Der Tag, an dem ich aufhörte zu bezahlen

Vor dem Haus meiner Eltern in Paunsdorf fiel der Regen so fein, dass man ihn im Gesicht kaum spürte. Ich stand mit einer Flasche Riesling aus dem Netto und dem Gefühl, dass mir der eigene Blusenkragen den Hals abschnürte, vor der Tür. Im dritten Stock bellte die Dackeldame von Frau Reichel den Briefträger an. Ich hätte klingeln sollen. Tat ich nicht.

Vier Tage zuvor, Donnerstagabend um kurz nach neun, hatte meine Mutter angerufen. Ihr Anruf kam nie zu einer guten Zeit.

„Hast du es geschafft?“, fragte sie statt einer Begrüßung. „Hast du endlich einen Mann gefunden?“

Ich lehnte an der Küchenzeile, in der linken Hand einen halb vollen Becher Tee mit Bergamotte, der längst kalt war. Der Laptop auf dem Tisch flackerte mit einer Excel-Tabelle, in der ich seit einer Stunde dieselbe Spalte ansah.

„Mama, nicht jetzt. Ich hänge noch an einer Auswertung.“

„Ach, deine Tabellen. Deine Schwester Leonie weiß, was zählt: einen reichen Kerl heiraten und nicht mehr schuften. Und du? Du stirbst noch allein mit deinen Akten. Alt. Unglücklich. Ohne Enkel.“

Ich stellte den Becher ab und presste die Hand gegen die Kante der Arbeitsplatte. Das gleiche Lied. Seit elf Jahren. Seit ich nach der Berufsschule nach Leipzig gezogen war und angefangen hatte, jede Woche sechzig Stunden zu arbeiten.

„Ich komme am Samstag“, sagte ich, als sie eine Pause machte. „Und ich bringe meinen Verlobten mit.“

Am anderen Ende war einen Moment lang nur das Rauschen ihres Duschradios.

„Deinen was?“

„Verlobten. Er ist mein Chef und trägt einen Maßanzug. Reicht das?“

Sie legte auf, als hätte sie Angst, ich würde es mir anders überlegen. Ich blieb in der Küche zurück. Woher sollte ich in zwei Tagen einen Verlobten nehmen?

Am Freitagmorgen im Büro kam Matthias Kempf in mein Zimmer, gerade als ich die Haarnadel herauszog. Die Heizung hatte den Raum aufgeheizt, ich hatte mir den obersten Knopf der Bluse gelöst und die Haare aus dem Zopf geschüttelt.

Er blieb im Türrahmen stehen und zog eine Augenbraue hoch. „Johanna, störe ich?“

„Ist schon gut. Was brauchen Sie?“

„Ich wollte mit Ihnen über die Hamburger Reklamation sprechen. Die Spedition weigert sich, die Kosten zu übernehmen.“

Ich stopfte mir die Haare hinter die Ohren und machte die Tür zu. Dann erklärte ich meine Lage: Samstagabend, Familienessen in Paunsdorf, eine Mutter, die mich für eine alte Jungfer hält, eine Schwester, die glaubt, ich hätte mein Leben mit Zahlen verraten. Und eine spontane Lüge, die ohne männliche Begleitung auffliegen würde.

Matthias lehnte sich gegen meinen Schreibtisch. „Sie wollen, dass ich Ihren Verlobten spiele?“

„Nur für ein paar Stunden.“

„Und was habe ich davon?“

Ich wollte etwas von Miete und Freundschaftsdienst sagen, aber er redete weiter.

„Fliegen Sie am Montag nach Hamburg und übernehmen Sie die Reklamation mit dem Logistikpartner. Dann spiele ich Ihren Verlobten.“

„Warum?“

„Weil es mir Spaß macht. Und weil Sie mir vor drei Jahren in Stuttgart den Hals gerettet haben, als die Technik ausgefallen ist. Ich vergesse nichts.“

Ich presste die Lippen aufeinander und stimmte zu. Es klang nach einem Handel. Für mich war es Notwehr.

Am Samstagabend stand ich also mit meinem falschen Verlobten vor der Tür meiner Eltern. Die Wohnung roch nach Rouladen und Apfelkuchen. Im Wohnzimmer lief der MDR, irgendeine Talkshow mit Gartenproblemen. Meine Mutter riss die Tür auf und musterte Matthias von den Schuhen bis zum Hemdkragen, als wäre er ein Auto, das sie auf Kredit kaufen wollte.

„Komm rein, unbedingt“, sagte sie viel zu freundlich. „Und du“, sie zog mich am Ärmel, „hast mir gar nicht gesagt, dass er so vorzeigbar ist.“

Am Tisch saßen bereits meine Schwester Leonie und ihr Verlobter Tom. Tom trug einen zu engen Anzug von der Stange und fuhr einen Opel Astra mit eingedrückter Beifahrertür. Leonie hatte ihre Haare so blondiert, dass die Spitzen aussahen wie altes Stroh. Sie beäugte Matthias, als hätte er die Wohnung immer noch betreten, obwohl er längst saß.

„Was arbeiten Sie?“, fragte meine Mutter, noch bevor er die Gabel in die Roulade gestochen hatte.

„Ich leite die Logistikabteilung bei Osttrans.“

„Und Sie verdienen gut?“, hakte sie nach.

Hier setzte ich an. Der Prosecco in meinem Glas war lauwarm und schmeckte nach Apfelsaft. „Mama, ich war nicht ganz ehrlich mit dir. Matthias ist mein Chef.“

Leonie ließ die Gabel auf den Teller fallen. Es schepperte.

„Und ich lebe auf seine Kosten.“

Matthias kaute ruhig weiter. „Ich verwöhne meine Assistentin. Sie ist unersetzlich.“

Meine Mutter legte das Besteck ab. Ihre Augen blieben an Matthias hängen wie an einem Lottogewinn. „So ein junger Mann, und so viel Erfolg.“

Tom lockerte mit dem Finger seinen Kragen und sah mich an. „Wir kennen uns aus der Berufsschule, nicht? Du hast immer gesagt, du willst nie von einem Typen abhängig sein.“

Der Hund von gegenüber fing an zu bellen. Ich hätte ihm unter dem Tisch einen Tritt verpassen können. Stattdessen trank ich den Rest Prosecco auf einmal.

„Die Zeiten ändern sich“, sagte Matthias ruhig. „Oder etwa nicht, Johanna?“

Meine Mutter beugte sich vor. „Und wann ist bei euch Hochzeit?“

Ich hätte fast gelacht. „Sobald wir einen Termin haben, erfährst du es als Erste, Mama.“

Dann drehte ich mich zu Tom. „Und Sie? Was machen Sie beruflich?“

Tom starrte in seinen Teller, als hätte die Roulade ihn beleidigt. „Ich bin in einer Übergangsphase.“

„Übergang wohin?“, fragte Matthias und nahm sich Brot.

„Das ist gerade ein bisschen kompliziert. Der letzte Arbeitgeber hat umstrukturiert. Ich prüfe meine Optionen.“

Meine Mutter gab ein Geräusch von sich, als hätte sie Essig getrunken. Leonie kniff die Lippen zusammen. Neben Matthias wirkte Tom wie ein Student, der zum ersten Mal ein Hemd bügeln musste.

Nach dem Essen zog meine Mutter mich in die Küche, während Matthias im Wohnzimmer von Leonie ausgequetscht wurde. Ich hörte, wie sie ihn nach dem Auto fragte, nach dem Jahreswagen, nach Urlaubsplänen.

„Leonie braucht im Januar 3.500 Euro“, flüsterte meine Mutter. „Das Semester in Dresden kostet. Und Matthias sieht nicht so aus, als würde er aufs Geld schauen.“

Mir wurde kalt in dem stickigen Raum. „Ich überweise dir die Summe.“

Sie umarmte mich kurz, mit trockenen Lippen an meiner Stirn. „Du bist ein Schatz. Wusste ich doch, dass du an deine Schwester denkst.“

Draußen bellte wieder der Hund. Ich spülte mir die Hände mit kaltem Wasser und sah zu, wie das Wasser den Geruch von Rouladen nicht wegbekam.

Matthias brachte mich zur Haustür. Der Regen hatte aufgehört, aber die Straße glänzte.

„Du zahlst für die ganze Familie, nicht wahr?“

„Das geht dich nichts an.“

„Doch. Du hast mich in deine Lüge eingeweiht. Jetzt sehe ich zu, wie du daran erstickst.“

Ich zog meinen Mantel fester. „Dann sieh zu.“

Er grinste und stieg in einen Leihwagen, einen dunklen Passat. „Bis Montag. Hamburg. Sie sollten schlafen, Johanna.“

Aber ich schlief nicht. Zu Hause saß ich im Sessel, den Mantel noch an, und las auf dem Handy die Nachricht meiner Mutter: „Danke für die 3.500. Du bist ein Schatz.“

Ich schrieb keine Antwort. Ich löschte den Chat nicht. Ich legte das Handy mit dem Bildschirm nach unten auf den Couchtisch.

Am Montagmorgen, noch vor dem Flieger, ging ich in die Sparkasse in der Karl-Liebknecht-Straße. Es roch nach einem Kaffeeautomaten, der dringend entkalkt werden musste. Vor mir stand eine alte Frau und tippte dreimal den falschen PIN ein.

Als ich an die Reihe kam, zog ich meinen Ausweis aus der Hülle.

„Ich möchte einen Dauerauftrag löschen. Er läuft auf das Konto meiner Mutter, für meine Schwester. Sechshundert Euro monatlich.“

Die Frau hinter dem Schalter tippte. „Der Auftrag läuft seit elf Jahren und drei Monaten. Sind Sie sicher?“

Ich rechnete nicht im Kopf, ich hatte es mir längst ausgerechnet. „Sechshundert mal zwölf mal elf. Das sind 79.200 Euro. Ja, ich bin sicher.“

Sie druckte mir eine Bestätigung. Ich nahm das Blatt, legte es in eine transparente Plastikfolie und steckte sie in meine Handtasche.

An der Haltestelle vor der Bank, während die Linie 7 heranbimmelte, öffnete ich auf dem Handy mein Bankfoto. Dann schickte ich meiner Mutter eine Nachricht: „Der Dauerauftrag für Leonie ist beendet. Ab sofort zahlt ihr selbst.“

Ich stieg in die Bahn, setzte mich ans Fenster und sah die Stadt vorbeiziehen. Die Ansage ertönte: Nächster Halt Südplatz. Ich fühlte nichts. Das war das Schlimmste.

Abends klingelte es an meiner Wohnungstür. Dreimal, kurz, hart.

Ich wusste, wer da stand, noch bevor ich die Tür aufmachte. Meine Mutter drückte sich an mir vorbei, Leonie dicht hinter ihr, im Gesicht rote Flecken.

„Was soll das?“, schrie meine Mutter. „Du kannst das nicht machen! Das Geld kommt von Matthias!“

Ich nahm die Plastikfolie aus der Tasche und legte sie auf den Küchentisch.

„Da ist die Bestätigung. Sechshundert Euro im Monat. Elf Jahre lang. 79.200 Euro. Heute ist Schluss.“

„Das warst du nicht! Das war Matthias!“

Ich zog mein Handy hervor, öffnete mein Bankkonto und hielt es ihr hin. Da stand es schwarz auf weiß: Gehaltseingang Osttrans Logistik, 3.800 Euro netto, Monat für Monat. Kein Matthias. Kein Verlobter.

„Matthias ist mein Chef. Nicht mein Freund. Ich habe gelogen, Mama. Weil du mir sonst wieder gesagt hättest, ich sterbe allein mit meinen Akten. Dabei habe ich längst bezahlt. Für alles.“

Leonie begann zu weinen. „Und wie soll ich jetzt mein Studium bezahlen?“

„Frag deinen Tom. Er ist doch so vielversprechend. Oder deine Übergangsphase.“

Meine Mutter stieß die Plastikfolie vom Tisch. Das Blatt segelte auf den Boden. „Du bist eine eiskalte Person. Weißt du das?“

Ich hob das Blatt auf. Es hatte an der Ecke einen Knick.

„Ich weiß nur, dass ich nicht mehr die Einzige bin, die hier arbeitet.“

Meine Mutter packte Leonie am Arm und zog sie Richtung Flur. Die Tür fiel hinter ihnen ins Schloss.

Ich stand noch eine Weile in der Küche und hielt die Bestätigung in der Hand. Dann nahm ich mein Handy, rief Matthias an.

„Hamburg morgen, 6:45 Uhr“, sagte er ohne Gruß.

„Ich bin dabei“, sagte ich.

„Und der Familienbesuch?“

„Vorbei.“

Er schwieg einen Moment. „Schade. Es hätte mir gefallen, weiter dein Verlobter zu sein.“

„Du warst nie mein Verlobter.“

„Weiß ich.“ Seine Stimme klang amüsiert. „Bis morgen, Johanna.“

Ich legte auf, zog das Blatt aus der Plastikfolie und fütterte es in den Aktenvernichter neben dem Schreibtisch. Der Motor summte, bis von der Bestätigung nur noch schmale Streifen übrig waren. Dann öffnete ich den Laptop und buchte mir für den Abend einen Tisch in einem Restaurant in der Innenstadt. Für eine Person. Die Rechnung würde ich selbst bezahlen.

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Uniad
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