Der Samstag im Juli war so heiß, dass der Asphalt vor dem Haus weich wurde. Ich stand in der Küche, die Hände am Spülbecken, als auf dem Monitor über der Arbeitsplatte die Bilder der Überwachungskamera am Tor erschienen. Drei Autos parkten am Straßenrand. Die Türen gingen auf. Ingrid stieg aus, in einem rosa Kostüm, das sie seit Jahren zu jedem Fest trug. Sie balancierte eine Torte mit Erdbeeren. Thomas kam hinter ihr, in der Hand ein Bündel goldener Luftballons. Dahinter noch sechs oder sieben Leute aus seiner Familie.
Ich hatte seit drei Tagen gewusst, dass sie kommen würden. Mein Anwalt, Herr Doktor Berger, hatte mich am Mittwoch angerufen: Beim Grundbuchamt war ein Antrag auf Eigentumsänderung eingegangen. Für mein Haus. Mit meiner Unterschrift. Fast perfekt. Aber ich unterschreibe seit fünfundzwanzig Jahren auf die gleiche Weise, ich erkenne jede Abweichung. Ich hatte sofort Einspruch eingelegt und die Aufnahmen meiner Arbeitszimmer-Kamera gesichert. Jetzt wollte ich sie alle damit konfrontieren.
Thomas trat ans Tor und rief: „Katharina, mach auf! Wir wollen Mamas Geburtstag feiern!“ Seine Stimme klang fröhlich, fast erleichtert. Ich drückte auf den Knopf der Gegensprechanlage. „Schalt dein Handy auf Lautsprecher, Thomas. Deine Familie soll hören, was los ist.“ Er zögerte. Ich sah auf dem Monitor, wie Ingrid gegen das Tor hämmerte. „Das ist lächerlich! Ich werde fünfundsechzig, und meine ganze Familie steht auf der Straße!“
Ich ging zum Esstisch, wo der Laptop offen stand. Darauf lief die Aufnahme aus meinem Arbeitszimmer von vor zwei Tagen. Thomas und Ingrid standen dort. Ingrid blätterte in meinen Unterlagen, Thomas hatte sein Handy als Taschenlampe in der Hand. Ingrid schrieb meinen Namen auf ein Blatt: Katharina Weber. Katharina Weber. Katharina Weber. Immer wieder. Dann sagte sie: „Jetzt ist es ähnlich genug.“
Ich schaltete den Ton über die Gegensprechanlage nach draußen. „Hörst du das, Ingrid? Das bist du, wie du meine Unterschrift übst.“ Am Tor wurde es ruhig. Eine Cousine ließ die Luftballons sinken, sie hingen jetzt schlaff an den Schnüren. Thomas sagte: „Katharina, das ist ein Missverständnis. Komm, lass uns reden.“ Ich antwortete: „Reden? Ihr wolltet mein Haus als Sicherheit für einen Kredit von 1,2 Millionen Euro eintragen. Ohne mich zu fragen.“ Ingrid schrie: „Das ist völlig normal! Du bist mit Thomas verheiratet, das Haus gehört euch beiden!“ Ich schüttelte den Kopf, obwohl sie es nicht sehen konnte. „Nein, Ingrid. Das Haus gehört mir. Ich habe die Hälfte von meinem Vater geerbt, die andere Hälfte vor der Hochzeit gekauft. Das weißt du genau.“
Dann spielte ich den zweiten Teil der Aufnahme ab. Ingrid sagte zu Thomas: „Wenn Katharina unterschreibt, gibt es keine Probleme.“ Thomas: „Sie wird nicht unterschreiben.“ Ingrid: „Dann frag sie nicht. Wir setzen einfach ihren Namen drauf. Dann beantragen wir die Kreditlinie, zahlen meine Schulden ab, und später merkt sie es ja nicht.“ Thomas: „Das ist Betrug, Mama.“ Ingrid lachte: „Bis sie es merkt, ist das Geld schon auf dem Konto.“
Ich stoppte das Video. Draußen vor dem Tor sagte niemand etwas. Dann fragte Renate, Ingrids Schwester: „Welche Schulden? Du hast mir im Frühjahr 40.000 Euro geliehen und gesagt, du kriegst das Geld, sobald Katharinas Haus umfinanziert ist.“ Ein anderer Verwandter mischte sich ein: „Mir hast du gesagt, du brauchst 25.000 für eine Zahnbehandlung.“ Ein dritter: „Und mir 15.000 für ein Auto, das du nie gekauft hast.“
Ingrids Gesicht auf dem Monitor verlor jede Farbe. Thomas rieb sich die Stirn. „Mama, du hast gesagt, niemand weiß davon.“ Ingrid fuhr ihn an: „Halt den Mund!“ Dann richtete ich meine Worte an Thomas. „Erzähl ihnen, was du am Montag beim Grundbuchamt eingereicht hast.“ Er sagte leise: „Das war nur ein vorläufiges Dokument.“ Ich antwortete: „Nein, das war ein Antrag auf Eigentumsänderung. Mit meiner gefälschten Unterschrift.“
Jetzt redeten alle durcheinander. Ingrid schrie, Thomas versuchte, sie zu übertönen. Ich ließ sie ein paar Sekunden. Dann sagte ich: „Ich habe Anzeige erstattet. Wegen Urkundenfälschung und versuchtem Kreditbetrug. Die Unterlagen liegen bei meinem Anwalt. Die Kreditlinie ist gestoppt. Das Grundbuchamt prüft den Fall.“
Thomas trat näher ans Tor. Er legte die Hand auf das Metall. „Katharina, bitte, mach auf. Wir können das klären. Wir sind elf Jahre verheiratet.“ Ich sagte: „Eben deshalb hättest du wissen müssen, dass ich nicht mitmache, wenn du mich bestiehlst.“ Er: „Ich wollte dir nichts wegnehmen, ich wollte nur Mama helfen.“ Ich: „Mit meinem Haus. Mit meiner Unterschrift. Und dann die Rechnung an mich.“ Renate lachte bitter: „Das hat sie uns allen erzählt.“
Ich atmete tief durch. Dann sagte ich: „Heute Morgen habe ich die Scheidung eingereicht. Außerdem habe ich beantragt, die gemeinsamen Konten einzufrieren, bis geklärt ist, woher das Geld für die angeblichen Rückzahlungen kommen sollte.“ Thomas sah direkt in die Kamera. „Scheidung? Du willst dich scheiden lassen?“ Ich sagte: „Ja. Und du bekommst Post von meinem Anwalt.“
Ingrid kreischte: „Du kannst uns nicht einfach so behandeln! Ich bin deine Schwiegermutter!“ Ich antwortete: „Du hast versucht, mein Haus zu stehlen, Ingrid. Da hört die Verwandtschaft auf.“ Dann schaltete ich die Gegensprechanlage aus.
Ich blieb in der Küche, bis die letzte Autotür zuschlug. Die Torte stand noch am Straßenrand, die Luftballons lagen auf dem Gehweg. Der Nachbarshund bellte zweimal, dann war es ruhig. Ich goss mir ein Glas Leitungswasser ein und trank es in einem Zug. Dann rief ich den Schlüsseldienst an.
Am nächsten Morgen kam ein Mann mit einem Werkzeugkoffer. Er wechselte das Schloss an der Haustür und das Schloss am Gartentor. Ich bezahlte 240 Euro in bar. Dann ging ich ins Arbeitszimmer, machte den Safe auf, nahm die alte Schlüsselkassette und warf sie in den Müll. Ich ließ zwei neue Schlüssel anfertigen: einen für mich, einen für meine beste Freundin Clara, die zwei Straßen weiter wohnt.
Ein paar Tage später klingelte es. Auf dem Monitor sah ich Thomas am Tor. Er hatte seinen alten Schlüssel in der Hand. Er steckte ihn ins Schloss, drehte, nichts passierte. Er versuchte es noch einmal. Dann drückte er auf die Klingel. Ich stand im Flur, die Hand am Türgriff, aber ich machte nicht auf. Nach einer Weile ging er weg. Ich sah ihm nach, bis sein Auto die Straße hinunterfuhr.
Die nächsten Monate waren zäh. Thomas zog aus, nahm seine Sachen mit. Die Scheidung dauerte acht Monate. Das Haus blieb mir. Thomas bekam seinen Anteil am gemeinsamen Konto, das Auto, das wir zusammen gekauft hatten, und ein paar Möbel. Mehr nicht. Sein Anwalt versuchte, mich zu überreden, auf weitere Ansprüche zu verzichten. Ich lehnte ab. Nicht aus Rache. Sondern weil ich finde: Wer als Ehemann versucht, mich zu betrügen, muss die Konsequenzen tragen. Sonst lernt er nichts.
Thomas einigte sich mit der Staatsanwaltschaft, kooperierte, bekam eine Bewährungsstrafe, Sozialstunden und eine Geldstrafe. Ingrids Lage war schlimmer. Es kam heraus, dass sie von drei Verwandten insgesamt über 80.000 Euro geliehen hatte, jedem eine andere Geschichte erzählt. Renate verklagte sie. Eine andere Schwester brach den Kontakt ab. Die Familie, die an jenem Samstag mit goldenen Luftballons vor meinem Tor stand, tauschte monatelang Anwaltsschreiben aus.
Die Torte? Renate erzählte mir später, dass Ingrid sie wütend in den Kofferraum geworfen hatte. Bei 32 Grad im Juli war sie nach zwei Tagen völlig verdorben. Ich musste fast lachen, als ich das hörte.
Ein Jahr später gab ich ein Fest in meinem Haus. Zwölf Leute. Herr Doktor Berger mit Frau, Renate, Clara, ein paar Nachbarn. Im Garten hingen Lichterketten. Das Küchenfenster stand offen. Auf dem Tisch standen Wein, Käse und eine große Zitronentorte. Jemand fragte, warum das Tor zu ist. Ich sagte: „Weil ich es nur aufmache, wenn jemand kommt, den ich eingeladen habe.“ Alle lachten.
Am späten Abend ging ich ans Ende des Gartens. Da steht eine Linde, die mein Vater gepflanzt hat, als ich klein war. Ich legte die Hand an den Stamm. Die Rinde war warm vom Tag. Dann ging ich zurück ins Haus, holte den neuen Schlüssel aus der Tasche, schloss die Haustür auf und wieder ab. Ich drehte den Schlüssel zweimal um. Es klickte. Ich hängte den Schlüssel an den Haken neben der Tür. Dann machte ich das Licht aus.
