Ich habe meiner Mutter an Heiligabend die Tür vor der Nase zugemacht. Nicht weil ich grausam bin. Sondern weil ich drei Kinder habe, die ich beschützen muss. Und weil diese Frau für mich zwanzig Jahre lang nur eine Stimme am Telefon war, wenn überhaupt.
Sie heißt Kathrin. Meine Mutter. In meinem Gedächtnis ist sie ein Koffer, der im Flur stand, als ich elf war. Ein Duft nach kaltem Zigarettenrauch und ein Abschiedskuss, der nach Pflicht roch. Dann fuhr sie in die Schweiz, nach Basel, in ein Hotel. Sie hatte in Leipzig einen festen Job als Buchhalterin gehabt. Uns ging es nicht schlecht. Trotzdem packte sie ihre Sachen und ging. „Ich muss an mich denken“, sagte sie. Ich blieb bei Oma Erna, ihrer Mutter. Die war damals schon über siebzig, hatte schlimme Hüften und einen Garten in Markkleeberg, in dem sie jeden Morgen Unkraut zupfte, als hinge ihr Leben davon ab.
Oma Erna hat mich großgezogen. Nicht Kathrin. Oma Erna saß bei den Elternabenden, sie hat mir die Zöpfe geflochten, wenn ich zur Schule ging, und sie hat mir das Abitur ermöglicht, indem sie ihre kleine Rente zusammenkratzte. Meine Mutter rief einmal im Monat an, manchmal seltener. Sie fragte nie nach meinen Noten, nie nach meinen Freunden. Sie erzählte von der Schweiz, von den hohen Bergen, vom See, von Männern, die ihr den Hof machten. Als ich mein Abiturzeugnis mit Eins vor allen anderen bekam, rief ich sie an. Sie sagte: „Schön, Anna. Ich bin gerade beim Italiener. Ich ruf dich zurück.“ Sie rief nicht zurück.
Ich habe nicht geweint. Nicht an dem Tag. Ich habe stattdessen Oma Ernas Hand genommen und wir sind zum Bäcker gegangen und haben uns zwei Stücke Bienenstich gekauft. Das war unser Fest.
Zehn Jahre später, an einem regnerischen Dienstag im November, stand Oma Ernas Sarg in der kleinen Kapelle auf dem Südfriedhof. Kathrin kam mit dem Zug aus Basel. Sie trug einen teuren Mantel, der nach Parfüm roch, und sie weinte, als hätte sie ihre Mutter jeden Tag gesehen. Ich stand daneben und hielt die Hand meines Mannes Christoph. Wir waren seit drei Jahren verheiratet. Kathrin war nicht auf unserer Hochzeit gewesen. Sie hatte nicht einmal eine Karte geschickt. An Omas Beerdigung fragte sie mich: „Hast du Kinder?“ Ich war im siebten Monat mit Paul. „Nein“, sagte ich. Ich weiß nicht, warum ich log. Es war einfach.
Nach der Beerdigung fuhr sie zurück nach Basel. Ich habe sie danach nie wieder gesehen. Bis heute.
Christoph hat die Wohnung von seiner Oma Hilde geerbt. Sie liegt in Lindenau, dritter Stock, kein Aufzug. Zwei Zimmer, hohe Decken, die Wände in einem müden Gelb, das seit den Achtzigern nicht mehr gestrichen wurde. Im Treppenhaus riecht es nach nassem Putz und nach dem nassen Fell von Waldi, dem Dackel der Frau Schröder nebenan. Auf dem Absatz steht ein altes Fahrrad, das seit Jahren niemand wegsperrt, über dem Sattel liegt eine karierte Decke. Unsere Wohnung ist eng. Paul ist vier und schläft auf einer Matratze neben unserem Bett. Die Zwillinge, Emma und Lisa, sind achtzehn Monate alt und teilen sich ein Gitterbett, das Christoph für zwanzig Euro bei ebay Kleinanzeigen gekauft hat. Es quietscht, wenn eine von beiden sich umdreht.
Christoph arbeitet in einer Kfz-Werkstatt in Plagwitz. Er verdient okay, aber für fünf Leute reicht es hinten und vorne nicht. Ich kaufe die Kinderkleidung im Secondhand-Laden in der Karl-Heine-Straße. Die Zwillinge tragen Strampler, die schon zwei andere Kinder durchgekaut haben. Pauls Winterjacke hat an der linken Schulter einen kleinen Riss, den ich mit Nähgarn zugenäht habe, das eigentlich für Knöpfe gedacht ist. Trotzdem: Wir kommen über die Runden. Christophs Eltern schicken uns aus dem Umland Kartoffeln, Eier, selbstgemachte Marmelade. Oma Hilde hat uns ein paar alte Möbel dagelassen, die zwar hässlich sind, aber halten. Nur der Kühlschrank brummt nachts wie ein alter Traktor, und die Heizung gibt im Januar manchmal auf.
Am 23. Dezember, abends, als ich gerade die Zwillinge ins Bett brachte, klingelte mein Handy. Unbekannte Nummer aus der Schweiz. Ich drückte weg. Es klingelte noch mal. Dann noch mal. Beim dritten Mal ging ich ran.
„Anna? Hier ist Kathrin. Deine Mutter.“
Ich hielt das Telefon so fest, dass meine Knöchel weiß wurden. Paul saß auf dem Boden und baute mit Duplo-Steinen einen Turm.
„Ich wollte fragen, ob ich über Weihnachten kommen kann“, sagte sie. „Ich würde so gern meine Enkel kennenlernen.“
Mir wurde heiß. Nicht vor Freude. Vor Wut. Zwanzig Jahre lang hatte sie sich nicht für mich interessiert. Und jetzt, wo ich drei Kinder habe, will sie die Oma spielen?
„Nein“, sagte ich.
„Wie, nein? Ich bin deine Mutter. Ich habe ein Recht darauf, meine Enkel zu sehen.“
Ich lachte. Es klang nicht fröhlich.
„Du hast mich mit elf Jahren bei Oma Erna abgegeben. Du warst nicht auf meinem Abiball, nicht auf meiner Hochzeit. Du hast nicht mal angerufen, als die Zwillinge auf die Welt kamen. Und jetzt willst du mit uns Weihnachten feiern? Nur weil du einsam bist?“
„Anna, ich habe mich geändert. Ich will alles wieder gutmachen.“
„Wie willst du das machen? Weißt du, wie meine Kinder heißen?“
Stille. Dann: „Na ja, die Zwillinge hießen doch …“
„Sie heißen Emma und Lisa. Und der Große heißt Paul. Wie alt sind sie?“
Wieder Stille. Dann ein leises „Weiß ich nicht.“
„Paul ist vier. Die Zwillinge sind anderthalb. Und du hättest das wissen können, wenn du dich jemals gemeldet hättest. Aber du hast dich nicht gemeldet. Und jetzt willst du an meinem Tisch sitzen und so tun, als wärst du die beste Oma der Welt? Vergiss es.“
Ich legte auf. Keine zwei Minuten später kam eine SMS von derselben Nummer: „Ich komme trotzdem. Du kannst mich nicht für immer aussperren.“
Ich blockierte die Nummer.
Am nächsten Morgen, Heiligabend, war die Wohnung voller Duft nach Zimt und Apfel. Christoph hatte den kleinen Tannenbaum geholt, den wir am Straßenrand gekauft hatten, und Paul half ihm, die Lichterkette aufzuhängen. Die Zwillinge krabbelten auf einer Decke herum und zogen sich gegenseitig die Söckchen aus.
Gegen elf Uhr hörte ich Waldi im Treppenhaus bellen. Nicht das übliche Kläffen, sondern ein durchdringendes Jaulen, wie immer, wenn ein Fremder kommt. Dann Schritte auf der Treppe. Absätze. Ich kannte diesen Gang nicht. Aber irgendwas in mir wusste sofort Bescheid.
Es klingelte an der Wohnungstür. Christoph wollte aufstehen, aber ich hielt ihn zurück.
„Ich mach das“, sagte ich.
Ich ging zur Tür, legte die Hand auf den kalten Griff und schaute durch den Spion. Da stand sie. Kathrin. In einem beigen Mantel, darunter ein schwarzes Kleid, an den Füßen Stiefel mit hohen Absätzen. In der einen Hand ein Rollkoffer, in der anderen eine Plastiktüte, aus der oben Geschenkpapier und eine Packung Mandarinen ragten. Daneben ein Gesicht, das ich aus dem Spiegel kannte. Meine Augen. Meine Nase. Aber die Falten um den Mund waren tiefer, und die Wangen waren gerötet von der Kälte.
Ich öffnete nicht. Sie klingelte noch mal. Dann klopfte sie.
„Anna? Ich weiß, dass du da bist. Mach auf. Bitte.“
Ich drehte mich um und ging zurück ins Wohnzimmer. Christoph sah mich fragend.
„Meine Mutter“, sagte ich. „Sie steht vor der Tür.“
Er stellte die Lichterkette ab. „Soll ich mit ihr reden?“
Ich schüttelte den Kopf. „Nein. Ich geh selbst. Du bleibst bei den Kindern.“
Ich zog meine Hausschuhe aus, schlüpfte in die alten Stiefel, die neben der Tür standen, und öffnete die Wohnungstür. Nicht weit. Nur einen Spalt. Dann trat ich auf den Treppenabsatz, zog die Tür hinter mir zu und stellte mich davor.
Kathrin stand da und atmete schwer. Der Koffer stand neben ihr wie ein treuer Hund. Die Tüte mit den Mandarinen knisterte in ihrer Hand.
„Du siehst gut aus“, sagte sie.
„Was willst du?“
„Ich will meine Enkel sehen. Ich habe dir gesagt, ich komme. Ich habe Geschenke mitgebracht.“
Sie hob die Tüte leicht an, als wäre das ein Beweis für ihre Liebe.
„Du kennst nicht mal ihre Namen“, sagte ich. „Was willst du ihnen schenken? Ein schlechtes Gewissen?“
„Anna, bitte. Ich weiß, ich war keine gute Mutter. Aber ich bin jetzt da. Lass mich rein. Nur für eine Stunde. Es ist Weihnachten.“
Ich verschränkte die Arme. Im Treppenhaus knarrte die alte Holztreppe, als Frau Schröder oben ihre Wohnungstür einen Spalt öffnete, um zu lauschen. Waldi bellte weiter, gedämpft durch die geschlossene Tür.
„Du warst nicht da, als ich mit vierzig Grad Fieber im Bett lag und Oma Erna mit ihren kaputten Hüften dreimal die Treppe runter und rauf musste, um mir Tee zu machen. Du warst nicht da, als ich mein Studium geschmissen hätte, weil ich das Schulgeld für das letzte Semester nicht hatte. Oma Erna hat ihre goldene Kette verkauft, um mir zu helfen. Weißt du das? Nein. Du weißt es nicht, weil du nie gefragt hast.“
„Ich habe gearbeitet“, sagte sie. „Ich habe geschuftet, damit du es besser hast.“
„Du hast geschuftet, damit du es besser hast. Dein Gesicht, deine Figur, dein neues Leben in Basel. Ich war dir egal. Und jetzt, wo du alt wirst und niemand mehr mit dir Weihnachten feiern will, fällt dir ein, dass du eine Tochter hast. Und Enkel. Aber weißt du was? Die kennst du nicht. Und die werden dich auch nicht kennenlernen. Nicht solange ich lebe.“
Sie trat einen Schritt auf mich zu. Ich rührte mich nicht.
„Du kannst mich nicht einfach wegstoßen“, sagte sie, und ihre Stimme wurde schärfer. „Ich habe Rechte. Ich bin die Großmutter. Das Familiengericht wird mir ein Umgangsrecht zusprechen. Das weißt du.“
Da wurde mir klar, dass sie sich vorbereitet hatte. Sie hatte schon mit jemandem gesprochen. Vielleicht mit einem Anwalt in Basel. Vielleicht hatte sie sich schlau gemacht.
Ich drehte mich um, drückte die Klinke runter und ging in die Wohnung. Ich ließ die Tür offen stehen, nur einen Spalt. Im Wohnzimmer spielte Paul mit Christoph. Die Zwillinge brabbelten. Ich nahm die kleine schwarze Aktenmappe, die seit drei Tagen oben auf dem Schuhschrank lag. Ich hatte sie am 21. Dezember aus der Kanzlei mitgenommen. Zusammen mit der Rechnung.
Ich trat wieder auf den Absatz. Kathrin stand noch da. Jetzt sah sie verwirrt aus.
Ich hielt ihr die Mappe hin. Sie nahm sie nicht. Also legte ich sie auf ihren Koffer.
„Weißt du, was das ist?“, fragte ich.
Sie schüttelte den Kopf.
„Das ist mein Antrag beim Amtsgericht Leipzig. Auf Umgangsausschluss. Ich habe ihn am Montag eingereicht. Begründung: zwanzig Jahre Kontaktabbruch, emotionale Vernachlässigung, kein gewachsenes Verhältnis zu den Kindern. Dazu ein Gutachten vom Jugendamt, das ich angefordert habe. Ich war vorbereitet, Kathrin. Ich wusste, dass du nicht einfach so aufgeben würdest.“
Sie riss die Augen auf. Ihre Hand zitterte, als sie nach der Mappe griff.
„Das hat mich zweihundertfünfzig Euro gekostet“, fuhr ich fort. „Zweihundertfünfzig Euro, die ich nicht habe. Aber ich habe sie bezahlt. Weißt du, wofür? Damit du mir nicht die Kinder wegnehmen kannst. Damit du nicht in unser Leben platzt, nur weil du ein schlechtes Gewissen hast. Damit das, was du in zwanzig Jahren kaputt gemacht hast, nicht noch mal passiert.“
Ich machte eine Pause. Kathrin hielt die Mappe mit beiden Händen, als könnte sie jeden Moment den Boden unter den Füßen verlieren.
„Du hast mir nie eine Chance gegeben“, flüsterte sie.
„Doch“, sagte ich. „Zwanzig Jahre lang. Du hast sie nur nie genutzt.“
Ich griff hinter mich, umfasste die Türklinke und zog die Tür auf. Dann trat ich hinein, drehte mich aber noch einmal um.
„Es ist besser, du gehst jetzt. Der Zug nach Basel fährt um vierzehn Uhr dreiundzwanzig ab Hauptbahnhof. Den nächsten erreichst du noch, wenn du dich beeilst.“
Sie stand da, die Mappe in der Hand, die Tüte mit den Mandarinen an der Seite. Ihr Koffer war noch zu. Ich machte die Tür zu. Diesmal leise. Ich schloss ab. Ich hörte, wie sie noch ein paar Sekunden stehen blieb. Dann das Geräusch der Absätze auf den Steinstufen. Erst langsam, dann schneller. Es wurde leiser, bis nur noch Waldi bellte.
Ich lehnte mich an die Tür und atmete aus. Durch das kleine Fenster im Flur fiel fahles Winterlicht auf den alten Dielenboden. Im Wohnzimmer lachte Paul über irgendetwas, was Christoph mit den Duplo-Steinen gebaut hatte. Die Zwillinge quietschten.
Ich ging in die Küche, goss mir ein Glas Leitungswasser ein und trank es in einem Zug. Dann holte ich mein Handy aus der Tasche, entsperrte es und tippte eine kurze Nachricht an die blockierte Nummer. Ich schrieb: „Die Mappe ist für dich. Der Antrag liegt beim Gericht. Frohe Weihnachten, Kathrin.“ Ich zögerte. Dann fügte ich noch hinzu: „Die Kinder heißen Paul, Emma und Lisa. Aber das wirst du nie nötig haben.“
Ich drückte auf Senden. Dann blockierte ich die Nummer wieder.
Am Nachmittag, als Christoph den Baum schmückte und Paul die Kugeln in den unteren Zweigen verteilte, hörte ich, wie unten die Haustür ins Schloss fiel. Ich trat ans Fenster und sah Kathrin die Straße hinuntergehen. Den Rollkoffer zog sie hinter sich her. Die Tüte mit den Mandarinen hatte sie auf den Bürgersteig gestellt, neben die Mülltonne. Oben auf dem Deckel lag die schwarze Aktenmappe.
Ich blieb am Fenster, bis sie um die Ecke bog. Dann drehte ich mich um und nahm Paul auf den Arm. Er roch nach Zimt und nach billigem Weihnachtsplätzchenteig.
„Wer war die Frau?“, fragte er.
„Niemand, der wiederkommt“, sagte ich.
Er legte seinen Kopf an meine Schulter. Aus der Küche hörte ich Christoph, der die Gläser für den Kinderpunsch holte. Die Zwillinge lagen auf der Decke und griffen nach dem Glitzerpapier, das auf dem Boden lag.
Ich öffnete die Schreibtischschublade, nahm die Rechnung über zweihundertfünfzig Euro heraus und legte sie in die Mappe mit unseren Unterlagen. Dann schob ich die Schublade zu.
Draußen warf der Wind die Mandarinenpackung gegen die Hauswand.
