Abgekartetes Spiel

Der Rock hing über der Stuhllehne, als hätte ihn jemand extra dort drapiert. Dunkelblau, fließender Stoff, ein schmales Lederband als Gürtel. Katharina kannte dieses Kleidungsstück nicht. Sie kannte auch den Geruch nicht, der in der Küche hing – schweres Parfüm mit einer penetrant süßen Vanillenote, das sich mit dem abgestandenen Rauch vom Vorabend vermischte.

Sie war eigentlich erst für den nächsten Morgen eingeplant gewesen. Die Fortbildung in Hamburg war um einen Tag verkürzt worden, ein organisatorisches Durcheinander, über das sie sich im Zug noch geärgert hatte. Jetzt stand sie in ihrem eigenen Flur, die Reisetasche noch in der Hand, und starrte auf ein Paar roter Pumps neben den ausgetretenen Slippern ihres Mannes.

Oben war es still. Zu still.

Katharina stellte die Tasche ab. Sie zog nicht einmal die Jacke aus. Automatisch ging sie zum Herd, füllte den Wasserkocher und drückte den Knopf. Eine Routine, die sie in den letzten achtzehn Jahren tausende Male ausgeführt hatte. Das Blubbern des Wassers war das einzige Geräusch im Raum.

Sie öffnete den Kühlschrank und nahm die Eier heraus. Speck war noch da, die Cherrytomaten ebenfalls. Das Brot war vom Vortag, aber geröstet würde es gehen. Während sie die Pfanne aufsetzte, spürte sie, wie sich ihre Kiefermuskulatur verkrampfte. Sie lockerte sie bewusst. Ein Trick aus dem Seminar für Konfliktmanagement. Tief durch die Nase einatmen, langsam durch den Mund ausatmen.

Es war kurz vor zehn an einem Mittwochvormittag. Das Licht der Oktobersonne fiel fahl durchs Küchenfenster und ließ die letzten Blüten des Hibiskus auf der Terrasse unwirklich rot leuchten. Alles wirkte normal. Bis auf den Rock, die Schuhe und das leise Knarren der Dielen über ihr.

Katharina deckte den Tisch für drei Personen.

Als Erstes kam Markus die Treppe herunter. Er trug sein ausgeleiertes graues T-Shirt, das er sonst nur zum Schlafen anzog. Seine bloßen Füße machten kein Geräusch auf den Holzstufen. Er sah seine Frau erst, als er bereits auf halbem Weg in die Küche war.

Sein Schritt stoppte. Sein Gesicht verlor innerhalb einer Sekunde jede Farbe, als hätte jemand einen Schalter umgelegt.

„Kat… du… die Fortbildung…“

„Setz dich.“ Ihre Stimme war ruhig. Beinahe freundlich. „Das Rührei ist gleich fertig. Möchtest du Kaffee? Oder Tee?“

Markus rührte sich nicht. Sein Adamsapfel hüpfte auf und ab. Er suchte ihren Blick, fand ihn aber nicht, weil sie damit beschäftigt war, die Eier in der Pfanne zu wenden.

„Katharina, ich kann dir erklären…“

„Später. Erst frühstücken wir.“ Sie nahm die Pfanne vom Herd und verteilte das Rührei gleichmäßig auf drei Teller. Dazu legte sie je zwei Scheiben getoastetes Brot. Die Butter stand schon auf dem Tisch, daneben ein Glas selbstgemachte Aprikosenmarmelade von ihrer Mutter.

Markus setzte sich auf den Stuhl am Fenster. Seine Hände zitterten leicht, als er nach der Kaffeetasse griff, die sie ihm hinstellte.

Dann erschien die Frau auf der Treppe.

Katharina sah sie zuerst nur aus den Augenwinkeln. Blond, schulterlanges Haar, zerzaust vom Schlaf. Ein verwaschenes Männerhemd, das ihr bis knapp über die Knie reichte. Markus’ Lieblingshemd, das blaue mit den feinen weißen Streifen. Katharina hatte es erst am Sonntag gebügelt.

Die Frau hielt inne, als sie die Szene erfasste. Ihre Hand krallte sich um das Treppengeländer.

„Das ist… also… Sonja. Eine Kollegin“, stammelte Markus. Seine Stimme klang belegt, als hätte er eine schwere Erkältung verschleppt.

„Guten Morgen, Sonja“, sagte Katharina. „Bitte, kommen Sie herein. Das Frühstück wird kalt. Ich habe für drei gedeckt. Kaffee oder Tee?“

Sonja bewegte sich nicht. Sie stand da wie angewurzelt, die nackten Waden angespannt, als stünde sie auf einem Sprungbrett. Ihr Blick flackerte zwischen Markus und der Tür hin und her. Fluchtweg abschätzen.

„Ich… ich glaube, ich sollte besser gehen…“

„Sie haben mich nicht verstanden“, sagte Katharina, und diesmal lag ein leichter Nachdruck in ihrer Stimme, kaum wahrnehmbar, aber präzise gesetzt. „Kaffee. Oder Tee? Ich habe beides vorbereitet.“

Eine lange Pause. Dann trat Sonja zögernd an den Tisch. Sie setzte sich auf die äußerste Kante des Stuhls, als könnte sie jeden Moment aufspringen. Ihre Finger umklammerten die Tasse, die Katharina ihr hinstellte, so fest, dass die Knöchel weiß hervortraten.

Katharina nahm selbst einen Bissen von ihrem Toast. Sie kaute langsam. Der Speck war perfekt kross geworden. Eine Kleinigkeit, an die sie sich klammern konnte.

Das Schweigen am Tisch war bleischwer. Markus stocherte in seinem Rührei herum, ohne etwas zu essen. Sonja würgte ein kleines Stück Brot hinunter, das sie kaum gekaut hatte.

„Wissen Sie, Sonja“, sagte Katharina schließlich und tupfte sich mit einer Serviette die Mundwinkel ab, „ich habe dieses Haus von meinen Großeltern geerbt. Jeden Raum habe ich allein renoviert, bevor ich Markus überhaupt kannte. Den Parkettboden im Wohnzimmer habe ich selbst abgeschliffen. Dreimal.“ Sie lächelte dünn. „Man lernt jeden Winkel kennen. Jeden Schritt auf der Treppe. Jedes Knarren der Dielen um halb drei nachts, wenn jemand aufsteht, um ein Glas Wasser zu holen. Es gibt keine Geheimnisse in diesen Wänden. Nur Menschen, die glauben, welche zu haben.“

Sie stand auf und stellte ihren Teller in die Spüle.

„Sie haben etwa fünf Minuten, um sich anzuziehen und zu gehen. Ihren Rock finden Sie hier auf dem Stuhl. Die Schuhe stehen im Flur.“

Sonja stand so schnell auf, dass der Stuhl fast umkippte. In weniger als drei Minuten hatte sie das Haus verlassen. Die Haustür fiel mit einem leisen Klicken ins Schloss. Dann herrschte wieder Stille.

Markus atmete schwer. Er stützte die Ellenbogen auf den Tisch und rieb sich mit den Handballen über die Augen.

„Es ist nicht das, was du denkst.“

Katharina drehte sich zu ihm um. Sie lehnte mit der Hüfte gegen die Arbeitsplatte, die Arme vor der Brust verschränkt. Der Geruch von Vanille und Rauch hing noch immer in der Luft.

„Bis Sonntagabend bist du ausgezogen. Nimm mit, was du brauchst. Den Rest kannst du später holen, oder ich lasse es dir bringen. Aber am Montagmorgen wirst du dieses Haus nicht mehr betreten. Nicht mit einem Schlüssel. Nicht als Gast. Gar nicht.“

Markus lachte auf. Es war ein trockenes, ungläubiges Geräusch.

„Du machst wohl Witze. Wohin soll ich denn gehen? Und was ist mit Leon? Willst du ihm erklären, warum sein Vater plötzlich nicht mehr hier wohnt?“

„Das überlass ruhig mir.“

„Katharina, hör zu.“ Er stand auf und kam einen Schritt auf sie zu. Seine Stimme wurde weich, einlenkend. „Das ist eine absolute Ausnahmesituation. Sonja ist neu in der Abteilung, sie hatte private Probleme, ich habe ihr nur zugehört… das war ein Ausrutscher, der nichts bedeutet. Lass uns morgen in Ruhe reden. Du bist gerade aufgewühlt. Du reagierst über.“

Sie sah ihn an und fragte sich, ob er tatsächlich glaubte, was er da sagte. Dieser Mann, mit dem sie ihr halbes Leben geteilt hatte, stand vor ihr und log. Einfach so. Ohne jedes Schamgefühl.

„Sonntagabend“, wiederholte sie. „Oder ich werde dir helfen, schneller zu packen, als dir lieb ist.“

Sie nahm ihre Reisetasche und ging nach oben. In ihrem Schlafzimmer – ihrem gemeinsamen Schlafzimmer – riss sie das Fenster auf. Die frische Oktoberluft strömte herein, vertrieb den Rest des fremden Parfüms. Sie bezog das Bett neu, wechselte die Bettwäsche komplett und warf die benutzte in den Wäschekorb im Bad. Dann duschte sie lange und heiß.

Sie weinte nicht. Nicht in diesem Moment. Das kam später, als sie bei ihrer Freundin Sabine in der Küche saß, den Kopf auf den verschränkten Armen auf dem Tisch, und das Schluchzen sie so heftig schüttelte, dass sie kaum Luft bekam. Aber das sah niemand außer Sabine. Zu Hause hatte sie keine einzige Träne gezeigt.

Am Sonntag war Markus noch da.

Er saß im Wohnzimmer, die Füße auf dem Couchtisch, und sah Fußball. Bayern gegen Dortmund, es lief die 73. Minute, 1:0. Als sie am frühen Abend von einem Spaziergang zurückkam, hatte er eine Pizza Salami für 8,90 Euro bestellt und sich ein Pils aus dem Kühlschrank genommen. Auf dem Couchtisch stand sein benutzter Teller, daneben lag die Fernbedienung.

„Ich habe nachgedacht“, sagte er, ohne den Blick vom Bildschirm zu wenden. „Das war eine emotionale Kurzschlussreaktion von dir. Verständlich. Aber jetzt haben wir uns beide beruhigt und können das wie erwachsene Menschen klären. Ich ziehe nicht aus. Das hier ist mein Zuhause. Das wirst du mir nicht nehmen, nur weil du ein bisschen hysterisch wirst.“

Katharina stand im Türrahmen. Sie spürte, wie die Wut in ihr aufstieg, heiß und pulsierend. Aber sie zwang sie hinunter. Sie dachte an das Konfliktmanagementseminar. An ihren Atem. An den Punkt zwischen Reiz und Reaktion, an dem die Freiheit lag.

„Sonntagabend ist in zwei Stunden vorbei, Markus.“

Er nahm einen Schluck Bier. „Ich geh nirgendwo hin. Punkt. Was willst du tun? Mich raustragen?“

Katharina ging in ihr Arbeitszimmer und schloss die Tür ab. Sie rief den Schlüsseldienst an und machte für Montagmorgen, acht Uhr, einen Termin aus. Kostenvoranschlag: 132 Euro inklusive neuer Schließzylinder. Dann rief sie ihren Anwalt an und ließ sich die rechtliche Situation bestätigen. Es war ihr Haus. Sie hatte es vor der Ehe von ihren Großeltern geerbt. Markus’ Name stand nicht im Grundbuch – ein Detail, das sie in all den Jahren nie als Waffe betrachtet hatte, das aber jetzt von Bedeutung war.

Am nächsten Morgen um halb neun, als Markus zur Arbeit gefahren war, tauschte der Schlüsseldienst das Schloss der Haustür aus. Um halb zehn stellte Katharina drei gepackte Koffer und einen Kleidersack vor die Tür. Um zehn schickte sie ihm eine Nachricht.

*Deine Sachen stehen vor dem Haus. Das Schloss ist neu. Komm nicht wieder.*

Die Antwort kam keine dreißig Sekunden später.

*Bist du komplett durchgedreht?! Das ist auch MEIN Haus! Ich komme heute Abend und dann reden wir!*

Sie antwortete nicht. Sie stellte sein restliches Bier aus dem Kühlschrank zu den Koffern und schloss die Tür.

Er kam tatsächlich am Abend. Sie sah ihn durch das Küchenfenster – wie er seinen Schlüssel ins Schloss steckte, es nicht öffnen konnte, fluchte, gegen die Tür trat. Sie rührte sich nicht. Er klingelte Sturm. Viermal. Achtmal. Sie blieb im Dunkeln sitzen, die Hände um eine kalte Tasse Tee gelegt, und wartete, bis er in sein Auto stieg und mit quietschenden Reifen davonfuhr.

Kurz darauf klingelte ihr Telefon. Es war ihre Schwiegermutter, Elke.

„Katharina, was fällt dir eigentlich ein? Markus hat angerufen und gesagt, du hättest ihn aus dem Haus geworfen! Weißt du, was er für dich getan hat all die Jahre? Vielleicht hast du ihn einfach nicht genug unterstützt. Vielleicht…“

Katharina legte auf. Sie blockierte die Nummer.

Zwei Wochen später hatte Markus eine Version der Geschichte in Umlauf gebracht, die sich gewaschen hatte. Er wohnte jetzt bei seiner Mutter in Hannover, und jedem, der es hören wollte oder auch nicht, erzählte er, seine Frau habe eine Psychose erlitten. Sie sei eifersüchtig ohne jeden Grund, habe Wahnvorstellungen. Er sei eines morgens zur Arbeit gefahren und abends nicht mehr ins Haus gekommen. Sie habe einfach die Schlösser ausgetauscht, ohne Vorwarnung, aus heiterem Himmel. Wahrscheinlich Burnout, vielleicht Depressionen. Er mache sich große Sorgen um sie.

Die Nachrichten sickerten über verschiedene Kanäle zu ihr durch. Eine Nachbarin sprach sie beim Einkaufen an, ob sie denn Hilfe brauche, sie habe so etwas gehört. Eine alte Freundin aus dem Yogakurs fragte vorsichtig nach, ob alles in Ordnung sei. Und schließlich ihr Sohn Leon, der am Telefon kaum seine Verwirrung verbergen konnte.

„Mama, Papa sagt, du hättest ihn einfach rausgeschmissen. Ohne Grund. Er sagt, du wärst… also… du hättest psychische Probleme. Was ist denn da los? Ich versteh gar nichts mehr.“

Katharina schloss die Augen. Sie hatte Leon nicht mit den Details belasten wollen, ihm die schmutzige Wäsche seiner Eltern ersparen wollen. Aber Markus hatte keine solchen Skrupel.

„Leon, ich werde dir die ganze Geschichte erzählen. Nicht am Telefon. Kommst du am Wochenende nach Hause? Ich koche uns etwas. Und dann erkläre ich dir jedes Detail. Ich verspreche es dir.“

Nach dem Gespräch saß sie lange in ihrem Sessel und starrte an die Decke. Die Wut war zurück. Nicht mehr die heiße, explosive Wut der ersten Nacht. Sondern eine kalte, konzentrierte, sehr präzise Wut. Markus war nicht einfach nur fremdgegangen, er hatte begonnen, systematisch ihren Ruf zu zerstören. Ihren Verstand in Frage zu stellen. Vor ihrem Sohn. Vor ihren Freunden. Vor seinen Kollegen, mit denen sie seit Jahren Grillfeste veranstaltet hatte.

Am nächsten Tag kaufte sie einen Kalender. Sie wählte ein Datum aus und begann, Leute anzurufen.

„Sabine, hast du am zwanzigsten Zeit? Ich lade zu einem Abendessen ein.“

„Jürgen, bring Claudia mit. Es gibt eine wichtige Ankündigung.“

„Frau Dr. Wegener, ich weiß, Sie sind Markus’ Direktorin, aber ich würde mich freuen, wenn Sie kommen könnten. Es geht um eine Sache, die Sie wissen sollten.“

„Sven, Tanja – ja, genau, der Zwanzigste. Ich freu mich auf euch.“

Insgesamt lud sie zwölf Personen ein. Die engsten Freunde des Paares, die wichtigsten Kollegen ihres Mannes aus dem Gymnasium, an dem er unterrichtete, und die wesentlichen Multiplikatoren seines Lügennetzwerks. Sie sagte niemandem, worum es ging. Nur, dass es wichtig sei.

Am Abend des Zwanzigsten brannten Kerzen auf dem Tisch. Sie hatte weiße Tischdecken aufgelegt, das gute Geschirr aus dem Schrank geholt, mehrere Gänge vorbereitet. Lachs-Carpaccio als Vorspeise, geschmorte Lammkeule mit Rosmarinkartoffeln, zum Nachtisch eine Mousse au Chocolat. Es war das Menü, das sie sonst nur an Weihnachten kochte.

Die Gäste trafen ab sieben ein. Zuerst Sabine, die ihr in der Küche half und besorgt fragte, was das alles solle. Katharina lächelte nur und sagte, sie werde es allen zusammen erklären. Dann kamen Claudia und Jürgen, dann Sven und Tanja. Als Letzte traf Frau Dr. Wegener ein, eine zierliche Frau mit strengem Dutt und wachen Augen, die den Raum sofort taxierte.

„Eine beeindruckende Runde“, sagte sie, als sie den Aperitif entgegennahm. „Ich bin gespannt auf das, was Sie uns mitzuteilen haben, Katharina. Es muss von Gewicht sein, wenn Sie eine solche Zusammenkunft organisieren.“

„Das ist es“, sagte Katharina. „Bitte, nehmen Sie Platz. Wir fangen gleich an mit der Vorspeise. Nach dem Hauptgang werde ich erklären, warum ich Sie alle gebeten habe, heute hier zu sein.“

Das Essen verlief in einer seltsamen Atmosphäre. Die Gespräche waren verhalten, die Blicke fragend. Jeder wusste, dass etwas im Busch lag, dass Markus fehlte, dass dies kein gewöhnliches Abendessen war. Aber keiner wagte, das Thema direkt anzusprechen. Also redeten sie über das Wetter, die neue Baustelle in der Innenstadt, die steigenden Immobilienpreise. Das Lamm war zart, der Wein gut, aber die Anspannung war mit Händen zu greifen.

Nach dem Hauptgang stand Katharina auf. Sie klopfte mit einem Löffel an ihr Glas.

„Liebe Freunde, liebe Bekannte. Ich danke Ihnen, dass Sie gekommen sind. Sie alle kennen meinen Mann Markus, und Sie alle haben in den letzten Wochen seine Version der Geschichte gehört, warum wir uns getrennt haben.“ Sie machte eine kurze Pause. Niemand rührte sich. „Er erzählt, ich habe eine psychische Krise, leide unter Verfolgungswahn und hätte ihn grundlos aus dem Haus geworfen. Stimmt das so?“

Ein betretenes Schweigen. Ein paar Kopfnicken. Sabine biss sich auf die Lippe. Jürgen senkte den Blick.

„Heute möchte ich Ihnen die Wahrheit sagen. Nicht um Mitleid zu bekommen. Nicht um Markus zu schaden. Sondern weil ich es leid bin, dass Sie belogen werden und ich den Preis für seine Lügen zahlen soll.“

Und dann erzählte sie es.

Sie begann mit der Fortbildung, die einen Tag früher endete. Sie beschrieb den Rock auf dem Stuhl, die roten Pumps im Flur, das Parfüm, das in der Küche hing. Sie schilderte, wie sie für drei gedeckt, Rührei gemacht und auf die beiden gewartet hatte. Sie erzählte von der Frau in Markus’ blauem Hemd, von dem Frühstück, bei dem niemand etwas essen konnte, von der Frist bis Sonntagabend, die Markus ignorierte. Vom neuen Schloss. Von den Koffern vor der Tür. Von der Nachricht, in der er schrieb, sie sei durchgedreht.

Während sie sprach, hörte man im Raum nichts außer ihrem ruhigen, festen Ton. Tanja hatte Tränen in den Augen. Claudia hielt Jürgens Hand so fest, dass ihre Knöchel weiß waren. Sven starrte auf seinen Teller, als könnte er die Situation dadurch ungeschehen machen.

Als sie endete, blieb es einen Moment still. Dann räusperte sich Sven. Er war ein großer, kräftiger Mann, normalerweise für einen flotten Spruch gut, aber jetzt wirkte er verunsichert.

„Katharina, das ist… eine verdammt harte Geschichte. Aber Markus ist mein Kollege, seit fünfzehn Jahren. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er so kaltblütig lügen würde. Vielleicht siehst du das alles etwas einseitig. Vielleicht… gab es Missverständnisse. Ich weiß es nicht.“ Er stand auf. „Entschuldigt, ich muss morgen früh raus. Ich komm nicht mehr mit zum Dessert. Tanja, bleib du ruhig noch, wenn du magst.“ Er legte seine Serviette auf den Tisch und ging zur Tür. Tanja warf Katharina einen entschuldigenden Blick zu, sagte aber nichts.

Die Stille nach seinem Abgang war schwer. Sabine stand auf und umarmte Katharina kommentarlos. Claudia folgte zögernd. Jürgen schenkte sich wortlos Wein nach.

Frau Dr. Wegener nahm einen kleinen Löffel von ihrer Mousse und sagte leise: „Ich danke Ihnen für Ihre Offenheit, Katharina. Ich bin in einer schwierigen Position – ich bin Markus’ Vorgesetzte und habe auch seine Version gehört. Aber ich höre auch das hier. Ich werde meine Schlüsse ziehen, für mich, und ich werde aufmerksam sein, was den Umgang mit der Sache betrifft. Mehr kann ich im Moment nicht versprechen.“ Sie nickte knapp und aß schweigend weiter.

Katharina nickte ebenfalls. Mehr hatte sie nicht erwartet.

Die übrigen Gäste blieben noch, aber die Stimmung war gebrochen. Es gab noch halbherzige Versuche, über Leons Studienpläne zu plaudern, dann verabschiedeten sich alle bis kurz nach elf. Sven war nicht zurückgekehrt.

Als alle gegangen waren und Katharina allein in der Küche stand und die Teller in die Spülmaschine räumte, spürte sie eine merkwürdige Leichtigkeit. Die Last, unter der sie zwei Wochen lang geschwiegen hatte, war endlich weg. Sie hatte ihre Geschichte erzählt, ohne zu schreien, ohne Tränen, ohne Vorwürfe. Sie hatte einfach nur die Wahrheit gesagt.

Das Telefon klingelte um halb zwölf. Markus.

Sie ging nicht ran. Er versuchte es dreimal. Dann kam eine Sprachnachricht. Sie hörte sie ab, während sie das Spülbecken auswischte.

„Du verdammte Hexe. Du hast allen Ernstes meine Chefin eingeladen? Meine KOLLEGINNEN? Was sollte das? Willst du mich komplett zerstören? Dir ist echt nicht mehr zu helfen, Katharina. Du bist krank. Weißt du das? Total krank. Ich kann nicht fassen, dass ich zwanzig Jahre mit so jemandem verbracht habe. Wenn du glaubst, dass das hier vorbei ist, irrst du dich gewaltig. DAS wird ein Nachspiel haben. Glaub mir. Ein richtiges Nachspiel. Ich mach dich fertig!“

Sie löschte die Nachricht. Dann blockierte sie seine Nummer endgültig, nicht nur vorübergehend wie beim letzten Mal. Sie stellte das Geschirr in den Schrank, schaltete das Licht aus und ging nach oben.

Am nächsten Morgen wachte sie um Viertel vor sieben auf. Der erste Gedanke war nicht Markus. Es war der Hibiskus auf der Terrasse. Sie würde ihn ins Winterquartier bringen müssen, bevor der erste Frost kam.

Sie kochte sich einen Kaffee – nur eine Tasse. Sie trank ihn am Küchenfenster und sah zu, wie die blasse Oktobersonne langsam die Nebelfetzen über dem Garten auflöste. Dann rief sie Leon an.

„Ich würde dich gerne heute sehen. Es gibt etwas, das ich dir erzählen möchte. Keine SMS, kein Telefonat. Komm vorbei, wann immer du kannst. Ich bin den ganzen Tag hier. Es ist wichtig, und es wird dir helfen zu verstehen, was in den letzten Wochen wirklich passiert ist. Ich liebe dich.“

Er kam am späten Nachmittag. Er war blass und wirkte übernächtigt, in der Hand hielt er eine Packung Tankstellenkekse für 1,79 Euro, die er wahrscheinlich spontan gekauft hatte, um nicht mit leeren Händen dazustehen.

Sie setzten sich an den Küchentisch, an denselben Tisch, an dem vor drei Wochen drei Teller gestanden hatten, und sie erzählte ihm alles. Von Anfang an. Ohne jedes Auslassen.

Als sie fertig war, war er lange still. Er schob den Keks hin und her, ohne ihn zu essen. Irgendwann sah er auf.

„Mama… das ist… krass.“ Er rieb sich mit beiden Händen das Gesicht. „Papa hat mir erzählt, du wärst komplett durchgedreht. Dass du einfach so die Schlösser ausgetauscht hast, total irre. Und jetzt sagst du… Ach, scheiße.“ Seine Stimme zitterte. „Ich weiß echt nicht, was ich glauben soll. Warum hast du nicht ein einziges Mal mit ihm geredet, bevor du ihn rausgeworfen hast?“

Katharina sah ihren Sohn an. „Weil ich sicher sein musste, dass er mich nicht wieder einwickelt. Bei Worten allein hätte ich nachgegeben, irgendwann. Das Schloss war endgültig. Verstehst du?“

Er nickte langsam, ohne sie anzusehen. „Ja. Vielleicht. Ich… ich muss das erst mal verdauen. Aber…“ Er schluckte. „Aber wenn es so war, wie du sagst, dann… dann war es wohl richtig.“ Mehr sagte er nicht. Er stand auf, ging um den Tisch herum und zog sie unbeholfen in eine Umarmung. Sie vergrub das Gesicht an seiner Schulter und ließ die Tränen kommen. Sie weinte, während er sie festhielt, ohne große Worte, einfach nur da, bis das Zittern aufhörte.

Vier Monate später erreichte sie ein Brief von einer Adresse in Hannover. Absender: Elke, ihre ehemalige Schwiegermutter. Der Brief war handschriftlich, in krakeliger Schrift auf liniertem Papier, ein kleiner Kaffeefleck auf dem Rand.

*Liebe Katharina,*

*ich möchte mich entschuldigen. Ich habe Dinge gesagt, die nicht zu entschuldigen sind. Markus hat mir jetzt die ganze Wahrheit erzählt. Nicht freiwillig, sondern weil er sich in seinen eigenen Lügen verheddert hat und ich ihm auf den Zahn gefühlt habe. Ich habe verstanden, was ich Dir angetan habe. Ich schäme mich dafür, dass ich Dir nicht geglaubt habe, dass ich Dich beschuldigt habe, ohne zu fragen. Wenn Du mir jemals verzeihen kannst, würde ich mich freuen, Dich wiederzusehen. Aber ich erwarte es nicht. Ich wünsche Dir trotz allem von Herzen alles Gute.*

*Elke.*

Katharina las den Brief dreimal. Dann legte sie ihn in die Schublade, in der sie ihre Geburtsurkunde und den alten Ehering ihrer Großmutter aufbewahrte. Sie schrieb keine Antwort. Nicht aus Groll, sondern weil sie keine Worte dafür fand und weil sie spürte, dass Worte jetzt nicht das Richtige waren. Vielleicht später. Vielleicht nie. Beides war in Ordnung.

An dem Tag, als im April der Hibiskus wieder auf die Terrasse kam, frisch umgetopft und voller neuer Knospen, trank sie ihren Nachmittagstee mit Sabine draußen in der Frühlingssonne. Sie sprachen nicht über Markus. Nicht über die Scheidung, die längst durch war, nicht über die Gerüchte, dass er sich in Mecklenburg-Vorpommern auf eine neue Stelle beworben hatte. Sie sprachen über Sabines neuen Job in der Buchhandlung, über Leons anstehendes Studium in Heidelberg und über den geplanten Umbau von Katharinas Gästezimmer in einen kleinen Nähraum, mit viel Tageslicht und einem großen Arbeitstisch.

Der Timer am Herd piepste. Katharina zog den Rhabarberkuchen aus dem Ofen und stellte ihn auf das Fensterbrett zum Abkühlen. Der Saft blubberte noch durch die Teigritzen.

Sabine beugte sich darüber. „Der riecht ja göttlich. Aber warum ist meiner letzte Woche total zerfallen?“

„Mehr Mehl in die Streusel“, sagte Katharina. Sie wischte sich die Hände an der Schürze ab. „Probier mal ein Stück, wenn’s abgekühlt ist.“

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