Fünfzehntausend Euro

Der Anruf meiner Schwiegermutter kam Ende Mai. Ich stand in unserer Hamburger Küche, rührte Tomatensoße um und versuchte, die Matheaufgaben meiner Tochter Johanna zu verstehen, die wie Hieroglyphen auf dem Tisch lagen. Helgas Stimme klang, als hätte sie den ganzen Vormittag auf einer Sonnenwiese gelegen: weich, fast bittend.

„Anna, Kind, kommt doch den Sommer zu uns. Die Alpenluft, der Garten – für Johanna wäre das ein Paradies.“ Sie malte Worte aus, die ich seit Monaten nicht mehr gehört hatte: Ruhe, Platz, keine Sirenen, kein Beton. Matthias, mein Mann, hatte sich hinter seiner Zeitung verschanzt. Ich sah seinen Rücken und wusste, dass er nichts sagen würde. Zwei Wochen Urlaub hatten wir, der Rest wäre Homeoffice für ihn, für mich die ersehnte Pause vom Schuldienst. „Wir kommen“, sagte ich leise.

Die Fahrt in den kleinen Ort Oberau, eingeklemmt zwischen zwei grüne Hügel, dauerte sieben Stunden. Als wir ausstiegen, roch es nach frischem Heu und Kuhmist, und die Kirchenglocken schlugen Viertel nach drei. Helga trug eine geblümte Schürze, hinter ihr tauchte mein Schwager Klaus auf, die Hände an den Hüften, als vermesse er unser Auto. Seine Frau Birgit lächelte dünn, während sie einen Korb mit Eiern balancierte. „Die Stadtleute“, sagte Klaus statt einer Begrüßung. Mehr nicht.

Das Haus war ein alter Holzbau mit tiefen Fenstern und einer Bank davor. Im Flur stand ein leerer Hundekorb – der alte Jagdhund war vor zwei Jahren gestorben, aber der Geruch hing noch in den Fasern. Ich stellte unsere Taschen ab, Johanna rannte sofort zu den Hühnern. Matthias atmete tief durch. „Seine Heimat“, flüsterte Helga, und ich nickte, obwohl ich das Gefühl hatte, eine fremde Tür geöffnet zu haben.

Am ersten Morgen weckte mich nicht der Hahn, sondern ein lautes Klopfen. Es war halb sechs. „Die Beete müssen gehackt werden, bevor die Sonne zu hoch steht“, sagte Helga und drückte mir eine Hacke in die Hand. Ich stand barfuß im taufeuchten Gras, eine Krähe schrie vom Kirchturm. Matthias war schon im Gemüsegarten, er bewegte sich wie jemand, der diese Arbeit einmal gehasst und dann vergessen hatte. Johanna saß auf der Treppe, ein Bilderbuch auf den Knien. „Wann gehen wir zum Bach?“, fragte sie. „Später“, sagte ich, und das Wort schmeckte nach Lüge.

Die Tage wurden ein einziger, langer Bogen aus Karotten, Unkraut und Gießkannen. Klaus tauchte jeden Nachmittag auf, oft mit einer Flasche Bier, und kommentierte jede meiner Bewegungen. „Die Städterin kann nicht mal eine Harke halten.“ Er lachte, Birgit stimmte ein. Matthias hörte es, aber er sortierte weiter Holzscheite, als wäre er taub geworden. Johanna begann, sich zu verstecken. Ich fand sie einmal im Hühnerstall, sie hatte Heu im Haar und erzählte den Hühnern, dass sie hier nicht hingehöre. Da riss etwas in mir, aber ich lächelte noch, aus Gewohnheit.

Der Bruch kam an einem Sonntag. Es war Kirchweih, und Klaus hatte eine Gesellschaft im Hof organisiert. Lange Tische, Bierbänke, Brezen und Radi. Ich half beim Servieren, Johanna balancierte einen Krug Apfelschorle. Klaus, schon leicht angetrunken, deutete auf sie. „Die Kleine kann wenigstens was lernen. In eurer verweichlichten Stadt wird sie ja nur verwöhnt.“ Er klopfte Matthias auf die Schulter. „Deine Tochter hätte einen Sommer bei mir nötig. Mal richtig arbeiten.“ Johanna stellte den Krug ab, ihre Unterlippe zitterte. Ich sah, wie Birgit ihr Handy zückte, um das Ganze zu filmen. Und Matthias? Er schaute auf seinen Teller und sagte: „Komm, Klaus, lass gut sein.“

In dieser Nacht lag ich wach. Die Fensterläden knarrten, irgendwo schrie ein Käuzchen. Ich scrollte durch mein Online-Banking, suchte irgendetwas, das mir Halt gab – und blieb an einer Überweisung von vor drei Jahren hängen. 15.000 Euro. Verwendungszweck: *Dachreparatur Haus Oberau*. Der Betrag hatte damals fast all unser Erspartes aufgefressen, aber Helga hatte am Telefon geweint und von undichten Ziegeln gesprochen. Matthias war sofort bereit gewesen. „Es ist doch das Haus meiner Mutter“, hatte er gesagt. Eine Quittung gab es nicht, nur den elektronischen Beleg und ein paar Nachrichten.

Am nächsten Vormittag fuhr ich mit dem Bus ins nächste Städtchen. 12,80 Euro, die mich eine Welt kosteten. Der Anwalt, ein älterer Herr mit ruhiger Stimme, sah sich die Auszüge an. „Eine Schenkung oder ein Darlehen?“, fragte er. Ich sagte: „Ein Darlehen. Das Geld sollte zurückfließen, sobald die Ernte verkauft wäre.“ Es stimmte nicht ganz, aber es fühlte sich an wie eine Wahrheit, die ich mir zu lange verweigert hatte. Er formulierte ein Schreiben, setzte eine Frist und berechnete Verzugszinsen. 375 Euro. Die Summe war klein gegen das, was ich an Würde eingebüßt hatte.

Zurück im Bauernhaus roch es nach Bratfett und frischem Streit. Klaus und Birgit saßen mit Helga im Wohnzimmer, über einen Grundriss gebeugt. Sie planten den Ausbau des Nebengebäudes zu einer Ferienwohnung. Mein Ferienhaus, schoss es mir durch den Kopf. Das Geld für den Dachstuhl war meines gewesen. Ich holte die Mappe aus meiner Tasche.

„Ich möchte euch etwas zeigen.“ Meine Stimme war fest, obwohl mein Puls bis in die Schläfen hämmerte. Ich legte den Ausdruck auf den Holztisch, daneben mein Handy mit geöffneter Banking-App. „Vor drei Jahren habe ich 15.000 Euro für das Dach überwiesen. Das war ein Darlehen. Hier ist die Aufforderung zur Rückzahlung. Entweder ihr überweist mir den Betrag jetzt, oder ich reiche morgen die Klage ein. Dann kommen noch die Zinsen obendrauf – 3,87 Prozent seit letztem Monat, hat der Anwalt gesagt. Das sind genau 375 Euro und vierzehn Cent mehr.“

Stille. Kein Vogel draußen. Nur das leise Surren des Kühlschranks. Helga griff nach dem Papier, ihre Finger zitterten. „Aber Kind, das war doch für die Familie…“ Ich antwortete nicht. Ich sah Klaus an. Er hatte seine Kiefermuskeln so fest zusammengepresst, dass die Adern an den Schläfen hervortraten. „Du willst uns ruinieren“, presste er hervor. „Nein, ich will mein Geld zurück. Ganz einfach.“ Matthias hob den Kopf. Sein Gesicht war blass, aber er räusperte sich und sagte leise: „Anna hat recht. Es war ihr Erspartes.“ Klaus starrte ihn an, als hätte sein Bruder ihm gerade eine Ohrfeige verpasst. Birgit legte ihr Handy beiseite, zum ersten Mal ohne hämisches Grinsen.

Es dauerte drei Minuten. Klaus kramte sein eigenes Smartphone hervor, tippte wütend, fluchte über das schlechte Netz. Ich nannte ihm meine IBAN, Buchstabe für Ziffer, als diktiere ich eine Lektion. Dann zeigte er mir den Bildschirm: *Überweisung ausgeführt. 15.000,00 EUR*. Ich nickte, steckte mein Handy ein, das fast zeitgleich summte. „Danke.“

Wir packten noch am selben Abend. Johanna fragte nicht mehr nach dem Bach. Sie hielt ihre Tasche mit beiden Armen, während wir zum Auto gingen. Helga stand in der Tür, die Schürze lose um die Hüften. „Das war nicht nötig“, rief sie tonlos. Ich antwortete erst, als ich die Fahrertür öffnete. „Das Dach ist dicht. Ihr könnt ja jetzt eine Ferienwohnung daraus machen. Aber ohne mich.“ Ich warf noch einen Blick in den Rückspiegel. Klaus stand am Gartentor, die Fäuste an den Oberschenkeln, und sah uns nach, bis die Kurve ihn verschluckte. Der Kirchturm verschwand hinter den Hügeln. Neben mir atmete Matthias schwer, aber er suchte meine Hand auf dem Schaltknauf. Ich ließ es zu. Nicht aus Vergebung, sondern weil unser Auto jetzt das Einzige war, das mir noch gehörte.

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