Thomas bog den Firmenwagen mit quietschenden Reifen in die Auffahrt. Der Motor erstarb, und für einen Moment saß er einfach nur da, die Hände noch am Lenkrad. Dreizehn Stunden Autobahn lagen hinter ihm, die Baustelle in Basel hatte er früher als geplant abgeschlossen, nur um heute hier zu sein. Er griff nach dem Strauß dunkelroter Rosen auf dem Beifahrersitz und stieg aus.
Die Haustür war nicht abgeschlossen. Komisch.
Aus dem Wohnzimmer drang kein Laut. Keine Musik. Kein Stimmengewirr. Laura hatte doch gesagt, sie würde ihre Freundinnen zum Kaffee einladen, solange er unterwegs war. Eine kleine vorgezogene Feier, hatte sie gemeint, weil er ja an ihrem eigentlichen Geburtstag nicht da sein würde.
Jetzt war er da. Einen Tag früher. Hatte er sich extra so eingeplant.
Der Strauß in seiner Hand senkte sich, als er das Bild vor sich begriff.
Laura kniete auf den Fliesen der Terrasse. Der Glastisch war zur Seite gerückt. Auf dem Boden, mitten in einer Lache aus Wasser und Blumenerde, lag etwas Dunkelrotes. Ein Rosenstock. Komplett aus dem Terrakottakübel gerissen, die Wurzeln freigelegt, die halb aufgeblühten Knospen in den Dreck gestampft.
Es war die Rose ihrer Großmutter. Die alte Sorte aus dem Vogtland, die Laura seit drei Jahren päppelte, jeden Trieb mit Namen kannte, vor Stolz fast platzte, als sich die erste Knospe zeigte.
Jetzt war sie Matsch.
Laura kniete mit bloßen Knien in der kalten Pfütze und versuchte mit zitternden Fingern, die Erde wieder um den Wurzelballen zu drücken. Tränen tropften von ihrem Kinn auf ihre verschmierten Hände. Sie trug das hellblaue Leinenkleid, das sie extra für heute gekauft hatte. Es war voller brauner Schlieren.
Im Sessel daneben, die Füße auf der Fußbank, saß Roswitha, seine Mutter, und rührte in einer Tasse Kaffee.
Thomas blieb im Türrahmen stehen.
Seine Mutter hob den Kopf und musterte ihn kurz. Dann deutete sie mit dem Kinn auf Laura.
„Sie hat es nicht besser verdient. Macht sich hübsch, fährt in die Stadt, kauft Kuchen. Und dein Vater liegt auf dem Friedhof und von ihr kommt nicht mal eine Kerze am Totensonntag. Das ist Gerechtigkeit. Soll sie ihren Dreck sauber machen.“
Laura zuckte zusammen, hob aber den Kopf nicht. Ihre Schultern bebten.
Thomas stellte den Rosenstrauß auf der Fensterbank ab. Ganz langsam. Er spürte, wie sein Hemdkragen plötzlich zu eng wurde.
Letzte Woche war Totensonntag. Er war auf Montage gewesen, hatte Laura eine Nachricht geschickt: „Fährst du hin? Ich schaff‘s nicht.“ Laura hatte geantwortet: „Ich hab so viel um die Ohren, schaffe ich auch nicht, tut mir leid.“ Er hatte „Passt schon“ zurückgeschrieben.
Mit keinem Wort hatte er erwähnt, dass er enttäuscht war. Weil er‘s nicht war. Sein Vater und er, das war immer kompliziert. Laura wusste das.
Dass seine Mutter diesen einen Satz ausgrub, dass sie dafür herkam, hier einbrach – den Schlüssel hatte sie ja noch von der Zeit, als sie nach Lauras Bänderriss zum Helfen kam – und das Einzige zerstörte, das Laura wirklich am Herzen lag…
Er ging an seiner Mutter vorbei. Kein Wort. Kein Blick.
Er kniete sich neben Laura auf die nassen Fliesen. Seine Anzughose sog sofort das schmutzige Wasser auf. Vorsichtig legte er seine Hand unter ihre.
„Lass“, sagte er leise.
Laura schüttelte stumm den Kopf, griff nach dem nächsten Erdklumpen. Ihre Finger waren blau vor Kälte.
„Schatz. Bitte. Die kriegen wir nicht wieder hin.“
Da brach es aus ihr heraus. Ein Schluchzen, tief und heftig, der ganze Körper verkrampft. Sie ließ die Erde fallen und presste die schlammigen Hände vors Gesicht.
Thomas zog sie sanft an sich. Spürte, wie sie zitterte. Spürte die Nässe von ihrem Kleid durch sein Hemd.
Aus dem Augenwinkel sah er, wie seine Mutter die Tasse abstellte. Ein leises Klirren auf der Untertasse. Als ob nichts wäre.
Er half Laura auf die Füße. Ihr Blick ging an ihm vorbei, leer.
„Geh duschen“, murmelte er. „Zieh dir was Trockenes an. Ich komm gleich nach.“
Sie nickte abwesend und ging. Barfuß. Ihre Sandalen standen noch neben der Terrassentür, voller Matsch.
Thomas wartete, bis er das Wasser im Bad rauschen hörte. Dann drehte er sich um.
Roswitha lehnte sich im Sessel zurück. Ihr Gesichtsausdruck war ruhig. Zufrieden fast. Ein Hauch von Triumph um die Mundwinkel.
Sie öffnete gerade den Mund, als er losschoss.
„Du willst Gerechtigkeit, ja?“
Er trat einen Schritt auf sie zu. Nicht laut. Nicht schreiend. Leise, aber mit einer Schärfe, die sie innehalten ließ.
„Vater hat sich totgesoffen. Zehn Jahre hat er dich betrogen. Jede einzelne von deinen sogenannten Freundinnen. Die Nachbarin. Die Arzthelferin. Und du hast ihm jeden Morgen das Frühstücksei gekocht und die Hemden gebügelt. DAS war deine Gerechtigkeit. Nicht Laura. Laura hat nichts getan. Außer dass sie den Fehler gemacht hat, dich noch hereinzulassen, obwohl sie längst wusste, wer du bist. Und weißt du was? Das hatte sie heute vor. Dieses Wochenende sollte es werden. In Ruhe. Sie wollte dir anbieten, mit uns zu reden. Eine Familientherapie. Hat sie vor zwei Wochen rausgesucht. Adressen. Kosten. Sie hat sich Notizen gemacht, weil sie dachte, wenn Opa stirbt, wenn du wirklich ganz allein bist, dass du das vielleicht…“
Er musste schlucken. Seine Stimme brach fast. Er holte tief Luft durch die Nase.
„Raus.“
Roswitha starrte ihn an. Die Maske der Zufriedenheit war komplett verschwunden, darunter blankes Entsetzen. Ihre Lippen bewegten sich, formten ungläubig seinen Namen, kein Ton kam.
„Du packst jetzt deine Kaffeetasse. Du nimmst deine Handtasche. Und du fährst zurück nach Cottbus. Ohne Widerrede. Ohne Entschuldigung. Ohne noch einen einzigen Ton. Und meine Haustür bleibt für dich zu. Ich will dich hier nie wieder sehen. Ich will nicht, dass du anrufst. Ich will nicht, dass du schreibst. Wenn du krank bist, wenn du einsam bist, dann ruf jemand anderen an. Aber uns nicht mehr. Nie mehr. Hab ich mich klar ausgedrückt?“
Roswitha stand langsam auf. Grau im Gesicht. Ihre Hände umklammerten die Armlehne. Sie war nicht mehr die starke Matriarchin mit den tödlich präzisen Sticheleien, sondern eine alte Frau, die plötzlich keine Luft mehr bekam.
„Thomas –“
„Ich hab gesagt: Ohne einen Ton. Raus.“
Er wartete. Stand einfach da, die Arme vor der Brust verschränkt, das schmutzige Wasser seiner Hose tropfte auf die Fliesen.
Sie ging. Tasse und Handtasche gegen die Brust gepresst, wie Schilde gegen das Unfassbare. Die Haustür fiel mit einem dumpfen Klicken ins Schloss.
Thomas stand noch eine ganze Weile auf der Terrasse und starrte auf den zerstampften Rosenstock. Dann griff er in seine Manteltasche und zog einen kleinen, in Goldpapier gewickelten Karton heraus. Ein Collier. Drei schlichte Goldringe, ineinander verschlungen. Hatte er vor drei Wochen in Basel beim Juwelier gesehen und sofort gewusst, dass es das Richtige war. Für zehn Jahre. Dafür, dass Laura nie auch nur ein Wort der Klage sagte, wenn er wieder unterwegs war. Wenn sie wieder einen Geburtstag allein verbrachte.
Er wog den Karton in der Hand.
Oben hörte er die Badezimmertür gehen. Leise Schritte.
Er steckte das Päckchen ein, hob den Rosenstrauß von der Fensterbank und ging nach oben.
Laura saß auf dem Bett, ein Handtuch um die Schultern, das nasse Haar strähnig im Gesicht. Sie sah ihn an, und ihre Augen waren rot und verschwollen, aber sie versuchte ein schwaches Lächeln, das nicht ankam.
„Deine Mutter?“
„Weg. Kommt nicht wieder. Ich hab Schlüssel und Code geändert. Das Ding an der Haustür. Elektronisch. Schon gemacht. Gerade. Draußen auf dem Flur mit dem Handy. Bist du…?“
Er reichte ihr die Rosen. Stumm. Sie nahm sie vorsichtig und fuhr mit der Fingerspitze über ein Blütenblatt. Ein Tropfen Wasser vom Waschbecken löste sich und rollte langsam daran herab.
„Alles Gute nachträglich“, sagte er leise.
Und dann hockte er sich vor sie hin, zog das Collier aus der Tasche und legte es einfach neben sie auf die Bettdecke. Gold auf Weiß. Den Deckel klappte er mit dem Daumen auf, das leise Klicken war das einzige Geräusch im Raum.
Laura sah es. Dann ihn. Dann wieder das Collier.
Sie sagte nichts. Aber ihr Kiefer hörte auf zu zittern. Und das war genug.
