Ein Fellknäuel für zwei

Ich bin Tobias, sechsunddreißig, und ich erinnere mich noch genau an den Moment, als meine Frau mit rotgeweinten Augen und einem tropfnassen Karton in der Tür stand. Ich dachte im ersten Moment, es sei etwas Schlimmes passiert. Es war Ende Oktober, draußen roch es schon nach Kastanien und nassem Laub, aus dem Radio in der Küche lief noch der Verkehrsfunk von Radio Hamburg, den ich vergessen hatte auszuschalten.

„Sag jetzt bitte nicht, dass das, was ich glaube, dass es ist", sagte ich und stellte die Bierflasche zurück in den Kühlschrank, ohne sie geöffnet zu haben.

„Er hat mich gefunden, Tobi. Nicht ich ihn."

Ich muss zugeben — meine erste Reaktion war nicht gerade großherzig. Wir wohnten damals in einer Zweizimmerwohnung in Barmbek, dritter Stock, keine Aufzug, und im Mietvertrag stand schwarz auf weiß: Tierhaltung nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Vermieters. Herr Brandt, unser Vermieter, war ein Mann, der einmal wegen eines Fahrradreifens im Treppenhaus einen handschriftlichen Brief an alle Parteien verteilt hatte. Ich sah also schon die nächste Kündigung vor mir.

Und dann war da noch etwas anderes, das ich Lena nie so richtig erklärt hatte: Katzen und ich, das war keine Liebesgeschichte. Bei meiner Großmutter in Bremen hatte immer eine Katze auf dem Küchenschrank gesessen und mich angestarrt, als würde sie mich für etwas verurteilen, das ich noch gar nicht getan hatte. Hunde, ja, gerne. Aber Katzen — irgendein unsichtbarer Vertrag zwischen mir und ihnen war nie zustande gekommen.

„Wo hast du ihn her?", fragte ich und schaute vorsichtig in den Karton.

Ein winziges, klatschnasses Etwas mit viel zu großen Augen sah zu mir hoch und miaute, als hätte es genau auf diese Frage gewartet.

„Parkplatz vom Edeka. Er hat geschrien wie am Spieß, ich dachte erst, es ist die Alarmanlage von dem Passat neben mir."

Ich wollte gerade sagen, dass wir das Tier morgen früh zum Tierheim in der Süderstraße bringen, als das kleine Vieh anfing, sich an meinem Zeigefinger festzuklammern — mit einer Entschlossenheit, die man einem Wesen von gerade mal dreihundert Gramm gar nicht zutraut. Ich schaute Lena an. Lena schaute mich an. Beide wussten wir, dass diese Diskussion bereits verloren war, bevor sie überhaupt begonnen hatte.

„Wir fahren jetzt sofort zum Tierarzt", sagte ich schließlich, und Lena lächelte so, wie sie es sonst nur tat, wenn ich ihr an Weihnachten etwas Passendes geschenkt hatte.

In der Tierarztpraxis am Wandsbeker Marktplatz übernahm eine ruhige, ältere Ärztin namens Dr. Feldmann die Untersuchung. Sie tastete den kleinen Körper ab, leuchtete in die Augen, hörte das Herz ab und verkündete dann mit einer Freude, als hätte sie selbst etwas dazu beigetragen: „Herzlichen Glückwunsch, Sie haben ein Mädchen."

Lena lachte auf eine Weise, die ich nicht ganz einordnen konnte — halb erleichtert, halb verlegen. Erst später erfuhr ich, warum: Wir hatten vor ein paar Wochen am Küchentisch tatsächlich darüber gesprochen, dass es vielleicht Zeit für ein Kind wäre, und ich hatte gesagt, ich hätte gern zuerst ein Mädchen. Als sie mir dann erzählte: „Der Arzt hat gesagt, ich hab ein Mädchen", hatte ich für zwei ganze Sekunden geglaubt, meine Frau würde mir gerade auf dem Parkplatz vom Edeka eine völlig andere Neuigkeit mitteilen als die, die sie tatsächlich meinte.

Die Katze — dreifarbig, fast immer weiblich, erklärte uns Dr. Feldmann beiläufig — hatte eine leichte Bindehautentzündung und Flöhe, nichts Dramatisches, aber behandlungsbedürftig. Wir bekamen Tropfen, Antibiotika und die Auflage, in den nächsten Wochen wiederzukommen.

Auf dem Rückweg kaufte Lena im Zoofachgeschäft in der Wandsbeker Chaussee eine Katzentoilette, Streu, zwei Näpfe und ein Sackfutter, während ich mit dem Tier auf dem Arm draußen wartete und mir ausmalte, wie ich Herrn Brandt das erklären sollte.

„Sie heißt Frieda", verkündete Lena, als sie mit den Tüten aus dem Laden kam, so bestimmt, als hätte sie nie einen anderen Namen in Erwägung gezogen.

Herr Brandt reagierte übrigens erstaunlich gelassen, als ich ihn eine Woche später ansprach — vermutlich, weil er selbst zwei Kater namens Erwin und Gustav besaß, von denen ich bis dahin nichts wusste. Er verlangte nur eine kleine Kaution extra für eventuelle Kratzspuren am Parkett, die wir nie brauchten.

Was ich in den folgenden Monaten über Katzen lernte, füllte mühelos ein ganzes Buch. Frieda konnte, wie sich herausstellte, mehr Lärm machen als die Baustelle gegenüber, auf der seit Monaten irgendetwas an der Fassade gemacht wurde. Sie klaute mir Kassenzettel aus der Jackentasche und jagte damit quer durchs Wohnzimmer. Sie schlief regelmäßig auf meinem Kopfkissen, direkt über meinem Gesicht, was mich an manchen Morgen mit einem Schwanz in der Nase aufwachen ließ. Und einmal, als ich noch nicht ganz wach war, fegte sie mit einer einzigen lässigen Bewegung ihres Schwanzes drei Eier vom Küchentisch, die für mein sonntägliches Rührei gedacht waren, sprang von dort auf die Kommode im Flur und warf meinen Autoschlüssel, ein paar Münzen und mein Handy hinunter — alles innerhalb von etwa vier Sekunden.

Ich stand da, mit Eigelb auf den Bodenfliesen, und wartete darauf, wütend zu werden. Stattdessen fing ich an zu lachen, so sehr, dass mir die Tränen kamen.

Das war wohl der Moment, in dem mir klar wurde: Diese Katze hatte mich zu jemandem gemacht, der ich vorher nicht war. Ich, der ich früher nie in der Küche geholfen hatte, weil ich es „nicht konnte" — eine faule Ausrede, das weiß ich heute —, fing plötzlich an, morgens den Napf zu füllen, abends die Streu zu wechseln, und irgendwann, ganz nebenbei, auch mal den Abwasch zu machen, ohne dass Lena mich darum bitten musste. Frieda saß dabei immer auf der Fensterbank und beobachtete mich, als würde sie kontrollieren, ob ich meine neue Rolle auch ordentlich ausfüllte.

Zwei Jahre später zogen wir um — eine größere Wohnung in Rahlstedt, die wir uns dank eines Baukredits endlich leisten konnten, mit Balkon und einem echten Kinderzimmer, das noch leer stand, aber schon tapeziert war. Kurz darauf wurden Lena und ich Eltern von Zwillingsmädchen, Marie und Sophie. Frieda nahm die beiden Neuankömmlinge mit einer Gelassenheit hin, die mich fast eifersüchtig machte — sie schlief einfach neben dem Kinderwagen, als wäre das schon immer ihr Platz gewesen.

Bei der Renovierung der neuen Wohnung „half" Frieda auf ihre eigene Art: Sie jagte das Zollstock unters Sofa, kippte den Eimer mit Tapetenkleister um und wurde zweimal dabei erwischt, wie sie eigenhändig eine frisch geklebte Tapetenbahn wieder von der Wand zog.

Unsere Nachbarin unter uns, Frau Sengbusch, eine resolute Rentnerin mit einem Faible für Blumenkästen und wenig Geduld mit Kinderlärm, klingelte irgendwann an unserer Tür, nachdem Frieda mal wieder einen Blumentopf von unserem Balkon gestoßen hatte, der direkt vor ihrem Küchenfenster landete. Sie drohte mit der Hausverwaltung, mit der Polizei, mit allem, was ihr gerade einfiel.

Ich stand in der Tür, entschuldigte mich, und irgendwann, mitten im Redeschwall, fing ich an, ihr die ganze Geschichte zu erzählen — vom Parkplatz beim Edeka, vom Karton, von Dr. Feldmann und dem „Mädchen", von den Eiern auf dem Boden. Frau Sengbusch hörte zu, wischte sich einmal über die Augen, und als sie schließlich ging, sagte sie nur: „Na dann. Ein guter Mensch mehr auf der Welt." Und als Lena mit den Zwillingen im Flur auftauchte, fügte sie hinzu: „Zwei mehr, wenn ich's genau nehme. Bleiben Sie zusammen, so lange es geht."

Ich habe lange über diesen Satz nachgedacht. Erst Monate später, als ich Frieda beim Schlafen zusah, zusammengerollt zwischen den beiden Kinderbetten, verstand ich, was Frau Sengbusch gemeint hatte: dass an jenem Abend auf dem Parkplatz nicht wir sie gefunden hatten. Sie hatte uns gefunden.

Im vergangenen Winter, als wir beim Ausmisten des Kellers auf die alte Umzugskiste vom ersten Auszug aus Barmbek stießen, fand Lena ganz unten den Kassenbon von diesem Abend im Zoofachgeschäft, datiert auf den 28. Oktober. Sie hatte ihn all die Jahre nicht weggeworfen. Auf der Rückseite, mit Kugelschreiber, stand in ihrer eigenen Handschrift ein einziges Wort: „Zuhause." Frieda, mittlerweile eine würdevolle alte Dame mit grauen Schnurrhaaren, lag zu diesem Zeitpunkt auf dem Sofa und hörte, wie üblich, keinem von uns beiden richtig zu.

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