Im Oktober, als die Felder hinter dem Dorf Lindenhof schon kahl waren, fiel den Autofahrern auf der Landstraße zwischen Bautzen und Neustadt jeden Tag derselbe Hund auf. Er lag rechts auf dem Kiesstreifen, direkt vor der Abfahrt zur Kleingartenanlage Am Birkenweg. Zuerst stand er, nach einer Woche saß er, dann lag er flach, mit dem Kopf auf den Pfoten. Jedes Auto, das vorbeifuhr, verfolgte er mit den Augen.
Manche hielten an. Warfen ihm Brot hin, manchmal eine halbe Bockwurst. Der Hund fraß, schnell und gründlich, ließ aber niemanden an sich heran. Vom Rücken sah er aus wie ein Deutscher Schäferhund, nur der Schwanz kringelte sich über dem Rücken wie ein Fragezeichen.
Der dreizehnjährige Leon aus dem Haus Nummer sieben an der Dorfstraße machte aus dem Fragezeichen einen Namen. Er nannte den Hund Bruno, weil das Wort so zuverlässig klang. Jeden Nachmittag nach der Schule kam er mit dem Fahrrad, den Rucksack voller Trockenfutter und manchmal ein Stück Leberwurst. Er setzte sich zehn Meter entfernt auf den Randstein und redete mit dem Hund.
«Dein Herrchen hat sich verlaufen. Oder er kommt nicht wieder. Komm zu uns.»
Bruno legte den Kopf schief. Er hörte zu, aber er stand nicht auf.
Der November kam, der erste Frost. Leons Vater, ein Mann mit ruhigen Händen, zimmerte aus alten OSB-Platten und einer Decke, die im Schuppen lag, eine Hütte an den Kiesstreifen. Er stellte zwei Schüsseln hinein: eine für Wasser, eine für Futter. Bruno beschnupperte die Hütte, legte sich hinein, aber sobald die Tür eines Autos in der Ferne klang, stand er wieder draußen. Neben der Hütte stand ein alter Birnbaum. Eine Elster saß auf dem Ast und klopfte mit dem Schnabel gegen die Rinde, als wollte sie auch einziehen.
Im Januar schneite es eine ganze Nacht. Am Morgen war die Hütte nur noch ein Hügel. Leon und sein Vater kamen mit Schaufeln, gruben den Eingang frei. Bruno saß daneben und zitterte, aber er lief nicht weg. Leon schob ihm eine Decke in die Hütte, und Bruno leckte ihm die Hand ab. Danach ging Bruno wieder zur Straße, stellte sich an seinen Platz.
Der Winter fraß sich durch den Februar, dann tauten die Eiszapfen vom Dach des Geräteschuppens. Die Rapsfelder bei Neustadt leuchteten gelb. Leon konnte wieder länger draußen bleiben. Er brachte Bruno ein Stück altes Brot mit Butter und saß neben ihm auf einer umgedrehten Bierkiste, die jemand in den Graben geworfen hatte.
An einem Apriltag, die Sonne schien so hell, dass man die Augen zusammenkneifen musste, spielten sie. Leon warf einen Stock, Bruno brachte ihn nicht zurück, sondern lief damit im Kreis und ließ sich nicht fangen. Dann, mitten im Lauf, stoppte er. Die Ohren nach vorn. Ein dunkelblauer Passat bog von der Landstraße zur Kleingartenanlage ab, zu schnell.
Bruno schoss über den Kies. Der Passat trat auf die Bremse, kam mit quietschenden Reifen zum Stehen. Ein stämmiger Mann um die dreißig stieg aus, die Tür knallte.
«Was ist denn mit dir, du Köter?»
Der Hund sprang an ihm hoch, winselte, drehte sich um die eigene Achse. Der Mann packte ihn am Halsband – genauer an dem verblassten roten Band, das noch um den Hals hing – und zog ihn nach oben.
«Moment mal. Rocky? Bist du das?»
Leon war herangerannt. «Ist das Ihr Hund?»
Der Mann lachte kurz auf. «War meiner. Hab im Internet einen Schäferhundwelpen gekauft, dreihundert Euro. Als er groß wurde, war da mehr Hütehund drin als sonst was. Der Schwanz wie ein Korkenzieher. Ich konnte mit so einem nicht nach Hause, die Kollegen hätten sich totgelacht.» Er ließ den Hund los. «Hab ihn im Oktober hier rausgelassen, als wir von der Datsche kamen. Er ist dem Auto noch ein Stück hinterhergelaufen.»
«Er wartet hier seit einem halben Jahr», sagte Leon. Seine Stimme klang dünn. «Jeden Tag. Er ist nie weggegangen.»
«Echt?» Der Mann kratzte sich am Hinterkopf. «Hätte ich nicht gedacht.» Er ging zum Kofferraum, machte die Klappe auf, hob einen Welpen heraus, einen langbeinigen Schäferhund mit großem Kopf. «Das ist mein neuer. Reinrassig, Papiere, gechipt. Der war teuer, vierzehnhundert Euro. Sieh dir die Pfoten an. Der wird mal ein Brocken.»
Bruno setzte sich. Er sah den Mann an, dann den Welpen. Er stand auf, ging drei Schritte zur Seite, legte sich hin, den Kopf auf den Pfoten.
Der Mann stellte den Welpen wieder in den Kofferraum. Er ging in die Hocke, strich Bruno einmal über den Kopf. «Tut mir leid, Kumpel. Zwei Hunde kann ich nicht halten. Und du kommst ja hier klar, die Leute füttern dich.» Er stand auf, vermied Leons Augen. «Ich muss los, der Kleine muss noch zur Wurmkur.» Die Fahrertür schloss. Der Motor sprang an. Der Passat machte einen Satz und verschwand hinter der Kurve.
Bruno raste hinterher. Leon sah, wie der Hund kleiner wurde, dann stehen blieb. Bruno kehrte um, den Schwanz gesenkt, die Ohren flach. Er ging nicht in die Hütte. Er blieb neben Leon stehen und lehnte sich an sein Bein.
Leon setzte sich auf den Kies. Er legte die Arme um den Hund, vergrub das Gesicht in dem dichten Fell. «Du musst nicht weinen. Der Mann hat dich nicht verdient.» Seine Stimme brach. Er wischte sich mit dem Ärmel über die Nase. «Du hast mich. Ich bin dein Herrchen. Ich lass dich nicht sitzen. Gehen wir nach Hause.»
Er stand auf und ging in Richtung Dorf. Nach zehn Metern drehte er sich um. Bruno saß noch auf der Stelle, den Kopf schief. Dann stand der Hund auf. Schritt für Schritt folgte er Leon. Am Hoftor blieb er stehen, schaute zurück zur Landstraße. Dann schob er mit der Nase das Hoftor auf und ging hindurch.
Am nächsten Morgen saß Leon mit seinem Vater im Bürgerbüro von Bautzen. Der Vater hatte die Papiere ausgefüllt. Leon zahlte die Hundesteuer für ein Jahr: 96 Euro aus seiner Spardose, in Münzen und ein paar Zehnern. Die Frau hinter dem Schalter gab ihm eine runde Hundemarke, blau mit einer Nummer. Leon kaufte im Futterhaus ein neues Halsband und einen Anhänger. Er ließ in den Anhänger «Bruno, Lindenweg 7» eingravieren – kostete noch mal 12 Euro.
Zu Hause legte er Bruno das neue Halsband um. Bruno schüttelte sich, dann leckte er Leons Hand. Leon hängte die Marke an den Ring. Er zeigte auf den Anhänger: «Da steht, wo du wohnst. Falls du dich verlaufen solltest.»
Am dritten Tag, es war später Nachmittag, stoppte der dunkelblaue Passat vor dem Haus. Der Mann stieg aus, die Tür blieb offen. Er rief über den Zaun: «Rocky! Komm, wir fahren!»
Bruno, der auf der Terrasse gelegen hatte, hob den Kopf. Er blieb liegen. Sein Körper zitterte, aber er stand nicht auf.
Leon trat aus der Haustür. Er ging bis zum Zaun. In seiner offenen Hand lag die blaue Hundemarke, die Nummer glänzte im Sonnenlicht.
«Er heißt Bruno», sagte Leon. «Und er wohnt jetzt hier. Ich habe die Steuer bezahlt, alles angemeldet.»
Der Mann stutzte. Er sah die Marke, das neue Halsband. «Du hast ihn registriert?» Er lachte, aber es klang nicht froh. «Ein Mischling, und du zahlst Geld dafür?»
«Ich habe 96 Euro bezahlt», sagte Leon. «Für ein Jahr. Nächstes Jahr wieder. Er ist es wert.»
Der Mann hob die Hand, als würde er etwas sagen wollen. Dann ließ er sie fallen. «Na dann. Viel Glück mit deiner Promenadenmischung.» Er stieg in den Passat, fuhr an, dass der Kies spritzte.
Leon ging zurück zur Terrasse. Er setzte sich neben Bruno, der seinen Kopf auf Leons Knie legte. Der Hund seufzte. Leon kraulte ihn hinter den Ohren.
«Weißt du, was für eine Rasse du bist?», sagte er. «Du bist kein Mischling. Du bist die beste Rasse der Welt. Die heißt: treuer Freund.»
Bruno schloss die Augen. Sein Schwanz klopfte zweimal auf die Holzdiele.
