Ich stand an der Gartenpforte und hörte ihr Lachen. Es klang hohl, wie eine Tonspur, die nicht zu den Gesichtern passte. Hinter der Hecke stieg der Geruch von Gegrilltem auf, vermischt mit dem süßlichen Duft von Apfelblüten, der schon den ganzen Mai über der Kleingartenkolonie in Dresden-Laubegast hing. Zwischen den Obstbäumen blinkten Lampions, die jemand an die Äste gehängt hatte, und auf dem Tisch standen die Kristallschalen, die ich vor Jahren aus dem Nachlass meiner Mutter hierhergeschleppt hatte. Jetzt funkelten sie im Licht der Petroleumfackeln, als gehörten sie schon jemand anderem.
Drinnen saßen sie alle. Meine Schwiegermutter Erika in ihrem lila Seidenkleid, Onkel Bernd mit seiner neuen Frau, die ich erst zweimal gesehen hatte, und meine Nichte Jule mit ihrem Verlobten. Und mittendrin Stefan, der das Weinglas hob und eine dieser Geschichten erzählte, bei denen er gestikulierte, als müsste er einen ganzen Saal überzeugen, nicht nur zwölf Leute an einer gedeckten Tafel. Sein Lachen rollte über den Rasen bis zur Pforte, wo ich stand und zusah.
Am Donnerstag hatte ich den Umschlag aus dem Schrank genommen. Ich wollte mein Weihnachtsgeld, das ich im Januar dort hineingelegt hatte, endlich auf das Tagesgeldkonto einzahlen. Der Umschlag war da. Das Geld nicht. Achtzehnhundert Euro, die ich in den vergangenen zwölf Monaten von meinem Gehalt als Pflegedienstleiterin abgezweigt hatte — fünfzig hier, hundert dort, immer bar. Ich hatte den Umschlag am Abend zuvor noch in der Hand gehalten, das wusste ich genau.
Ich suchte den ganzen Abend. Hinter den Ordnern im Flurregal, zwischen den Winterdecken im Schlafzimmerschrank, in der Keksdose, in der ich alte Rechnungen aufbewahrte. Nichts. Ich rief Stefan an, er war beim Angeln an der Talsperre Klingenberg, das Handy klingelte ins Leere. Als er nach Hause kam, roch er nach Rauch und sagte, er sei müde. Ich fragte ihn nicht. Ich wusste es längst.
Der Vorgarten roch nach feuchtem Gras. Ich stieß die Pforte auf, und das Quietschen der rostigen Angel schnitt durch das Stimmengewirr wie ein Messer durch Butter. Ein paar Köpfe drehten sich um. Erika hob die Hand und rief: „Ach, die Andrea! Komm rein, wir sind gerade erst beim Hauptgang!“ Stefan drehte sich um, und in seinem Gesicht zog etwas vorbei, das zu schnell weg war, um es zu benennen. Dann stand er auf und kam mir mit offenen Armen entgegen.
„Schatz, setz dich. Ich mach dir einen Teller.“
Ich ging nicht zum Tisch. Ich ging quer über den Rasen, an den Blumenkübeln vorbei, die Stefan im April bepflanzt hatte, und blieb vor ihm stehen.
„Was feiern wir?“
„Bernd hat die Stelle bei der Stadtentwässerung bekommen!“, sagte Stefan, und sein Ton war der eines Mannes, der eine Überraschungsparty moderiert. „Unbefristet. Nach zwanzig Jahren Zeitarbeit — das muss man doch würdigen.“
Onkel Bernd hob sein Glas. Die anderen lachten. Ich sah auf den Tisch: Rinderfilet, Garnelen, der gute Trollinger aus dem Weinkeller, den ich mit meinem Dreizehnten-Gehalt vor drei Jahren bestellt hatte.
„Wovon ist der Einkauf bezahlt?“
Stefan legte den Kopf schräg, als hätte ich eine Vokabel falsch ausgesprochen.
„Andrea.“
Sein Ton war leise, beinahe sanft. Als wollte er einen Hund beruhigen, der anfängt zu knurren.
„Wovon ist der Einkauf bezahlt, Stefan?“
Am Tisch wurde es so still, dass man das Zischen der Petroleumfackeln hörte. Jule starrte auf ihren Teller und schob eine Olive hin und her, als hätte die den ganzen Abend über etwas zu sagen.
Stefan sah mich an. Er seufzte. Dann zuckte er mit den Schultern.
„Ich hab den Umschlag aus dem Schrank genommen. Du hattest ihn ja nur versteckt.“
„Versteckt“, sagte ich.
„Na ja, du weißt schon, was ich meine. Das Geld lag da nur rum. Und Bernd — der hat zwanzig Jahre auf so eine Chance gewartet. Zwanzig! Das ist doch ein Grund…“
„Ich habe zwanzig Jahre lang den Haushalt getragen, Stefan“, sagte ich. „Und du hast gearbeitet. Dann hast du aufgehört. Und ich habe weitergetragen. Jetzt trägst du nicht einmal mehr mit.“
Er wurde rot. Er schaute zu seiner Mutter, als suche er dort eine Verteidigungslinie.
Erika setzte sich auf. Ihr Gesicht hatte jetzt einen Ausdruck, den ich von ihr kannte — das Gesicht einer Frau, die Konflikte fürchtet wie andere Höhenangst.
„Andrea“, sagte sie. „Bitte. Nicht vor allen.“
„Doch, Erika. Genau vor allen“, sagte ich. „Weil er zu Hause sagt: ‚Ja, du hast recht‘, und dann geht er schlafen. Weil er am Telefon sagt: ‚Ich bin beschäftigt‘. Hier hört er zu. Oder jedenfalls stellt er sich nicht schlafend.“
Ich drehte mich zu Stefan. Er stand da, die Hände an den Hosentaschen, und in seinen Augen war etwas, das ich fast ein Jahr lang nicht hatte wahrhaben wollen: Er wusste, dass ich es sagen würde. Er hatte nur gehofft, dass ich es nicht täte.
„Du erzählst allen, du seist derjenige, der diese Familie zusammenhält“, sagte ich. „Der starke Mann, der das Haus saniert, der die Rechnungen im Griff hat, der großzügig ist. Aber die Wahrheit ist: Meine Achtzehnhundert Euro haben gerade Onkel Bernds Job gefeiert. Und meine Überstunden haben den Kredit für deine Autowerkstatt-Insolvenz bezahlt. Elf Monate bist du jetzt ohne Arbeit. Elf Monate, in denen ich morgens um sechs aufstehe, um vor der Frühschicht die Tourenpläne zu schreiben. Und du? Du verlegst Fliesen im Gartenhaus und sagst, du ‚sortierst dich‘.“
Ich sah zu Jule. Sie hielt den Atem an. Onkel Bernd hatte das Glas zurück auf den Tisch stellen lassen, die Hand noch darum, als wüsste er nicht, wohin damit.
„Wenn die Party vorbei ist“, sagte ich ruhig, „dann ist auch das Geld alle. Alle Reserven. Du hast mir den letzten Umschlag genommen, Stefan. Den letzten.“
Stefan machte einen Schritt auf mich zu. Er hob die Hand, nicht drohend, sondern wie ein Mann, der einen Streit mit einer Umarmung beenden will.
„Ich regel das“, sagte er. „Ich finde einen Job. Ich schwöre dir — bis Ende des Monats. Du wirst sehen.“
Ich schüttelte den Kopf.
„Du wirst nichts regeln. Du wirst am Montag wieder ausschlafen. Und am Dienstag wirst du deiner Mutter einen neuen Sonnenschirm kaufen, von Geld, das du nicht hast. Weil du vor ihr gut dastehen musst. Weil du nicht ertragen kannst, dass jemand sieht, wer du wirklich bist. Aber ich sehe es jetzt. Und ich werde nicht darauf warten, dass du dich änderst.“
Ich griff in meine Jackentasche. Ich weiß noch, dass der Stoff sich anfühlte wie Altpapier. Ich zog den Brief heraus, den ich am Mittwoch aufgesetzt und dreimal mit der Hand abgeschrieben hatte. Ich hatte die dritte Fassung am Abend in den Drucker gelegt, aber noch nicht unterschrieben. Jetzt faltete ich ihn auseinander, legte ihn auf den Rand des Gartentischs, zwischen die Schale mit dem Kartoffelsalat und die Soße für das Fleisch, und nahm den Kugelschreiber, der dort neben dem Flaschenöffner lag.
Stefan starrte auf das Papier. „Was ist das?“
„Das ist die Aufstellung unserer Konten. Und die Anmeldung zum Güterrechtssplitting, das ich morgen beim Notar unterschreibe.“
„Du kannst das nicht ernst meinen.“
Ich hörte, wie Erika nach Luft schnappte. Jule begann zu weinen, leise, fast lautlos.
„Und ich will es nicht“, sagte ich. „Aber du lässt mir keine Wahl. Du hast mir das Geld genommen, Stefan. Nicht geliehen.“
Ich unterschrieb. Dann legte ich den Stift neben den Brief, drehte mich um und ging zurück über den Rasen, durch den Duft von Fleisch und Apfelblüten, an den Lampions vorbei, die jetzt wie fremde Lichter aussahen. An der Pforte blieb ich stehen, ohne mich umzudrehen.
„Die Gläser, die die Nachbarin mir geschenkt hat“, sagte ich. „Die kannst du behalten. Aber die Wohnungsschlüssel legst du bis Sonntagabend in den Briefkasten. Ich wechsle am Montag das Schloss.“
Ich hörte, wie Erika hinter mir aufsprang, hörte das Klirren des Geleekruges, der gegen ihr Glas stieß. Dann ging ich durch die Pforte und zog sie hinter mir zu. Sie fiel leise ins Schloss.
Als ich nach Hause kam, war der Flur kühl. Ich schaltete das Licht nicht an. Ich setzte mich an den Küchentisch und füllte den Umschlag, den ich gefunden hatte — den leeren — mit den Wohnungsschlüsseln, die nach Ersatz schmeckten, kalt und vom Leben abgewetzt. Auf den Umschlag schrieb ich: „An Stefan“. Dann legte ich ihn auf die Ablage und sah zu, wie die Schreibtischlampe die Falten auf dem Papier weich zeichnete. Ich würde am Montag nicht zur Arbeit erscheinen, ohne vorher beim Schlüsseldienst in der Seidnitzer Straße zu halten. Vierzig Euro, ein neuer Zylinder, ein neues Gefühl, dass diese Wohnung mir gehörte.
