Ruhe am Lietzensee

„Ist es nicht schlimm, so allein?" Das fragen sie mich fast alle, sobald sie hören, dass ich einundachtzig bin und seit sechs Jahren allein in meiner Wohnung in Charlottenburg lebe. Sie fragen es leise, mit gesenktem Blick, als würden sie mir schon im Voraus ihr Beileid aussprechen. Ich lächle dann nur und rühre in meinem Kaffee weiter.

Ich heiße Ingrid Baumann, und ich habe gelernt, dass Alleinsein und Einsamkeit zwei völlig verschiedene Dinge sind, die man in dieser Stadt gern verwechselt.

Den größten Teil meines Lebens habe ich in dieser Wohnung am Lietzensee verbracht, in der es nie richtig ruhig war. Vier Kinder, ein Mann, der beim Bezirksamt arbeitete und abends immer noch Aktenberge mit nach Hause brachte, und eine Küche, in der ständig etwas köchelte oder überkochte. Die Kinder rannten den Flur rauf und runter, jemand übte Blockflöte im Wohnzimmer, jemand stritt sich um die Fernbedienung. Das Telefon klingelte, die Nachbarin klopfte wegen der Mülltonnen, mein Mann Karl-Heinz rief nach der Krawatte, die er selbst verlegt hatte. Ich war diejenige, die alles zusammenhielt: Zahnarzttermine, Elternabende, Karls Blutdrucktabletten, die Steuererklärung, die Sorgen der Kinder und die stillen Sorgen, die keiner aussprach. Ich wusste immer, wer heute einen schlechten Tag hatte und wer Trost brauchte, bevor er selbst merkte, dass er ihn brauchte.

Ich habe diese Familie geliebt, mit allem, was ich hatte. Aber es war ein Leben, in dem für mich selbst kaum Platz blieb.

Dann starb Karl-Heinz, vor sechs Jahren, im November, kurz nach dem ersten Frost. Die Wohnung wirkte danach plötzlich riesig, und die Stille darin fühlte sich fremd an, fast bedrohlich. In den ersten Monaten machte sie mir Angst. Jedes leere Zimmer schien mich an etwas zu erinnern, das nicht mehr wiederkam. Die Nachbarin von gegenüber, Frau Schröter, klingelte oft mit einem Kuchen und einem gut gemeinten Rat.

„Sie sollten näher zu Ihrer Tochter ziehen, Frau Baumann. In Ihrem Alter sollte doch jemand in der Nähe sein."

Auch meine Tochter Sabine meinte es gut, als sie vorschlug, ich könnte doch ins Einliegerzimmer bei ihr und ihrem Mann in Reinickendorf ziehen. „Damit du nicht so allein bist, Mama." Mein Sohn Bernd schickte mir Prospekte von einer betreuten Wohnanlage in Zehlendorf, mit Notrufknopf und gemeinsamem Mittagstisch.

Ich wusste, sie meinten es alle gut. Aber eines Morgens saß ich am Küchenfenster mit einer Tasse Kaffee, die schon halb kalt war, weil ich vergessen hatte, sie zu trinken, und sah hinüber zum Lietzensee, wo ein alter Mann seinen Dackel Gassi führte, denselben Weg wie jeden Tag. Ich stellte die Tasse ab, wärmte die Hände kurz an ihr, und trank sie dann trotzdem, kalt wie sie war, in kleinen Schlucken, bis zum letzten Rest.

Ich habe das Angebot meiner Kinder abgelehnt. Höflich, aber bestimmt. Ich blieb in der Wohnung, in der ich vierzig Jahre gelebt hatte, nur dass es jetzt anders klang.

Jetzt esse ich, wenn ich Hunger habe, nicht wenn der Tisch für sechs Personen gedeckt werden muss. Ich lege mich hin, wenn ich müde bin. Ich habe keinen Termin mehr, den ich einhalten muss, außer den, den ich mir selbst setze. Ich kann eine ganze Stunde mit meinem Milchkaffee am Fenster sitzen und zusehen, wie die Straßenbahn der Linie M45 vorbeirattert. Ich pflanze im Frühjahr Geranien in den Balkonkasten um, obwohl niemand außer mir sie je bewundert. Ich lese die Bücher, die ich mir früher nie erlaubt habe anzufangen, weil immer irgendetwas dazwischenkam. Manchmal vergeht ein ganzer Tag, an dem ich mit niemandem spreche außer mit dem Verkäufer im Spätkauf an der Ecke, bei dem ich mein Kilo Äpfel kaufe.

Die Stille macht mir keine Angst mehr. Sie ist zu einer Begleiterin geworden, die nichts von mir verlangt und mich nicht hetzt.

Meine Kinder haben längst eigene Familien, Arbeit, ihre eigenen Sorgen. Und so soll es sein. Ich habe sie zu selbstständigen Menschen erzogen, die ihr eigenes Leben gestalten können. Und sie lassen mir, aus Liebe, dasselbe Recht.

Natürlich gibt es Tage, an denen die Traurigkeit zurückkommt. Ein altes Foto vom Ostseeurlaub in Sabines Schuhkarton, ein Lied im Radio, der Geruch von Karls Lieblingsgericht, wenn ich es zufällig irgendwo koche — dann ist die Erinnerung plötzlich wieder da. Dagegen kann man nichts machen. Aber sie bleibt nicht lange. An solchen Abenden koche ich mir einen zweiten Kaffee, stelle ihn neben Karls altes Foto auf die Fensterbank, und trinke meinen eigenen dann am Tisch, ganz allein, bis auch das wieder leichter wird.

Vor drei Wochen kam Sabine vorbei, mit einem Ordner unter dem Arm. Sie setzte sich an meinen Küchentisch, den Ordner vor sich, und sagte, sie und Bernd hätten „mal überlegt", ob es nicht sinnvoller wäre, die Wohnung jetzt schon auf sie beide zu überschreiben, mit einem Wohnrecht für mich — „damit später alles geregelt ist, Mama, du weißt ja, wegen der Erbschaftssteuer, und falls dir mal was passiert."

Ich habe den Ordner aufgeschlagen, die Seiten durchgeblättert, die Unterschriftenzeile gesehen, auf der mein Name schon mit Bleistift vorgezeichnet war. Und ich habe ihn wieder zugeklappt.

„Nein, Sabine. Nicht so."

Sie hat protestiert, gesagt, es sei doch nur zu meinem Besten, dass ich mich nicht mehr um „so was" kümmern müsste. Ich habe ihr geantwortet, dass ich mich seit sechs Jahren um alles selbst kümmere, um die Steuererklärung, um die Handwerkerrechnungen, um die Bank, und dass ich das auch weiterhin so halten werde. Am nächsten Tag bin ich zu meinem Notar am Kaiserdamm gegangen, Herrn Dr. Feldmann, den ich seit Karls Tod kenne, und habe mit ihm ein sauberes Testament aufgesetzt: die Wohnung geht zu gleichen Teilen an alle vier Kinder, erst wenn ich einmal nicht mehr da bin, keine Sekunde früher. Ich habe außerdem eine Vorsorgevollmacht hinterlegt, die genau festlegt, wer im Notfall für mich entscheiden darf — und wer nicht allein darüber bestimmt, was mit meiner Wohnung geschieht.

Als ich Sabine den Umschlag mit der Kopie zeigte, wurde sie ganz still, dann sagte sie nur: „Das hätte doch nicht sein müssen, Mama." Ich habe ihr die Hand auf den Arm gelegt und gesagt, dass es genau deshalb sein musste — damit zwischen uns kein Ordner mehr steht, sondern nur noch Kaffee und Sonntagsbesuche.

Seitdem kommt sie wieder öfter, ohne Papiere, einfach so, mit einem Kuchen vom Bäcker am Kurfürstendamm. Heute Nachmittag sitzen wir wieder am Fenster, der Kaffee dampft noch zwischen uns, draußen rattert gerade die M45 vorbei, und Sabine erzählt von den Enkeln, wie die Kleine jetzt schon die Buchstaben ihres Namens schreiben kann. Ich lege meinen Löffel neben die Tasse, höre zu, und drüben am Ufer geht der alte Mann mit dem Dackel denselben Weg wie immer.

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