Marder im Hundehaus

Am Morgen des dritten Februars stand Jonas wieder am Küchenfenster und schaute hinaus. Oskar, sein neun Jahre alter Schäferhund, lag immer noch vor seiner Hütte. Nicht drin. Davor. Im Schnee. Die Temperatur war auf minus siebzehn gefallen, der Wind zog vom Isarhochufer herüber, und der Atem des Hundes hing als kleine weiße Wolke über seinem Maul.

Jonas tippte mit dem Fingerknöchel gegen die Scheibe. Oskar hob kurz den Kopf, wedelte einmal mit der Rute und legte sie wieder flach auf die vereisten Steinplatten.

„Der spinnt doch jetzt komplett“, murmelte Jonas und goss sich den Rest Kaffee aus der Kanne ein. Seit drei Tagen ging das schon so. Letzte Woche hatte er die Hundehütte frisch isoliert, die Ritzen mit Bauschaum ausgeschäumt, eine dicke Schaumstoffmatratze reingelegt und seine alte Lammfelljacke obendrauf. Der Hund hatte ihm beim Werken zugesehen, war sogar einmal hineingekrochen und hatte zufrieden geseufzt. Am nächsten Morgen lag er draußen, die Schnauze gegen den gefrorenen Boden gepresst.

Jonas zog die Gummistiefel an, nahm den Parka vom Haken und trat auf die Terrasse. Der Frost biss sofort in die Wangen. Auf dem Dach der Garage lag eine Handbreit Schnee. Am Gartenzaun hingen Eiszapfen, lang wie Unterarme.

„Oskar. Hütte. Jetzt.“

Der Hund blieb liegen. Nur die Augen wanderten zu ihm hoch: dunkelbraun, ruhig, aber mit etwas anderem. Nicht Trotz. Eher Wachsamkeit.

Jonas ging in die Hocke und klopfte gegen die Holzwand. „Da drin ist es warm, du Holzkopf. Ich hab dir doch extra die Decke reingelegt.“

Oskar stand auf. Langsam. Er stellte sich quer vor den Eingang, senkte den Kopf und knurrte. Es war kein böses Knurren, aber es kam von tief unten aus der Brust, als würde er etwas sagen wollen, das er nicht bellen konnte.

Jonas zog die Hand zurück, als hätte er in eine Steckdose gefasst. Neun Jahre hatte dieser Hund bei ihm gelebt. Welpenzeit nach der Trennung, zwei Umzüge, eine Bandscheiben-OP. Noch nie hatte Oskar ihn angeknurrt. Nicht ein einziges Mal.

„Na gut“, sagte Jonas leise. „Ganz wie du willst.“

Er ging ins Haus zurück, zog die Tür hinter sich zu und blieb im Flur stehen. Durch das Milchglas sah er, wie Oskar sich wieder vor die Hütte legte, den Kopf auf die Pfoten. Wie ein Posten vor einem Tor.

Am Abend versuchte es Jonas mit Leberwurst. Er schnitt eine Scheibe Brot dick auf, strich sie großzügig und hielt sie Oskar vor die Nase. Der Hund leckte sich kurz über die Schnauze, stand auf, machte zwei Schritte in Richtung Küche – und blieb stehen. Sein ganzer Körper spannte sich. Dann drehte er um und trottete zurück zur Hütte.

„Du hast sie ja wohl nicht mehr alle“, sagte Jonas. Die Brotscheibe legte er auf die Fensterbank. Über Nacht fror sie fest.

Am nächsten Vormittag fuhr Jonas in den Baumarkt nach Wolfratshausen. Nicht wegen des Hundes. Er brauchte neue Dübel für das Regal im Keller. Aber während er durch den Gang mit den Schrauben ging, blieb er vor einer Überwachungskamera stehen. Klein, batteriebetrieben, mit Mini-SD-Karte. Vierzig Euro. Er nahm zwei mit.

Zu Hause stellte er eine Kamera auf den Geräteschuppen, direkt auf die Hundehütte gerichtet. Die andere legte er erst mal in die Küchenschublade. Oskar lag noch immer vor dem Eingang. Sein Fell war an den Flanken bereift, und als er aufstand, rieselte der Schnee von seinem Rücken.

Am Abend zog sich Jonas die Aufnahmen vom Laptop rein. Tagsüber nichts. Oskar wechselte nur gelegentlich die Seite. Dann kam der Abschnitt von 23.41 Uhr. Jonas beugte sich vor.

Da war etwas Helles, Kleines, das sich über den Zaun drückte. Es bewegte sich dicht am Boden, huschte über den Schnee, verschwand für einen Atemzug hinter dem Kompost. Dann schoss es zur Hütte, der Hund hob den Kopf, wedelte – und das Tier schlüpfte hinein. Oskar legte sich wieder davor, die Schnauze zum Haus gewandt.

Jonas spulte zurück. Standbild. Das Bild war grobkörnig, aber das Fellmuster war erkennbar: ein Steinmarder. Ein großes Weibchen mit hellbrauner Brust.

Er saß noch lange da, die Hand am Rechner, und starrte auf die eingefrorene Bewegung. Irgendwann schüttelte er den Kopf, klappte den Laptop zu und ging ins Bett. In der Nacht hörte er Oskar bellen, aber er stand nicht auf.

Am Morgen war die Welt leise. Der Schnee fiel sacht, die Vögel waren aus dem Garten verschwunden. Jonas machte sich Kaffee und ging hinaus. Oskar stand vor der Hütte, und als Jonas näher kam, stellte er sich wieder quer. Aber diesmal knurrte er nicht. Er winselte, legte die Ohren an und schob seine Nase gegen Jonas’ Hand. Dann ging er zwei Schritte zur Seite.

Jonas verstand. Er kniete sich hin, leuchtete mit der Taschenlampe in die Dunkelheit. Der Strahl traf zuerst auf zwei glänzende Punkte. Dann auf einen schmalen Kopf mit spitzen Ohren. Der Marder fauchte leise und zog sich tiefer in die hintere Ecke zurück. Dahinter bewegte sich etwas in der alten Lammfelljacke.

Vier Junge. Sie waren winzig, halb blind, einer krabbelte über den Rücken der Mutter und fiel in eine Falte der Decke. Ein quiekender, hilfloser Fellhaufen.

Jonas setzte sich in den Schnee. Die Hände auf die Knie gelegt. Oskar kam heran, legte den Kopf auf seine Schulter und atmete ruhig.

„Du hast deine Hütte einfach abgegeben“, sagte Jonas.

Der Hund wedelte.

Jonas blieb noch eine Weile sitzen, dann stand er auf und ging in die Werkstatt. Er schob die Hobelbank frei, suchte die Reste Siebdruckplatte zusammen, die vom Hühnerstall übrig waren, und begann zu messen. Die neue Unterkunft wurde nicht groß, aber dicht. Doppelwandig, mit Styropor gefüllt, das Dach mit Teerpappe gedeckt. Er baute sie an die Südseite des Schuppens, wo mittags die Sonne hinfiel. Zum Schluss schraubte er ein kleines Schild über den Eingang: „Marderhaus“.

Der Umzug geschah in der Nacht. Jonas beobachtete ihn am Küchenfenster. Das Weibchen trug die Jungen einzeln hinüber. Oskar ging neben ihr her, als würde er den Weg absichern. Kein Laut. Nur das leise Tapsen der Pfoten auf dem Schnee.

Am Morgen lag Oskar zum ersten Mal seit Tagen in seiner eigenen Hütte. Er hatte die Schnauze auf der Lammfelljacke liegen und schnarchte. Jonas stand mit der Kaffeetasse da und trank sie leer, ohne den Hund aus den Augen zu lassen.

In den folgenden Wochen wurde Oskar zum Kindermädchen. Sobald die Jungen groß genug waren, um vor das Marderhaus zu klettern, trieb er sie zusammen wie ein Hütehund. Wenn eines in die Beete lief, schob er es mit der Nase zurück. Wenn die Marderjungen quiekten, weil die Mutter jagte, legte er sich vor den Eingang und blieb, bis sie still wurden. Einmal sah Jonas ihn auf der Terrasse liegen, zwei Marderjunge auf dem Rücken, ein drittes zupfte an seiner Rute. Oskar blinzelte in die Märzsonne, die Zunge hing ihm halb aus dem Maul.

„Dir ist ja echt nichts zu peinlich“, sagte Jonas und musste lachen.

Mitte April hatte der Marder die Jungen das erste Mal mit zum Zaun genommen. Jonas stand gerade auf einer Leiter und säuberte die Regenrinne. Das Weibchen saß oben auf dem Geräteschuppen, die Jungen balancierten hinter ihr her. Oskar saß im Gras und schaute zu. Kein Laut. Nur als das letzte Junge abrutschte, sprang er auf. Aber es fing sich selbst.

Am Morgen danach war das Marderhaus leer. Kein Fell mehr in der Ecke, keine Abdrücke im feuchten Gras. Nur ein kleiner Kotwurf am Eingang, als wäre noch einmal jemand da gewesen.

Oskar saß davor und schaute in Richtung Wald. Den ganzen Tag. Am Abend brachte Jonas ihm sein Fressen nach draußen, aber der Hund rührte es nicht an. Er lag mit der Schnauze in Richtung der Bäume, wo der Marder mit seinen Jungen verschwunden war.

Drei Tage später hörte Jonas in der Dämmerung den Hund winseln. Es war ein halbes Fiepen, das er zuletzt als Welpe von sich gegeben hatte. Jonas trat vor die Tür.

Auf der Wiese stand der Marder. Keine zwanzig Meter entfernt. Er hatte sich vom Waldrand hereingewagt, den Körper geduckt, die Ohren nach vorn. Oskar ging ihr entgegen, blieb zwei Schritte vor ihm stehen.

Der Marder richtete sich auf die Hinterläufe auf. Seine Vorderpfote hob er, legte sie für eine Sekunde gegen Oskars Schnauze. Nicht kratzen, nicht fassen – nur berühren. Oskar schloss die Augen und leckte einmal über die helle Brust des Tieres.

Dann drehte sich der Marder um und lief in den Wald zurück. Oskar sah ihm nach, bis das letzte Stück Fell zwischen den Buchen verschwand.

Jonas hatte die Hände in den Taschen vergraben. Er musste an die Nacht denken, in der er die Aufnahmen zum ersten Mal gesehen hatte. Daran, dass sein Hund, den er für einen treuen Dickschädel hielt, die ganze Zeit über der einzige gewesen war, der das Richtige wusste.

Er ging in die Werkstatt zurück. Auf der Hobelbank lag noch ein Rest Eichenholz. Jonas schnitzte vier kleine Pfotenabdrücke hinein, einen Marderkopf und den Buchstaben O. Das Schild schraubte er unter die Kerbe im alten Hundehaus. Dann setzte er sich auf die Bank vor dem Schuppen und rief Oskar zu sich. Der Hund kam, legte seinen Kopf auf Jonas’ Oberschenkel und schloss die Augen.

Ein halbes Jahr später, als der erste Schnee fiel, fand Jonas bei der Reparatur der Dachrinne ein kleines Bündel in der Regenfallsammlung. Es war die halb gefrorene Lammfelljacke. Sie steckte fest unter dem Fallrohr, mit Moos und Grashalmen durchwoben. Oskar beschnüffelte sie, wedelte und trug sie zu seinem alten Platz vor der Hütte. Jonas brachte sie nicht weg. Er klopfte sie aus, legte sie wieder auf die Matratze und machte die Tür der Hundehütte weit offen. Man wusste ja nie, was der Winter noch brachte.

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Uniad
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