Die Sommerhitze hing schwer über Ravensburg, als Christel Lindner an diesem Abend zum letzten Mal in ihrer eigenen Küche stand und begriff, dass sie hier nicht mehr willkommen war.
Zweiundsechzig Jahre alt, verwitwet mit vierzig, hatte sie ihre zwei Söhne allein großgezogen. Der Vater der Jungen war ein Trinker gewesen, der das letzte Geld aus dem Haus schleppte, und Christel hatte ihn eines Tages einfach vor die Tür gesetzt – die Kinder sollten nicht in diesem Chaos aufwachsen. Sie schuftete auf dem Bau als Putzfrau, später in der Kantine der Zeiss-Werke, brachte den Jungen bei, wie man Fahrrad fährt, wie man sich entschuldigt, wie man arbeitet. Das beste Stück Fleisch bekamen immer sie. Neue Schuhe – für sie. Sie selbst trug die Mäntel von der Kleiderkammer der Diakonie, Jahr für Jahr, und dachte dabei: Wenn sie erst groß sind, heiraten, Enkel bringen, dann wird es gut. Dann hat sie ihre Ruhe.
Das alte Haus in der Uferstraße, mit dem Garten hinterm Zaun und dem knarrenden Gartentor, gehörte ihr allein – geerbt von den Eltern, mit eigenen Händen instandgehalten. Beide Söhne, Markus und Sven, zogen mit ihren Frauen dort ein, als in Ravensburg die Mieten explodierten und eine eigene Wohnung für junge Familien kaum zu stemmen war. Erst herrschte noch Frieden. Man aß gemeinsam am Sonntag Kaffee und Streuselkuchen, die Schwiegertöchter lächelten sich zu.
Doch die Küche wurde bald zum Schlachtfeld. Mal war es die Milch, die die falsche stahl, mal der Abwasch, der nicht richtig gemacht war, mal das Waschmittel, das auf dem falschen Brett stand. Wer war heute mit Putzen dran? Keine wollte es gewesen sein. Christel stand mittendrin, versuchte zu schlichten, bat um Vernunft, erinnerte daran, dass sie jetzt eine Familie seien. Ihre Söhne aber verschwanden, sobald es laut wurde, ließen die Mutter allein zwischen den beiden zurück.
An einem Julinachmittag eskalierte alles wegen des Gartens. Sandra, Markus' Frau, wollte nicht Unkraut jäten – frisch lackierte Nägel, sagte sie. Bianca, Svens Frau, schrie zurück, sie sei nicht das Dienstmädchen für alle. Der Streit war so laut, dass der Nachbar, Herr Brandt, über den Zaun schaute und den Rasenmäher abstellte, um besser zuhören zu können.
Christel hielt es nicht mehr aus. „Mädels, reißt euch zusammen! Was sollen die Leute denken? Wie lange wollt ihr euch noch anfauchen wie zwei Kater um einen Fressnapf?"
Und da schleuderte ihr Bianca ins Gesicht: „Und Sie, Christel, statt hier rumzusitzen und uns Vorträge zu halten – gehen Sie doch lieber pflegen, nach Österreich oder in die Schweiz, da verdient man gutes Geld. Dann könnten Sie den Jungs endlich zu Wohnungen verhelfen, damit wir uns hier nicht mehr auf den Füßen rumstehen."
Christel verschlug es die Sprache. Im eigenen Haus zeigte ihr eine Frau, die sie aufgenommen, verköstigt, unter ihr Dach gelassen hatte, wohin sie zu verschwinden habe. Sie sah zu Sandra, hoffte auf ein Wort des Widerspruchs. Sandra schnaubte nur und drehte sich weg.
In jener Nacht fand Christel keinen Schlaf. Sie lag da, starrte an die Zimmerdecke mit dem alten Wasserfleck, den sie nie hatte streichen lassen, und schluckte. Draußen bellte irgendwo ein Hund, dreimal, dann Stille. Sie dachte an ihre aufgesprungenen Hände von all den Jahren am Spülbecken der Kantine, an die durchwachten Nächte, wenn die Jungs Fieber hatten. Und das war der Dank.
Von da an wurde die Sache mit der Pflegearbeit im Ausland zum Dauerthema. Die Söhne stiegen ein.
„Mama, komm, sei ehrlich", sagte Markus beim Frühstück, den Löffel noch in der Müslischale. „Die halbe Straße fährt schon nach Vorarlberg zum Pflegen. Was machst du hier den ganzen Tag? Den Garten braucht doch keiner mehr."
„Bianca und ich brauchen mehr Platz", schob Sven nach. „Wir wollen ein Kind. Wenn du zwei, drei Jahre gehst, können wir uns eine Zweizimmerwohnung in der Stadt leisten, und du hilfst mit beim Abzahlen."
Jeden Tag wurde ihr jeder Bissen Brot vorgehalten, jeder Tag im eigenen Haus. Sie fühlte sich zunehmend überflüssig zwischen den eigenen vier Wänden. Keine Mutter mehr, keine Herrin des Hauses – nur eine Quelle künftigen Geldes.
An einem Nachmittag setzte sich Christel hinters Gartenhäuschen, zwischen die Johannisbeersträucher, und weinte, bis ihr die Luft wegblieb. Dann holte sie ihr altes Nokia-Klapphandy hervor und rief ihre Cousine Renate an, die seit Jahren in Bregenz als Pflegekraft arbeitete.
„Renate… sie drängen mich raus. Ich halte das nicht mehr aus."
Renate hörte zu, dann sagte sie knapp: „Pack deine Papiere. Ich frag bei meiner Agentur nach. Kommst her, Arbeit findet sich."
Als die Söhne erfuhren, dass ihre Mutter tatsächlich ging, hellten sich ihre Gesichter auf. Am Busbahnhof fragte niemand, ob ihr angst sei, ob sie die Fahrt durchhalten würde, ob sie sich vor dem fremden Land fürchtete. Es ging nur ums Geld.
„Sobald du dich eingerichtet hast, überweise gleich was", ermahnte Markus.
„Und informier dich über den Wechselkurs", ergänzte Sven.
Die Fahrt nach Vorarlberg war zäh – Umsteigen in Ulm, dann Bregenz, ihr Koffer mit dem kaputten Rädchen, das über jeden Bahnsteig scheppert. Weh tat nicht der Rücken. Weh tat etwas anderes.
Bregenz empfing sie mit Bodensee-Blick und einer fremden Sprache in den Nachrichten. Renate quartierte sie erst mal in ihrem Zimmer ein und vermittelte die erste Stelle: Pflege einer alten Dame, Frau Huber, hochbetagt, launisch, anspruchsvoll, mit einer Klingel, die sie alle zwanzig Minuten läutete. Nach den eigenen Schwiegertöchtern erschien Christel das kein bisschen schrecklich.
Die ersten Monate zehrten an ihr. Sie büffelte Vokabeln mit einem Heft, gewöhnte sich an Kaiserschmarrn statt an Sonntagsbraten, an eine fremde Wohnung, ein fremdes Bett. Abends brannten die Füße, der Rücken wollte sich nicht mehr strecken. Aber sie hielt durch. Als sie das erste volle Gehalt bekam, saß sie am Küchentisch und zählte die Scheine, zweimal, dreimal.
Die Söhne hatten schon mehrfach angerufen und gefragt, wann die Überweisung komme. An jenem Abend kam Renate herein und begriff sofort.
„Willst du ihnen das wirklich alles schicken?"
„Na ja… sie warten doch auf die Wohnung…"
Renate schlug mit der Faust auf den Tisch. „Christel, die haben dich aus deinem eigenen Haus rausgeekelt! Wie eine Saisonarbeiterin haben sie dich hier hingeschickt. Das Geld hast du dir sauer verdient. Leg alles auf dein eigenes Konto. Kauf dir zuerst was Eigenes. Damit du einen Ort hast, wohin du zurückkehren kannst, und keiner mehr fragen kann: Was hockst du eigentlich noch hier rum?"
Die Worte waren hart, aber wahr. Und zum ersten Mal seit langer Zeit spürte Christel: Sie durfte auch an sich selbst denken, nicht nur an die Kinder.
Vier Jahre vergingen. Sie wechselte die Stelle, lernte besseres Deutsch mit österreichischem Einschlag, begann auf sich zu achten, kaufte sich ein neues Kleid, ließ sich die Haare schneiden, gewöhnte sich an den kleinen Melange am Morgen und ans Lächeln zur Sonne über dem Bodensee.
Die Söhne riefen monatlich an. Erst forderten sie: „Wo bleibt das Geld?" Dann wunderten sie sich. Dann wurden sie unwirsch. Christel antwortete knapp: „Es sammelt sich. Alles unter Kontrolle."
Sie dachten, die Mutter spare für sie. Nach vier Jahren hatte sie tatsächlich genug beisammen – für eine solide Zweizimmerwohnung in Ravensburg selbst, nicht weit von der alten Uferstraße. Sie buchte den Zug und kehrte zurück.
Im Dorf, in der Straße, empfing man sie wie an einem Feiertag. Auf dem Tisch: Schweinebraten, Kartoffelsalat, selbstgemachter Zwetschgenlikör. Die Schwiegertöchter lächelten so breit, als hätten sie nie geschrien. Die Söhne schenkten Kaffee nach und warfen ihr ungeduldige Blicke zu.
„Na, Mama, ordentlich geschuftet?", platzte es schließlich aus Markus heraus. „Zeig mal, was du mitgebracht hast."
Christel wischte sich in Ruhe mit der Serviette den Mund ab, holte einen Kontoauszug aus ihrer Handtasche und legte ihn auf den Tisch.
„Da. Das reicht für eine schöne Wohnung in der Stadt."
Vier Augenpaare leuchteten auf.
„Sandra und ich kaufen als Erste!", rief Markus. „Ich bin der Ältere!"
„Wieso das denn?!", fuhr Sven hoch. „Bianca und ich brauchen es dringender, wir kriegen bald ein Kind!"
„Ihr wohnt sowieso im größeren Zimmer!", kreischte Bianca.
„Wir haben länger gewartet!", schrie Sandra dazwischen.
Sie fielen sich ins Wort, brüllten durcheinander, teilten ihr Geld auf, als wäre es ihr Erbe, als gäbe es Christel selbst gar nicht mehr. Sie saß still da und beobachtete, wie das letzte bisschen Bedauern in ihr endgültig erlosch.
Dann stand sie langsam auf. Im Zimmer wurde es mit einem Schlag still. Alle vier Augenpaare hingen an ihr, warteten darauf, wer die Wohnung bekommen würde.
„Seid ihr fertig?", fragte Christel leise.
Niemand antwortete. Sie steckte den Kontoauszug zurück in die Handtasche, schnappte sich ihren Mantel vom Haken – denselben aus der Kleiderkammer, den sie all die Jahre getragen hatte und nie weggeworfen hatte – und griff nach dem Autoschlüssel ihres alten Corsa, der seit Jahren in der Garage stand.
„Diese Wohnung ist für mich. Ich habe sie mir erarbeitet, mit meinem Rücken, mit meinen Händen, ohne einen einzigen Cent von euch. Wer von euch eine eigene Wohnung will, der geht arbeiten – so wie ich es getan habe."
Sie ging zum Notar am folgenden Montag und ließ den Kaufvertrag auf ihren Namen allein eintragen, keine Klausel, kein Vorkaufsrecht für die Söhne. Das Haus in der Uferstraße überschrieb sie testamentarisch nicht länger zu gleichen Teilen, sondern verkaufte ihren Anteil daran an die Familie Brandt nebenan, die schon lange erweitern wollte – achtundvierzigtausend Euro, bar auf ihr eigenes Konto. Die Söhne standen zwei Wochen später vor ihrer neuen Wohnungstür in der Marienstraße, klingelten, klopften. Christel öffnete nicht. Sie saß drinnen am Fenster, eine Tasse Melange in der Hand, und sah runter auf die Straße, wo die beiden noch eine Weile stehenblieben, bevor sie gingen.
