Als ich zwölf war, verlor ich meinen Hund im Bayerischen Wald. Wir hatten eine Ferienwohnung in der Nähe von Zwiesel gemietet, mein Vater, meine Mutter und ich, dazu Arko, unsere deutsche Schäferhündin, damals knapp vier Jahre alt. Am dritten Tag, es roch nach nassem Moos und der Himmel hing voller Nebelfetzen, nahm Papa sie mit auf eine Wanderung ohne Leine – sie war gut erzogen, hörte aufs Wort. Aber dann schoss ein Reh aus dem Unterholz, und Arko war weg, einfach verschluckt vom Grün. Wir brüllten ihren Namen, liefen die Forstwege rauf und runter, meine Kehle war nach zwei Stunden roh wie Schmirgelpapier. Nichts. Die Tage darauf klapperten wir sämtliche Forsthäuser ab, hängten Zettel in Supermärkte, riefen beim Tierheim in Deggendorf an. Der Regen wusch die Spuren weg, irgendwann fuhr der Wagen zurück nach Köln, mit einem leeren Platz auf der Rückbank und meiner Hand, die flach auf dem kalten Sitzbezug lag.
Achtzehn Jahre sind vergangen. Ich bin jetzt dreißig, arbeite in einem Architekturbüro in der Kölner Innenstadt und wohne in einer Altbauwohnung in Nippes. Vom Balkon aus hört man die Linie 13 quietschen, wenn sie in die Kurve geht. Ich lebe allein, ein paar Pflanzen, ein paar Freunde, nichts, was bellt. In meinem Portemonnaie, in dem Fach, wo andere Leute Fotos ihrer Kinder aufbewahren, steckt eine alte Hundemarke aus Messing. Arko, die Adresse meiner Eltern in Bad Godesberg, eine Telefonnummer, die es nicht mehr gibt. Ich weiß nicht, warum ich sie nie weggeschmissen habe – sie klimpert leise, wenn ich nach Kleingeld suche, und manchmal lasse ich sie durch meine Finger gleiten wie einen Rosenkranz.
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An einem Mittwochabend im Oktober scrollte ich durch Facebook und blieb an einem Beitrag des Tierheims Nürnberg hängen. Ein älterer Rüde, Schäferhund, Fundtier aus der Region Hersbrucker Schweiz, aufgegriffen mit einem eingewachsenen Halsband und einer Tätowierung, die zur Hälfte unter Narbengewebe verschwunden ist. Das zweite Foto zeigte ihn von der Seite, graue Schnauze, eingefallene Lenden, aber etwas an der Art, wie das linke Ohr leicht nach außen knickte, ließ mich den Tee kälter werden, den ich in der Hand hielt. Ich habe das Bild nicht gespeichert, nur zehn Minuten lang angestarrt, dann den Laptop zugeklappt und eine Viertelstunde unter der Dusche gestanden.
Am nächsten Morgen rief ich im Büro an, meldete mich mit Magen-Darm ab und setzte mich in den ICE nach Nürnberg. Unterwegs schickte ich dem Tierheim eine Nachricht: Ich wolle mir den alten Schäferhund ansehen, vielleicht passe er zu mir. Kein Wort von Arko. Neben mir lag eine alte Leine, die ich am Vorabend aus dem Keller geholt hatte – ein Relikt von damals, das meine Mutter nie entsorgt hatte. Ich wusste, dass es verrückt war; die Wahrscheinlichkeit, dass ein entlaufener Hund nach fast zwei Jahrzehnten in genau diesem Tierheim landet, war etwa so hoch wie ein Sechser im Lotto. Aber ich musste hin.
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Das Tierheim lag am Rand eines Gewerbegebiets, dahinter Felder und Windräder, die sich gemächlich im Herbstwind drehten. Vor dem Eingang stand eine mächtige Linde, deren Blätter sich auf dem Asphalt zu einem gelben Teppich sammelten, alles roch nach feuchter Erde und irgendwo nach frischem Bauernbrot. Eine junge Tierpflegerin, ihre Brille an einem bunten Band um den Hals, führte mich in die Quarantänestation. "Er ist schon sehr alt, die Zähne sind fast alle raus, und auf fremde Leute reagiert er meistens gar nicht. Sie können es sich ansehen, aber erwarten Sie keine Wunder."
Die Box war hell, gefliest, eine Decke in der Ecke, ein Napf, der noch halbvoll mit Trockenfutter war. Der Hund lag mit dem Rücken zum Gitter, schwer atmend, die Flanken hoben und senkten sich im Takt irgendeines inneren Uhrwerks. Ich sah die Tätowierung im rechten Ohr, ein undeutbarer blauer Fleck, und die verkrümmte Rute, als wäre sie einmal gebrochen gewesen. "Arko?", sagte ich, und meine eigene Stimme klang brüchiger, als ich sie jemals gehört hatte.
Der Hund rührte sich nicht. Nur die Ohren stellten sich auf, und nach einer kleinen Ewigkeit drehte er den Kopf. Seine Augen trüb, ein leichter Schleier über der Linse, das Fell an den Lefzen schon weiß. Er sog prüfend die Luft ein. Dann stand er auf – nicht mühsam, sondern in einer einzigen fließenden Bewegung, als hätte jemand einen Schalter umgelegt. Seine Rute begann zu schwingen, erst zögernd, dann so wild, dass sein ganzes Hinterteil mitwackelte. Er stieß ein winselndes Jaulen aus, das überhaupt nicht zu diesem massigen Körper passen wollte, und warf sich gegen das Gitter wie ein Welpe, die Pfoten durch die Stäbe gedrückt, die Zunge suchte meine Finger.
Die Pflegerin sah mich mit offenem Mund an. "Das gibt’s doch nicht." Aber ich konnte nichts erklären, ich hatte die Hände voll mit dem Kratzen seinen Halses und dem Versuch, das Schloss zu öffnen. Kaum war die Tür auf, sprang er mich an – vierzig Kilo Schäferhund, die mich fast umgerissen hätten – und leckte mir mit einer Inbrunst das ganze Gesicht ab, dass ich Salzwasser schmeckte und nicht wusste, ob es von seiner Zunge oder meinen Tränen kam. Ich sagte nur immer wieder seinen Namen, bis er sich beruhigte und einfach dastand, die Schnauze in meine Hüfte gepresst, während meine Hände die vertraute kleine Narbe links hinter seinem Ohr ertasteten, wo ihm mal ein Stück Zaun auf den Kopf gefallen war. Ich hatte diese Narbe als Kind zehntausendmal gestreichelt.
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Es war, wie es ist: Zwei Stunden später saß ich mit Arko auf dem Beifahrersitz eines gemieteten Transporters, den ich mir von einem Autoverleih einen Kilometer weiter geholt hatte. Die Formalitäten im Tierheim – Schutzvertrag, Chip-Nummer für die Neuimplantierung (diesmal richtig), Tierarztcheck – verschwammen in einem einzigen Glücksrausch. Nur eine winzige Episode blieb hängen: Der Tierarzt, ein älterer Mann mit ruhigen Händen, sah sich das Brandzeichen an, schüttelte den Kopf und murmelte, da habe jemand dem Hund vor langer Zeit die Haut mit einem heißen Gegenstand neu verschorft. Ein Wunder, dass überhaupt noch Gewebe da war. Arko leckte mir während der Untersuchung immer wieder die Hand, als müsste er sich vergewissern, dass ich echt bin.
Die Fahrt nach Köln dauerte knapp vier Stunden, ich fuhr die A3 entlang und hörte zum ersten Mal seit Ewigkeiten eine alte Kassette meiner Eltern, die zufällig noch im Handschuhfach meines eigenen Autos lag. Arko schlief auf der Decke, die ich ihm hingelegt hatte, nur manchmal öffnete er die Augen, sah mich an und seufzte tief aus dem Bauch heraus. Bei einer Raststätte bei Limburg kaufte ich ihm eine Packung Würstchen, und er fraß sie so vorsichtig aus meiner Hand, dass ich fast wieder anfing zu flennen.
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Jetzt, vier Monate später, liegt er auf meinem Balkon. Die Februarsonne ist noch blass, aber an windstillen Tagen reicht sie, um die Fliesen zu wärmen. Arko hat eine speckige Seite bekommen, das Fell glänzt, und die steife Hinterhand behandeln wir mit Nahrungsergänzung und kurzen Spaziergängen am Rhein, wo er gemächlich neben mir hertrottet und den Möwen nachschaut. Unser Tierarzt sagt, er sei vielleicht zwölf, vielleicht dreizehn, seine Zeit sei ein Geschenk, mit dem keiner gerechnet hat. Ich glaube, Arko hat mit nichts anderem gerechnet. Manchmal, wenn ich nach Hause komme, erwartet er mich an der Tür mit diesem leisen Wuffen, das er schon als junger Hund draufhatte, einem dumpfen Vokallaut, den ich über achttausend Tage nicht gehört und doch sofort wiedererkannt hatte.
Eben war ich bei ihm, habe ihm eine der weichen Kaurollen gegeben und mich zu ihm auf die Matte gehockt. Vom Hof herauf drang das Klappern der Mülltonnen, irgendwo spielte ein Kind Blockflöte, ein Geräusch, das schief und fürchterlich und wunderbar alltäglich klang. "Na, mein Guter", sagte ich und kraulte die Stelle hinter dem Ohr, wo die Narbe kaum noch zu finden ist, aber immer noch da, "gefällt es dir hier?" Arko antwortete nicht, sondern schloss einfach die Augen und legte den Kopf schwer auf meine Knie. Sein Atem wurde ruhig, und seine Lefzen zuckten, als träumte er endlich von etwas, wofür es sich aufzuwachen lohnte.
