Ich heiße Konrad Lindmann, ich bin vierunddreißig, und ich habe zwölf Jahre lang meine Tante Hedwig gepflegt, ohne einen Cent dafür zu verlangen. Das muss man vorausschicken, sonst versteht man nicht, warum ich an jenem Dienstag im März mit zusammengebissenen Zähnen vor einem Notar in Bremen saß und einer Katze zuhörte, die mich anstarrte, als wüsste sie genau, was sie mir gerade weggenommen hatte.
Tante Hedwig war die Schwester meines Vaters, kinderlos, Witwe seit Ewigkeiten, und sie wohnte in einer Altbauwohnung in der Neustadt, drei Zimmer, hohe Decken, ein Klavier, das nie gestimmt wurde. Ich bin bei ihr eingezogen, als mein Vater starb und sie plötzlich niemanden mehr hatte außer mir. Ich habe ihr die Einkäufe getragen, sie zur Dialyse gefahren, nachts, wenn sie Angst hatte, auf der Bettkante gesessen. Das war kein Opfer, das war einfach mein Leben zehn Jahre lang. Man denkt in solchen Situationen nicht in Kategorien wie Lohn oder Erbe. Man macht es, weil man der Einzige ist, der da ist.
Vor sechs Jahren hat Hedwig sich einen Kater angeschafft. Ein räudiges, halbverhungertes Tier, das sie aus dem Hinterhof gefischt hatte, weil es unter ihrem Auto Schutz vor dem Regen suchte. Sie nannte ihn Herbert, nach ihrem verstorbenen Mann, was ich damals schon merkwürdig fand, aber niemand hat mich gefragt. Herbert bekam ein eigenes Kissen auf dem Sofa, Frischfleisch vom Metzger in der Ostertorstraße, und abends saß er auf der Fensterbank und beobachtete die Straßenbahn der Linie 10, die unten vorbeifuhr. Ich mochte das Tier nicht besonders. Es hat mir zweimal die Hand aufgekratzt, als ich es zum Tierarzt tragen wollte, und es hat immer diesen Blick gehabt, als würde es rechnen.
Ich erzähle das alles nicht, um mich zu rechtfertigen. Ich erzähle es, weil ich verstehen will, warum eine Frau, die mich zwölf Jahre lang "mein Junge" genannt hat, am Ende alles einer Stiftung für Straßenkatzen vermacht hat – mit der Auflage, dass Herbert bis zu seinem Tod in der Wohnung bleiben darf, betreut von einer bezahlten Pflegerin, finanziert aus dem Nachlass. Dreihundertvierzigtausend Euro. Die Wohnung mitgerechnet, die im Grundbuch stand. Für einen Kater mit Fressnapf und mich mit einer Kündigungsfrist von drei Monaten.
Der Notar, ein trockener Mann namens Dr. Brack, las das Testament am 14. März in seiner Kanzlei am Wall vor, und ich saß da mit einer Tasse Kaffee, die ich nicht anrührte, und hörte, wie meine gesamte Existenz der letzten zwölf Jahre in einem Nebensatz erwähnt wurde: "Herrn Konrad Lindmann vermache ich meine Standuhr sowie einen Betrag von zweitausend Euro als Anerkennung." Zweitausend Euro. Die Standuhr ging seit Jahren nach.
Ich habe draußen vor der Kanzlei gestanden, auf dem Kopfsteinpflaster, es roch nach nassem Laub, ein Straßenmusiker spielte irgendwo Akkordeon, und ich habe versucht, wütend zu sein. Aber ehrlich – ich war vor allem müde. Zwölf Jahre Müdigkeit, die sich auf einmal in eine Zahl übersetzt hat, und die Zahl war lächerlich klein.
Was ich damals nicht wusste, und was mir erst Wochen später einfiel: Hedwig hatte im letzten Jahr vor ihrem Tod dreimal mit mir über eine "Änderung" gesprochen. Sie hatte gesagt, sie wolle "etwas regeln, solange sie noch klar im Kopf" sei. Ich hatte es abgetan, weil ich dachte, sie meint Kleinigkeiten – wer die Uhr bekommt, wer die Bücher bekommt. Ich habe nie nachgefragt, was genau sie plante. Das war mein Fehler, und ich trage ihn seitdem mit mir herum wie einen Stein in der Jacke.
Die Pflegerin, die für Herbert eingestellt wurde, hieß Frau Sauerbier, eine resolute Frau um die sechzig, die dreimal die Woche kam, das Katzenklo reinigte und Herbert bürstete, während die Stiftung monatlich die Rechnung beglich – aus meinem, aus unserem, aus Hedwigs Geld. Ich habe sie einmal getroffen, im Treppenhaus, als ich die letzten Kisten mit meinen Sachen aus der Wohnung holte. Sie hat mich komisch angeschaut, als wäre ich der Eindringling und nicht Herbert.
Ich zog in ein möbliertes Zimmer in Findorff, vierunddreißig Quadratmeter, das Fenster ging auf einen Hinterhof mit einem einzelnen Kastanienbaum, und ich habe drei Monate gebraucht, um überhaupt wieder ruhig zu schlafen. In dieser Zeit habe ich mir immer wieder dieselbe Frage gestellt: Warum ein Kater? Warum nicht wenigstens eine Nichte, ein Neffe, irgendjemand mit einem Gesicht, das man vor sich hat, wenn man wütend sein will? Gegen eine Katze kann man nicht wütend sein. Das war vielleicht der klügste Teil von Hedwigs Plan, ob sie es nun so gemeint hat oder nicht.
Im Sommer, es war Anfang Juli, rief mich Dr. Brack an und bat mich, noch einmal in die Kanzlei zu kommen. Er hatte, sagte er, eine Formalität zu klären. Ich dachte an nichts Besonderes, zog mein einziges gutes Hemd an und fuhr mit der Straßenbahn Linie 4 zum Wall.
In seinem Büro lag eine Mappe auf dem Tisch, dünn, mit einem Aktenzeichen beschriftet. Dr. Brack erklärte mir, ohne große Umschweife, dass die Stiftung, der Hedwig ihr Vermögen vermacht hatte, in wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten sei – ein Betrugsfall bei der Geschäftsführung, ein Konkursverfahren, eingeleitet noch bevor der Nachlass überhaupt vollständig ausgezahlt war. Nach deutschem Erbrecht, sagte er, greife in einem solchen Fall eine sogenannte Ersatzerbenregelung, die Hedwig – klugerweise, wie er betonte – selbst in ihr Testament hatte aufnehmen lassen: Sollte die Stiftung die Auflage nicht erfüllen können oder aufgelöst werden, falle das Vermögen an den nächsten im Testament benannten Erben zurück. Und dieser nächste Erbe, stand dort schwarz auf weiß, war ich.
Ich saß da und begriff es erst beim dritten Mal, das er es erklärte. Dreihundertvierzigtausend Euro, minus die Kosten für Herberts Pflege der letzten Monate, minus Verfahrenskosten – am Ende würden etwa dreihundertfünfzehntausend Euro auf mein Konto überwiesen werden, sobald das Konkursverfahren der Stiftung abgeschlossen war. Und die Wohnung. Die Wohnung fiel ebenfalls an mich zurück.
Was mit Herbert geschah, wollte ich wissen, und meine Stimme klang fremd in meinen eigenen Ohren. Dr. Brack sagte, die Auflage zur Betreuung des Tieres bleibe bestehen, unabhängig davon, wer erbe – das hatte Hedwig fest verankert. Herbert würde weiter in der Wohnung leben dürfen, bis er stirbt, betreut von Frau Sauerbier, nur eben nun finanziert von mir statt von der Stiftung.
Ich bin an diesem Nachmittag nicht direkt nach Hause gefahren. Ich bin durch die Neustadt gelaufen, an der Wohnung vorbei, habe von der Straße aus hochgeschaut zu dem Fenster, an dem früher Herbert gesessen und die Straßenbahn beobachtet hatte. Er saß auch jetzt dort, ein orangefarbener Fleck hinter der Scheibe, und ich hatte den seltsamen Impuls, ihm zuzuwinken.
Drei Wochen später unterschrieb ich beim Notar die Annahme des Erbes. Ich zog wieder in die Wohnung ein, packte meine Kisten aus Findorff wieder aus, stellte die Standuhr, die immer noch nachging, zurück an ihren alten Platz im Flur. Frau Sauerbier kam weiterhin dreimal die Woche, jetzt bezahlt von mir, und ich habe sie gefragt, ob sie das nicht seltsam findet, für den Neffen zu arbeiten, den die alte Dame eigentlich übergehen wollte. Sie hat nur mit den Schultern gezuckt und gesagt, Frau Hedwig habe wahrscheinlich genau gewusst, was sie tat, nur eben auf zwei Wegen gleichzeitig.
Ich habe von dem Geld nichts Großes gekauft. Ich habe die Dialysestation, in der Hedwig behandelt wurde, mit fünftausend Euro unterstützt, weil ich dort selbst zwei Jahre lang jeden Mittwoch gesessen habe und weiß, wie knapp die Mittel dort sind. Den Rest habe ich angelegt, und ich arbeite immer noch, als Sachbearbeiter bei einer Versicherung in der Bahnhofsvorstadt, weil ich gemerkt habe, dass ich ohne eine Aufgabe am Vormittag nicht gut schlafe.
Herbert liegt jetzt, während ich das schreibe, auf dem Sofa, das immer noch sein Sofa ist, und beobachtet mit halb geschlossenen Augen, wie ich die Standuhr aufziehe. Ich habe aufgehört, ihn für einen Rivalen zu halten. Vor ein paar Wochen fand ich in einer Schublade des Klaviers, das nie gestimmt wurde, einen Brief, den Hedwig offenbar nie abgeschickt hatte, adressiert an mich, datiert auf den Tag, an dem sie das ursprüngliche Testament unterschrieben hatte. Darin stand, sie habe Angst gehabt, dass ich sie nur aus Pflichtgefühl pflege und irgendwann, sobald sie tot sei, verschwinde, ohne mich je wirklich um etwas zu kümmern, das über sie hinausgeht – und dass sie mit der Stiftung habe testen wollen, ob ich, wenn das Erbe an mich zurückfällt, auch für Herbert sorgen würde, oder ob ich ihn vor die Tür setzen würde, sobald das Geld sicher war. Den Brief habe ich nicht weggeworfen. Ich habe ihn zu der Standuhr in den Flur gelegt, dort, wo Hedwig ihn wahrscheinlich auch gefunden hätte, wenn sie noch einmal nachgeschaut hätte.
