Treue

Es war kurz vor Mitternacht, und ich fuhr meinen alten silbernen Opel Corsa über die regennasse Landstraße irgendwo zwischen Vierlanden und der Stadtgrenze. Die Scheinwerfer schnitten eine milchige Wand aus Dunst, als ich plötzlich eine Bewegung am Straßenrand sah. Ein kleiner, geduckter Körper, der sich kaum vom Asphalt abhob. Ich bremste scharf, das Auto schlingerte kurz, dann stand ich mit klopfendem Herzen auf dem Seitenstreifen. Im Nieselregen erkannte ich, dass es ein Kater war – abgemagert, verdreckt, und um seinen Kopf klemmte ein durchsichtiger Plastikbecher, wie von einem großen Joghurt. Er taumelte orientierungslos, die Öffnung des Bechers zu eng, um ihn allein abzustreifen.

„Oh Gott… wer tut so was?“, flüsterte ich und ging langsam in die Hocke. Der Kater hatte keine Kraft mehr wegzulaufen. Als ich ihn vorsichtig anhob, war er erschreckend leicht. Er gab ein heiseres, ersticktes Geräusch von sich und sackte einfach in meinen Händen zusammen. Ich riss mein Handy aus der Jackentasche.

„Tom? Bist du in der Praxis? Ich brauch dich – Notfall, fünf Minuten!“

Tom war mein alter Schulfreund und Tierarzt in der Ottenser Hauptstraße. Er antwortete nicht lang, sondern sagte nur: „Bring ihn her, ich mach schon alles fertig.“ Ich legte den Kater auf den Beifahrersitz, deckte meine Fleecedecke über ihn und raste los.

Zwei Stunden saß ich im stickigen Wartezimmer, das nach Desinfektionsmittel und nassem Tierfell roch. Ich starrte die Wand an und versuchte, das Bild des keuchenden Katers aus meinem Kopf zu bekommen. Schließlich kam Tom heraus, in seinem grünen Kittel, die Gummihandschuhe noch in der Hand. Er hatte Ringe unter den Augen, lächelte aber.

„Anna, du hast ihn genau in letzter Sekunde gefunden. Noch eine halbe Stunde, und der Becher hätte ihn erstickt. Er bleibt heute Nacht hier – ich hab Nachtdienst und behalt ihn im Auge. Okay?“

Ich fiel ihm um den Hals. Tom klopfte mir unbeholfen auf den Rücken. „Hey, erinnere dich an früher? Du hast immer die verletzten Vögel vom Schulhof angeschleppt, und ich hab sie verbunden. Hat sich nichts geändert.“ Er grinste schief. Ich musste trotz der Erschöpfung lachen.

Tom warf einen Blick auf die Uhr. „Du musst nach Hause, Anna. Deine Mutter… du weißt schon.“ Er wohnte zwei Stockwerke über mir im selben grauen Wohnblock in Altona, und er kannte meine Familiensituation besser, als mir lieb war. Meine Mutter Silke trank seit dem Tod meines Vaters jeden Abend billigen Korn, lag meistens auf dem Sofa und reagierte auf nichts und niemanden mehr. Ich war lange unsichtbar für sie gewesen – nur der Briefkasten war wichtig, weil dort die Post vom Amt mit ihrer Grundsicherung kam. Tom hatte mich mehr als einmal vor ihrer Türe aufgelesen, wenn sie mich ausgesperrt hatte.

Ich nickte und strich noch einmal über das feuchte Fell des schlafenden Katers. „Wie soll er heißen?“, fragte ich leise.

Tom überlegte. „Der hat gekämpft wie ein Löwe. Ich würd ihn Oskar nennen. Oskar der Unerschrockene.“ Ich lächelte. Von diesem Moment an war Oskar mein Kater.

Die nächste Woche verbrachte Oskar in der Praxis. Jeden Tag ging ich nach der Uni bei ihm vorbei, und irgendwann kam er zögernd auf mich zu, rieb seinen Kopf, an dem man noch die Druckstelle des Bechers sah, an meiner Hand. Tom sagte, dass sein Herz zu schwach für große Aufregung sei – Flugreisen seien ausgeschlossen. „Keine Sorge“, sagte ich, „ich hab noch nie einen Pass für einen Kater beantragt.“ Wir lachten, und er sah mich mit einem Blick an, den ich nicht deuten konnte.

Zuhause reagierte Silke gleichgültig auf das neue Familienmitglied. „Hauptsache, du fütterst ihn“, murmelte sie und drehte sich zur Wand. Oskar mied sie von sich aus – jedes Mal, wenn sie mit wackligen Schritten Richtung Küche torkelte oder die Schnapsflasche auf den Tisch knallte, versteckte er sich hinter dem Sofa. Er kam nur heraus, wenn ich nach Hause kam oder wenn Tom zu Besuch war, der dann mit mir am Küchentisch saß und Tee trank, während ein alter Schlagermix aus dem Radio plärrte.

Zwei Jahre flogen vorbei. Ich beendete mein Studium für Übersetzungswissenschaft und jobbte weiter als Kurierfahrerin – der alte Opel hielt irgendwie durch. Eines regnerischen Dienstags lieferte ich einen dicken Umschlag an die Reederei Weber im Hafen. Die Sekretärin nahm ihn missmutig entgegen, während aus dem Chefbüro eine genervte Männerstimme drang: „Die Dolmetscherin hat abgesagt, und in einer Stunde kommt die chinesische Delegation!“ Ich stand da, nass und durchgefroren, und bevor ich nachdachte, sagte ich: „Ich bin Dolmetscherin. Englisch und Chinesisch.“ Die Sekretärin riss die Augen auf, aber der Mann aus dem Büro – Markus Weber, Mitte dreißig, teurer Anzug, durchdringender Blick – trat auf mich zu und musterte mich kurz. „Beweisen Sie es.“ Eine Stunde später saß ich im Meeting und übersetzte Vertragspassagen, ohne zu stocken.

Markus bot mir noch am selben Abend eine Festanstellung als persönliche Assistentin an. Zwei Monate später waren wir ein Paar. Er führte mich in teure Restaurants, schenkte mir eine diamantene Halskette zum Geburtstag und versprach mir ein Leben ohne Geldsorgen. Er war charmant und weltgewandt, und es dauerte nicht lang, bis er von London sprach. Die Firma eröffnete eine Niederlassung dort, und er wollte mich unbedingt dabeihaben. „Anna, das ist deine Chance. Du wirst für internationale Konzerne übersetzen, nicht mehr für den Hafen. Komm mit mir.“ Mein Magen kribbelte vor Aufregung – und vor einem leisen, dumpfen Widerstand, den ich nicht einordnen konnte.

Das Problem trug vier Pfoten und schnurrte jede Nacht in meinem Bett. Oskars Herz war eine tickende Zeitbombe, ein Langstreckenflug ein zu hohes Risiko. Und Markus hatte eine Allergie. Keine leichte. Sobald ein Katzenhaar in seiner Nähe war, schwollen seine Augen zu und er nieste minutenlang. „Ich kann nicht mein ganzes Leben auf Tabletten verbringen wegen eines Tieres, Schatz. So gern ich dir den Gefallen tun würde – das ist nicht verhandelbar“, sagte er, und seine Stimme war endgültig.

Ich stand in meiner winzigen Küche und weinte, während Oskar verwirrt um meine Beine strich. Tom war meine letzte Hoffnung. Ich kochte uns Kaffee, als er an einem Freitagabend hereinschaute, und ich sprudelte alles heraus: Markus, London, die Allergie, Oskars Herz. Ich sah, wie Toms Lächeln einfror. Er hörte zu, die Hände um den Becher geklammert.

„Tom, kannst du Oskar nehmen? Nur für ein paar Jahre, bis ich – vielleicht – zurückkomme? Ich weiß einfach nicht wohin mit ihm, meine Mutter… du weißt ja, sie würde ihn nicht mal füttern. Er kennt dich, er liebt dich. Bitte.“ Meine Stimme brach.

Er schwieg lange. In seinen Augen lag etwas, das ich für Enttäuschung hielt, aber ich war zu verzweifelt, um es zu hinterfragen. Dann stand er auf, unnatürlich munter. „Klar, Anna. Oskar und ich – wir werden beste Kumpels. Mach dir keine Gedanken. Hauptsache, du wirst glücklich.“ Er lächelte, aber es erreichte seine Augen nicht.

Die letzten beiden Monate waren ein einziges Abschiednehmen. Ich packte Koffer und sortierte mein Leben, während Tom jeden Abend mit Oskar in meiner Wohnung auf mich wartete. Am Morgen des Abflugs brachte ich Oskar zu ihm hoch. Tom stand in der Tür, die Wohnung roch nach frischem Kaffee und dem speziellen Trockenfutter, das er extra für den Kater besorgt hatte. Oskar sprang sofort auf seinen gewohnten Platz auf dem Fensterbrett.

„Also dann, Anna. Pass auf dich auf. Und ruf an, wenn du drüben bist – wir werden dich vermissen.“ Er drückte mich kurz, eine Sekunde zu lang. Dann löste er sich. „Lauf, sonst verpasst du den Flieger.“ Ich küsste ihn auf die Wange und floh fast die Treppe hinunter, ohne mich umzudrehen.

Markus wartete bereits mit dem Wagen unten. Die Fahrt zum Hamburger Flughafen verschwamm vor meinen Augen. Ich hörte mich Belangloses antworten, während in meinem Kopf ein Satz hämmerte, den Tom mir gestern nachgerufen hatte – leise, fast nebenbei: „Oskar und ich, wir werden auf dich warten, egal was ist.“ Es klang nicht wie ein Versprechen, eher wie ein Gebet.

Am Gate herrschte das übliche geschäftige Treiben. Markus drückte meine Hand und lächelte. „Endlich. Bist du bereit für unser neues Leben?“ Ich sollte nicken. Ich sollte in den Flieger steigen und nie zurückblicken. Stattdessen sah ich auf mein Handy: eine Sprachnachricht von Tom, gesendet vor zehn Minuten. Ich nahm den Kopfhörer und ging ein paar Schritte zur Seite.

„Hey Anna, ich weiß, du kannst jetzt nicht telefonieren. Ich wollte dir nur noch eins sagen, was ich gestern nicht geschafft hab… Ich hab das mit Oskar wirklich gern gemacht. Und mit dir. Schon immer. Und wenn’s da drüben nicht klappt – oder wenn du einfach nur heim willst – dann weißt du ja, wo wir sind. Oskar und ich. Mach’s gut, Kleine. Wir warten.“

Seine Stimme bröckelte am Ende. Markus klopfte mir auf die Schulter: „Du musst ins Gate, Schatz. Wir sind gleich dran.“ Ich drehte mich zu ihm um, und plötzlich war alles glasklar. Die teuren Schuhe, die elegante Aktentasche, die wolkige Zukunft in London – nichts davon war falsch, aber es war nicht meins. Meins war die zugige Wohnung mit dem schnarchenden Kater, der nach Gewürztee riechende Kerl mit den müden Augen und das Wissen, jeden Abend nach Hause zu kommen, wo jemand wirklich auf mich wartete.

„Es tut mir leid, Markus. Ich kann nicht“, sagte ich. Kein Weinen, kein Drama. Nur ein Satz, der mir leichter über die Lippen kam als alles, was ich in den letzten Monaten gesagt hatte.

Ich ließ ihn stehen, rannte die Rolltreppe hinunter, vorbei an den verblüfften Blicken der Fluggäste. Beim Taxistand riss ich die Tür des ersten Wagens auf. „Altona, Emilienstraße. Bitte schnell.“ Der Fahrer schaute mich im Rückspiegel an, sagte aber nichts. Hamburg zog nass und grau an den Scheiben vorbei, und ich trommelte mit den Fingern auf meine Oberschenkel.

Ich klingelte Sturm. Es dauerte eine Ewigkeit, dann ging die Tür auf. Tom stand da, ohne Kittel, in einem verwaschenen T-Shirt, hinter ihm ein empörter Oskar, der kurz fauchte und dann sofort erkannte, wer da stand.

„Anna? Was ist passiert? Ist der Flug ausgefallen?“

Ich schüttelte den Kopf. „Nein, Tom. Der Flug ist pünktlich gestartet – nur ohne mich.“ Tränen liefen mir übers Gesicht, aber ich lächelte. „Ich hab’s kapiert. Ich hab die falsche Entscheidung getroffen. Die ganze Zeit warst du das, was ich gesucht hab. Und Oskar. Ich liebe euch beide, und ich will nie wieder weg von euch. Nie mehr.“

Tom starrte mich an, als hätte er nicht richtig gehört. Dann zog er mich wortlos an sich, so fest, dass mir die Luft wegblieb. Oskar sprang von der Fensterbank und schlängelte sich schnurrend zwischen unseren Beinen hindurch. Ich spürte Toms Herz schlagen, schnell und unregelmäßig, wie das eines geretteten Katers.

„Das wollte ich dir schon an deinem Geburtstag sagen“, flüsterte er in mein Haar. „Aber da hast du von Markus angefangen. Ich dachte, ich hätte dich für immer verloren.“ Er löste sich kurz und sah mich an. „Ich liebe dich, Anna. Seit der sechsten Klasse, als du mir den verstauchten Knöchel verbunden hast, nachdem ich vom Klettergerüst gefallen bin. Ich war nur zu feige, es dir zu sagen.“

Ich lachte heiser und küsste ihn. Kein großer Hollywoodkuss, einfach nur Lippen auf Lippen, mitten im Flur, während Oskar ungeduldig an Toms Hosenbein zupfte, weil es pünktlich Futterzeit war. Draußen zog eine Böe Regen gegen das Fenster, und drinnen roch es nach Kaffee, Katzenfutter und ungesagten Worten, die endlich ausgesprochen waren.

Wir setzten uns auf das alte Sofa, Oskar rollte sich auf meinem Schoß zusammen, und Tom strich mir eine nasse Haarsträhne aus der Stirn. Niemand sprach mehr über London. Ich wusste, dass ich meinen Job kündigen musste und dass die nächste Miete für den Opel trotzdem pünktlich abgebucht werden würde. Aber das war alles egal. Meine Welt war auf die Größe eines Wohnzimmers mit zwei Menschen und einem Kater geschrumpft, und sie fühlte sich unendlich weit an.

Wir blieben einfach so sitzen, bis der Morgen grau durch die Vorhänge kroch, und irgendwann schliefen wir ein – drei Gestalten auf einem Sofa, endlich angekommen.

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