Der Werkstattschlüssel, den keiner mehr braucht

Ich fahre seit siebzehn Jahren den Linienbus 62 zwischen Rastatt und Baden-Baden, und wer so lange auf derselben Strecke unterwegs ist, kennt irgendwann die Gesichter besser als die Haltestellennamen. Frau Ilse Brandt stieg jeden Dienstag und Freitag um 8:14 Uhr an der Haltestelle Murgtalstraße zu, immer mit einer Aktentasche aus braunem Leder, die aussah, als hätte sie schon zwei Kriege überlebt. Sie war Anfang siebzig, kurze graue Haare, und sie grüßte mich immer mit meinem Namen, obwohl ich ihr meinen nie gesagt hatte – stand wohl auf meinem Namensschild.

Sie erzählte mir mal beiläufig, während wir an der Ampel bei der Rheinstraße standen, dass sie mit ihrem Mann vor vierunddreißig Jahren eine kleine Kfz-Werkstatt in Rastatt aufgebaut hatte. Er war der Mechaniker gewesen, sie hatte die Buchhaltung gemacht, die Kunden bei Laune gehalten, den Kaffee gekocht. Nach seinem Tod vor sechs Jahren hatte sie die Werkstatt an ihren Schwiegersohn Markus übergeben, weil ihre eigene Tochter, Sabine, mit den Zahlen nichts am Hut hatte und Markus als gelernter Kfz-Meister der Naheliegende war. Die Übergabe war mündlich gewesen, wie sie sagte, "unter Familie regelt man das nicht mit Papierkram, das ist doch Vertrauenssache."

Ich hab bei dem Satz schon gedacht: das geht schief. Man fährt lange genug Bus, man hört genug solcher Geschichten, um zu wissen, wie sie meistens enden.

Ende Juni – ich weiß es noch, weil an dem Tag die Fußball-EM-Übertragung im Radio lief und die halbe Haltestelle über das deutsche Spiel diskutierte – stieg Frau Brandt zu, aber ohne die Aktentasche. Stattdessen hielt sie ein zusammengefaltetes Blatt Papier, das sie die ganze Fahrt über nicht aus der Hand legte. Sie setzte sich nicht wie sonst in die dritte Reihe, sondern direkt hinter mich, was sie noch nie gemacht hatte.

"Er hat mich rausgeschmissen", sagte sie, ohne dass ich gefragt hätte. "Aus meiner eigenen Werkstatt."

Ich hab im Rückspiegel gesehen, wie sie das Papier auf dem Schoß glattstrich, immer wieder, als könnte sie damit etwas ungeschehen machen. Es war offenbar ein Handelsregisterauszug. Markus hatte sich, wie sich herausstellte, vor zwei Jahren – ohne dass Frau Brandt es wusste – als alleinigen Geschäftsführer eintragen lassen und dabei einen Vertrag genutzt, den sie ihm mal unterschrieben hatte, angeblich nur für eine Bankvollmacht wegen eines neuen Hebebühnen-Kredits. Sie hatte ihm vertraut und nicht genau gelesen. Jetzt gehörte ihr von der Werkstatt, die vierunddreißig Jahre ihr Leben gewesen war, offiziell: nichts. Kein Prozent. Er hatte ihr über Sabine ausrichten lassen, sie solle "sich nicht mehr einmischen", ihre kleine Rente reiche doch, und die Werkstatt brauche "moderne Führung, keine Buchhaltung von gestern".

Ich fuhr die Strecke weiter, hab nichts gesagt, außer irgendwann: "Das klingt nicht gut, Frau Brandt." Mehr stand mir nicht zu. Ich bin Busfahrer, kein Anwalt, und ich hab gelernt, dass Leute in solchen Momenten oft einfach jemanden brauchen, der zuhört, während er die Kupplung tritt.

Über den Sommer stieg sie seltener zu. Manchmal drei Wochen gar nicht. Als sie wiederkam, im September, hatte sie die Aktentasche wieder dabei, aber sie sah anders aus – nicht gebrochener, eher… aufgeräumter. Sie erzählte, sie sei bei einer Fachanwältin in Karlsruhe gewesen, eine gewisse Frau Dr. Wecker, die auf Familienbetriebe und Gesellschaftsrecht spezialisiert war. Die hatte sich den alten Vertrag angesehen und gesagt, die Bankvollmacht sei tatsächlich sauber formuliert für die Vollmacht, aber Markus habe sie darüber hinaus benutzt, um sich beim Notar als Alleingesellschafter eintragen zu lassen – das war rechtlich angreifbar, weil Frau Brandt nachweislich weiterhin fünfzig Prozent der stillen Einlage aus ihrem eigenen Ersparten finanziert hatte, mit Kontoauszügen, die sie – zum Glück, sagte sie, zum Glück hab ich nie was weggeworfen – noch alle in einem Aktenordner im Keller hatte.

Ich erinnere mich, dass an dem Tag, als sie mir das erzählte, draußen schon die ersten Kastanien von den Bäumen an der Kaiserstraße fielen, und ein Straßenmusiker an der Haltestelle Augustaplatz Akkordeon spielte, irgendwas Schräges, das nicht ganz zum Takt passte. Sie hat kurz gelächelt darüber, das eine Mal, mehr nicht.

Die Sache zog sich bis in den November. Es gab einen Termin vor dem Landgericht Baden-Baden, von dem sie mir erzählte, weil sie an dem Morgen so nervös war, dass sie in der falschen Reihe saß und mich fragte, ob ich noch wüsste, wie spät es sei, obwohl direkt über ihr die Uhr hing. Markus hatte versucht, die Sache außergerichtlich zu regeln, mit einem Angebot: fünfzehntausend Euro Abfindung, "als Geste", still und leise, keine Öffentlichkeit. Frau Dr. Wecker hatte ihr geraten, das nicht anzunehmen. Die Werkstatt war zu dem Zeitpunkt, mit Grundstück, Maschinenpark und den zwei Ölwechselgruben, auf etwa vierhundertzehntausend Euro geschätzt worden.

Ende November stieg sie ein letztes Mal mit dem Aktenordner zu, den ich mittlerweile kannte wie einen alten Bekannten, weil sie ihn immer auf demselben Platz neben sich abstellte. Sie hat mir erzählt, wie es ausgegangen ist, während wir an der Rastatter Innenstadt vorbeifuhren, wo gerade der Weihnachtsmarkt aufgebaut wurde, die Buden noch leer, nur das Gerüst stand.

Das Gericht hatte ihr fünfzig Prozent der Gesellschaftsanteile rückwirkend zugesprochen, weil ihre Einlage nachweisbar war und die notarielle Eintragung von Markus als Alleingesellschafter auf einer Vollmacht beruhte, die diesen Zweck nicht abdeckte. Sie hätte theoretisch weiter Miteigentümerin der Werkstatt bleiben können, mit Markus als Geschäftsführer. Sie hat sich anders entschieden.

Sie hat ihren Anteil nicht behalten. Sie hat ihn verkauft – aber nicht an Markus zurück. Ein befreundeter Kfz-Meister aus Gaggenau, den ihr verstorbener Mann noch von der Innung kannte, ein Mann namens Herbert Kling, hatte Interesse an genau so einem Betrieb mit bestehender Kundschaft. Frau Brandt hat ihm ihre fünfzig Prozent für hundertneunzigtausend Euro verkauft, mit der Auflage im Kaufvertrag, dass Kling das Recht hat, innerhalb von zwei Jahren auch Markus' Anteil zu übernehmen, sollte der sich zum Verkauf entschließen – was, wie sie mir später erzählte, tatsächlich passierte, weil Markus mit einem fremden Miteigentümer, der jede Bilanz genau prüfte, nicht zurechtkam.

An dem Tag im Bus hat sie mir den Überweisungsbeleg nicht gezeigt, aber sie hat erzählt, dass das Geld schon auf ihrem Konto war, und dass sie sich davon eine kleine Wohnung in Baden-Baden gekauft hat, in der Nähe vom Lichtentaler Allee, wo sie jeden Morgen spazieren gehen kann, ohne dass es jemanden interessiert, ob sie noch "eingemischt" ist oder nicht.

Sie ist seitdem noch ein paarmal mit mir gefahren, seltener, weil sie jetzt näher am Zentrum wohnt und die Straßenbahn nimmt. Das letzte Mal, kurz vor Weihnachten, hat sie mir an der Haltestelle noch aus dem Fenster gewunken, mit dem Werkstattschlüssel in der Hand – den alten, alten Schlüssel mit dem verblichenen Lederanhänger, auf dem noch die Initialen ihres Mannes standen. Sie hatte ihn bei der Übergabe zurückverlangt, einfach so, "aus Sentimentalität", hatte Kling gesagt und ihn ihr dagelassen, obwohl er längst ein neues Schloss eingebaut hatte und der Schlüssel nirgendwo mehr hineinpasste.

Ich hab sie nie wieder gefragt, was aus Markus geworden ist. Aber Sabine, ihre Tochter, ist mir letzten Monat zufällig in der Sparkassen-Filiale in der Herrenstraße begegnet, und sie hat kurz erzählt, dass ihr Mann jetzt bei einem großen Autohaus in Gaggenau angestellt ist, als einer von mehreren Meistern in der Werkstatt – bei Herbert Kling, der die Werkstatt komplett übernommen hat, mit neuem Namen über der Tür.

Like this post? Please share to your friends:
Uniad
Leave a Reply

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!: