Bärbel Hoffmann arbeitet seit sechsundzwanzig Jahren am Bahnhof von Wittstock/Dosse und sagt, der Herbst falle ihr am schwersten. Nicht wegen der Erkältungen oder des Nieselregens. Dann leert sich einfach der Bahnsteig am meisten — zwei Regionalbahnen am Tag, immer weniger steigen aus, immer mehr fahren weg, nach Berlin, nach Hamburg, zu einem besseren Leben. Und sie bleibt, im Dienstraum, mit der Thermoskanne Tee und einem Fahrplan von vor zwei Jahren, den niemand von der Tafel abgehängt hat.
Den Hund sah sie zum ersten Mal Mitte Oktober.
Ein großer, heller Labrador saß am Rand des Bahnsteigs — nicht kauernd, nicht bettelnd, sondern genau in der Mitte, mit dem Rücken zum Empfangsgebäude, die Augen auf die Gleise gerichtet. Dorthin, wo die Schienen hinter der Kurve im Nebel verschwanden. Als müsste jeden Moment hinter dieser Kurve ein Zug hervorkommen, und jemand daraus aussteigen.
„Netter Kerl", sagte Bärbel laut, obwohl niemand in der Nähe war. Der Hund drehte den Kopf, sah sie an, als wollte er prüfen, ob sich eine Antwort lohnte, und richtete den Blick zurück auf die Gleise.
In den Dienstraum schaute Uwe Böttcher herein, der Verkäufer aus dem nahen Kiosk, wo sie die Zeitung und Zigaretten für ihren Mann kaufte.
„Das ist Manfreds Hund", sagte er und klopfte den Regen von seiner Mütze. „Also, es war seiner. Manfred ist vor drei Wochen nach Bayern gefahren, auf den Bau. Sein Bruder hat ihn überredet, angeblich zahlen die gut, so um die zweitausendfünfhundert Euro im Monat. Für den Hund hatte er niemanden, hat ihn zum Bahnhof gebracht, ihm gesagt, er soll sitzen bleiben, ist in den Zug nach Berlin gestiegen und von dort wohl mit dem Fernbus weiter. Und das war's."
„Und er ist nicht zurückgekommen?"
„Hat sich nicht mal gemeldet. Menschen sind halt verschieden, Frau Hoffmann. Vielleicht hat er's vergessen. Vielleicht hat er sich in München ein anderes Leben aufgebaut."
Der Hund saß Tag für Tag dort. Bärbel brachte ihm die Reste raus — ein Stück Wurst vom belegten Brot, manchmal Dosenfutter, das sie extra im Supermarkt neben der Apotheke kaufte. Der Labrador fraß erst abends, wenn der letzte Zug abgefahren und klar geworden war, dass heute wieder niemand ausstieg.
Jemand nannte ihn Bernstein — nach der Farbe seines Fells.
Der Hund war tatsächlich sechs Jahre lang keinen Schritt von Manfred gewichen. Manfred hatte ihn als Welpen in einem Graben am Dorfrand gefunden, durchgefroren, kaum am Leben, und ihn in seiner Jacke nach Hause getragen. Seine Frau hatte ihn schon davor verlassen, hatte das trostlose Dorf und die Gelegenheitsjobs nicht ausgehalten, und der Hund war der einzige feste Punkt seines Tages geworden — weckte ihn morgens, wartete abends am Gartentor, lag in der Furche, wenn Manfred Kartoffeln ausgrub.
Und dort, auf dem Bahnsteig, sagte Manfred zum ersten Mal in seinem Leben „Bleib" zu ihm — und kam nicht zurück.
Die Bezirksleiterin der Bahn, Frau Karin Lehmann, kam im November zur Kontrolle, im Mantel, dessen Saum den nassen Asphalt nicht berührte.
„Frau Hoffmann, was ist das für ein herrenloser Hund, der sich hier breitmacht? Das ist ein Bahnhof, kein Tierheim."
„Er wartet auf seinen Besitzer, Frau Lehmann."
„Der Besitzer kommt wohl kaum zurück. Bis Freitag soll er hier weg sein, sonst rufe ich das Ordnungsamt, dass sie ihn einfangen. Und hören Sie bitte auf, ihn zu füttern."
Lehmann ging zurück zum Dienstwagen, die Absätze klackernd, und Bernstein verfolgte sie mit einem Blick, leer wie der Bahnsteig um Mitternacht.
***
An jenem Samstag stieg aus dem Zug von Neuruppin eine Frau mit einem einzigen Koffer.
Sie war vierunddreißig Jahre alt, hieß Sandra Krüger und kehrte nach elf Jahren in der Stadt in ihr Heimatdorf zurück. Sie kehrte mit nichts zurück — die Werbeagentur, in der sie gearbeitet hatte, war im Sommer pleitegegangen, der Partner, mit dem sie sieben Jahre zusammen gewesen war, war zu einer anderen Frau gezogen, und die Wohnung in Berlin-Lichtenberg, die sie gemeinsam gemietet hatten, musste bis Monatsende geräumt werden. Die letzte Nacht hatte sie bei einer Freundin auf einer Luftmatratze verbracht und durch die Wand gehört, wie die Nachbarn sich um die Fernbedienung stritten.
Sie setzte sich auf die nasse Bank, stellte den Koffer zwischen die Beine und vergrub das Gesicht in den Händen.
Etwas Schweres und Warmes lehnte sich gegen ihre Knie.
Sie ließ die Hände sinken. Vor ihr stand ein Hund, groß, hell, und sah von unten zu ihr hoch, als wollte er etwas prüfen. Er stupste mit der Nase gegen ihre Hand.
„Wo kommst du denn her?" Sandra streichelte das nasse Fell. Bärbel trat näher, in ihre Dienstjacke gehüllt.
„Jetzt niemandes Hund, kann man sagen. Sein Herr ist nach Bayern gegangen, und von ihm fehlt jede Spur. Der Hund wartet. Schon den zweiten Monat."
„Den zweiten Monat…" Sandra fuhr mit der Hand über den nassen Kopf des Hundes. „Ich habe auch gewartet. Mein ganzes Leben lang gewartet, dass jemand kommt und sagt, ich werde gebraucht. Es ist niemand gekommen."
Bernstein legte sich neben ihre Füße, die Schnauze auf ihrem Schuh.
„Frau Lehmann droht mit dem Einfangen bis Freitag", sagte Bärbel leise. „Ich weiß nicht, was ich mit ihm machen soll."
Sandra sah den Hund an. Er hob den Kopf — mit einer letzten, verzweifelten Hoffnung, so wie man schaut, wenn man auf niemanden mehr zählen kann.
„Kommt er mit mir mit?"
„Rufen Sie ihn doch."
„Bernstein", sagte sie unsicher. „Kommst du mit nach Hause?"
Der Hund sprang auf. Wedelte mit dem Schwanz — zum ersten Mal seit Wochen. Und machte einen Schritt auf sie zu.
***
Drei Jahre vergingen.
Bärbel Hoffmann arbeitet noch immer am Bahnhof von Wittstock, begrüßt noch immer die zwei Züge am Tag, und den Fahrplan hat irgendwann doch jemand aktualisiert. Den Herbst mag sie inzwischen ein bisschen lieber.
An diesem Morgen stieg aus der Regionalbahn eine Frau mit einem Kinderwagen, und daneben, dicht an ihrem Bein, schritt würdevoll ein großer heller Hund.
„Frau Hoffmann!" rief Sandra schon von Weitem. „Wir kommen zu Besuch. Und wollen den neuen Fahrgast zeigen."
Sie kam näher mit dem Wagen. Unter dem Verdeck schnaufte ein rotwangiges Baby.
„Schläft es?"
„Bernstein und ich haben es kaum zu zweit hinbekommen", lachte Sandra. „Er ist jetzt Kindermädchen. Weicht keinen Schritt vom Wagen."
Bärbel ging in die Hocke, kraulte den Hund hinterm Ohr.
„Na, hast du's endlich geschafft, mein Schöner?", fragte sie leise.
Bernstein sah sie mit klugen Augen an, bellte einmal, kurz. Dann wandte er sich zu Sandra, dem Kinderwagen, seinem ganzen neuen Leben — und begann, mit dem Schwanz gegen den Bahnsteig zu schlagen.
Er hatte es geschafft. Nicht auf den, auf den er damals gewartet hatte, die Augen auf die grauen Gleise gerichtet. Vielleicht genau auf die, auf die er hatte warten sollen.
