Pfarrer zwanzig Euro für eine Messe in die Hand drückte, weil ein Installateur ihren Heizkörper repariert hatte. So etwas tut man nicht. So etwas tut man nur, wenn ein Mensch einen Grund gelegt hat, der tiefer reicht.

Ich sprach mit meinen Töchtern. Anna, die Ältere, wohnte in Hamburg und versuchte, mich am Telefon zu beruhigen. "Mama, lass es gut sein. Papa ist tot. Was du findest, ändert nichts mehr, außer dass es dir weh tut."

"Und wenn es mir weh tut?"

"Willst du das? Willst du es wirklich wissen?"

Ich antwortete nicht.

Lisa kam am selben Abend vorbei, sie wohnte nur zehn Minuten entfernt in der Wilhelmstadt. Sie setzte sich an meinen Küchentisch, trank einen Schluck von dem erkalteten Tee, den ich ihr hingestellt hatte, und sagte: "Weißt du, Papa hat mal vor Jahren etwas gesagt, das ich nie verstanden habe. Dass jeder Mensch einen Raum braucht, den nur er betritt. Vielleicht hatte er einen solchen Raum."

"Mit einer anderen Frau darin?"

"Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Vielleicht war es ein Raum, in den er seine Schuld gestellt hat oder seine Angst. Man erfährt es nicht, und vielleicht ist das in Ordnung."

Sie meinte es gut. Aber ich konnte den Gedanken nicht loslassen. Es war nicht Eifersucht, was mich antrieb. Es war das Gefühl, mit einem Toten verheiratet zu sein, den ich nur zur Hälfte kannte. Achtunddreißig Jahre reichten nicht, um diesen Riss zu kitten.

Die Bankauszüge brachten die Sache ans Licht.

Thomas hatte die gesamte Haushaltskasse geführt, er war derjenige, der am Monatsende die Daueraufträge kontrollierte und die Rechnungen ablegte. Als er starb, hatte ich alles übernommen, aber ich schaute nie im Detail nach. An diesem Morgen, zehn Tage nach dem Kirchgang, holte ich den Ordner aus dem Wohnzimmerschrank und blätterte die Kontoauszüge der letzten fünf Jahre durch.

Am Anfang sah ich nichts Ungewöhnliches. Mieteinnahmen aus unserem Mietshaus, die Raten für das Auto, die Stromrechnung. Dann fiel mir eine Überweisung auf, die jeden Monat wiederkehrte: *200 Euro an S. Richter*, Verwendungszweck: *Unterstützung*. Nicht "Miete", nicht "Rechnung". *Unterstützung*.

Meine Hände wurden ruhig. Nicht das Zittern, das ich erwartet hatte, sondern eine seltsame, klare Ruhe. Ich zählte die Überweisungen. In fünf Jahren hatte Thomas dieser Frau zwölftausend Euro überwiesen. Zwölftausend Euro von unserem gemeinsamen Konto.

Er hatte nicht mit mir gesprochen.

Ich legte die Kontoauszüge zu den zwei Papierschnipseln auf den Tisch.

Jetzt hatte ich drei Dinge. Ein Name, ein Zettel mit Dankbarkeit, ein Psychologe, den er heimlich besuchte, und jeden Monat Geld für eine Frau, die ich nicht kannte.

Man kann versuchen, aus drei Puzzleteilen ein Bild zu machen. Oder man legt sie zur Seite und sagt: Es reicht.

Ich legte sie nicht zur Seite.

Die Praxis Dr. Reimann kannte ich von außen. Ich war viermal mit der Buslinie M49 vorbeigefahren, bevor ich ausstieg und klingelte. Ein schmales Altbau-Treppenhaus mit Stuckdecke und einem defekten Licht im zweiten Stock. Die Tür hatte ein Messingschild, und das Wartezimmer war leer. Eine junge Sprechstundenhilfe fragte mich, ob ich einen Termin hätte. Ich sagte, ich sei die Witwe von Thomas Weber.

Sie bat mich zu warten. Zehn Minuten später öffnete sich die Tür zum Behandlungszimmer, und Dr. Reimann trat heraus. Ein Mann um die sechzig, mit Brille und einer ruhigen Stimme. "Frau Weber, ich darf nicht über Patienten sprechen, auch nicht mit Angehörigen. Das gilt über den Tod hinaus."

"Ich will nur wissen, warum er hier war. Ob er einem Menschen etwas angetan hat. Oder ob ihm jemand weh getan hat."

Er schwieg einen Moment. Dann sagte er sehr vorsichtig: "Ihr Mann litt unter einer Depression, die mit Schuldgefühlen zu tun hatte. Er sprach von einer Hilfe, die er leisten wollte, die aber nicht ankam. Nicht so, wie er es sich vorstellte. Mehr kann ich nicht sagen."

"Mit Schuldgefühlen gegenüber dieser Frau?"

"Ich kann keine Namen nennen."

Das war genug. Ich bedankte mich und ging. Draußen auf der Kantstraße fuhr ein S-Bahn-Zug über die Brücke, der Lärm dröhnte in meinen Ohren. Ich dachte an das Wort *Schuld*. Thomas fühlte sich schuldig. Und er versuchte, diese Schuld mit Geld zu begleichen, Monat für Monat. Aber wofür?

Die Meldeadresse von Sabine Richter fand ich im Telefonbuch. Es gab nur eine in Berlin: eine Adresse in Moabit, nicht weit vom Kleinen Tiergarten. Ich fuhr mit dem Bus, stieg an der Turmstraße aus und lief die letzten Meter zu Fuß. Die Wohnung lag in einem unsanierten Hinterhaus, der Putz bröckelte, im Treppenhaus roch es nach Kohl. Ich klingelte an der Tür mit dem kleinen Schild "Richter". Niemand öffnete.

Am nächsten Tag kam ich wieder. Diesmal war jemand da. Eine Frau um die fünfzig, mit dunklem Haar, das an den Schläfen grau wurde, öffnete die Tür einen Spalt. Ich erkannte sie nicht. Sie mich wohl auch nicht.

"Frau Richter?"

"Ja?"

"Ich bin Marianne Weber. Thomas' Frau."

Das reichte. Sie zuckte zusammen, ihre Hand krallte sich um den Türrahmen. Sie trug ein burgunderfarbenes Tuch. Ihre Augen waren nicht verweint, aber jetzt schwammen sie.

"Kommen Sie rein", flüsterte sie.

Ich trat ein. Die Wohnung war klein, karg, fast ärmlich. Keine Spur von dem Geld, das Thomas ihr geschickt hatte. Nur ein altes Sofa, ein Tisch mit einer gehäkelten Decke, an der Wand ein Bild vom Havelufer. Sie setzte sich zögernd und sah mich an wie ein Tier, das auf den Schlag wartet.

Ich setzte mich nicht. Ich holte den Umschlag aus meiner Handtasche. Ein neutraler, weißer Briefumschlag, darin die Summe, die ich am Morgen vom gemeinsamen Konto abgehoben hatte: 9600 Euro, exakt der Betrag, der noch auf dem separaten Sparbuch lag, das Thomas vor Jahren angelegt hatte, ohne mir je davon zu erzählen. Ich hatte es in seinem Schreibtisch gefunden, zusammen mit einem Zettel: *Für S., falls mir was passiert.*

Ich wusste nicht, welche Geschichte zwischen ihnen lag. Ich wusste nur, dass mein Mann gewollt hatte, dass diese Frau etwas bekam. Und ich wusste, dass ich es nicht behalten wollte.

"Ich weiß nicht, was er Ihnen angetan hat oder was Sie ihm bedeutet haben", sagte ich und legte den Umschlag auf den Tisch. "Aber er hat monatelang Geld für Sie gespart. Hier sind neuntausendsechshundert Euro. Es gehört Ihnen."

Sie starrte den Umschlag an, dann mich. "Ich kann das nicht annehmen. Ich habe nie… es war nie…" Sie brach ab.

"Sie haben eine Messe für ihn bestellt. In Dankbarkeit. Das reicht mir."

Ich drehte mich um und ging zur Tür. Meine Hand lag schon auf der Klinke, da hörte ich ihre Stimme hinter mir, ganz leise: "Er hat meinem Sohn das Leben gerettet. Vor sechs Jahren. Ein Unfall in der Werkstatt. Thomas war zufällig da, er holte Ersatzteile. Er hat ihn rausgezogen, bevor die Decke einstürzte. Mein Sohn lebt, weil Ihr Mann da war. Ich konnte ihm nie richtig danken. Er wollte nichts. Nur dass es dem Jungen gut geht. Und ich… ich wusste nicht, wie ich ihm das je zurückgeben sollte."

Ich hielt inne. Die Türklinke lag kühl in meiner Hand. Der Junge lebt. Thomas hatte jemandem das Leben gerettet und nie ein Wort darüber verloren.

Warum schrieb man *Du ahnst nicht, was das für mich bedeutet*? Jetzt wusste ich es.

Ich drehte mich nicht um. "Dann behalten Sie das Geld für Ihren Sohn", sagte ich. "Damit er eine Zukunft hat."

Die Tür fiel ins Schloss.

Ich ging die Treppe hinunter, durch den Hof, auf die Straße. Der Bus M27 fuhr heran, ich stieg ein und suchte mir einen Platz am Fenster. An der nächsten Haltestelle stieg eine junge Mutter mit einem kleinen Jungen zu, der eine Spielzeugrakete in der Hand hielt. Der Bus ruckelte an, und ich sah aus dem Fenster, wie das Hinterhaus kleiner wurde.

Ich hatte ihn nicht weniger lieb. Ich vermisste ihn nicht weniger. Aber der Mann, den ich verloren hatte, war größer gewesen, als ich in achtunddreißig Jahren verstanden hatte.

Und ich hatte endlich etwas mit meinen Händen getan, statt nur zu fragen.

Das Sparbuch war leer. Der Umschlag lag auf einem alten Tisch in Moabit. Und ich wusste jetzt, dass Dankbarkeit manchmal genau so schwer wiegt wie ein ganzes Leben.

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