Ich heiße Bernd Vollmer, ich bin zweiundfünfzig und arbeite als Pfleger im Seniorenheim „Am Lindenhof" in Recklinghausen. Zehn Jahre mache ich das jetzt schon. Und ich muss zugeben: Ich war nicht immer der Mann, der jetzt hier sitzt und das aufschreibt.
Meine Schwiegermutter, Ingrid Kaczmarek, wohnte bei uns in Marl, im Souterrain, seit ihr Mann gestorben war. Elf Jahre. Meine Frau Kerstin wollte das so, und ich hab nicht widersprochen — was hätte ich auch sagen sollen. Aber ehrlich: Ich hab die alte Frau im Erdgeschoss oft gar nicht richtig gesehen. Ich hab die Teetasse gesehen, die sie um sechs Uhr morgens schon wieder auf der Anrichte stehen ließ. Ich hab das Radio gehört, das sie zu laut aufdrehte, weil sie schlecht hörte. Ich hab die Pantoffeln gesehen, die sie über den Flur schlurfte, viel zu langsam für jemanden, der zur Arbeit musste.
Im Heim war es genauso. Da war Frau Brandenburg aus Zimmer 14, die jeden Mittag dasselbe fragte. Da war Herr Toussaint, der seine Brille verlegte und mich dann anfuhr, als hätte ich sie versteckt. Ich hab die Betten gemacht, das Essen gebracht, die Medikamente verteilt — und bin weitergegangen. Man gewöhnt sich das ab, das Hinschauen. Das sag ich nicht als Entschuldigung. Das ist einfach, was passiert, wenn man zehn Jahre lang immer dieselben Handgriffe macht.
Im März ist Ingrid gestorben. Nachts, im Schlaf, im Heim „Am Lindenhof", wo sie zuletzt untergebracht war, weil Kerstin und ich es zu Hause nicht mehr geschafft haben — sie brauchte rund um die Uhr jemanden, und ich war ehrlich froh, als der Platz frei wurde. Froh. Das gebe ich zu, auch wenn es hart klingt.
Zwei Tage später sollte ich ihr Zimmer räumen, weil die Kollegin von der Verwaltung im Stress war und ich sowieso Spätschicht hatte. Ein Schrank, ein Nachttisch, eine Kommode mit drei Schubladen. In der untersten, ganz hinten, zwischen Fotos und einem Rosenkranz mit abgegriffenen Perlen, lag ein zusammengefaltetes Blatt Papier, kariert, aus einem alten Schulheft gerissen.
Ich hab es aufgemacht, weil ich dachte, es wäre eine Einkaufsliste oder eine alte Telefonnummer. Es war ein Brief. An niemanden gerichtet — oder an jeden, der ihn irgendwann finden würde.
„Was seht ihr, wenn ihr mich anschaut? Eine alte Frau, die sich vorsichtig bewegt? Jemanden, der vergisst, wo die Brille liegt, der keinen Appetit mehr hat, der nicht sofort antwortet? Vielleicht denkt ihr, ich bin nur eine müde Alte, die sich anziehen, füttern und irgendwohin führen lässt, ohne zu widersprechen. Wenn ihr das seht — schaut noch einmal hin. Denn das bin nicht ich ganz. In mir wohnt noch das Mädchen, das barfuß über die Wiese in Kattowitz lief und mit einem Strauß Wiesenblumen nach Hause kam. Es gibt die Fünfzehnjährige, die sich verliebte und dachte, die ganze Welt gehöre ihr. Es gibt die junge Frau im weißen Kleid, die bei ihrer Hochzeit zitterte vor Aufregung. Es gibt die Mutter, die nachts am Kinderbett saß, die lachte und sich um jeden Schritt sorgte. Es gibt die Ehefrau, die mit ihrem Mann dreißig Jahre lang den Kaffee am Morgen teilte, die Spaziergänge, die stillen Abende. Es gibt die Großmutter, deren Schoß der bequemste Platz der Welt war."
Ich saß auf der Bettkante, das Fenster stand halb offen, draußen roch es nach nassem Asphalt, weil es kurz zuvor geregnet hatte, und aus dem Aufenthaltsraum unten dröhnte der Fernseher — irgendeine Nachmittagssendung, Verkehrsstau auf der A2, Werbung für Waschmittel. Ich hab weitergelesen.
„Dann kamen die schwereren Zeiten. Die Kinder wurden groß, gingen ihre eigenen Wege. Der Mann ging. Das Haus wurde still. Der Körper wurde schwächer. Die Hände haben nicht mehr die Kraft von früher. Die Beine tragen nicht mehr so sicher. Falten haben das Gesicht bedeckt. Aber das ist nur die äußere Schicht. Innen lebt noch dieselbe Frau. Dieselbe, die liebt. Die sich erinnert. Die bei einer bestimmten Melodie noch Tränen in den Augen hat. Die noch träumen kann. Und die sich am meisten auf der Welt eines wünscht: dass jemand sie als Mensch ansieht, nicht nur als Alter."
Unten in der Ecke, mit anderer Tinte, offenbar später dazugeschrieben, stand ein Satz: „Für Kerstin, falls sie das je liest. Ich hab nie böse gemeint, wenn ich zu laut Radio hörte."
Da musste ich rausgehen. Ich bin in den Flur, hab mich an die Wand gelehnt, neben den Putzwagen von Frau Öztürk, die gerade den Boden wischte und mich fragte, ob alles in Ordnung sei. Ich hab nur mit dem Kopf genickt, obwohl das gelogen war, und die Faust in der Kitteltasche um den Zettel geschlossen, bis das Papier knitterte.
Ich hab den Zettel nicht der Verwaltung gegeben. Ich hab ihn mit nach Hause genommen, in meiner Kitteltasche, den ganzen Tag über bei der Arbeit, während ich Frau Brandenburg zum dritten Mal an diesem Nachmittag erklärte, welcher Wochentag heute war, während ich Herrn Toussaint half, seine Brille zu finden — sie lag unter der Zeitung, direkt vor ihm.
Abends, am Küchentisch in Marl, hab ich Kerstin den Brief gegeben. Sie hat ihn gelesen, zweimal, dann hat sie ihn auf den Tisch gelegt und die Hand draufgelegt, als würde sie ihn festhalten, damit er nicht wegfliegt. Sie hat nicht geweint, jedenfalls nicht sofort. Sie hat gesagt: „Sie hat nie mit mir darüber geredet. In elf Jahren nicht."
Ich hab gesagt, dass ich das Radio auch nie leiser gedreht hab, obwohl ich mich jedes Mal geärgert hatte.
Was ich jetzt mache: Ich hab die alte Kommode aus dem Heim nicht entsorgt, wie es eigentlich vorgesehen war, sondern bei uns im Flur aufgestellt, mit den Fotos obenauf, dem Rosenkranz daneben. Und ich hab bei der Heimleitung durchgesetzt, dass wir eine neue Regel einführen: Jeder neue Bewohner bekommt bei der Aufnahme ein Blatt, auf dem er selbst schreibt, wer er war, bevor er zu uns kam — Beruf, erste Liebe, was er sich gewünscht hat. Das Blatt hängt dann, mit Erlaubnis, an der Innenseite des Zimmerschranks, nicht draußen an der Tür wie die Medikamentenpläne. Nur für die, die reinschauen, wenn sie die Kleidung holen.
Es kostet die Einrichtung nichts, außer ein paar Blatt Papier und zwanzig Minuten Gespräch pro Person bei der Aufnahme. Aber seit Ingrid Kaczmareks Zettel in meiner Kitteltasche steckte, frage ich Frau Brandenburg nicht mehr nur, ob sie ihre Tabletten genommen hat. Ich frag sie manchmal, wie ihre Hochzeit war. Sie erzählt es mir jedes Mal ein bisschen anders. Das stört mich nicht mehr.
