„Bist du von allen guten Geistern verlassen, Lena?“ Markus starrte auf den kleinen, zitternden Fellball in Lenas Armen. Seine Stimme überschlug sich fast. „Was hast du dir dabei gedacht? Du bist hochschwanger! Straßenkatzen sind voller Keime – das Risiko für unser Kind!“
Lena schlüpfte langsam aus den Schuhen, die Hände ruhig, obwohl ihr Herz immer noch raste. Der Weg nach Hause war eine Ewigkeit gewesen, jeder Schritt ein Kampf gegen die Übelkeit, die nicht nur von der Schwangerschaft kam. „Markus, setz dich bitte hin“, sagte sie leise und ging an ihm vorbei in die Küche. Der Kater, eine winzige dreifarbige Mischung, klammerte sich an ihren Pullover.
„Setzen? Ich denk gar nicht dran! Das Vieh muss weg, sofort! Ich bring’s zurück auf die Straße.“ Markus folgte ihr, die Hände zu Fäusten geballt.
„Du rührst sie nicht an.“ Lenas Ton war eisig. Sie ließ sich auf den Küchenstuhl sinken und drückte das Kätzchen fester an sich. „Flocke bleibt. Sie hat mir heute das Leben gerettet. Mir und deiner Tochter. Also hör auf zu schreien und hör mir zu.“
Markus öffnete den Mund, schloss ihn wieder. Das Gesicht unter den dunklen Locken färbte sich erst rot, dann blass. Er kannte seine Frau gut genug, um zu merken, dass das kein Witz war. „Gerettet? Wovor?“
„Vor einem schwarzen SUV, der mit über hundert in eine Hauswand gekracht ist. Genau da, wo ich gestanden hätte, wenn Flocke mich nicht aufgehalten hätte.“ Lena senkte den Blick auf das schnurrende Kätzchen. „Aber das ist nur der Schluss. Eigentlich fing es vor zwei Wochen an, bei Oma Hilde…“
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Oma Hilde wohnte in einer kleinen Altbauwohnung in Hamburg-Altona, zwei Straßen von der Elbe entfernt. An diesem Morgen roch es dort nach Mottenkugeln und altem Kaffee, und die 86-Jährige saß am Küchentisch, die Hände um eine Tasse Tee gekrallt. Ihre Augen waren rot verquollen.
„Oma? Was ist los? Wieder das Rheuma?“, fragte Lena und stellte den Einkaufskorb mit Brötchen und Aufschnitt auf die Anrichte.
Hilde schüttelte den Kopf. „Karl war da. Heute Nacht. Er stand an meinem Bett und hat gewinkt. Wollte, dass ich mitkomme.“
Lenas Rücken wurde kalt. Karl, ihr Großvater, war vor sechs Jahren gestorben. Sie zog einen Stuhl heran. „Das war nur ein Traum, Oma. Bestimmt hast du vor dem Einschlafen an ihn gedacht. Die Feier zu seinem Geburtstag neulich …“
„Nein.“ Hildes Stimme klang dünn, aber bestimmt. „So real war noch kein Traum. Er hat gelacht, wie früher, und mit dem Finger gekrümelt, so wie immer, wenn er ungeduldig war. Ich hab ihm gesagt, dass ich nicht kann. Dass ich noch das Urenkelchen sehen will, deine Kleine. Da hat er die Stirn gerunzelt und sich umgedreht. Einfach umgedreht und ist in den Nebel gegangen, ganz langsam.“ Sie zog ein Taschentuch aus dem Ärmel und schnäuzte sich. „Ich spür’s in den Knochen, Lena. Ich werde das Baby nicht mehr erleben. Es holt mich bald.“
Lena nahm die kalten, papierdünnen Hände ihrer Großmutter. „Quatsch. Der Arzt sagt, dein Herz ist top. Du hast mir früher immer gesagt: ‘Wo die Nacht hinfährt, da fährt der Traum hin.’ Also lass den alten Griesgram ziehen und freu dich auf deine Urenkelin. Ich brauch dich doch noch, Oma. Ohne deine gestrickten Söckchen erfriert das Kind noch.“
Hilde lächelte schwach. „Dein Opa hat nie gestrickt. Aber er hat immer Kekse stibitzt. Vielleicht hat er sich nur verabschieden wollen. Gehst du noch mit mir runter an die Elbe später? Ich will den Schiffen zusehen.“
Natürlich ging Lena mit. Sie schoben den Kinderwagen, den Lena vorsorglich dabeihatte, am Ufer entlang, und Hilde winkte jedem Frachter zu. Drei Tage später saß Lena auf der Holzbank im selben Kinderwagen-Geschäft, um die Bestellung zu ändern, als das Handy klingelte. Oma Hilde war friedlich eingeschlafen und nicht mehr aufgewacht. Der Arzt sagte, es sei das Herz gewesen, einfach so, ohne Vorwarnung. Lena weinte drei Tage lang, bis Markus sie fast zwangsweise zum Frauenarzt schleppte, damit der mal nach dem Baby sah.
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Die Nächte danach waren schwer. Lena träumte wirres Zeug, meist von der Geburt, von Krankenhausgängen, von ihrem Vater, der vor Jahren abgehauen war. Und dann, zehn Tage nach Hildes Beerdigung, träumte sie von Karl.
Er stand auf der leeren Landstraße vor dem Haus ihrer Kindheit, in der Hand eine Angelrute, und winkte ihr. Sein Mund bewegte sich, aber sie hörte kein Wort. Nur ein Drängen, ein Ziehen in ihrer Brust, das sagte: Komm mit, Lena. Es ist Zeit.
„Ich kann nicht!“, schrie sie im Traum. „Ich krieg doch ein Kind, Opa! In zwei Wochen ist Termin!“
Der alte Mann stampfte mit dem Fuß auf, genau wie früher, wenn sie als Kind nicht ihre Suppe essen wollte. Dann griff er sich dramatisch ans Herz und sackte langsam in die Knie. Ein jäher Schreck fuhr in Lena – nicht um sich selbst, sondern um ihn. Ohne nachzudenken machte sie einen Schritt auf ihn zu.
Und dann: ein durchdringendes Miauen. Es kam von der Seite, aus dem Graben neben der Straße. Ein winziges, dreifarbiges Kätzchen saß mitten auf dem Asphalt, das Fell verklebt, die Augen riesig und blau. Direkt darauf raste ein schwarzer Geländewagen zu, die Scheinwerfer grell. Das Kätzchen schrie, rührte sich aber nicht.
Lena erstarrte. Links der Großvater, der sich krümmte und winkte. Rechts das Kätzchen, das sie anflehte. Es war genau das Kätzchen aus ihren Kindheitsträumen – das, das sie früher fast jede Nacht im Arm gehalten hatte. Gleiche Zeichnung, gleicher ängstlicher Blick. Sie hatte es nie vergessen.
Ein Hupen, ein Kreischen von Reifen. Im Traum überlegte sie eine Ewigkeit. Und dann, ohne dass sie einen Entschluss fasste, riss ihr Körper sie herum, sie hechtete auf das Kätzchen zu und riss es hoch – und wachte schweißgebadet auf, mit Markus’ Hand auf ihrer Schulter.
„Du hast so geschrien, Lena.“ Seine Stimme zitterte. „Alles okay?“
Sie erzählte ihm den Traum. Er runzelte die Stirn. „Oma Hilde hatte doch auch so einen Traum. Und dann ist sie …“ Er brach ab. „Schlaf jetzt. Ich hab gelesen, Träume von Toten bedeuten langes Leben. Bestimmt Unsinn.“
Am nächsten Morgen hatte sie einen Termin beim Friseur, den sie vor Wochen vereinbart hatte. Noch schnell die Haare schneiden lassen vor der Geburt, hatte sie gedacht, damit sie auf den ersten Fotos mit der Kleinen nicht aussieht wie ein Wischmopp. Markus bot an, sie zu fahren, aber sie winkte ab. „Der Salon ist nur zehn Minuten zu Fuß. Frische Luft tut gut, und der Kinderwagen muss eingelaufen werden“, sagte sie und tätschelte ihren Bauch.
Der Weg führte die Holstenstraße hinunter, vorbei an Bäckerei und Buchladen. An der Kreuzung vor dem Park wartete sie auf Grün, die Fußgängerampel zählte noch zwanzig Sekunden. Von hinten hörte sie ein klägliches Mauzen.
Lena drehte sich um. Auf dem Bürgersteig, neben einem Gullydeckel, kauerte ein dreifarbiges Kätzchen. Genau dasselbe wie im Traum. Das gleiche schwarze Fleckchen über dem linken Auge, die gleichen weißen Vorderpfötchen. Es sah sie an und miaute noch einmal, als wollte es sagen: Ja, ich bin’s. Was stehst du da?
Lenas Atem stockte. Sie machte einen Schritt zurück, dann noch einen. Von der Ampel piepte es, noch zehn Sekunden.
Und dann kam der schwarze SUV. Er schoss aus der Seitenstraße, viel zu schnell, fuhr einfach bei Rot über die Kreuzung, eine junge Frau mit Kinderwagen sprang zur Seite, der Wagen scherte aus, streifte den Bordstein und kam direkt auf Lena zu. Genau auf die Stelle, wo sie gerade noch gestanden hatte.
Ein einziger Schritt trennte sie vom Tod. Der schwarze Koloss donnerte mit quietschenden Reifen haarscharf an ihr vorbei, rammte die Mülltonnen, krachte mit der Schnauze in die Hauswand des Friseursalons. Putz rieselte, Glas splitterte. Es roch nach verbranntem Gummi und Schnaps.
Lena stand mit offenem Mund da, die Knie weich. Das Kätzchen hatte sich in ihre Fußknöchel gekrallt und fauchte in Richtung des Wracks. Von überall liefen Leute herbei, Sirenen heulten. Sie bückte sich, hob das zitternde Ding hoch und drückte es an sich. Das Herz hämmerte so laut, dass sie kaum den Mann verstand, der sie fragte, ob sie verletzt sei. Sie schüttelte nur den Kopf und ging benommen nach Hause, ohne Friseur, ohne Termin, mit einem Kätzchen im Arm, das schnurrte, als wäre es das Normalste der Welt.
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„Und das ist die Wahrheit, Markus“, schloss Lena. Ihre Stimme war heiser vom langen Erzählen. „Wenn Flocke nicht gemiaut hätte, wenn ich nicht diese zwei Schritte zurückgegangen wäre … dann läg ich jetzt nicht hier. Dann hättest du keine Frau mehr und keine ungeborene Tochter. Also sag mir nicht, ich soll sie wegwerfen. Sie ist unser Schutzengel auf vier Pfoten. Vielleicht von Oma Hilde geschickt, wer weiß das schon so genau?“
Markus saß da, den Kopf in den Händen. Dann stand er auf, ging um den Tisch herum und nahm behutsam die kleine Katze aus Lenas Schoß. Sie war so winzig, dass sie ganz in seiner Handfläche Platz hatte. Er hob sie vorsichtig hoch, betrachtete das dreifarbige Fell. Das Kätzchen stupste mit der Nase gegen sein Kinn.
„Ich hab doch nur Angst um euch gehabt“, murmelte er. „Um dich und das Baby. Und dann kommst du mit ’ner Streunerkatze heim …“ Er schluckte. „Wenn das stimmt, dann … dann schulde ich dieser Miez mehr als nur ein Leckerli. Dann schulde ich ihr alles.“ Er kraulte Flocke hinterm Ohr, und das Kätzchen begann sofort zu schnurren wie ein kleiner Motor. „Ab Morgen bau ich ihr einen Kratzbaum. Den größten, den es gibt. Und den teuersten Napf, versprochen. Nur das Beste für unsere Flocke – ach, ich Idiot hab noch nicht mal gefragt, ob sie Hunger hat. Was fressen solche Winzlinge?“
Lena lachte, zum ersten Mal seit Tagen, und es tat gut. „Wir haben noch Hühnchen vom Mittagessen. Und Milch, verdünnt mit Wasser, steht im Netz, dass das für kleine Katzen okay ist. Du kannst ja mal dein Internetwissen anwenden, ohne mir zu sagen, dass ich verrückt bin.“
Markus grinste schief. Er setzte Flocke vorsichtig auf den Boden, wo sie sofort begann, seine Schnürsenkel zu jagen. Dann kniete er sich neben Lenas Stuhl und legte eine Hand auf ihren Bauch. Das Baby trat, kräftig, als wolle es mitmischen. „Abgemacht. Du und die Kleine und Flocke – meine drei Mädels. Ich pass auf euch alle auf. Und morgen ruf ich diesen Tierarzt in der Schanzenstraße an, der so gut sein soll. Die Kleine wird durchgecheckt, geimpft, alles. Und den Führerschein von dem Irren im SUV, den sollte man gleich einstampfen. So eine Sauerei, am helllichten Tag!“
Lena strich ihm durchs Haar. „Das Polizei klärt das. Jetzt komm, hilf mir vom Stuhl hoch. Ich muss mal, und danach will ich nur noch die Füße hochlegen und Flocke beim Schnurren zuhören. Es war ein langer Tag. Ein sehr langer Tag. Aber irgendwie … als ob jemand auf mich aufgepasst hat. Vielleicht Oma Hilde, vielleicht einfach das Schicksal. Egal. Jetzt bin ich da, und das zählt.“
Sie aßen gemeinsam das restliche Hühnchen, Flocke bekam ihr Schälchen mit zerkleinertem Fleisch, das sie unter dem Tisch verschlang, mit kleinen Knurrlauten, die Markus so entzückend fand, dass er sie sofort eine „kleine Kämpferin“ taufte. Die Nacht verbrachte die Katze auf Lenas Babybauch, und Markus lag daneben, die Hand auf dem dreifarbigen Fell, als traue er dem Frieden noch nicht ganz.
Vier Tage später kam die kleine Annika zur Welt, mit einem kräftigen Schrei und einem dunklen Haarschopf. Im Kreißsaal hielt Markus Lenas Hand und weinte. Zwei Tage darauf holte er Frau und Kind nach Hause. In der Wohnung duftete es nach frisch gebackenem Kuchen – seine Mutter war kurz da gewesen und hatte aufgeräumt – und auf dem neuen, flauschigen Katzenbett im Wohnzimmer thronte Flocke, ein winziges blaues Schleifchen um den Hals. Markus hatte das Schleifchen extra beim Tierbedarf gekauft, im selben Blau wie Annikas Strampler.
Lena stand im Flur, die schlafende Tochter im Arm, und betrachtete die Katze. Flocke blinzelte, gähnte und sprang mit einem ehrfürchtigen kleinen Satz vom Bett, strich um Lenas Knöchel und miaute leise. Als Lena sich aufs Sofa setzte, sprang sie sofort mit hoch und rollte sich neben Annikas Füßchen zusammen, die Nase dicht am gestreiften Strampelhöschen.
„Sie bewacht sie“, flüsterte Markus und setzte sich dazu. „Weißt du, was der Tierarzt gesagt hat? Dass dreifarbige Katzen echte Glücksbringer sind. Und dass diese hier kerngesund ist, kein Chip, keine Krankheiten. Wie ein kleiner unbeschriebener Engel, einfach so vom Himmel gefallen. Unser pelziger Schutzengel.“
Lena lächelte. „Dann hat Oma Hilde ihr vielleicht doch noch einen Wink geschickt. Ich werd’s ihr nie vergessen. Keinem von beiden.“ Sie strich Flocke über den Rücken, und die Katze schnurrte so laut, dass Annika im Schlaf die Stirn runzelte und weiterschlief. Das Klingeln des Backofentimers holte sie zurück in die Gegenwart, der Kuchen war fertig, der Kaffee duftete, und irgendwo auf dem Fensterbrett landete eine Taube, die neugierig hereinspähte, bevor sie wieder davonflog, als ahnte sie, dass in dieser Wohnung jetzt eine eigene kleine Armee von Beschützern wachte.
