In Recklinghausen kennt jeder die Kastanie vor dem Awo-Familienzentrum in der Herzogswall-Straße. Sie ist über hundert Jahre alt, ihre Wurzeln haben den Gehweg angehoben, und die Kinder, die dort seit letztem Herbst ukrainische Sprachförderung bekommen, nennen sie nur „den Baum mit dem Buckel". An einem Dienstag im März stand unter dieser Kastanie ein Mann mit Dreitagebart und einer viel zu dünnen Jacke für das Ruhrgebietswetter, und niemand von den Müttern, die ihre Kinder abholten, erkannte ihn sofort.
Das war Tobias Ranner. In den Kinocharts kannte man ihn aus zwei Serien, die auf Sky liefen, und aus einem Werbespot für eine Krankenkasse, den halb Deutschland auswendig konnte. Er hätte an diesem Tag eigentlich in München sein sollen, bei einem Casting für eine internationale Produktion. Er hatte abgesagt. Nicht wegen einer Krankheit. Wegen einer E-Mail von der Sozialarbeiterin Marta Wowk: Sechzig Kinder aus der Ukraine, niemand, der einfach nur mit ihnen spielt, ohne Formulare, ohne Übersetzer.
„Wenn du kommst, kommst du für die Kinder. Nicht für deinen Instagram-Kanal", hatte Marta ihm am Telefon gesagt, fast schon streng. Er kam ohne Kamerateam. Er kam mit einer Tasche voller Straßenmalkreide aus dem Baumarkt an der Castroper Straße und einer Gitarre, die er seit Jahren nicht mehr richtig gespielt hatte.
Marta zeigte ihm den Gruppenraum, deutete mit dem Kinn zur Ecke. „Der da ist Mykola. Acht Jahre, aus Charkiw. Die Wohnung wurde im Mai getroffen. Er redet nicht, wenn Erwachsene dabei sind, die er nicht kennt. Setz dich nicht neben ihn. Das hat schon jemand versucht."
Tobias setzte sich zwei Meter entfernt auf den Boden. Der Junge hatte einen roten Filzstift in der Hand, benutzte ihn aber nicht, drehte ihn nur zwischen den Fingern, immer wieder, im gleichen Rhythmus. Tobias holte die Gitarre aus der Tasche und begann, sie zu stimmen. Absichtlich schlecht. Er zog an einem Wirbel, schlug die Saite an, verzog das Gesicht, als hätte er es nicht bemerkt, und stimmte weiter falsch.
Zehn Minuten passierte nichts. Der Filzstift drehte sich weiter.
Nach zwanzig Minuten hörte Tobias auf zu stimmen und fing an, ein Lied zu spielen, schief, mit der verstimmten Gitarre, absichtlich holprig, ein Kinderlied, das er sich halb ausdachte. Mykolas Finger hielten inne.
Nach vierzig Minuten legte der Junge den Stift auf den Boden, stand auf, kam die zwei Meter herüber, ohne ein Wort, kniete sich neben Tobias und griff nach dem Wirbel, an dem der Fehler saß. Er drehte ihn, langsam, mit dem Ernst eines Klavierstimmers, bis der Ton stimmte. Dann setzte er sich hin, die Gitarre zwischen ihnen, und sagte nichts. Aber er blieb sitzen.
Marta stand in der Tür und sagte später nur: „Das hat er seit acht Monaten nicht gemacht. Zu jemandem hingehen."
In den folgenden zwei Wochen wohnte Tobias in einer Pension nahe dem Hauptbahnhof – fünfunddreißig Euro die Nacht, der Betreiber hatte den Preis gesenkt, nachdem er erfahren hatte, wofür der Gast morgens jeden Tag um neun aus dem Haus ging. Es gab einen Nachmittag mit Theaterübungen, bei denen die Kinder Tiere nachahmten, Elefanten, Frösche, ein Mädchen, das partout ein Krokodil sein wollte und dabei so laut brüllte, dass eine Erzieherin aus dem Nebenraum kam, um zu sehen, ob alles in Ordnung war. Es war in Ordnung.
Und es gab den Mittwoch, an dem draußen auf der Herzogswall-Straße ein Krankenwagen vorbeifuhr, Sirene an, ganz normal, dreimal am Tag kam das vor. Ein Mädchen namens Sofia, sechs Jahre alt, ließ die Kreide fallen, mitten im Satz, mitten in einem halb gemalten Sonnenblumenfeld auf dem Gehweg, und schrie. Nicht weinte – schrie, mit dem ganzen Körper, warf sich auf den Boden, die Hände über den Ohren.
Tobias kniete sich nicht hin, um sie zu berühren. Er setzte sich einfach daneben, auf den kalten Asphalt, direkt neben ihre malende Hand, und fing an, mit seiner eigenen Kreide weiterzumalen, an genau der Stelle, wo sie aufgehört hatte. Er sagte nichts. Marta wollte einschreiten, er hob nur die Hand, kurz, ein Stopp-Zeichen.
Es dauerte, bis der Krankenwagen um die Ecke bog und der Ton wegblieb. Sofia schrie noch eine Weile in die plötzliche Stille hinein, dann wurde es weniger, dann hörte sie auf, lag da, Wange auf dem Asphalt, und beobachtete Tobias' Hand, die die gelbe Kreide über die Blütenblätter zog.
„Falsch", sagte sie schließlich, heiser. „Die Sonnenblume hat mehr Blätter."
„Zeig mir wie viele."
Sie setzte sich auf, nahm ihm die Kreide aus der Hand, fügte drei weitere Blütenblätter hinzu, wischte sich mit dem Handrücken über die Nase, hinterließ einen gelben Streifen auf der Wange, und malte weiter, als wäre nichts gewesen. Tobias saß daneben und sagte immer noch nichts. Ein Taschentuch hatte er nicht dabei, also riss er ein Stück von seinem eigenen Ärmel ab, wischte ihr über die Wange, und sie ließ es zu, ohne aufzublicken.
Nach den zwei Wochen organisierte Marta zusammen mit zwei Kolleginnen aus Krakau eine dreitägige Fortbildung für Erzieherinnen aus dem gesamten Ruhrgebiet, zur Hälfte finanziert aus Spendengeldern, die Tobias über seine Agentur eingesammelt hatte – sein Name tauchte in keiner Pressemitteilung auf. Fünfundzwanzig Fachkräfte lernten dort Übungen der Kunsttherapie, die sie inzwischen in Duisburg, Gelsenkirchen und Bottrop anwenden.
Am letzten Tag brachte Mykola die geliehene Gitarre zurück. Dazu ein Zettel, kyrillische Buchstaben, ungelenk, mit zu viel Druck geschrieben, so dass sich die Linien durch das Papier drückten: „Danke für den Baum."
Tobias faltete den Zettel nicht, steckte ihn glatt in die Innentasche seiner Jacke. Vier Monate später bekam er die Rolle in München doch noch, seine Agentin hatte einen zweiten Termin herausgeschlagen. Er sagte am Telefon nur „Ja, ich komme" und legte auf, bevor sie fragen konnte, warum er so knapp klang.
Der Zettel hängt heute, laminiert, über seinem Schreibtisch in Köln, dort, wo sonst Drehpläne liegen. Alle sechs Wochen fährt er, ein verlängertes Wochenende, unangekündigt, nach Recklinghausen. Marta hat aufgehört, ihn zu fragen, wann er das nächste Mal kommt. Sie stellt einfach einen Stuhl unter die Kastanie, für den Fall.
