Der Dienstagstisch in der Rosenthaler Straße

Ich heiße Wolfgang Brenner, bin 74, und wohne seit einundvierzig Jahren mit meiner Frau Ingrid in einer Altbauwohnung in Dresden-Blasewitz, dritter Stock, Elbe-Blick, wenn man sich weit genug aus dem Küchenfenster lehnt. Wir sind seit dreiundvierzig Jahren verheiratet. Zwei Kinder, längst ausgezogen, das eine in Leipzig, das andere in Hamburg. Unser Alltag ist ein eingespieltes Uhrwerk: Ich hole donnerstags die Brötchen vom Bäcker Kamprath, Ingrid geht dienstags und freitags zur Wassergymnastik im Hallenbad an der Bautzner Straße, und abends läuft meistens die Tagesschau, während sie ihre Kreuzworträtsel macht. Wir sind kein Paar, das sich stündlich abstimmt. Umso mehr hat mich getroffen, was ich vor drei Monaten entdeckte.

Ich musste zum Schlüsseldienst in der Rosenthaler Straße, weil unser Kellerschloss klemmte. Auf dem Rückweg kam ich an einem kleinen italienischen Lokal vorbei, "Da Enzo", mit roten Fensterläden und einem Schild, auf dem "Heute: Kürbisravioli" stand. Durch die Scheibe sah ich Ingrid. Allein, am Fenstertisch, ein Glas Rotwein vor sich, einen Teller Pasta, und sie tippte etwas in ihr Handy. Mein erster Impuls war, hineinzugehen. Stattdessen ging ich weiter, die Einkaufstüte mit dem neuen Schloss gegen die Hüfte geschlagen, und mir fiel auf, wie kalt meine Finger geworden waren, ohne dass ich es vorher bemerkt hatte.

Als sie abends nach Hause kam, fragte ich beiläufig, wo sie gegessen habe. "Irgendwo in der Stadt." Diese Antwort ärgerte mich mehr, als die Frage es verdient hätte. Ich sagte, ich hätte sie gesehen. Ingrid stellte ihre Handtasche auf den Küchenstuhl und schwieg einen Moment. Dann sagte sie: "Ich gehe manchmal dienstags dahin." Manchmal stellte sich als fast jede Woche heraus, seit sieben Monaten.

Ich verstand nicht, warum sie mir das nie erzählt hatte. "Weil ich einen Ort wollte, der nur mir gehört." Ein einfacher Satz. Er tat trotzdem weh. Ich dachte sofort, mit uns beiden stimme etwas nicht. Ich fragte, ob sie vor mir fliehen müsse. Sie wurde laut, was bei ihr selten vorkommt. "Nicht alles, was ich allein mache, hat etwas mit dir zu tun." An dem Abend stritten wir länger, als wir es seit Jahren getan hatten. Ich wollte wissen, warum sie es verheimlicht hatte. Sie bestand darauf, verheimlicht sei das falsche Wort — sie habe es nur nicht erzählt. Für mich war das dasselbe. Für sie nicht.

Sie erklärte mir, wie es angefangen hatte: nach einer Mammografie im Universitätsklinikum, bei der sie auf ein Ergebnis warten musste, das sich später als harmlos herausstellte. Sie war spät dran gewesen, hatte das Lokal gesehen und sich zum Tagesgericht gesetzt. Ihr gefiel es, allein zu sein. Niemand fragte sie, was es abends zu essen gebe, ob sie noch beim Rewe vorbeikäme, wann sie zurück sei. Sie kam den nächsten Dienstag wieder. Der Kellner, ein junger Mann namens Fabio, erkannte sie irgendwann. Er wusste, dass sie ihren Espresso ohne Zucker trinkt und das Wasser ohne Kohlensäure. "Dort braucht niemand etwas von mir", sagte sie. Das tat mir weh, weil ich vierunddreißig Jahre lang geglaubt hatte, wir hätten die Aufgaben zu Hause halbwegs gerecht verteilt. Ich erinnerte sie daran, dass die Kinder längst aus dem Haus seien. "Ich rede nicht von Aufgaben", sagte sie. "Ich rede davon, immer jemand für jemanden zu sein." Tochter, Ehefrau, Mutter, Großmutter unserer beiden Enkel in Hamburg. In diesem Lokal war sie einfach nur Ingrid.

Ich fragte trotzdem weiter, warum sie es mir nicht hätte sagen können. Sie fragte zurück, ob ich ihr jeden Kaffee mit meinem Skatclub oder jeden Spaziergang an der Elbe melde. Nein. Ich hatte nie das Bedürfnis gehabt, darüber Bericht zu erstatten. "Warum braucht dann mein Mittagessen eine Erklärung?" Darauf fiel mir keine Antwort ein.

Was mich eigentlich getroffen hatte, war die Entdeckung, dass meine Frau ein kleines Stück ihres Lebens besaß, von dem ich nichts wusste — und das sie so behalten wollte. Nach dreiundvierzig Jahren war ich davon ausgegangen, Nähe bedeute, keine Geheimnisse zu haben. Ingrid brachte mich dazu, darüber nachzudenken, ob Nähe nicht auch bedeuten kann, dem anderen einen eigenen Raum zu lassen.

Leicht war das nicht. Wochenlang wusste ich jeden Dienstag genau, wo sie war, und musste mich zwingen, ihr keine Nachricht zu schreiben. Einmal scherzte ich, ich könnte ja irgendwann überraschend dort auftauchen. Sie fand das gar nicht witzig, presste die Lippen zusammen und rührte minutenlang stumm in ihrem Tee, obwohl er längst kalt war. Also ließ ich es bleiben.

Vor zwei Wochen, an unserem Hochzeitstag, nahm mich Ingrid mit ins "Da Enzo". Fabio begrüßte sie mit Namen, brachte ihr sofort das Wasser ohne Kohlensäure, ohne zu fragen. Ich spürte einen absurden Stich, keine Eifersucht wegen eines anderen Mannes, sondern weil dieser Ort sie kannte, ohne mich zu kennen. Wir bestellten das Tagesgericht, Kürbisravioli, wie beim ersten Mal, als ich sie durch die Scheibe gesehen hatte. Beim Bezahlen — sie bestand darauf, diesmal zu zahlen, zog einen Fünfzig-Euro-Schein aus ihrem alten Portemonnaie mit dem kaputten Reißverschluss, das sie seit Jahren nicht ersetzen wollte — fragte ich, ob sie weiterhin allein hierherkommen werde. "Natürlich." Und diesmal konnte ich antworten: "Lass es dir schmecken."

Am nächsten Morgen, beim Frühstück, legte Ingrid einen Zettel neben meinen Teller: die Nummer eines zweiten Wohnungsschlüssels, den sie sich für sich selbst hatte nachmachen lassen, für die Schwimmbadtasche, "damit ich nicht jedes Mal klingeln muss, wenn ich früher zurückkomme". Kein Vorwurf, keine Erklärung, nur die Nummer auf einem Zettel, den sie an den Kühlschrank heftete, dorthin, wo sonst die Einkaufslisten hängen. Ich habe nicht gefragt, warum sie das gerade jetzt tat. Ich habe die Nummer notiert und den Zettel dort hängen lassen, wo er hängt.

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