# Der Streit auf der Karl-Marx-Straße

Renate hielt den Bauch mit der flachen Hand, während sie sich um den Kinderwagen im Flur herumdrückte. Ihr Schwiegervater hatte ihn quer vor die Wohnungstür gestellt, mitten zwischen die drei Reisetaschen, die seine Frau vom Auto hochgeschleppt hatte. Es war der siebte Monat, es war Freitagabend, und Renate wollte nur eines: fünf Minuten, in denen niemand etwas von ihr wollte.

Aus dem Wohnzimmer dröhnte der Fernseher – Fußball, Werder gegen irgendwen –, und darüber eine Stimme, die es gewohnt war, gehört zu werden.

„Mensch, Bärbel, wo bleibt das Essen? Wir sind seit drei Stunden auf der A1 gesessen, ich könnte ein Pferd essen!"

Das war Heinz-Dieter, ihr Schwiegervater. Zweiundsechzig, pensionierter Straßenbahnfahrer aus Gelsenkirchen, seit vierzehn Jahren in Rente und seit vierzehn Jahren der Ansicht, dass ihm die Welt noch einen Nachschlag schulde.

„Kommt sofort, Papa", rief Renate zurück. „Das Gulasch braucht noch zehn Minuten."

„Gulasch mit Kruste soll's sein!", meldete sich Ingrid, seine Frau, ohne sich von der Couch zu erheben. „Und starken Kaffee. Letztes Mal hast du den doch verdünnt, das schmeckt ja nach nichts."

Renate lächelte das Lächeln, das man sich zulegt, wenn man beschlossen hat, noch einen Abend durchzuhalten. Sie rührte im Topf, während sie mit dem Augenwinkel die Kleinste beobachtete, die am Tischtuch zog. Der Große, Finn, sieben, zupfte an ihrem Ärmel und wollte wissen, ob sie ihm noch bei den Matheaufgaben hilft.

„Finn, in zehn Minuten bin ich bei dir. Erst füttere ich Oma und Opa, dann setzen wir uns hin."

„Warum musst du die immer zuerst füttern?", flüsterte der Junge, damit niemand es hörte.

„Weil sie Gäste sind", sagte Renate. „Gäste bekommen zuerst was zu essen. Auch wenn sie sich nicht angemeldet haben."

Heinz-Dieter kam in die Küche geschlurft, warf einen Blick in den Topf und zog die Augenbrauen zusammen. Er fischte mit der Gabel ein Stück Fleisch direkt aus der Pfanne, biss hinein, Fett lief ihm übers Kinn.

„Trocken", urteilte er kauend. „Meine Frau hat das saftiger gemacht, als unser Sohn noch klein war. Lern was, Mädchen, solange du noch kannst."

„Danke für die Nachhilfe", sagte Renate nach einer Pause. „Ich schreib das in ein extra Heft. Vielleicht gibt's irgendwann eine Sammlung Ihrer Lebensweisheiten, die verkauft sich bestimmt gut."

„Was-was?"

„Nichts. Setzen Sie sich, sonst wird's kalt."

Als ihr Mann Sven abends heimkam, wurde er beim Anblick seiner Eltern im Flur regelrecht munter. Er umarmte den Vater, küsste die Mutter auf die Wange und rieb sich die Hände in Erwartung von etwas Warmem.

„Junge, du bist gewachsen!", dröhnte Heinz-Dieter. „Und deine Frau hat das Fleisch zu trocken gebraten, sag ihr das mal."

„Sag ich ihr, sag ich ihr", lachte Sven und setzte sich an den Tisch. „Ver – ich meine, Renate, gib dir mal Mühe."

„Ich geb mir Mühe", sagte sie und stellte ihm den Teller hin. „Sehr viel Mühe, Sven."

Nachts, als seine Eltern im Gästezimmer schnarchten und die Kinder quer im Ehebett lagen, berührte sie seine Schulter. Sie sprach leise, vorsichtig, wie man mit jemandem spricht, den man nicht erschrecken will.

„Sven, ich beschwer mich nicht. Ich möchte nur eins: dass sie vorher anrufen, bevor sie kommen. Wenigstens einen Tag vorher."

„Wozu telefonieren? Das ist doch Familie, unser Zuhause."

„Familie, ja", stimmte sie zu. „Aber ich bin im siebten Monat. Ich arbeite von zu Hause, hab Meetings, zwei Kinder, Rückenschmerzen. Es ist anstrengend für mich."

„Ein paar Tage, dann sind sie wieder weg. Du schaffst das", gähnte er.

„Es geht nicht um Schaffen", sagte Renate ins Dunkel. „Es geht um Respekt."

Er schlief schon. Sie lag da und starrte an die Decke des Reihenhauses in Bochum, hörte irgendwo draußen einen Nachbarhund bellen, roch den kalten Kaffeegeruch, der noch aus der Küche zog – und trug in sich die letzte, dumme Hoffnung, dass morgen alles anders sein würde.

Der nächste Vormittag begann damit, dass Heinz-Dieter ohne Anklopfen die Schlafzimmertür aufriss und verkündete, im Kühlschrank sei nichts Anständiges zu essen.

„Was ist das für Kram?", schimpfte er und stapelte die Tupperdosen aus dem Kühlschrank auf die Arbeitsplatte. „Wo ist das Fleisch? Wo ist der Speck? Fütterst du die Kinder mit Gras?"

„Das ist kein Gras, Papa, das ist Brokkoli", antwortete Renate und zog ihren Morgenmantel zurecht. „Der ist gesund."

„Gesund!" Er schnaubte. „Gesund ist, was Kraft gibt. Geh, kauf richtig ein, ich geb dir kein Geld, ich hab meine Rente, du weißt selbst."

„Ich weiß", nickte sie. „Sie haben Ihre Rente, ich hab meinen Brokkoli. Passt doch."

Sie setzte die Kleinste an den Tisch, klappte den Laptop auf, um pünktlich zum Meeting zu erscheinen – und in dem Moment brüllte der Fernseher los. Heinz-Dieter hatte sich im Sessel gegenüber niedergelassen und die Lautstärke aufgedreht, als wäre es Absicht.

Sie deckte sich mit der Hand das freie Ohr zu und versuchte, mit den Kollegen auf dem Bildschirm zu sprechen.

„Entschuldigung, bei uns wird gerade renoviert", log sie ins Mikrofon, während sie im Morgenmantel auf den Flur hinaustrat. Irgendwie brachte sie das Gespräch zu Ende, stehend auf der kalten Treppe, wo aus dem Hausflur der Geruch von Bohnerwachs und dem Frühstück der Nachbarn hochzog.

Als sie zurückkam: verschütteter Apfelsaft in der Küche, die Kleinste weinend, die Schwiegermutter blätterte ungerührt in ihrer Zeitschrift. Heinz-Dieter zeigte mit dem Finger auf das Kind und lachte.

„Ihr habt die Jungs verzogen. Bei uns gab's dafür den Gürtel. Sven ist bei mir stramm gestanden."

„Sieht man auch, wozu das erzogen hat", riss ihr die Geduld. „Anklopfen haben Sie jedenfalls nicht gelernt."

„Wem gegenüber wirst du hier frech?!" Er hievte sich hoch, der Sessel quietschte. „Ich bin der Älteste in diesem Haus!"

„In diesem Haus ist die Baufinanzierung das Älteste", sagte sie ruhig. „Die zahlen Sven und ich seit acht Jahren ab. Sie sind hier Gast, Papa. Lieber Gast, unangemeldet, aber Gast."

„Dir werd ich zeigen, Gast!" Speichel spritzte ihm aus dem Mund. „Wart, bis Sven kommt, der bringt dir das schon bei!"

Abends erzählte sie ihrem Mann alles – den Saft, den Fernseher, die Treppe, den Morgenmantel. Sie nahm seine Hand und bat ihn, wenigstens einmal zuzuhören, ohne dazwischenzureden.

„Das ist ein alter Mann", zog er die Mundwinkel schief. „Was willst du, dass er sich mit fünfundsechzig ändert?"

„Ich will, dass du auf meiner Seite stehst", sagte sie leise. „Nur einmal."

„Hier gibt's keine Seiten, Renate. Hier gibt's Familie. Bleib einfach ein bisschen ruhiger, dann pendelt sich das ein."

„Ruhiger", wiederholte sie. Sie stand auf, räumte seinen Teller ab, obwohl er noch nicht fertig gegessen hatte. Die Hoffnung, die sie zwei Tage lang in der Hand gewärmt hatte, kühlte endgültig aus. An ihre Stelle trat etwas Hartes, Trockenes wie Stein.

Beim nächsten Besuch stritt Renate nicht mehr. Sie empfing die Gäste mit einem so breiten Lächeln, dass Heinz-Dieter sogar misstrauisch wurde.

„Na also, geht doch", brummte er zufrieden, während er sich die Schuhe auszog. „Steht das Mittagessen schon?"

„Kommt, kommt", trällerte Renate. „Erst mal eine kleine Überraschung."

Sie packte in Ruhe die Kinderrucksäcke, ihre eigenen Sachen, das Laptop-Ladekabel. Nahm die Kleine auf den Arm, hielt Finns Hand, und drehte sich an der Tür noch einmal um zu dem erstarrten Schwiegervater.

„Papa, ich fahre mit den Kindern zu Karin auf ihr Grundstück nach Werne, solange Sie beide hierbleiben. Frische Luft, Milch vom Hof, alles, was wir mögen. Bewirtschaften Sie das hier mal selbst, Sie sind ja der Älteste."

„Wie bitte?!" Er sprang auf. „Und das Essen? Wer soll uns denn füttern?!"

„Den Kühlschrank füllen Sie sich selbst", sagte sie. „Beim Edeka gibt's Fleisch. Saftig, wenn's sein muss. Kochen Sie sich schön was."

„Wohin schleppst du die Kinder, bist du nicht ganz dicht?!", kreischte er. „Ingrid, sag ihr doch was!"

„Mama, ruhen Sie sich aus", nickte Renate der Schwiegermutter zu. „Der Fernseher läuft, der Sessel steht bereit. Nicht aufstehen, das ist ja auch nicht gut für Sie. Grüßen Sie Sven von mir."

Sie schloss die Tür hinter sich zu. Auf dem Grundstück in Werne war es still, die Kinder rannten über die Wiese, das Handy stellte sie bewusst stumm.

„Das hast du echt durchgezogen", lachte Karin und goss Tee ein. „Und was jetzt?"

„Nichts", zuckte Renate mit den Schultern. „Sollen die Männer sich mal selbst ihr Fleisch braten. Dann wissen sie wenigstens, wie es ist, wenn keiner bedient."

„Und wenn Sven beleidigt ist?"

„Dann ist er beleidigt", sagte sie. „Ich hab's ausgehalten. Jetzt ist er dran, mal ein bisschen was auszuhalten."

Die Schwiegereltern, ohne gedeckten Tisch und ohne warmen Kaffee, hielten es bis zum nächsten Morgen aus. Heinz-Dieter fand nichts „Saftiges" im Kühlschrank, ärgerte sich über die ganze Welt und fuhr ab, die Tür so knallend, dass jemand im Treppenhaus laut fluchte.

Als Renate heimkam, empfing sie kein dankbarer, sondern ein wütender Ehemann.

„Du hast meine Eltern vertrieben!", brüllte Sven schon von der Türschwelle aus. „Die sind beleidigt abgefahren! Mein Vater redet nicht mehr mit mir!"

„Ich hab mit mir selbst drei Jahre nicht geredet", erwiderte sie. „Hab's irgendwie überlebt."

„Das ist gemein, Renate!" Er schlug die Hände zusammen. „Einfach abzuhauen, mich allein zu lassen!"

„Gemein ist, wenn jemand zusieht, wie seine schwangere Frau im Morgenmantel auf der kalten Treppe sitzt", sagte sie leise. „Zur Freundin zu fahren ist Selbstschutz."

„Du hast kein Recht dazu…" Ihm ging die Luft aus.

„Sprich den Gedanken zu Ende", sah sie ihm gerade in die Augen. „Kein Recht worauf? Auf Ruhe? Auf Stille? Darauf, in meiner eigenen Küche nicht als dumm hingestellt zu werden?"

Er antwortete nicht. Zwischen ihnen wuchs eine Mauer, kalt und glatt, ohne einen Riss. Sie lebten in derselben Wohnung, schliefen im selben Bett, und wurden einander fremd wie zwei Reisende in einem Zugabteil.

Die Monate zogen vorbei, der Bauch wuchs, die Mauer schmolz nicht. Im achten Monat, als an Flucht nicht mehr zu denken war, tauchten Heinz-Dieter und Ingrid wieder auf – als hätten sie gespürt, dass die Schwiegertochter jetzt nirgendwohin mehr konnte.

Sven empfing sie beinahe triumphierend, wie jemand, dessen Recht sich endlich durchgesetzt hat.

„Siehst du", flüsterte er ihr im Flur zu. „Jetzt bleibt dir gar nichts anderes übrig, als das auszuhalten. Wo willst du in deinem Zustand schon hin?"

„Mhm", war alles, was Renate dazu sagte.

Aber das Schicksal, das wissen wir, mischt sich gern ohne Vorwarnung ein – ganz wie Heinz-Dieter selbst. Am selben Tag, auf dem Weg zur S-Bahn nach der Arbeit, trat Sven auf einer nassen Stufe fehl und knickte sich den Fuß so um, dass er nicht mehr auftreten konnte. Sein Kollege Torsten, mit dem er zusammen bei Thyssenkrupp schichtete, brachte ihn nach Hause und bettete ihn vorsichtig auf die Wohnzimmercouch.

„Halt still, Kumpel", sagte Torsten und schob ihm ein Kissen unters Bein. „Der Arzt hat gesagt, eine Woche Ruhe. Kein Heldentum."

„Danke fürs Heimbringen", verzog Sven das Gesicht. „Ich dachte, das geht von selbst weg."

„Von selbst geht höchstens der blaue Fleck weg", lächelte der Kollege. „Du bist jetzt Zuschauer in der ersten Reihe. Viel Spaß dabei."

Und Zuschauer wurde Sven tatsächlich. Auf der Couch liegend, mitten im eigenen Wohnzimmer, sah er sein Zuhause zum ersten Mal so, wie es wirklich war – nicht abends beim warmen Essen, sondern von morgens bis abends, in voller Länge.

Er sah, wie Renate im achten Monat, an die Wand gedrückt, ein Arbeitsgespräch führte, weil sein Vater den Fernseher nicht leiser stellte. Er sah, wie sie schnitt, kochte, trug, hob, die streitenden Jungs auseinanderzog. Er sah ihre Füße, so geschwollen, dass die Riemen der Hausschuhe kaum noch zusammengingen.

„Renate, Kaffee!", dröhnte der Vater aus dem Sessel. „Und stark, letztes Mal war der wieder verdünnt."

„Kommt gleich, Papa", antwortete sie, die Hand in den Rücken gestemmt.

„Brat auch noch was Fleisch", ergänzte der Alte. „Aber nicht so trocken wie letztes Mal."

Sven beobachtete diese Szene, und etwas in ihm bewegte sich langsam, wie ein schwerer Stein, der einen Hang hinunterrollt. Er sah, wie seine Frau dem Vater den dampfenden Teller hinstellte, und der bedankte sich nicht einmal – brummte nur.

„Papa", sagte Sven leise. „Kannst du dir den Kaffee nicht selbst eingießen?"

„Was?" Heinz-Dieter drehte sich um. „Ich bin Gast! Mich bedient man gefälligst!"

„Sie ist schwanger", sagte der Sohn. „Achter Monat."

„Bei uns haben die Frauen auf dem Feld entbunden und weitergearbeitet", schoss der Vater zurück. „Ihr habt die Frauen verweichlicht. Lieg still und misch dich nicht ein."

Sven schwieg. Aber er sah jetzt anders hin – nicht durch alles hindurch, sondern genau, als würde er das Bild, das er vor sich hatte, mit dem vergleichen, das er jahrelang im Kopf mit sich herumgetragen hatte. Und diese beiden Bilder passten immer weniger zusammen.

Am nächsten Tag, als der Schmerz im Fuß etwas nachließ, wartete er ab, bis er seine Frau ansprechen konnte. Er bat sie, die Kinder anzuziehen und mit ihnen an die Ruhr spazieren zu gehen, ein Eis essen, frische Luft schnappen.

„Und wie kommst du hier allein zurecht?", fragte Renate verwundert.

„Ich bin nicht allein", sagte er. „Ich bin mit meinen Eltern. Wird Zeit für ein Familiengespräch."

Als sich die Tür hinter Frau und Kindern geschlossen hatte, stützte sich Sven auf den Ellbogen und sah seinen Vater an. Heinz-Dieter hatte es sich im Sessel bequem gemacht, klopfte mit der Fernbedienung auf die Armlehne und ahnte nicht, dass das Gespräch kurz werden würde.

„Papa, mach mal den Fernseher aus. Für fünf Minuten."

„Was ist los?" Heinz-Dieter zog missmutig die Stirn in Falten und drehte leiser. „Hat deine Frau dir wieder was eingeflüstert?"

„Niemand hat mir was eingeflüstert", antwortete Sven. „Ich lieg jetzt zwei Tage hier und beobachte alles. Und ich schäme mich. Für mich selbst, dass ich das nicht früher gesehen habe."

„Was hast du da gesehen?" schnaubte der Vater. „Dass eine Frau im Haus rumläuft? Das ist ihre Aufgabe."

„Ihre Aufgabe, das ist eine Sache", sagte Sven. „Aber dir im achten Monat Kaffee zu bringen, das ist keine Aufgabe. Das ist Demütigung. Und damit ist jetzt Schluss."

Heinz-Dieter richtete sich langsam im Sessel auf. Ingrid legte ihre Zeitschrift beiseite und ihr Blick sprang zwischen Mann und Sohn hin und her.

„Woher hast du diesen Ton?", zischte Heinz-Dieter. „So redest du mit deinem eigenen Vater?"

„Ich schrei nicht", sagte Sven ruhig. „Ich sag das leise, weil ich mir bei jedem Wort sicher bin. Ab jetzt gelten neue Regeln. Kein unangemeldetes Auftauchen mehr. Ruft eine Woche vorher an, dann sagen wir euch, ob's passt."

„Was?!" Der Vater fuhr hoch, der Sessel quietschte. „Mein eigener Sohn will mir Regeln machen?!"

„Und übernachten werdet ihr auch nicht mehr bei uns", fuhr Sven fort, ohne die Stimme zu heben. „Wenn ihr kommt, buch ich euch eine Ferienwohnung hier in der Nähe, auf eigene Kosten. Tagsüber seid ihr willkommen, wie es sich für Gäste gehört."

„Ich werd dir…" Heinz-Dieter sprang auf, den Finger auf seinen liegenden Sohn gerichtet. „Ich hab dir alles gegeben! Und du steckst mich jetzt in irgendeine fremde Bude wie einen streunenden Hund?!"

„Fremd?" Sven lächelte schwach. „Das ist genau der Punkt. Das ist unsere Wohnung, Renates und meine. Wir zahlen sie ab. Du hast keinen einzigen Cent hier reingesteckt, Papa, kommandierst aber, als hättest du sie mit eigenen Händen gebaut."

„Ich bin dein Vater!" Heinz-Dieter schnappte nach Luft. „Das zählt was!"

„Zählt es", nickte Sven. „Deshalb setz ich dich nicht vor die Tür. Ich biete dir vernünftige Bedingungen an. Respekt kann man nicht einfordern, den muss man sich verdienen. Also, Papa. Fang an."

„Ach, verdienen?!" Heinz-Dieter lief rot an, Speichel spritzte. „Du bist ein Pantoffelheld! Sie hat dir das Hirn gewaschen! Du bist ein Lappen, kein Mann!"

„Kann sein, dass ich ein Lappen bin", stimmte Sven zu. „Aber meine Frau trägt zwei Kinder auf dem Rücken, das dritte unterm Herzen, hält den Haushalt am Laufen, arbeitet – und hat mir nie so etwas gesagt, wie du es gerade sagst. Denk mal drüber nach, wer von uns beiden der Stärkere ist."

„Ingrid, pack die Sachen!", brüllte Heinz-Dieter und griff nach seiner Tasche. „Wir fahren! Hier braucht uns keiner! Ich hab dich großgezogen, und du schickst deinen eigenen Vater in eine Ferienbude wie ein Gepäckstück!"

„Ich bestell euch ein Taxi", sagte Sven unbeirrt. „Und die Bahntickets zahl ich auch. Das ist kein Streit, Papa. Das sind einfach neue Regeln. Wenn du danach leben willst, seid ihr immer willkommen."

„Das wirst du bereuen!", schnaubte der Vater und verhedderte sich im Ärmel seiner Jacke. „Ich setz keinen Fuß mehr hier rein! Ihr könnt betteln kommen – ich komm trotzdem nicht!"

„Die Tür steht offen", antwortete Sven. „In beide Richtungen."

Heinz-Dieter stürmte auf den Flur, zerrte die verwirrte Ingrid und die beiden Taschen hinter sich her. Im ganzen Treppenhaus schimpfte er, prophezeite, sein Sohn werde es noch bereuen, dass man seine Eltern nicht so vor die Tür setzt, dass die freche Schwiegertochter alles kaputtgemacht habe. Die Tür fiel ins Schloss, und es kam die echte Stille – jene, nach der Renate sich jahrelang gesehnt hatte.

Als sie mit den Kindern zurückkam, streckte Sven ihr die Hand entgegen und bat sie, sich zu ihm zu setzen. Er hielt ihre Hand lange in seiner und sprach leise, ohne große Erklärungen. Er entschuldigte sich für jeden Abend, an dem er hindurchgesehen und sie nicht wahrgenommen hatte.

Heinz-Dieter saß derweil in einem fremden, brummenden Auto, die Tasche fest auf den Knien, und fand niemanden, dem er die Schuld zuschieben konnte. Er ließ seine eigenen Worte im Kopf noch einmal durchlaufen – vom „Vater sein zählt was", vom „mich bedient man gefälligst", vom „ich geb dir kein Geld" – und begriff nicht, wie es dazu hatte kommen können, dass sein eigener Sohn ihn ansah wie einen Fremden.

„Selber schuld, alter Idiot", murmelte er vor sich hin und knetete den Riemen der Tasche. „Hätte ich still meinen Kaffee getrunken, hätt ich mal zugehört, statt zu kommandieren…"

Er malte sich aus, wie das Enkelkind zur Welt kommen würde, das man ihm künftig nur zu großen Feiertagen zeigen würde. Wie der Sohn einmal im Monat anrufen würde, knapp und trocken. Wie sein Platz am Tisch, wo er einst laut geworden war und befohlen hatte, jetzt jemand anderes einnehmen würde – nur eben nicht er.

Ein Jahr später erfuhr Renate durch Zufall, wer damals wirklich hinter der Sache mit dem verdünnten Kaffee steckte: Ingrid gestand ihr beim Kaffeetrinken in der Küche, halb verlegen, dass sie den Kaffee selbst schwächer gebraut hatte, all die Jahre – aus Angst, dass ihr Mann bei zu viel Koffein noch aufbrausender würde. Heinz-Dieter meldet sich inzwischen tatsächlich eine Woche im Voraus, wohnt bei Besuchen in der Pension am Bahnhof und bringt neuerdings selbst gebackenen Kuchen mit, weil er, wie er sagt, „nicht mit leeren Händen kommen will". Renate stellt ihm Kaffee hin, ohne ihn zu fragen, ob er stark genug ist. Er trinkt ihn, wie er kommt.

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